Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1713
Antwerpen (Belgien, Provinz Antwerpen)

Het Steen in Antwerpen

Die Burg von Antwerpen, der sog. "Steen", liegt zwischen Altstadt und Schelde, etwas nordwestlich vom Großen Markt (Grote Markt) am Jordaenskaai. Ziemlich verloren wirkt das mittelalterliche Gemäuer, mit der Entstehungszeit ca. 1200-1225 eines der ältesten der Stadt, zwischen Wasserstraße links und Hauptverkehrsstraße rechts, eingekeilt zwischen modernen Hallenkonstruktionen im Norden und im Süden, gerade mal einen winzigen Baumbestand hat man ihm im südlichen Vorfeld gegönnt, den Steenplein, an dessen Westseite schon wieder eine Schiffsanlegestelle angrenzt. Einst war die Burg integriert in die längst abgebrochene Stadtbefestigung. Zudem ist die mittelalterliche Burganlage (auch: "’s Heeren Steen") in späteren Zeiten oft den jeweiligen Bedürfnissen (Verteidigungswerk, Burggrafenwohnung, Festung, Gefängnis 1303-1823, 1864 archäologisches Museum (Museum für Alterskunde), 1952-2008 Schiffahrtsmuseum) angepaßt und umgebaut worden. Insbesondere im 19. Jh. wurde ein Großteil der Burganlage für den Ausbau der Schelde abgebrochen, andererseits wurden Trakte um 1890 im neugotischen Stil angebaut.

Den "mittelalterlichsten" Eindruck hat man von der Südseite mit Blick auf drei Rundtürme, jeweils auf Pfeilerunterbau. Über die Brücke erreicht man ein spitzbogiges, von einem Wehrgang überragtes Tor, durch das man auf einen kleinen Vorplatz gelangt, von dem nach links der Prunkzugang in die Kernburg führt. Nach Durchschreiten des Tores ist der Blickfänger jedoch ein viereckiger Turm nach neuerer Zeit mit einem prächtigen Wappen an der Südseite.

Der Schild ist geteilt, oben in Gold ein schwarzer, rot bewehrter Doppeladler, unten in Rot eine silberne Burg mit drei Zinnentürmen und einem Torbau mit Fenstern und offenem Tor mit hochgezogenem Fallgatter, der Mittelturm begleitet rechts von einer schräggestellten rechten Hand und links von einer schräglinksgestellten linken Hand, beide silbern. Das Stadtwappen von Antwerpen entspricht nur der unteren Schildhälfte. Mit dem Adler des Heiligen Römischen Reiches in der oberen Hälfte ist es das Wappen der Markgrafschaft Antwerpen. Die im Grundriß viereckige, auf der Spitze stehende Form der Burg mit drei Türmen und einem Tor wird schon um 1250 so in Stadtsiegeln verwendet. Die Markgrafschaft umfaßte neben der Stadt Antwerpen auch die Stadt Breda und das umliegende Gebiet, wobei Breda jedoch nach dem Achtzigjährigen Krieg zur Republik der Sieben Vereinigten Niederlande kam, während Antwerpen mit Brabant den Spanischen Niederlanden zugeschlagen wurde. Im Kunsthistorischen Museum Wien wird als Vergleichsstück in der weltlichen Schatzkammer ein Wappen-Tappert von Louis Aimé aus dem 17. Jh. für die Markgrafschaft Antwerpen aufbewahrt, der auf dem Bruststück und auf den kurzen Ärmeln genau dieses aus Reichsadler und Stadtwappen geteilte Motiv aufweist.

