Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1662
Riegersburg (Steiermark, Österreich)

Die Riegersburg: Aufstieg und Pyramiden-Tor

Die Riegersburg ist eine der schönsten und besterhaltenen Burgen Österreichs, und die atemberaubende Lage über einem steilen Felsabsturz macht ihren Anblick zum Ziel aller Burgensehnsüchte, weil diese Westseite Herrschaftlichkeit, Wehrhaftigkeit und Unzugänglichkeit, all unsere Erwartungen an eine Höhenburg, mustergültig erfüllt, auch wenn bei näherem Hinsehen die Gebäude des Hochschlosses in ihrer heutigen Form aus der Spätrenaissance bzw. aus dem Frühbarock stammen. Dieser Anblick der Westseite läßt auch die abschnittsweise aufgebaute Befestigung erkennen, weil durch jeweils niedrige seitliche Wehrmauern die Zwischenstücke zwischen Hauptburg und erstem Riegel und Vorburg und zweitem Riegel (Taverne) erkennbar sind. Den Felsen entlang zieht sich der enge und extrem steile Eselssteig, ein Versorgungsweg, der von der Talsohle zur Vorburg führt.

Die erwähnten Riegel und Tore sind bei weitem nicht die einzigen Elemente der Schutzarchitektur. Die Abbildung oben verschweigt, daß es sich nur um den Gipfel und Endpunkt einer ausgedehnten, sich nach Südwesten erstreckenden Verteidigungsarchitektur von ca. 15 Hektar Grundfläche handelt, denn dort schützt nicht ein so steiler Felsabsturz, sondern das Gelände neigt sich erheblich flacher in Richtung Talsohle, so daß hier auch der sich in mehreren Windungen den Berg hochziehende Zufahrtsweg befindet, geschützt durch Steinkellertor aus dem Jahr 1690, das Cilli-Tor aus dem Jahre 1678, das Annentor, das Lichtenegger Tor aus dem Jahre 1679 und durch das Pyramidentor, erst dann gelangt man in den im Bild gewählten Ausschnitt und zu den letzten beiden Toren, ehe man die Kernburg betreten kann. Wo kein Felsabsturz die Verteidigung auf natürlichem Wege übernimmt, ist das Bergplateau durch Bastionen des 17. Jh. geschützt, im Uhrzeigersinn sind das das St. Regina-Bollwerk und das St. Michaeli-Bollwerk im Norden, das St. Xaveris-Bollwerk und das St. Marien-Bollwerk im Osten sowie das St. Josefi-Bollwerk im Süden und das St. Antoni-Bollwerk und das St. Katharina-Bollwerk im Südwesten. Weitere Bastionen wie die Leopoldi-Bastei befinden sich im Südwesten unterhalb der ehemaligen Burg Lichtenegg im Hang, größtenteils von dicht gesetzten Schießscharten strotzend. Insgesamt schützen damit sogar 11 barocke Bastionen und 7 massive Toranlagen den Zugang zum Hochschloß.

Abb. links: Lichtenegger Tor, Innenseite. Abb. rechts: eine südliche Hangbastei.

Abb. links: Cilli-Tor, Feindseite. Abb. rechts: Hangbefestigungen mit Lichtenegger Tor rechts oben, links daneben die ehemalige Ringmauer der Burg Lichtenegg, links unten das Cilli-Tor.

Abb. links: Hangbefestigungen im Südosten, Abb. rechts: Annentor, Feindseite

Nach Passieren der Ringmauer der ehemaligen Burg Lichtenegg erreicht man das um 1700 erbaute Pyramidentor, welches zum Zeitpunkt der Aufnahme im September 2010 gerade zwecks Restaurierung eingerüstet war. An diesem Tor begegnet uns die erste Wappendarstellung auf der Riegersburg, ein barockes Allianzwappen. Leider war das gesamte Tor beim Artilleriebeschuß 1945 zerstört worden; 1947/48 erfolgte der originalgetreue Wiederaufbau desselben.

Der heraldisch rechte Ovalschild zeigt das Wappen der von Purgstall (Burgstall), es ist geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Silber ein aus grünem Dreiberg wachsender, einwärts gewendeter roter Ochse mit Hörnern und goldenem Nasenring, Feld 2 und 3: golden-schwarz geteilt, darin eine auf einem grünen Dreiberg stehende, bis an die Teilungslinie reichende, oben mit einem Busch von schwarzen Hahnenfedern besteckte Doppelaxt an rotem Stiel, Herzschild: in Blau der natürliche, hersehende Kopf eines silberbärtigen alten Mannes. Das Wappen wird beschrieben im Band: Kro Seite: 153 Tafel: 110, Band: Bö Seite: 158 Tafel: 72, Band: NÖ1 Seite: 44 Tafel: 25. Dazu würden drei hier nicht dargestellte, gekrönte Helme gehören: Helm 1 (Mitte): auf dem Helm mit blau-silbernen Decken der natürliche, hersehende Kopf eines silberbärtigen alten Mannes, Helm 2 (rechts): auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken die mit einem Federbusch besteckte Doppelaxt aus dem Schild, Helm 3 (links): auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender roter Ochse mit Hörnern und goldenem Nasenring. Eine nicht diesen Literaturangaben entsprechende, neuzeitliche Farbdarstellung findet sich in den Museumsräumen der Burg.

