Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1724
Wildenburg (Kirchzell, Odenwald, Unterfranken)

Wildenburg (Burg Wildenberg)

Auf einem Bergsporn über dem Tal der Mud, einem südlichen Nebenfluß des Mains, liegt die malerische Ruine Wildenburg. Sie gehört zum Ort Preunschen und weiträumig zur Gemeinde Kirchzell im Odenwald. Die Burg wurde im letzten Viertel des 12. Jh. von den Herren von Dürn erbaut, die Ministerialen der Staufer waren und Schutzvögte des nahen Klosters Amorbach. 1171 taucht der Name erstmals auf, und 150 Jahre lang begegnen sie uns in der Geschichte, dann verschwinden sie wieder. Es gab sogar Bauinschriften auf der Wildenburg. Beide Inschriften-Steine, die einst als Seitenpfeiler den inneren Torbogen trugen, wurden um 1833 von Graf Franz zu Erbach-Erbach in dessen Park bei Eulburg bei Erbach versetzt, wo er alte Steine sammelte und sie teilweise auch in der künstlichen Ruine "Eberhardsburg" verbaute. 1937 kehrten zuvor entfernte Steine zurück auf die Wildenburg. Zurück zu den Bauinschriften: Ein Herr "Burcherd" von Dürn und ein "Rueprehtd" von Dürn werden darin jeweils genannt. Der kaisernahe Graf Ruprecht I. von Dürn, der zwischen 1171 und 1197 in zahlreichen Dokumenten auftaucht, gilt als eigentlicher Erbauer. In dieser ersten Bauphase wurden Schildmauer, Ringmauer, Bergfried und nördlicher kleiner Eckturm sowie der Palas errichtet. Danach kam es wohl durch Ruprechts Tod und danach den Fehdetod seines Sohnes Ulrich I. 1204 zu einem Baustillstand, und des Gründers Enkel Konrad I. von Dürn (Cunradus de Wildenberg), der Mechtild von Lauffen geheiratet hatte, baute die Burg Anfang des 13. Jh. weiter aus, er wird 1226 urkundlich genannt. Unter seiner Ägide, während der die Herrschaft Dürn ihren Höhepunkt erreichte, wurde der Torbau errichtet und der Palas um ein Geschoß erhöht. Er erhob auch Amorbach 1253 zur Stadt, eine Handlung, die ihm eigentlich nicht zustand, aber gerade deshalb seine Macht demonstriert.

Bergfried

 

Kapellenapsis

Diese starke Burg aus rötlichem Buntsandstein folgt einem straffen wehrbaulichen Konzept. Der Grundriß bildet ein langgezogenes Rechteck (89 x 35 m) mit einem Versatz an der Südostflanke. Dort füllt der starke, aus glatten Quadern errichtete Torbau die Versatzlücke. Das untere Geschoß war einst kreuzrippengewölbt; heute sind nur noch die Rippenansätze zu sehen, der Rest ist herabgestürzt. Im unteren Teil enthält der Bau die beiden Portale, wobei insbesondere das äußere qualitativ seinesgleichen sucht, mit dreifach abgetreppter Umrandung. Im oberen Teil war, um 90° gedreht und nach Südosten gerichtet, einst die Burgkapelle St. Georg, deren halbrunder Apsiserker außen sichtbar ist (so ähnlich ist das auch in Münzenberg). Während die innere Mauer der Burg ringsum gut erhalten ist, ist von der um die gesamte Anlage führenden niedrigeren Zwingermauer nur noch in Ansätzen etwas zu erkennen, am deutlichsten an der Westecke mit Turmansatz und im Bereich des ehemaligen äußeren Tores am Halsgraben.

