Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1725
Erbach (Odenwaldkreis, Hessen)

Eulbacher Park, Englischer Garten

Natur und Menschenwerk sind hier im sogenannten Englischen Garten am Eulbacher Forsthaus an der Nibelungenstraße zwischen Amorbach und Erbach so eng benachbart wie das Scheinbare und das Echte. In einen naturnahen Wald sind in einem ca. 400 Hektar großen Gelände Seen, archäologische Ausgrabungen und Tiergehege eingebettet. Aber genauso künstlich, wie die Tiere gehalten werden, so künstlich wurden auch die Seen ausgehoben. Authentizität vermittelt eine Vielzahl antiker Steine und archäologischer Monumente, von römerzeitlichen bis zu nachmittelalterlichen, alle diese wurden von verschiedenen Fundorten entfernt und ihren historischen Kontextes beraubt und hier aufgestellt, einen neuen, künstlichen Kontext schaffend und dem Kunstprodukt eine scheinbare Authentizität verleihend.

Hier bestand einmal ein Dorf, im 30jährigen Krieg ist es wüst gefallen. Ein Hofgut entstand statt dessen. Keimzelle der heutigen Anlage ist das 1770-1771 von Franz II. Graf zu Erbach-Erbach u. zu Limpurg, Herr zu Breuberg (29.10.1754 - 8.3.1823) erbaute Eulbacher Jagdhaus auf der dem Park gegenüber liegenden Straßenseite. 1790 wurde das Jagdschloß erweitert. 1795-1798 legte man die Wildgehege an. Um 1800-1802 ließ man das Jagdhaus als Sommerresidenz ausbauen, und 1846 wurde das Jagdschloß unter Franz Eberhard Carl Friedrich Ludwig Wilhelm Graf zu Erbach-Erbach u. Wartenberg-Roth (27.11.1818 - 8.6.1884) noch weiter ausgebaut zu einem kleinen Schlößchen. Die Außengestaltung mit unzähligen Hirschgeweihen ist Geschmacksache. Die gräfliche Familie zu Erbach-Erbach bewohnt das Schlößchen auch heute noch. Angelegt wurde der Park zwischen 1802 und 1807. Friedrich Ludwig von Skell, kurmainzischer und kurpfälzischer Hofgartenbaudirektor, der auch die Pläne für die Landschaftsgärten in Wiesbaden-Biebrich, München und Schwetzingen gemacht hat, war der verantwortliche Planer dieser Anlage.

Den Aushub des künstlichen Sees schüttete man 1818 zu einem beachtlichen Hügel auf, auf dem man, der Romantik freien Lauf lassend, eine künstliche Ruine baute, die sog. Eberhardsburg. Der Name wurde aus Zuneigung des Erbauers zu seinem Enkel Franz Eberhard Carl Friedrich Ludwig Wilhelm Graf zu Erbach-Erbach u. Wartenberg-Roth (27.11.1818 - 8.6.1884) gewählt. Weder hat hier je eine Burg gestanden, selbst den Hügel gab es vorher ja noch nicht, noch folgt das Gebilde irgendeinem plausiblen Bauplan einer Ritterburg. Nein, man brauchte für den Park einen romantischen point de vue. Um auch diesen mit scheinbarer Authentizität auszustatten, verbaute man auch Spolien, alte mittelalterliche Originalsteine. Das kann man auf zwei Sichtweisen sehen: a) man bewahrte bedrohte Denkmäler hier in einem Freilicht-Lapidarium, sammelte zentral römische Denkmäler aus dem Odenwald, oder b) man opferte den gewachsenen historischen Kontext an anderen Orten, um hier eine kitschig-romantische Fiktion mit Scheinauthentizität zu versehen. Da bekannt ist, daß Originalsteine z. B. aus der Wildenburg hierher transferiert wurden, neige man zu der zweiten Bewertungsvariante für dieses Tun, das aus heutiger denkmalpflegerischer Sicht unfaßbar erscheint. Ebenso wurden die Tore der Römerkastelle Eulbach und Würzburg hierher verbracht. Und aus Originalsteinen des Römerkastells Würzburg erbaute man einen neuen Obelisken und schlug eine neue Inschrift ein. Die Steine wurden hier nicht als historische Dokumente betrachtet, sondern als Vektor romantischer Wahrnehmung von Geschichte. Rings um den Obelisken sind etliche Mittelsäulen der Aussichtsfenster römischer Wachtürme am Odenwaldlimes aufgestellt, fälschlicherweise als Legionärsgrabsteine interpretiert.

