Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1687
Graz (Steiermark, Österreich)

Graz, Deutschordenshaus

Das Anwesen bestand früher aus zwei bzw. sogar drei separaten Gebäuden. Das dreigeschossige Haus in der Hofgasse 2 war 1604 von Erzherzog Ferdinand gekauft und 1621 durch Hofbaumeister Peter Valnegro zum Hofpfennigmeisteramt umgebaut worden. Es hat eine Spätrenaissancefassade mit polygonalem Erker auf drei toskanischen Säulen mit reliefierten Konsolen. Zu diesem Haus gehören fünf Fensterachsen in der Hofgasse und eine einzelne in der Sporgasse jenseits des Erkers. Nach der Nutzung als Hofpfennigmeisteramt wurde es dem Hofpfennigmeister Christoph Kirchbichler zur Wohnung überlassen. Dieses Haus wurde mit dem viergeschossigen Haus in der Sporgasse 22 verbunden, einem spätgotischen, um 1510 entstandenen Hof mit zwei Fensterachsen zur Sporgasse. Der Sprung bei den verschiedenen Geschoßhöhen in der Fassade ist augenfällig. Das Anwesen war danach Deutschordensritterhaus und Sitz des Komturs der Kommende am Leech. Im Innern des Anwesens befindet sich ein bemerkenswerter Arkadenhof mit Renaissancelaubengang auf toskanischen Säulen (im Photo in strömendem Regen). Heute ist das Anwesen in Privatbesitz.

 

An der Außenseite des Doppelhauses ist auf dem dreigeschossigen Abschnitt zur Sporgasse hin ein barocker, dreiteiliger Wappenstein angebracht, der das Erwerbsdatum 1689 nennt. Drei runde Wappenkartuschen werden zu einem Gesamtkonzept zusammengefaßt, in der Mitte das Wappen des in Bad Mergentheim residierenden Hochmeisters des Deutschen Ordens, heraldisch rechts das Wappen des amtierenden Landkomturs, und schließlich heraldisch links noch einmal ein separates Hochmeisterkreuz. Letzteres ist eigentlich überflüssig, rundet aber aus Symmetriegründen die Komposition ab. Insgesamt sechs geflügelte Putten halten über dem Hochmeisterwappen einen Fürstenhut und über dem Landkomturwappen eine Krone, während die zwei über dem Hochmeisterkreuz auf der linken Seite nichts halten und in die Straßenschlucht blicken. An unteren Rand werden die einzelnen Wappen von Blumen- und Fruchtgehängen eingefaßt. Hinter dem Hochmeisterwappen sind noch Krummstab und Schwert zu erkennen.

Die Inschrift unter dem dreiteiligen Wappenstein lautet: "DEN 1. OCTOBER 1689 HAT DER HOCHWYRDIG HOCH VND WOHLGEBOHRNE HERR SEYFRIDT GRAFF VON SAVRAV TITVL TEYTSCH ORDENSRITTER LANDT COMENTHVR DER BALLEY OSTERREICH COMMENTHVR ZV GROSSONTAG VND AM LECH, DIESES HAVS FYR DEN HOCHLÖBLICHEN RITTERLICHEN TEYTSCHEN ORDEN DER BALLEY OSTERREICH AVS AIGENTHVMBLICHEN MITTLEN ERKAVFET VND FVNDIRT". Die Ballei Österreich läßt sich erstmals am 6.12.1236 als selbständige Ordensprovinz mit eigenem Landkomtur nachweisen. Die Ballei unterstand direkt dem Hochmeister und dem Generalkapitel, nicht dem Deutschmeister, was aber seit der Vereinigung beider Ämter in einer Person ab 1525 hinfällig wurde. Die Provinz umfaßte Ordensniederlassungen in Wien (Niederlassung bestand seit etwa 1204/06, war Hauptsitz = Landkommende des Ordens in der Ballei und ist auch heute noch Sitz des Priorates der Ballei Österreich), Friesach (Kommende entwickelte sich aus einem 1203 geschenkten Spital), Graz (eine Niederlassung existierte spätestens seit 1239), Groß-Sonntag (Kommende entwickelte sich aus einer Schenkung des Friedrich von Pettau), Laibach (ab 1256 begütert), Tschernembl (Crnomelj, 1268 Kirchenpatronatsrechte) und in Wiener Neustadt (begütert seit 1255). Eine weitere Niederlassung in Marburg (Maribor) war nicht von Dauer. Weitere Niederlassungen gab es in Möttling, Namslau, Troppau und Brixeney. Das in der Inschrift genannte "AM LECH" meint die Kirche Maria Himmelfahrt am Leech im Grazer Bezirk Geidorf, deren Areal Herzog Friedrich II. von Österreich 1233 dem Deutschen Orden geschenkt hatte. Die Kommende am Leech ist daher eigentlich die Kommende zu Graz. Das in der Inschrift erwähnte "GROSSONTAG" ist heute Velika Nedelja in der Region Podravska in Slowenien, wo sich ein großes Deutschordensschloß befindet.