Torturm, Außenseite

 

Torturm, Innenseite

Der südwestliche Teil der Burg ist mit einer Quermauer vom Burghof abgetrennt. Dieser Teil ist am wehrhaftesten, weil er der Hauptangriffsseite vom Bergrücken her zugewandt ist. Eine 2,5 m dicke, fensterlose und 10 m hohe Schildmauer riegelt den Sporn auf der ganzen Breite der Burg ab. An diese stößt mittig der übereck gestellte Bergfried, 24,50 m hoch, 9,85 m Seitenlänge, unten mit 3 m Mauerstärke. Sein ursprünglicher Eingang liegt in 8 m Höhe. Auf der Südostseite dieses Burgabschnittes sind die Ruinen mehrerer Räumlichkeiten zu sehen. Jenseits der Schildmauer lag der Burggraben, in dessen Sohle noch im Süden die beiden Pfeiler für die Brückenkonstruktion stehen, über die einst der Weg zum oben beschriebenen inneren Burgtor führte. Jenseits des Halsgrabens ist im Wald eine durch einen weiteren Graben mit einem einzelnen steinernen Brückenpfeiler abgesicherte Fläche für die Vorburg auszumachen.

dreifach abgetreppte Umrandung des äußeren Torbogens und Ziersäulen

Ganz anders im Charakter ist der Nordostteil der Burg. Er ist durch eine den ganzen Burghof quer durchziehende Sperrmauer abgeteilt, und er ist vom Grundriß her deutlich kleiner als der südwestliche Teil. Das nordöstliche Ende der Burg bildete der Palas, dessen wunderbare Fenster man im ersten Obergeschoß sehen kann, teilweise zur Gänze erhalten wie der Kleeblattbogen im mittleren Fenster der Dreiergruppe, teilweise nur in Fragmenten, Laibungen und Kapitellen. Hier, wo direkt unter den Mauern der steile Abhang einen Angriff unwahrscheinlich machte, wurden die Räume wohnlich mit großen Fenstern gestaltet.

Palasfenster mit Maßwerk

Den Palas betritt man durch ein Portal mit Zickzackbogenornamentik. Direkt darunter führt der Weg in einen Keller mit Tonnengewölbe. An der nördlichen Ecke des Palas befindet sich ein Wehrturm von viereckigem Grundriß. In diesem Palas sind auch die Kragsteine eines Burgkamins zu sehen, der zu den gewaltigsten seiner Art gehörte. Er wurde 1939 aus den herabgefallenen Steinen wiederaufgebaut und wird zu beiden Seiten von einem Doppelfenster begleitet. Der zugehörige Saal hat ca. 200 Quadratmeter, und die Feuerstelle ist ca. 9 Quadratmeter groß.

Monumentalkamin im Palas

Das Mauerwerk besteht bei der ca. 1,5 m dicken Ringmauer, bei der fast doppelt so dicken Schildmauer und beim Bergfried größtenteils aus staufischen Buckelquadern mit Randschlag. Insbesondere am Bergfried sind interessante Marken der Steinmetze zu sehen, pfeilförmig, kreisrund, halbkreisförmig, hufeisenförmig, achtförmig etc.

 

Diese altertümlichen Steinmetzzeichen, die eine große Nähe zu römischen Steinmetzzeichen haben, sind relativ roh ausgeführt und sehr groß im Vergleich zu den später üblichen, bis zu 30 cm. Manchmal sieht man eine besondere Ausführung, bei der die Linienführung durch aneinandergesetzte flache Löcher erzeugt wird. Daneben gibt es auch gegenständliche Marken, z. B. in Form einer Lilie oder eines Hammers, aber auch ungegenständliche, die einem runden Ornament ähneln.