Der Schild wird umgeben von einem grünen Laubkranz mit acht Rosen, abwechselnd rot und silbern, alle golden bebutzt und grün bespitzt. Diesen Laubkranz hat auch die heutige Form des Stadtwappens. Das obere Schriftband zeigt zweimal die Abkürzung "SPQA" - Senatus populusque Antwerpiae (oder Antwerpiensis), das untere Schriftband hat den Wortlaut "Fortunata Antwerpia". Zwei Schildhalter begleiten das Wappen, rechts ein bärtiger Gerüsteter mit aufgestütztem Schwert und hochgeklapptem Visier des Helmes, auf der Brust ein Doppeladler, links eine Frauenfigur in einem Gewand mit reichem Faltenwurf, auf dem Kopf eine Haube. Die Stadt Antwerpen führt hingegen einen wilden Mann rechts und eine wilde Frau links, beide um Stirn und Hüften laubumkränzt und eine Keule schulternd.

 

Abb. links: Blick auf den mit einer Brücke mit dem Hauptgebäude verbundenen einzeln stehenden Viereckturm, der das oben beschriebene Wappen trägt, Abb. rechts: Blick auf den Eingang in den Hof der vierflügeligen Kernburg aus dem 16. Jh. mit flachem Bogenportal und polygonal vorkragendem Obergeschoß. Hinter diesen drei großflächigen Fenstern befand sich einst die Hauskapelle.

Die drei Brüstungsfelder des polygonal vorkragenden Obergeschoßerkers tragen auf blauem Grund reichlichen goldenen Schmuck heraldischer Natur. Das zentrale Feld trägt das Wappen von Karls V., die beiden seitlichen Felder sind identisch mit weiteren Symbolen verziert. Karl V. war es, der 1520 verfügte, daß die alte Stadtburg renoviert und für moderne Artillerie umgebaut werden müsse. Aus dieser Zeit stammt der Erker.

Das Wappen Karls V. besteht aus einem zentralen Schild, der mit einem roten Schnallenband unter dem goldenen, gekrönten Helm aufgehängt ist. Der Schild ist hier relativ klein in Bezug auf die groß dimensionierten Schildhalter, rechts ein goldener Löwe, links ein ebensolcher Greif. Der Schild besteht aus dem Hauptschild des Heiligen Römischen Reiches, in Gold ein schwarzer, rotbewehrter Doppeladler, dem der persönliche Schild Karls V. als Mittelschild auf die Brust gelegt wurde. Die karolinischen Doppeladler sind wie hier auch häufig nicht nimbiert. Waren bisher die kaiserlichen Wappen relativ einfach aufgebaut, tritt mit Karl V. die kaiserliche Heraldik in ihr manieristisches Stadium ein, was bedeutet, daß die klare Erkennbarkeit und Übersichtlichkeit zunehmend dem Bestreben geopfert wird, möglichst alle Wappenansprüche des Trägers unterzubringen und so viele Elemente wie möglich in einen Schild zu zwängen.

Der der Brust des Adlers aufliegende Schild ist geviert mit einem kleinen Schild an der Nabelstelle:

Hier noch einmal die schematische Übersicht der Komponenten. Interessant ist, daß das eigentliche Hauswappen, der habsburgische Löwe, fehlt. Diese Anordnung übernahm auch sein Sohn und Nachfolger als spanischer König, Philipp II., und zwar solange, bis auf der Ehrenstelle des Schildes das portugiesische Wappen hinzukam.

