Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1645
St. Johann bei Herberstein (Steiermark, Österreich)

Pfarrkirche von St. Johann bei Herberstein

In dem Ort St. Johann bei Herberstein befindet sich die katholische Pfarrkirche Hl. Johannes der Täufer an beherrschender und markanter Stelle auf einem ringsum steil abfallenden Hügelzug, einem Ausläufer des oststeiermärkischen Kulms, hoch über der hier das Bergland hinter sich lassenden Feistritz in 421 m Höhe über der Adria. Auch wenn das barocke Äußere zeigt, daß die Kirche in ihrer heutigen Form ein Werk aus der Mitte des 17. Jh. ist, so sind die Wurzeln dieses Gotteshauses doch wesentlich älter und stammen aus romanischer Zeit. Der barocke Bau aus der Zeit von 1655-1659 steht auf den Fundamenten der ersten gemauerten Kirche des Talabschnittes von ca. 20 m Länge und gleicher Breite wie heute, das mittelalterliche Quadermauerwerk ist an vielen Stellen zu sehen, und auch die Steine der älteren Kirche wurden beim Neubau als Spolien wiederverwendet.

Die Kirche gehörte im Mittelalter erst als Eigenkirche den Herren von Feistritz, dann ab 1188 den Herren von Wildon, und ab 1245 war sie ein Besitz des Erzstiftes Salzburg. Die Erzbischöfe gaben das Kirchenpatronat wiederum zu Lehen an die Herren von Stubenberg (Hermann von Stubenberg, gest. 1281, war salzburgischer Vicedomus). Der nächste Eigner der Pfarrei St. Johann war der Deutsche Orden; bereits im Jahr 1260 hatte er die Pfarrei zugesprochen bekommen. Die Herren von Stubenberg, die hier 1384 ein Erbbegräbnis gestiftet hatten, bemühten sich lange vergeblich, den Ort von dem Deutschen Orden zu erwerben. Die Pfarr-Rechte sind 1641 nach Pischelsdorf "abgewandert", doch das Begräbnisrecht blieb in St. Johann.

Eine andere Familie machte schließlich das Rennen um den Besitz; 1652 konnte Johann Maximilian von Herberstein (1601-19.5.1679) den Ort erwerben. Er war seit 1648 bis 1660 Landeshauptmann der Steiermark und seit 1652 Statthalter von Innerösterreich und Ratsdirektor. Er wurde Bauherr der barocken Kirche, die er von Maurermeister Michael Arhan nach Plänen von Anton Solar errichten ließ, und die Weihe derselben am 15.5.1672 zu Ehren des Hl. Johannes d. Täufers und des Hl. Maximilians wurde als ein glanzvolles Adelsfest inszeniert. Die Predigt hielt P. Abraham von Sancta Clara. Unter dem Hochaltar befindet sich die 1658-1840 als Grablege genutzte historische Gruft der Herren und Grafen von Herberstein, abgemauert die heutige, von außen zugängliche moderne Grablege.

Daß die Siedlungsgeschichte hier bis in die Antike zurückreicht, erkennt man an den vielen eingemauerten Römersteinen, Relikte eines vorchristlichen Kultplatzes und einer Nekropole, wobei einer der Steine im Bild unten rechts oberhalb des Haupteinganges zu sehen ist.

Daß die Kirche für barocke Verhältnisse heute etwas nüchtern aussieht, verdankt sie mehreren Renovierungen in den Jahren 1912, 1955 und 1998 sowie zuletzt 2006. Einen Eindruck des Originalzustandes vermittelt ein Stich aus der Hand von G. M. Vischer von 1680, der eine wesentlich reichere Fassadengliederung zeigt.

Die Fassade der Kirche nach Westen hin ist ungegliedert und dreigeschossig mit zwei rechteckigen Fenstern im Lot über dem Hauptportal, darüber erhebt sich ein abgestufter Giebel mit geschwungenen Seiten und aufgesetztem Türmchen mit Laternenhelm, auch dieser präsentiert sich uns heute stark vereinfacht im Vergleich zum barocken Zustand, der hier eine stark eingeschnürte Zwiebelhaube vorsah, die 1765 erneuert und 1860 zur heutigen Lösung vereinfacht wurde, und die 1906 komplett erneuert wurde.