Das Wappen für den Hochmeister Ludwig Anton von Pfalz-Neuburg (9.6.1660-4.5.1694), Sohn von Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg (1615-1690) und von Elisabeth Amalie Landgräfin von Hessen (1635-1709), liegt hier in einer Form vor, die seit dem 22.8.1689 geführt wurde. Das Symbol für die gefürstete Propstei Ellwangen ist bereits vorhanden, was das Zeitfenster nach unten auf 1689 begrenzt, und das Symbol für Worms ist noch nicht vorhanden, was das Zeitfenster auf den 12.10.1691 nach oben begrenzt. Die Inschrift nennt den 1.10.1689, damit dürfte das eine der ersten bauplastischen Wappendarstellungen nach seinem Amtsantritt als Hochmeister sein, denn am 22.8. war er erst gewählt worden. Der Schild wird durch das Hochmeisterkreuz mit aufgelegtem Herzschild mit dem Adler in vier Felder aufgeteilt:

Heraldisch rechts außen befindet sich das Wappen für Landkomtur Seyfried Graf von Saurau: Normalerweise hat das Saurau-Wappen einen geteilten und zweimal gespaltenen Hauptschild und einen gevierten Herzschild (Siebmacher Band: NÖ2 Seite: 22 Tafel: 7-8, Band: Un Seite: 564 Tafel: 403 etc.). Hier mußte jedoch Platz für zwei zusätzliche Felder geschaffen werden zwecks Aufnahme des Deutschordenskreuzes, das ihm als Landkomtur zustand. Der Zuschnitt der einzelnen Felder erfolgte hier so, daß ein zentrales Kreuz entstand und auch plastisch hervorgehoben ist, so daß eine optische Analogie entstand zu den beiden anderen Wappen, bei denen auch ein über den Schild gelegtes Kreuz mit aufgelegtem Herzschild in der Mitte dominiert, jedoch aus anderen Gründen.

Eine ausführliche Diskussion des Saurau-Wappens findet sich beim Palais Saurau-Goess.

Das Wappen heraldisch links zeigt das Symbol für das Hochmeistertum des Deutschen Ordens alleine, dies ist ein über den silbernen und ansonsten ledigen Schild gelegtes schwarzes, durchgehendes Kreuz, belegt mit einem goldenen Lilienkreuz, darauf als Herzschild in Gold ein schwarzer, rotbewehrter Adler.

Literatur, Quellen und Links:
Informationstafel am Gebäude
Herwig Ebner, Burgen und Schlösser Graz, Leibnitz, Weststeiermark, 1967, 204 Seiten, ISBN-10: 3850300285, ISBN-13: 978-3850300285
Dehio-Handbuch, Die Kunstdenkmäler Österreichs, Graz, von Horst Schweigert, Verlag Schroll, Wien 1979
Die Kunstdenkmäler der Stadt Graz, Die Profanbauten des 1. Bezirkes (Altstadt), 1997, 712 Seiten, Verlag: F. Berger, ISBN-10: 3850284379, ISBN-13: 978-3850284370
Ludwig Anton von Pfalz-Neuburg http://www.pfalzneuburg.de/wp-content/uploads/2010/03/Ludwig_Anton_Text_Internet.pdf
800 Jahre Deutscher Orden, Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg in Zusammenarbeit mit der Internationalen Historischen Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens, Ausstellungskatalog, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh/Münschen 1990, ISBN 3-570-07434-x und 3-570-06676-2.
Die Hochmeister der Residenz Mergentheim, Heft 15 der Schriftenreihe der Vereinigung zur Förderung der wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte des Deutschen Ordens e.V. und der Historischen Deutschordens-Compagnie Bad Mergentheim e.V., 1997
Die Wappen der Hochstifte, Bistümer und Diözesanbischöfe im Heiligen Römischen Reich 1648-1803, hrsg. von Erwin Gatz, von Clemens Brodkorb, Reinhard Heydenreuter und Heribert Staufer, Schnell & Steiner Verlag 2007, ISBN 978-3-7954-1637-9
Deutschordenshaus in Graz:
http://www.burgen-austria.com/Archiv.asp?Artikel=Graz%20-%20Deutschordenshaus
Deutschordenshaus in Graz:
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschritterordenshaus_%28Graz%29
Klaus Militzer, Die Geschichte des Deutschen Ordens, Kohlhammer Verlag, 2005, ISBN 3-17-018069-X

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