Der zweite, heraldisch links befindliche Wappenschild der Ehefrau zeigt das Wappen der von Mörsperg (v. Mörsberg und Beffort). Das Wappen ist geviert, Feld 1 und 4: silbern-rot zu neun Plätzen geschacht, Feld 2 und 3: in Blau drei (2:1) silberne Adler. Dazu gehören zwei gekrönte Helme: Helm 1 (rechts): auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender Mannesrumpf, das Gewand silbern-rot zu neun Plätzen geschacht, um den Kopf eine rot-silberne Stirnbinde mit abfliegenden Enden, Helm 2: auf dem Helm mit blau-silbernen Decken ein wie Feld 2 bez. Flug. Das Stammwappen der am Oberrheintal, im Oberelsaß und in Baden beheimateten und nach der Burg Mörsberg (franz. Morimont) in Oberlarg (Sundgau) benannten Herren von Mörsberg ist im Scheiblerschen Wappenbuch (Bayerische Staatsbibliothek Cod.icon. 312 c), Folio 300, abgebildet. Dort ist als Helmzier auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender Mannesrumpf abgebildet, Gewand und silbern gestulpter spitzer Hut jeweils silbern-rot zu neun Plätzen geschacht. Im Basler Wappenbuch findet sich eine andere Variante mit Stammschild und zwei Helmen, Helm 1 (rechts): auf dem Helm mit silbern-roten Decken ein Flug, beiderseits silbern-rot zu neun Plätzen geschacht, Helm 2 (links): auf dem Helm mit silbern-roten Decken ein wachsender Mohrenrumpf in silbern-rot zu neun Plätzen geschachter Kleidung, um den Kopf eine rot-silberne Stirnbinde mit abfliegenden Enden. Weitere Belege für dieses Wappen finden sich in der Schlachtkapelle Sempach, im Rietstap/Rolland, sowie als vermehrtes Wappen im Alberti S. 514 auf der Basis der Frommannschen Wappensammlung, dort allerdings sind die Felder 1/4 und 2/3 vertauscht im Vergleich zum hiesigen Relief, auch findet sich das Schach genau mit inverser Farbverteilung. 1183 sind als erste Vertreter der Familie Heinrich und Walter von Mörsberg belegt. Die Familienmitglieder waren Lehnsleute der Grafen von Pfirt und dadurch mittelbar in späteren Zeiten auch der Bischöfe von Basel und der Herzöge von Österreich. Die Herren von Mörsberg fielen größtenteils bei Sempach, wodurch sich das Geschlecht unter den Hinterbliebenen in zwei Linien aufteilte. Caspar von Mörsberg, österreichischer Landvogt im Elsaß und stellvertretender Reichslandvogt im Unterelsaß, wurde 1488 in den Freiherrenstand erhoben. Die Nachkommen breiteten sich nach Württemberg, nach Niederösterreich sowie in die Steiermark aus. Julius Neidhart von Mörsberg, österreichischer Statthalter, wurde 1632 in den reichs- und erbländischen Grafenstand erhoben. Das Geschlecht erlosch 1756 mit der Nachkommenschaft des Erhart Friedrich von Mörsberg, Bruder des in den Grafenstand Erhobenen.

Abb.: Burg Riegersburg von Westen im Lichte der untergehenden Sonne.

Mit der Identifizierung beider Wappenbestandteile lassen sich auch konkret die beiden Personen zuordnen: Es handelt sich um Wenzel Karl Graf von Purgstall Freiherr zu Krupp und Freyenthurm, Besitzer der Herrschaften Riegersburg und Hainfeld (gest. 23.01.1749), der Maria Anna Clara Reichsgräfin von Mörsperg und Beffort (geb. 30.07.1688) geheiratet hatte. Sie war die Tochter von Georg Friedrich Graf von Mörsperg und Beffort und Eleonore Maria Clara von Trauttmansdorff.

