Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1663
Riegersburg (Steiermark, Österreich)

Die Riegersburg: Vorburg und Wenzels-Tor

Die Vorburg der Riegersburg wurde im 17. Jh. unter Katharina Elisabeth von Galler, geb. von Wechsler, erbaut. Der Grundriß ist unregelmäßig fünfeckig, nach Westen zum Abgrund hin besteht sie aus einem geraden Bau mit Nutzräumen (Zeughaus), an dem der steile Zugangsweg schräg entlangführt; nach Süden und Osten hin, also zu den möglichen Angriffsseiten hin, ist sie mit überdachten, breiten Wehrgängen und zahlreichen Schießscharten ausgestattet, so daß man das gesamte, hier nur mäßig geneigte Gelände mit Schußwaffen und ggf. Geschützen bestreichen konnte. Am Zeughaus mündet der steile Eselssteig, der westliche Zugang zur Burg, der sich an der Felswand entlang von Norden nach Süden zieht. Ein verschließbares gotisches Portal kontrolliert diesen zweiten Zugang, der aber als Angriffsweg mit entsprechend Material und Kriegern nicht ernsthaft in Frage kommt, da er zu schmal und zu steil ist und von oben leicht verteidigt werden kann. Dieser Eselssteig war eher ein Versorgungsweg, evtl. auch ein möglicher Ausfall- oder Fluchtweg. An der Südfront der Vorburg ist noch ein Offiziershaus. Rückwärtig, nach Norden hin, ist die Vorburg offen, so daß ein evtl. doch eingedrungener Feind keine Möglichkeiten zur Deckung vorfand, wenn er vor dem zweiten, inneren Graben stand.

Über eine über den Schanzgraben gelegte hölzerne Brücke gelangt man zum sog. Wenzelstor. In gerader Linie erblickt man durch das Tor hindurch das nächste, innerste Tor, welches in das eigentliche Hochschloß führt. Über dem Tor ist ein großes Wappen der Bauherrin. Seitlich neben diesem befinden sich zwei obeliskenbekrönte runde Medaillons, optisch links mit dem Brustbild des schnauzbärtig dargestellten Kaisers Ferdinand III. (13.7.1608-2.4.1657), optisch rechts mit dem seiner ebenfalls gekrönten Gemahlin. Interessant sind die beiden löwenköpfigen Stützen mit Frauenleibern, die sich jeweils außen an das Medaillon lehnen.

Doch welche ist es? Das angegebene Baujahr ist 1653, also muß es seine dritte Frau sein, die 1651 in Wien geehelichte Eleonora Magdalena Gonzaga von Mantua-Nevers (1630-1686), denn seine erste, 1631 in Wien geehelichte Frau war Maria Anna von Spanien (18.8.1606-13.5.1646), und seine zweite, 1648 in Linz geehelichte Frau war Maria Leopoldine von Österreich-Tirol (6.4.1632-7.8.1649), waren beide schon zur Bauzeit dieses Tores verstorben. Das Größenverhältnis zwischen Kaiserpaar und Wappen der Burgherrin spricht eine deutliche Sprache, auch wenn die Inschrift des Kaisers als Schutzherren gedenkt.

Das letzte Stück der hölzernen Brücke war früher als Zugbrücke ausgebildet, die man bei Gefahr hochziehen konnte. Die Rollen sind noch in den Zwickeln beiderseits des Rundbogens erkennbar, auch wenn die Seile keine Funktion mehr haben, und die Mauervertiefung, in die die Brückenklappe bündig einschlagen konnte, ist noch gut zu erkennen. Das Tor ist dreiteilig wie ein antiker Triumphbogen aufgebaut, mit einem großen Durchlaßbogen im breiteren Mittelteil, aber anstelle der niedrigeren seitlichen Durchgänge in den beiden schmaleren Seitenteilen sehen wir Figurennischen in adäquaten Proportionen. Auch das Gebälk, das eine dreiteilige Inschrift zwischen zwei Gesimsen einschließt, erinnert an eine Triumphbogenkonstruktion.