Abb. links: Ein auf 1476 datierter Wappenstein des Mainzer Fürsterzbischofs Dietrich Schenk von Erbach (1434-1459), geviert: Feld 1 und 4: in Rot ein silbernes, hier sechsspeichiges Rad (Erzstift Mainz), Feld 2 und 3: rot-silbern geteilt mit drei (2:1) sechszackigen Sternen in verwechselten Farben (Grafen von Erbach). Abb. rechts: Hier ist eine teilweise erhaltene Helmzier zu sehen, ursprünglich zwei von Rot und Silber mit je einer Spitze geteilte, später zwei silbern-rot übereck geteilte Büffelhörner, Helmdecken rot-silbern. Es handelt sich um einen der ältesten erhaltenen Wappensteine der Familie. Die nicht dazu gehörende Inschrift in gotischen Minuskeln lautet: "Anno dm M VC VIII schenck her zu erpach" - Im Jahre 1508 Schenk Herr zu Erbach (das V mit dem hochgestellten C bedeutet 5x100 anstelle von "D").

Abb. links: gewendeter Wappenschild der Herren von Bickenbach, in Rot zwei aus silbernen Rauten gebildete Schrägbalken bzw. zwei schrägrechts gestellte Reihen silberner Rauten, wobei sich die Rauten an den Spitzen berühren. Dieser Wappenstein wurde am Spitzbogenportal verbaut, das in die innerste Kammer der Phantasieruine führt. Abb. rechts: Auf der Gegenseite ist innen dieses Fragment eines Erbach-Wappens verbaut. Die ursprüngliche Herkunft ist nicht mehr herauszufinden.

In der weitläufigen Anlage des Englischen Gartens stehen verstreut alte historische Gemarkungssteine. Sie stehen windschief und bemoost, halbverwittert im Bewuchs des Waldes, scheinbar authentisch, doch sie wurden von woanders her hierhin zusammengetragen, keiner steht am Originalstandort. So wurde der Umgang mit Zeugnissen der Geschichte selbst zu Geschichte, denn bei aller denkmalpflegerischer Kritik ist die Anlage ein wichtiges Zeugnis romantischer Gartenbau-Kunst.

Die meisten dieser Gemarkungssteine zeigen auf der einen Seite das Wappen der Grafen von Erbach, rot-silbern geteilt mit drei (2:1) sechsstrahligen Sternen in verwechselten Farben.

Die Steine sind unterschiedlichster Herstellungszeit, künstlerischen Anspruchs und Erhaltungszustandes. So bleibt manchmal auch die Richtigkeit auf der Strecke. Wie das rechte Beispiel zeigt, gibt es dabei auch abweichende Anordnungen mit 1: 2 Sternen.

Die jeweiligen Rückseiten der Gemarkungssteine zeigen das Wappen des Herrschers über das Nachbarterritorium. Die beiden obigen Abb. zeigen Gemarkungssteine mit dem Breuberger Wappen, in Silber zwei rote Balken.

Der linke Stein zeigt die silbern-blauen Rauten des bayerischen Wappens, der rechts das silberne Mainzer Rad auf rotem Grund, hier mit sechs Speichenpaaren dargestellt.

Literatur, Quellen und Links:
Peter W. Sattler, Helga Bartmann: Erbach im Odenwald: Wappen erzählen Geschichte. Aus der Geschichte von Stadt und Grafschaft Erbach, Band 7, Herausgeber: Magistrat der Kreisstadt Erbach im Odenwald und Historischer Verein für die Kreisstadt und ehemalige Grafschaft Erbach e.V., ISBN 3-9801518-2-4
http://www.erbach.de/lebeninerbach/freizeit/natur/englischer-garten-eulbach.html
http://www.gg-online.de/html/englischer_garten.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Eulbacher_Park
http://www.limesseiten.de/LIMES/ODENWALD/EULBACH.HTML

Die Wappen der Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz - Teil (1) - Teil (2) - Teil (3) - Teil (4)
Wappen der Grafen von Erbach

Ortsregister - Namensregister
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright / Urheberrecht Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2012
Impressum
Bestandteil von
www.dr-bernhard-peter.de und www.heraldik-leitfaden.de