Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1714
Antwerpen (Belgien, Provinz Antwerpen)

Das Stadhuis in Antwerpen

Das 1561-1564 erbaute Rathaus von Antwerpen, das sog. "Stadhuis", liegt in der Altstadt an der Nordwestseite des Großen Marktes (Grote Markt) und nimmt mit 76 m Fassadenbreite dessen komplette westliche Seite ein. Es ist im Stil der Renaissance gehalten, der Mittelteil weist aber barocke Züge auf; der Baumeister war Cornelis Floris de Vriendt (1513/14-20.10.1575). Am 4.11.1576 brannte das Rathaus, und drei Jahre später wurde es wiederaufgebaut. Gemeinsam mit anderen Rathäusern Belgiens gehört es zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das Rathaus und die entlang der anderen Seiten des Marktes aufgereihten und hervorragend restaurierten Zunfthäuser bilden zusammen eines der wenigen geschlossen erhaltenen (bzw. wiederhergestellten) städtebaulichen Ensembles des alten Antwerpens.

Die Fassade zeigt am durch einen turmartigen Giebel bekrönten Mittelteil in Höhe des dritten Obergeschosses drei große Wappendarstellungen. Im Zentrum ist der Wappenschild des Königs Philipp II. von Spanien. Dieses Wappen wird flankiert vom Wappenschild der Markgrafschaft Antwerpen zur Rechten (vom Betrachter aus) und vom Wappenschild des Herzogtums Brabant zur Linken. Über diesen beiden äußeren Schilden betonen zwei schlanke Obelisken die seitliche Begrenzung des dreiachsigen Mittelteiles.

Weiterer Figurenschmuck ziert die Fassade: Über dem Wappen des Souveräns steht in einer Nische die Schutzheilige der Stadt Antwerpen, eine Muttergottes. Diese war im ursprünglichen Bau nicht vorhanden, hielt hier aber mit den Spaniern und der Gegenreformation Einzug und ersetzte eine Brabo-Figur. In zwei weiteren Nischen zu beiden Seiten des königlich-spanischen Wappenschildes stehen allegorische Statuen der Justitia (mit Schwert und Handwaage) und der Vorsehung bzw. Klugheit (Prudentia, mit Spiegel in der Rechten und mit einer sich um die Linke windenden Schlange).

Diese beiden Nischen greifen die rundbogige Fenstergestaltung des Mittelteiles auf, der sich damit von den Seitenteilen mit rechteckigen Kreuzstockfenstern absetzt. Jeder der dreistöckigen Seitenteile hat neun Fensterachsen, wobei das jeweils innerste Fenster nur die halbe Breite hat. Die Fenster des Mittelteiles sind durch doppelte Säulenstellungen voneinander separiert, die der Seitenteile durch einfache Wandvorlagen.

Das Wappen des Königs Philipp II. von Spanien im Zentrum der Fassade liegt einem Schild auf, dessen beide obere Ecken in nach innen gerichtete Adlerköpfe auslaufen und dessen Oberkantenmitte von einer Löwenmaske mit Ring im Maul verziert wird. Zwei goldene Schnüre "befestigen" den Schild an zwei ins Mauerwerk eingelassenen Ösen, von denen das in eine Troddel auslaufende Ende jeweils seitlich des Schildes herabhängt. Über dem Schild ist die spanische Königskrone angebracht.

Der Schild ist geviert mit einem kleinen Schild an der Nabelstelle:

Das Wappen Philipps II., ältester und einzig überlebender legitimer Sohn von Kaiser Karl V., ist genau das gleiche wie das seines Vaters, mit der Ausnahme natürlich, daß er nicht wie jener den Reichsschild mit dem Doppeladler unterlegen konnte. In dieser Form führte er es aber nur von seinem Regierungsantritt 1556 bis zum Erwerb der portugiesischen Krone im Jahr 1580. Es repräsentiert in seinen Komponenten die Ansprüche eines Königs von Spanien (1556-1598), Königs von Neapel, Sizilien und Sardinien (1554-1598) sowie eines Großmeisters des Ordens vom Goldenen Vlies (1555–1598). Daneben war er auch noch Herzog von Mailand (1554-1598) und Herzog von Luxemburg (1556-1598) und dann später noch König von Portugal (1580-1598). Das spanische Wappen ohne die Komponente Portugal paßt zur Bauzeit des Rathauses 1561-1564.

Für eine kurze Zeit führte Philipp II. auch den Titel eines Königs von England. Das war, nachdem er am 25.7.1554 Maria Tudor Königin von England (18.2.1516-17.11.1558) - eine Tante zweiten Grades - geheiratet hatte, also von 1554 bis zu deren Tod 1558. Während dieser Zeit spaltete er sein Wappen aus den beschriebenen Komponenten und England. Ein solches Wappen ist in den Glasfenstern des Chores der Liebfrauenkathedrale von Antwerpen zu sehen. Als Elisabeth die Thronfolge in England antrat, war es mit der "englischen Idee" vorbei, und England wurde selbst ein Weltreich.

Nach dieser nachkommenslosen politischen Ehe heiratete Philipp am 2.2.1560 in dritter Ehe Elisabeth von Frankreich (1545-3.10.1568) und danach in vierter Ehe Anna v. Österreich (2.11.1549-26.10.1580), die ihm den Sohn und Erben und späteren König Philipp III. schenkte.