Linker Teil der Inschrift: "AVF GOTTES GNAD VND REICHEN SEGEN STETH ALL MEIN HOFFNVNG VND MEIN LEWEN (LEBEN) CATHARINA ELISAWETH (ELISABETH) GALLERIN GEBORNE WECHSLERIN FREYIN FRAV ZVM STAIN (BURG) RIEGKHERSPVRG (RIEGERSBURG) VND LIECHTENEGKH WITTIB". Die Burgherrin nennt sich nicht nur Herrin der Riegersburg, sondern auch der Burg Lichtenegg: Das ist eine ehemalige Burganlage ("niedere Feste"), die im Südosten der Kernburg innerhalb des Befestigungsringes lag und während des Aufstiegs zwischen Lichtenegger Tor und Pyramidentor links liegengelassen wird. Im Mittelalter waren das noch zwei separate Burgen auf dem Bergplateau, im Norden an der höchsten Stelle des Basaltfelsens das Hochschloß namens Kronegg und südlich davon die Burg Lichteneck, nicht ganz so hoch gelegen. Heute ist an der Stelle dieser zweiten Burg ein Grenzlandehrenmahl zur Erinnerung an die Gefallenen der beiden Weltkriege. Das Steinmaterial ist da längst woanders in den Befestigungsanlagen verbaut gewesen, denn bereits 1650 wurde sie abgerissen.

Mittlerer Teil der Inschrift: "EINES IEDWEDERN SIEIN EIN VND AVS GANG / DER GESCHECHE IN IESV (JESU) VNSERS HERRN NAMB / DVRCH SEINER HILFF (HILFE) VND SEINER GAB(E) / ICH DI(E)SES HAVS VBERKHVMEN HAB / GOTT VERLICHE (VERLEIHE) FEHRNER (FERNER, WEITER) SEIN GENAD (SEINE GNADE) / GOTT FIER (FÜR) ALLES AL(L)E ZEIT ZV EHRN (EHREN) / DEM RÖM(ISCHEN) KAY(SER) ERKEN(N)EN FIER (FÜR) EIN SCHVZHERRN (SCHUTZHERRN) / KEIN FEINT (FEIND) NOCH THIRCKN (TÜRKEN) NICHT ZV FIRCHTEN (FÜRCHTEN) / EIN GVETTES (GUTES) GEWISSEN VND VNVERZAGT / HAT MANICHEN STARCKEN FEINDT VERIAGT". Gemeinsam mit den Burgen in Hartberg, Fürstenfeld und Radkersburg bildete die Riegersburg den wichtigsten Teil des steirischen Ostwalles gegen die Ungarn und später gegen die Türken. Die Türkengefahr war schon im 15. Jh. eine stete Bedrohung, 1480 wurde von ihnen die mittlere Steiermark heimgesucht, ferner eroberte der ungarische König Matthias Corvinus Teile der Steiermark, darunter Fürstenfeld und Radkersburg, doch die Riegersburg konnte alle Angriffe abwehren.

Rechter Teil der Inschrift: "WAS ICH IN 16 IAHR HIER HAB LASSEN PAVEN (ERBAUEN) DAS IST WOLL (WOHL) ZV SECHEN (SEHEN) VND ANZVSCHAVEN KAIN (KEIN) HALLER (HELLER) MICH NICHT REVEN (REUEN) THVET (TUT) ICH MAINS (MEINE ES) DEM VATTERLAND ZV GVETT (GUT) ANNO DOMINI 1653". Eine sehr selbstbewußte Aussage - was wäre der Schutz des Vaterlandes noch wert, wenn die Gallerin nicht mit eigenen Mitteln diese Burg zur starken Festung ausgebaut hätte!

Über dieser Inschriftenzone, die außen von zwei Löwenköpfen im Profil abgeschlossen wird und von zwei hersehenden Löwenmasken über den beiden Pfeilern unterbrochen wird, ist ein Wappen der Burgherrin angebracht. Das Vollwappen wird von einem U-förmigen Basalt-Ornament umrahmt, welches zu beiden Seiten von einem Löwen als Wappenhalter flankiert wird, die hier aber nicht wie bei Schildhaltern üblich einen direkten Prankenkontakt mit dem Schild oder anderen Teilen des Vollwappens haben, sondern sich seitlich gegen das zwischengeschobene Ornament aus dunklem Gestein stützen. Über dem Wappen wächst aus einem weiteren kleinen dunklen Zierrat ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln hervor.

Das Wappen ist das der Familie Wechsler (rechts Detailausschnitt). Es ist gespalten, rechts in Silber halber, roter, golden gekrönter und bewehrter Adler am Spalt, links in Rot zwei quergelegte (um 90 Grad gedrehte) silberne, dreieckige Zelte, mit der Grundlinie am Spalt und mit der Spitze am linken Schildrand. Auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender, rotgekleideter, bärtiger Mannesrumpf mit rotem, pelz- oder hermelingestulptem Hut, der mit zwei Mooskolben besteckt ist (so nach Siebmacher; im Bartsch ist der Hut golden), zwischen einem rechts silbernen, links roten Flug.