Trennmauer im Burghof von 1445

1356 wurde die Burg bei einem Erdbeben beschädigt und entsprechend repariert. Noch später wurde die sich quer durch den Burghof ziehende Trennmauer errichtet, sie entstand 1445. Da sie relativ schmal ist, wird die nötige Breite des darauf befindlichen Wehrganges durch einen Rundbogenfries einerseits und überstehende Steinplatten andererseits erzeugt. In den Rundbogenfries sind mehrere Gußöffnungen integriert. Qualitativ kann sich das Mauerwerk nicht mit den staufischen Mauerabschnitten messen, denn die Trennmauer wurde aus Bruchsteinmauerwerk erbaut. Dort, wo die Quermauer im Norden auf die Ringmauer trifft, befindet sich ein kleines rundes Türmchen. Ein Spitzbogentor mit dem Wappen des Mainzer Fürstbischofs Dietrich von Erbach ist die einzige verbindende Öffnung zwischen den beiden Burgbereichen.

Das Wappen des Fürsterzbischofs Dietrich Schenk von Erbach (1434-1459) ist geviert:

Dieses Wappen ist sichtbares Zeichen für die Herrschaft der Mainzer Fürstbischöfe auf der Wildenburg; für diese war die Wildenburg seit ihrem Erwerb durch den Mainzer Erzbischof Werner von Eppstein im Jahre 1271 Sitz eines kurfürstlichen Verwaltungsbeamten. Konrad I. von Dürn hatte zwar 1251 einen Erbteilungsvertrag verfaßt, nach dessen Bestimmungen das Erbe nur mit Zustimmung aller Familienangehörigen veräußert werden durfte. Dennoch konnte er den Niedergang des Geschlechtes und des Besitzes nicht aufhalten, Ulrich III. verkaufte die Burg und den oberen Zehnt, und 1272 verkaufte er die Stadt und den Zehnt Amorbach ebenfalls an den Mainzer Erzbischof. Bis zu ihrer Zerstörung am 4.5.1525 blieb die Burg Sitz eines kurmainzischen Burgvogtes aus niederem Adel, z. B. werden im Jahre 1332 Wiprecht, Swicker, Wilhelm und Dietrich von Zwingerberg als Burgmannen erwähnt.

1547 wurde der Amtssitz von Kurmainz endgültig aufgegeben. Die Burg wurde bis zum Beginn der Renaissance bewohnt, doch nach ihrer Zerstörung im Bauernkrieg wurde sie sich selbst überlassen und als Steinbruch genutzt. Erst 1922 wurden erste Erhaltungsmaßnahmen eingeleitet. Beflügelt wurde die romantische Entdeckung der Wildenburg durch die Vermutung einer Verbindung zu Wolfram von Eschenbach und seinem Werk "Parzival". Man sieht in der Burg eine Vorlage für die Dichtung, man vermutet sogar hier die Entstehung des Ritterepos.

Literatur, Quellen und Links:
Friedrich Wilhelm Krahe, Burgen des Deutschen Mittelalters, Grundriß-Lexikon, Bechtermünz-Verlag, 1996, ISBN 3-86047-219-4, S. 666.
Otto Piper, Burgenkunde, München, 1912, Reprint im Weltbild Verlag 1993, ISBN 3-89350-554-7
Bodo Ebha
rd, Der Wehrbau Europas im Mittelalter, Band 1
Burg Wildenberg:
http://www.hdbg.eu/burgen/burgen_suche-burgen_detail.php?id=brn-0138 - http://www.hdbg.eu/burgen/burgen_suche-burgen_detail.php?id=brn-0138&topic=baubestand - http://www.hdbg.eu/burgen/burgen_suche-burgen_detail.php?id=brn-0138&topic=baugeschichte - http://www.burgen-web.de/wildenberg.pdf - http://kirchzell-outdoor.de/app/download/5776589910/Burgruine+Wildenburg.pdf
Zur Geschichte der Burg Wildenberg im Odenwald, hrsg. von Winfried Wackerfuß, Sonderheft 2 der Zeitschrift „Der Odenwald“, 3. veränderte und erweiterte Auflage, 48 Seiten mit insgesamt 37 Abbildungen, ISBN 978-3-922903-11-6

http://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Wildenberg_%28Kirchzell%29
Steinmetzzeichen:
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/db/Wildenberg-steinmetzzeichen.jpg
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