Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1673
Graz (Steiermark, Österreich)

Graz, äußeres Paulustor

Nur wenige Züge der alten Stadtbefestigung von Graz sind noch vorhanden. Dazu gehören im Nordosten und Osten der Stadt die flachen Bastionen in der heutigen Parkanlage entlang der Altstadtgrenze, ferner zeichnet der Verlauf der Wege und Straßen noch die alten Befestigungsanlagen nach. Ein einziges Walltor aus der Renaissance existiert noch im Nordosten der Altstadt, das Paulustor, dort, wo die Maria-Theresia-Allee beginnt. Genaugenommen handelt es sich um das äußere Paulustor, denn es gab einst noch ein inneres Paulustor aus dem Mittelalter, welches 1355-1846 in der Sporgasse stand. Als der Befestigungsgürtel in der späten Renaissance aufgrund des erfolgten starken Bevölkerungszuwachses erheblich vergrößert wurde, entstand in der nördlichen Fortsetzung der Sporgasse am Ende der Paulustorgasse das modernere, von Ferdinand II. Erzherzog von Innerösterreich (9.7.1578-15.2.1637) Anfang des 17. Jh. errichtete äußere Paulustor. Der Bereich zwischen neuen und alten Befestigungsanlagen war in diesem Bereich die "Paulusvorstadt". Das alte innere Paulustor wurde nicht mehr gebraucht, verfiel entsprechend und wurde 1846 abgerissen.

Das Tor besteht aus zwei Querriegeln und ist mit den Seitenbauten zu einem rechteckigen Bau mit schmalem Lichthof geschlossen. Die stadtseitige Fassade (Abb. oben) ist sehr schlicht mit der rechteckig gerahmten Hauptdurchfahrt und zwei seitlichen, rundbogig geschlossenen Fußgängerdurchlässen. Die Außenseite (Abb. unten) zum heutigen Stadtpark hin ist ungleich repräsentativer: Die Hauptdurchfahrt und die beiden hier nun rechteckig geformten Fußgängerdurchlässe werden durch eine gemeinsame Schmuckarchitektur in triumphbogenartigem Rustikamauerwerk zusammengefaßt. Die beiden Flächen zwischen den seitlichen Durchgängen und dem abschließenden Hauptgesims der Steinblende ist jeweils mit einem prunkvollen Marmorwappen gefüllt, links von Erzherzog Ferdinand II. von Innerösterreich (9.7.1578-15.2.1637), ab 1619 Kaiser, rechts von seiner Frau Maria Anna von Bayern (18.12.1574-8.3.1616). Über die genaue Bauzeit gibt es widersprüchliche Angaben, am wahrscheinlichsten ist die Angabe 1606-1614 nach Dehio, vermutlich bereits Ende des 16. Jh. begonnen; es sollte jedenfalls vor 1619 gewesen sein, als Ferdinand Kaiser wurde und die Residenz nach Wien verlegte. Das Tor wurde 1823-1918 als Militärgefängnis genutzt und war später ein Teil der Polizeikaserne. Zwischen äußerem Paulustor und Schloßberg hat sich noch eine Renaissance-Bastion erhalten. Das äußere Paulustor gilt als bedeutendste erhaltene Renaissance-Stadttoranlage im deutschsprachigen Raum.

Früher waren es einmal insgesamt 11 Tore, die den Zugang nach Graz hinein kontrollierten. Von diesen ist ansonsten nur noch das gotische Burgtor im Osten der Altstadt in der Nähe des ehemaligen Residenzbereiches und des Domes erhalten, dort, wo die Erzherzog-Johann-Allee beginnt. Neben den drei bereits erwähnten Toren gab es einst noch das Neutor (aus der Spätrenaissance), das Franzenstor (1835-1856), das Eiserne Tor (Ungartor, ebenfalls aus der Spätrenaissance, 1860 abgerissen), drei Sacktore (1. und 2. Sacktor in der Sackstraße, spätmittelalterlich, 3. Sacktor am Kaiser-Franz-Josef-Kai, aus der Spätrenaissance, ca. 1836 abgerissen), zwei Murtore (inneres und äußeres, beide spätmittelalterlich, 1837 abgerissen). Manche wie das Neutor oder das Eiserne Tor leben immerhin noch in Straßen- oder Platzbezeichnungen fort.

 

Zurück zu den Wappen, die beide auf von Rollwerk umgebenen Ovalkartuschen präsentiert werden, die mit Bändern und Schleifen an Ringen in den beiden oberen Ecken aufgehängt zu sein scheinen. Die in den Stein gehauenen Stoffbänder ziehen sich vertikal nach unten und sind an einer Inschriftenkartusche befestigt. Die Inschrift zieht sich zeilenweise über beide unter den Wappen angeordneten Tafeln und lautet: "FERDINANDO ET MARIAE ANNAE ARCHIDVCIBVS AVSTRIAE ZC MVNIMEN HOC AD SALVTEM PATRIAE PROPAGANDAM AD HOSTIVM INCVRSVS COERCENDOS ET AD VTRIVSQVE NOMINIS MEMORIAM CONSERVANDAM A FVNDAMENTIS EXTRVCTVM EST" - Von den Erzherzögen Österreichs etc. Ferdinand und Maria Anna ist dieses Bollwerk von Grund auf errichtet worden, um das Heil des Vaterlandes zu propagieren, zur Abwehr gegen feindliche Einfälle, und zur Bewahrung der Erinnerung an die Namen der beiden. Um den Ovalschild des Ehemannes ist eine Kette des Ordens vom Goldenen Vlies gelegt, mit abwechselnden, doppelten Feuerstahl-Gliedern und funkenschlagenden Feuersteinen dazwischen, unten das Widderfell abhängend.