Heraldisch ist das Herberstein-Wappen im Sprenggiebel über dem Portal von Interesse. Es gehört zu dem Bauherrn Johann Maximilian von Herberstein (1601-19.5.1679), Sohn von Hofkriegsrat Bernhardin Graf v. Herberstein (1566-30.7.1624) und dessen zweiter Frau Margarita di Valmarana. Am 26.2.1644 wurde Johann Maximilian österreichischer Graf. Er war vermählt in erster Ehe mit Eleonore Katharina v. Breuner und in zweiter Ehe mit Susanne Elisabeth v. Galler. Seine Kinder aus erster Ehe waren Maria Theresia, Margarethe Renata, Johann Ferdinand (kaiserlicher Kämmerer und Generalfeldwachtmeister), Johann Joseph, der in einer Schlacht gefallene Johann Franz, Johann Maximilian Graf v. Herberstein (Landeshauptmann von Kärnten 1675, dann der Steiermark), sowie die drei jung verstorbenen Johann Jacob, Johann Bernhardin und Johann Ignaz. Auch der Großvater des Bauherrn, Georg Freiherr v. Herberstein (28.1.1529-1586), war ab 1580 Landeshauptmann der Steiermark gewesen, desgleichen war sein Urgroßvater, Bernhardin Frhr. v. Herberstein (-10.3.1554), Landesverweser der Steiermark gewesen, ebenso Oberst des steirischen Kriegsvolks.

Die Brüder Sigmund und Wilhelm von Herberstein bekamen am 18.11.1531 den erbländisch-österreichischen Freiherrnstand.1537 erwarben die Herbersteiner den Reichsfreiherrenstand; am 26.2.1644 bekamen die Brüder Johann Maximilian, Johann Georg und Johann Wilhelm und deren Cousins Johann Georg und Hans Bernhard von Herberstein den erbländisch-österreichischen Grafenstand als "Graf zu Herberstain, Freiherr zu Neuberg und Gutenhag, Herr auf Lanckowicz" mit der Titulatur "Hoch- u. Wohlgeboren" nebst entsprechender Wappenbesserung. Schließlich erhielt am 30.7.1710 das gesamte Geschlecht den Reichsgrafenstand. Ungarisches Indigenat 24.10.1609.

Das hier farblich nicht korrekt gefaßte, sondern willkürlich zweifarbig angestrichene Wappen der Grafen von Herberstein ist wie folgt aufgebaut (im folgenden mit korrekten Tinkturen):

Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: NÖ1 Seite: 181 Tafel: 86-87, Band: OÖ Seite: 113 Tafel: 36, Band: Mä Seite: 45 Tafel: 33, Band: Bö Seite: 227 Tafel: 99, Band: PrGfE Seite: 8 Tafel: 13, Band: Un Seite: 232 Tafel: 180, ferner im Bartsch, wobei in dieser Quelle zwei Komponenten auf separate Schilde verteilt werden und der Hauptschild aus Herberstein und Kastilien/Österreich geviert ist (s. u.).

Die Entwicklung des Herberstein-Wappens:

Stammwappen: in Rot ein silberner Sparren, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein roter, mit einem silbernen Sparren belegter Flügel.

1. vermehrtes Wappen, seit 1409 geführt (Wappenbrief für Günther von Herberstein von Herzog Ernst von Österreich vom 2.2.1409 zu Ebenfurt): Geviert,

Zwei Helme:

Der Originalwortlaut des Wappenbriefes, Hag betreffend, ist: "Ain schilt von Keel mit ainem Khundt von golde in har gebunden von Zobl, auf dem Helm ain Kunt von demselben gecrönte von Gold vnd auff der cron ain Pusch von Zobl". "Keel" ist eine alte Bezeichnung für rotes Fell, eine besonders edle Umsetzung der Tinktur "Rot", "Khundt" meint Kummet, und "Zobl" steht für "Schwarz", ebenfalls eine Umsetzung der heraldischen Farbe Schwarz in eine Fellform. "in har gebunden von Zobl" bedeutet, daß der Lederbezug des Kummets mit schwarzem Faden, naheliegend also Roßhaar, vernäht ist.

2. vermehrtes Wappen, seit 1522 geführt (Majestätsbrief von Kaiser Karl V. vom 4.1.1522 zu Gent): Geviert,

Drei Helme:

In der Tat wurde hier das Stammkleinod komplett aufgegeben zugunsten dreier neuer Kleinode! Das ist ein einzigartiger Fall, daß "aus dem Nichts" drei vollkommen neue Kleinode erfunden wurden, während man das angestammte, altehrwürdige Kleinod vollkommen aufgab. Grundsätzlich tendierte man normalerweise eher dazu, Vermehrungen zusätzlich aufzunehmen, aber das angestammte Kleinod beizubehalten.