Die Grafen von Purgstall kamen auf folgende Weise an die Riegersburg: Johann Ernst Graf von Purgstall hatte die einzige Tochter von Katharina Elisabeth geb. v. Wechsler aus erster Ehe, Regina von Galler, geheiratet. Interessanterweise enthielt der Verlobungsvertrag zwischen der 16jährigen Erbtochter und dem Bräutigam den Passus: "...ist Wohlgedachte Freyla Gallerin Ermelten Herrn Von Purchkstall auf sein Ehrlichs Und Christlichs Ersuechen zu einer Ehelichen Gemahel ... Versprochen Worden... aber die Hochzeit und Beylager erst über ein zeith, Wann es Ihr Wohlgedachter Frau Gallerin, als Frau Muetter beleiblichen und gefällig sein Wirdt, beschehen solle, und Herr Von Purckhstall sich biß dahin gern zugedulden Und zuwartten...Versprochen hatt." Toller Verlobungsvertrag, in dem die Schwiegermutter den Zeitpunkt festlegt, wann sie miteinander schlafen dürfen. Hintergrund dürfte gewesen sein, daß an dem Tag die Mitgift fällig war..... Im Jahr 1659 war dann endlich die Hochzeit.

Jener Schwiegersohn Johann Ernst Graf von Purgstall wurde nach der zweiten Heirat der Schwiegermutter Katharina Elisabeth geb. v. Wechsler zu ihrem schlimmsten Feind, denn er tat sich mit dem Verwalter Grattenau zusammen und verleumdete die Burgherrin, u. a. zeigte er sie als unrechtmäßige Besitzerin der Riegersburg an, die er als heimgefallenes Lehen betrachtete. Auch brachte Johann Ernst Graf von Purgstall den Kaiser dazu, die Finanzmittel seiner Schwiegermutter durch das Land beschlagnahmen zu lassen, angeblich, um die Erbansprüche seiner Gemahlin zu sichern. Auch intervenierte und intrigierte er solange, bis die Befehlsgewalt über die Riegersburg von seiner Schwiegermutter auf das Land übertragen wurde. Der Übergang der Burg von der Wechslerin auf die Familie Purgstall war also von übelsten Intrigen und Gemeinheiten des Schwiegersohns gegenüber der Burgherrin der Riegersburg überschattet, wobei diese sich eigentlich von ihm Hilfe und Unterstützung erhofft hatte, sich aber entsetzlich in seinem Charakter getäuscht hatte. 1668 überschrieb Katharina Elisabeth geb. v. Wechsler (gest. 12.2.1672) die Riegersburg ihrer Tochter.

Johann Ernst Graf von Purgstall machte sich in der Steiermark einen Namen als Hexenrichter während des Hexenwahnes in der Südoststeiermark. Außerdem vollendete er die von seiner Schwiegermutter begonnenen und oben beschriebenen Festungsanlagen der Riegersburg. Dafür, daß er die Riegersburg zur "stärksten Festung der Christenheit" ausbaute, wurde er vom Kaiser zum Oberst befördert und als Kommandant der Festung Riegersburg eingesetzt. Er war der Sohn von Johann Georg Freiherr v. Purgstall. Wenzel Carl Graf v. Purgstall (-6.7.1768), dessen Wappen wir am Pyramidentor sehen, war der Sohn von Johann Gottfried Ferdinand Graf v. Purgstall (1638-4.6.1707), vermählt mit Maximiliana Eusebia Hiserle v. Chodau, und der Enkel von Carl Freiherr v. Purgstall, vermählt mit Eva Felicitas Freiin v. Herberstein. Damit ist der Erbauer des Pyramidentores der Großneffe des intriganten Schwiegersohnes der "Gallerin", von der in den nachfolgenden Kapiteln noch viel die Rede sein wird.

Literatur, Links und Quellen:
Gerald Schöpfer, Riegersburg - die stärkste Festung der Christenheit, Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Karl-Franzens-Universität Graz, Graz/Riegersburg 2003, ISBN: 3-901674-12-8
Riegersburg:
http://www.austria-lexikon.at/af/Wissenssammlungen/Burgen_und_Schlösser/Steiermark/Riegersburg
Riegersburg:
http://www.burgen-austria.com/Archiv.asp?Artikel=Riegersburg%20%28Steiermark%29
Riegersburg:
http://www.veste-riegersburg.at/
Mörsberg: Wappenbuch der Stadt Basel. Unter den Auspizien der historischen u. antiquarischen Gesellschaft in Basel herausgegeben von W. R. Staehelin, Zeichnungen Carl Roschet, F. Gschwind, Lothar Albert et al., 3 Teile in mehreren Folgen, Band 2, Basel
Mörsberg: J. Siebmachers Grosses Wappenbuch Band E. Württembergisches Adels- und Wappenbuch. Im Auftrage des Württembergischen Altertumsvereins begonnen von Otto v. Alberti, Bauer & Raspe 1975 (Reprint), 1112 Texts. mit 4132 Wappen + 122 S. Figurenverzeichnis, S. 514
Mörsberg: Veronika Feller-Vest, von Mörsberg, in: Historisches Lexikon der Schweiz
http://www.hls-dhs-dss.ch/index.php, speziell http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D20005.php
Mörsberg: Scheiblersches Wappenbuch (Bayerische Staatsbibliothek Cod.icon. 312 c), Folio 300
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Informationstafeln im Burgmuseum, dort wird z. B. der Verlobungsvertrag zitiert.

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