Das Wappen für Erzherzog Ferdinand II. von Innerösterreich (9.7.1578-15.2.1637) ist wie folgt aufgebaut: Der Schild ist gespalten und dreimal geteilt, mit eingepfropfter Spitze und mit geviertem, erhöht positioniertem Herzschild, wobei die Felder 7 und 8 jeweils durch eine weitere eingebogene Spitze gespalten sind, so daß drei eingebogene Spitzen nebeneinander stehen, eine übergeordnete und zwei untergeordnete. Das ist der gleiche Aufbau wie am Kenotaph für Karl II. in Seckau und wie im Mausoleum für Ferdinand II. in Graz, und wie an der Purg Pettau (Ptuj, Slowenien), aber anders als an der alten Universität.

Im Einzelnen lassen sich die Felder wie folgt zuschreiben: Oberste Reihe: gespalten

Zweite Reihe: dreimal gespalten:

Herzschild: geviert,

Dritte Reihe: dreimal gespalten

4. Reihe (Feld 7 und 8 sowie eingepfropfte Spitze):

Über beiden Wappen ruht ein Herzogshut; die Füllung ist jeweils mit feinen Ornamenten damasziert und von einem dünnen, weitmaschigen Netz mit Rosetten an den Kreuzungspunkten überzogen, ferner ist der Hermelinbesatz des erzherzoglichen Hutes oben gezackt.

Der Bildhauer der beiden Wappen ist Philibert Pocabello. Er hat die betreffenden Wappensteine vor 1605 angefertigt, wahrscheinlich 1603, wie ein flehentlich bittender Brief aus diesem Jahr belegt, in dem er an die Begleichung seines ausstehenden Honorars von 950 Gulden erinnert, unter der Angabe, daß die Bestellung bereits ausgeführt seit mehreren Jahren bei ihm läge. Pocabello war dadurch in Not geraten und mußte Hab und Gut verpfänden. Doch das interessierte das Hofpfennigmeisteramt offensichtlich wenig, denn erst 6 Jahre später, nämlich 1611, bekam der Bildhauer die letzten noch ausstehenden Gelder bezahlt.

 

Das Wappen für seine Frau Maria Anna v. Bayern (18.12.1574-8.3.1616) ist das der Herzöge von Bayern, es ist geviert, Feld 1 und 4: in Schwarz ein goldener, rot gekrönter und ebenso bewehrter Löwe (Pfalz), Feld 2 und 3: von Silber und Blau schräg gerautet (Wittelsbach). Um den Ovalschild ist ein Zierband gelegt; dort, wo der Ehemann das Widdervlies hat, ist hier ein Puttenkopf.

Literatur, Quellen und Links:
Reiner Puschnig, die Wappen an der alten Universität in Graz, zur Staatsheraldik des Grazer Hofes um 1600, Mitteilungen des Steiermärkischen Landesarchivs Nr. 14, http://www.verwaltung.steiermark.at/cms/d....1600.pdf - Themenübersicht: http://www.verwaltung.steiermark.at/cms/beitrag/11138120/146242/ - Download: http://www.verwaltung.steiermark.at/cms/beitrag/10010384/146242/
Franz Gall, Österreichische Wappenkunde: Handbuch der Wappenwissenschaft, 3. Auflage, Böhlau Verlag, Wien 1996, ISBN 3-205-98646-6
Hugo Gerhard Ströhl, österreichisch-ungarische Wappenrolle, Reprint der Ausgabe von 1900, als Anhang die Staatswappen bis 1918, kommentiert von Michael Göbl, Edition Winkler-Hermaden 2010, ISBN 978-3-9502845-1-5
Hinweistafel am Bauwerk
http://text.habsburger.net/module/die-grossen-gegenreformatoren-karl-ii.-von-inneroesterreich-und-ferdinand-ii
Ferdinand II:
http://www.planet-vienna.com/habsburger/bios/ferdinand_II/ferdinand_II.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Inneres_Paulustor_%28Graz%29
http://de.wikipedia.org/wiki/Paulustor_%28Graz%29
Stadttore von Graz:
http://www.gsund.net/cms/beitrag/10099920/2875420/ und http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Grazer_Stadttore - http://www.streetsofgraz.at/doc.ccc?d=1850&x=ABCDEFGH und http://www.austria-lexikon.at/af/Wissenssammlungen/Damals_in_der_Steiermark/Grazer_Stadttore
Burg Ptuj/Pettau:
http://www.gradovi.net/data/ptujgrad/PICT4463.JPG

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