Insgesamt taucht dieses Wappen in der Riegersburg siebenmal auf, an Toren, in Stukkaturen etc. Das Wappen wird beschrieben bei Zacharias Bartsch und im Siebmacher Band: Bg8 Seite: 54 Tafel: 58, Band: Bg2 Seite: 35 Tafel: 58. Ein Wappenbrief für Nicolaus Wechsler von K. Ferdinand, ausgestellt zu Linz, datiert vom 9.8.1531. Ein Zweig der ansonsten bürgerlichen Familie war adelig. Interessanterweise werden in den genannten Quellen, Bartsch und Siebmacher Band: Bg8 Seite: 54 Tafel: 58, die Zelte genau andersherum dargestellt, also vom linken Rand ausgehend und mit der Spitze zur Spaltlinie gelegt. In der Riegersburg sind jedoch alle Darstellungen, außen wie innen, schlüssig und gleich mit eindeutig mit der Spitze zum linken Rand gedrehten Zelten. Die Abb. im Siebmacher Band: Bg2 Seite: 35 Tafel: 58 ist noch viel unzutreffender, weil waagerechte, halbe Zelte am linken Rand abgebildet sind, offensichtlich ein Mißverständnis und eine Zeichnung nach Hörensagen. Die Angaben variieren im Detail, so werden in letztgenannter Quelle die Zelte innen schwarz und mit goldenen Dachknöpfen beschrieben. Die ganzen hier vorgestellten Originalreliefs zeigen deutlich, wie das Wappen wirklich aussieht.

Detail: Der heraldisch linke Schildhalter-Löwe. Der Abstand zwischen Schild und "Schildhalter" durch ein dazwischengeschobenes Zierelement wurde bereits oben diskutiert. Die Darstellung, Stellung und Haltung des Löwen hingegen sind mustergültig.

Details: Zu beiden Seiten des Portals befinden sich in den Seitenabschnitten der Konstruktion Nischen mit Figuren. Auf der linken Seite ist das der antike Kriegsgott Mars (gr. Ares) mit schlecht erhaltenen Waffen in den Händen und fein ziseliertem Brustharnisch und federgeschmücktem Helm, auf der gegenüberliegenden Seite die Kriegsgöttin Bellona (gr. Enyo) mit Schild und ebenfalls federgeschmücktem Helm sowie mit einem kleinen Schuppenpanzer vor dem Bauch (der hier eher wie ein Häkeltäschchen aussieht). Die ihr zugeschriebene verwandtschaftliche Beziehung zu Mars variiert, in der späteren römischen Mythologie ist sie entweder die Ehefrau, die Tochter oder die Schwester von Mars, alternativ seine Wagenlenkerin.

Die Abbildungen zeigen den sich auf der weniger steil abfallenden Seite im Süden und Osten um die Vorburg ziehenden, breiten Graben, der genau wie der Brückenpfeiler aus dem gewachsenen Fels gemeißelt wurde. Dieser Schanzgraben wurde angeblich von 600 kriegsgefangenen Türken aus dem anstehenden Basalt geschlagen. Um die Hauptburg verläuft ein zweiter, innerer Graben parallel zum äußeren.

Literatur, Links und Quellen:
Wechsler: Zacharias Bartsch, Steiermärkisches Wappenbuch (1567), Facsimile-Ausgabe mit historischen und heraldischen Anmerkungen von Dr. Josef v. Zahn und Heraldische Besprechung von Alfred Ritter Anthony v. Siegenfeld, Graz u. Leipzig, Ulrich Mosers Buchhandlung (J. Meyerhoff) 1893, Seite 152 Tafel 124
Wechsler: Siebmacher Band: Bg8 Seite: 54 Tafel: 58, Band: Bg2 Seite: 35 Tafel: 58
Gerald Schöpfer, Riegersburg - die stärkste Festung der Christenheit, Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Karl-Franzens-Universität Graz, Graz/Riegersburg 2003, ISBN: 3-901674-12-8
Riegersburg:
http://www.austria-lexikon.at/af/Wissenssammlungen/Burgen_und_Schlösser/Steiermark/Riegersburg
Riegersburg:
http://www.burgen-austria.com/Archiv.asp?Artikel=Riegersburg%20%28Steiermark%29
Riegersburg:
http://www.veste-riegersburg.at/
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Siebmachers Wappenbücher

Aufstieg zur Riegersburg und Pyramidentor - Tor zum Hochschloß - Innenhöfe und Innenräume der Riegersburg

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