Nach der Übernahme der portugiesischen Krone wurde das portugiesische Wappen auf der Ehrenstelle aufgelegt; ansonsten blieb der Schild unverändert. Der Hintergrund dieser Vereinigung beider Kronen war die erste Ehe Philipps (21.5.1527-13.9.1598), er hatte 1543 seine Cousine Prinzessin Maria Manuela von Portugal (15.10.1527-12.7.1545) geheiratet. 1545, also noch vor Regierungsantritt, war sie bereits verstorben. Ihrer beider Sohn war Don Carlos (8.7.1545-24.7.1568). Doch erst mit dem Tod von Dom Henrique König von Portugal (31.1.1512-31.1.1580) fiel die portugiesische Erbschaft an.

Auch seine drei Nachfolger Philipp III. (reg. 1598-1621), Philipp IV. (reg. 1621-1665) und Karl II. von Spanien (reg. 1665-1700) führten diesen Schild. Erst unter den danach folgenden spanischen Königen aus dem Hause Bourbon kam es zu erneuten Änderungen des Schildes.

Wie kam Antwerpen an die Spanier? Ende des 11. Jh. kam Antwerpen an das Herzogtum Brabant, und mit dem Tod des Wenzel von Luxemburg im Jahre 1383, der Brabant mit seinem eigenen Land vereinigt hatte, fiel es an das Haus Valois-Burgund, denn die Witwe Wenzels hatte ihre Nichte Margarete von Flandern zur Erbin bestimmt. Diese war mit Philipp dem Kühnen von Burgund verheiratet. Nach Philipp kam es 1430 an Philipp den Guten von Burgund. Mit dem Aussterben der Burgunder mit Karl dem Kühnen 1477 kam es aufgrund der Heirat von Maria von Burgund mit Erzherzog Maximilian an das Haus Habsburg, und mit der Teilung der Habsburgerländer unter die spanische und die österreichische Linie kam Brabant an das spanische Königshaus, während Ferdinand die östlichen Länder und das Kaisertum bekam. Mit der Separation der nördlichen Provinzen wurde Antwerpen, Teil der Spanischen Niederlande, Grenzstadt. Die Stadt wurde in die religiösen und territorialen Konflikte zwischen den freien Niederlanden und den Spaniern hineingezogen, und 1585 wurde Antwerpen vom spanischen Statthalter Alessandro Farnese militärisch erobert. Dies, die Vertreibung der Protestanten und die Sperrung der Schelde als Wasserstraße 1648 besiegelten den Niedergang der einst im 16. Jh. reichsten Handelsstadt Europas. Brabant blieb bis 1714 bei den Spaniern, und im österreichischen Erbfolgekrieg kam Brabant zurück an das habsburgisch-österreichische Kaiserhaus.

Optisch rechts vom königlichen Wappen, durch die Nische mit der Prudentia von diesem getrennt, befindet sich das Wappen der Markgrafschaft Antwerpen, geteilt, oben in Gold ein schwarzer, rot bewehrter Doppeladler, unten in Rot eine silberne Burg mit vier Zinnentürmen, alle - soweit sichtbar - mit Fenstern und offenem Tor mit hochgezogenem Fallgatter, der hintere mittlere Turm begleitet rechts von einer schräggestellten rechten Hand und links von einer schräglinksgestellten linken Hand, beide silbern.

Optisch links vom königlichen Wappen, durch die Nische mit der Justitia von diesem getrennt, befindet sich das Wappen des Herzogtums Brabant, ein goldener, rotgezungter Löwe in schwarzem Feld. Der Schild ist herzoglich gekrönt. Auch bei den seitlichen Wappen ist dieselbe eigenwillige Schildgestaltung mit den in nach innen gerichteten Adlerköpfen auslaufenden oberen Schildecken und der Löwenmaske mit Ring im Maul auf dem oben hammerartig verbreiterten Mittelzipfel zu sehen. Auch hier "befestigen" rote Schnüre mit goldenen Troddeln den Schild an zwei ins Mauerwerk eingelassenen Ösen und hängen seitlich herab.

Im Innern des Rathauses befinden sich viele weitere Wappendarstellungen. So ist z. B. an der Wand des monumentalen Treppenhauses in Höhe des 2. Obergeschosses ein riesiges Stadtwappen mit Schildhaltern zu sehen. Ein weiteres Stadtwappen ist am Kaminsturz im 1885 eingerichteten Bürgermeisterzimmer angebracht; der erheblich ältere Kamin ist eine Arbeit von Pieter Coecke van Aalst (1502-1550). Ein besonders prunkvoll gestaltetes königlich-spanisches Wappen, dessen Aufbau im Detail dem hier beschriebenen an der Außenseite gleicht, ist am Kamin des Leyssaales angebracht. Das ist das Prunkzimmer des Rathauses mit Portraits der Herzöge von Brabant und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.

Literatur, Quellen und Links:
König Philipp II. von Spanien: http://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_II._%28Spanien%29
Stadthaus Antwerpen:
http://nl.wikipedia.org/wiki/Stadhuis_%28Antwerpen%29
Stadtwappen Antwerpen:
http://www.ngw.nl/int/bel/a/antwerpe.htm
Stadtwappen Antwerpen:
http://zoeken.felixarchief.be/Unrestricted/Folder.aspx?document_id=09041acf800008be&format=pdf
Wappen Spaniens:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wappen_Spaniens
Wappen der spanischen Könige:
http://www.heraldique-europeenne.org/Regions/Iberique/Espagne.htm#Titulaires
Wappen der spanischen Könige:
http://en.wikipedia.org/wiki/Coat_of_arms_of_the_King_of_Spain
Geschichte Antwerpens:
http://users.skynet.be/gvg/aoorsprong.htm
Antwerpen und seine Schönheiten, Verlag Thill S.A., Brüssel.
Rathaus Antwerpen:
http://www.schwarzaufweiss.de/belgien/antwerpenrathaus.htm

Der Steen

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