In den beiden seitlichen Brüstungsfeldern sind mehrere Bilddevisen zu einer Komposition zusammengefügt. Hier ist alles vergoldet, tatsächlich haben die einzelnen Elemente jedoch durchaus differenzierte Farben. Außen sehen wir die beiden Säulen des Herakles. Sie erscheinen auch in anderen Darstellungen als Prunkstücke in Form von Flankierungen des kaiserlichen Schildes. Karl V. war damit der erste, der eine Bilddevise in sein Wappen aufnahm. Ihre Wiedergabe ist in der Regel silbern mit goldenen Kapitellen, wobei die Kronen heute unterschiedlich dargestellt werden, heraldisch rechts die Krone von Karl III., auf der anderen Seite die spanische Königskrone. Die beiden Säulen symbolisieren die geographische Lage des Mutterlandes Spanien an der Meerenge von Gibraltar. In der Mitte sind zwei schräggekreuzte gestümmelte Äste zu sehen (normalerweise rot tingiert), in der Mitte umschlossen von einem Feuerstahl (Hinweis auf den Orden vom Goldenen Vlies), flankiert von zwei Majuskeln "C" für Carolus, der heraldisch linke gespiegelt. Das Spruchband oben trägt die französische Devise "PLVS OVLTRE" - heute "plus outre", lat. "plus ultra", immer weiter darüber hinaus. Unter diesem Motto expandierte Spanien sein Weltreich. Da die Säulen des Herakles seit der Antike als die Grenze der bekannten Welt galten, jenseits derer es einfach nicht mehr weiter ging, ergibt diese Devise vor dem Hintergrund der spanischen Vorstöße in die Neue Welt einen besonderen Sinn. Es gibt auch Wappendarstellungen mit einer deutschen Version der Devise: "Noch Weytter".

Über dem flachen Spitzbogen des Hofzuganges und eingepaßt zwischen die Konsolen des zuvor beschriebenen polygonalen Erkers sind drei Wappenschilde zu sehen, jeweils an roten Bändern an einem goldenen "Nagel" aufgehängt.

   

Optisch links ist das Wappen der Stadt Antwerpen mit der silbernen Burg auf rotem Feld, der mittlere Turm beseitet von den beiden nach außen gestellten silbernen Händen, in der Mitte ist das bereits oben beschriebene Wappen der Markgrafschaft Antwerpen zu sehen, das im oberen Teil des Schildes den Adler des Reiches zusätzlich hat, und ganz rechts ist der goldene, rotgezungte Löwe in schwarzem Feld des Herzogtums Brabant zu sehen, dem Antwerpen angehörte.

Drei inhaltsgleiche Wappenschilde befinden sich in veränderter Reihenfolge auf der Außenseite der Stadtburg über dem dortigen offenen Torbogen, flankiert von zwei weiteren Schilden, der optisch links außen mit einer offenen roten rechten Hand in goldenem Feld, der auf der anderen Seite mit dem mit abwechselnd silbernen und roten Rosen besetzten Laubkranz, wie er auch um das Wappen der Stadt und oben der Markgrafschaft gelegt wird, hier aber nur mit sechs Rosen.

Literatur, Quellen und Links:
Stadtwappen Antwerpen: http://www.ngw.nl/int/bel/a/antwerpe.htm
Stadtwappen Antwerpen:
http://zoeken.felixarchief.be/Unrestricted/Folder.aspx?document_id=09041acf800008be&format=pdf
Wappenrock Markgrafschaft Antwerpen:
http://bilddatenbank.khm.at/viewArtefact?id=100731
Wappen Spaniens:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wappen_Spaniens
Plus ultra:
http://de.wikipedia.org/wiki/Plus_Ultra
Wappen der deutschen Kaiser:
http://www.heraldique-europeenne.org/Regions/Allemagne/Empereurs_Germaniques.htm
Wappen der spanischen Könige:
http://www.heraldique-europeenne.org/Regions/Iberique/Espagne.htm#Titulaires
Der Steen, Photogalerie:
http://www.andreabrewee.be/plaatsen/antwerpen/3%20steen/index.html
Der Steen:
http://antwerpen.gasamen.nl/antwerpen/informatie/bezienswaardig/bezienswaardig/%60t_steen
Der Steen:
http://www.antwerpengids.be/bespreking/steen
Geschichte Antwerpens:
http://users.skynet.be/gvg/aoorsprong.htm
Wappen Karls V.: Franz Gall, Österreichische Wappenkunde: Handbuch der Wappenwissenschaft, 3. Auflage, Böhlau Verlag, Wien 1996, ISBN 3-205-98646-6
Antwerpen und seine Schönheiten, Verlag Thill S.A., Brüssel.

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