3. vermehrtes Wappen, seit 1542 geführt (Urkunde von Kaiser Ferdinand I. vom 15.12.1542 zu Wien, Anerkennung des Neubergschen Wappens für die Familie v. Herberstein):

In der Siebmacher-Literatur werden die Felder 2 und 3 so dargestellt, daß der Turm stets innen ist, also Feld 3 gewendet ist. Daß das nicht immer zutrifft, zeigt die Darstellung an der hier besprochenen Kirche, ein weiteres Beispiel ist das Allianzwappen an der Burg Gutenhag (Hrastovec). Im Siebmacher wird die Wendung jedoch konsequent vollzogen, auch wenn Bartsch sie in vergleichbaren Darstellungen nicht vornimmt. Im Gatz ist hinsichtlich der Wappen der Bischöfe aus der Familie (Fürstbischof von Laibach: Sigmund Christoph Graf von Herberstein; Fürstbischof von Laibach: Karl Johann Reichsgraf von Herberstein; Bischof von Linz: Ernest Johann Nepomuk Reichsgraf von Herberstein; Fürstbischof von Regensburg: Johann Georg (seit 1644 Graf) von Herberstein) der heraldisch korrekten Logik der Vorzug gegeben worden, folglich wurde bei den Darstellungen dort ebenfalls Feld 5 nicht gewendet.

Zu diesem Wappen werden fünf gekrönte Helme geführt:

Eine Variante des Wappens, die den Übergang vom 2. zum 3. vermehrten Wappen darstellt, wird im Bartsch abgebildet, ferner findet sich eine solche Darstellung an der Kirche von Stubenberg:

Eine spätere, seit 1896 geführte Variante des gräflich-Herbersteinschen Wappens hat noch zwei Felder mehr (Aufnahme der beiden Felder und Kleinode des vermehrten Wappens der ausgestorbenen böhmischen Grafen von Proskau, seit dem 30.9.1896 für den k. u. k. Kämmerer Joseph Graf zu Herberstein):

Sieben gekrönte Helme:

Das leicht veränderte Wappen der am 29.7.1769 mit Graf Georg Christoph erloschenen Grafen von Proskau (v. Pruskau, Proskowski) wird übrigens heute von der oberschlesischen Stadt Proskau, polnisch Prószków, geführt: Geviert, Feld 1 und 4: in golden-schwarz geteiltem Feld ein Hirsch in verwechselten Farben, Feld 2 und 3: silbern-rot gespalten mit je einem Hufeisen in verwechselten Farben, mit dem Bogen gegen die Spaltung gelegt und mit den Stollen nach außen.

Zurück zur Kirche: Linkerhand der Hauptfront befindet sich ein Augustinerkloster, welches unter Maximilian von Herberstein kurz nach dem Kauf als Hofkloster gegründet und schon 1654 mit Mönchen belegt wurde, die hier in der ländlichen Abgeschiedenheit für die Stifterfamilie und ihre Verstorbenen beten sollten. Als 1786 St. Johann erneut Pfarr-Rechte bekam, übernahmen die Mönche die Pfarr-Seelsorge bis 1816, danach die Diözese. Heute, nach Aufhebung des Augustinerklosters 1820 und Einzug der Kapuziner 1953-1986 ist hier das Erholungs- und Bildungszentrum „Haus der Frauen“ der Diözese Graz-Seckau eingerichtet.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Die Wappen der Hochstifte, Bistümer und Diözesanbischöfe im Heiligen Römischen Reich 1648-1803, hrsg. von Erwin Gatz, von Clemens Brodkorb, Reinhard Heydenreuter und Heribert Staufer, Schnell & Steiner Verlag 2007
Zacharias Bartsch, Steiermärkisches Wappenbuch (1567), Facsimile-Ausgabe mit historischen und heraldischen Anmerkungen von Dr. Josef v. Zahn und Heraldische Besprechung von Alfred Ritter Anthony v. Siegenfeld, Graz u. Leipzig, Ulrich Mosers Buchhandlung (J. Meyerhoff) 1893, Seite 39 Tafel 23
http://de.wikipedia.org/wiki/Herberstein_(Adelsgeschlecht)
Valentin Einspieler, Herberstein, in: Neue Deutsche Biographie, Band 8, Duncker & Humblot, Berlin 1969, S. 577 f., online:
http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016409/images/index.html?seite=593
Hinweistafeln vor Ort
Kirchenführer von St. Johann bei Herberstein
Familie Herberstein:
http://www.coresno.com/aktuell/133-boehmen/3009-lex-herberstein.html
GHdA, Adelslexikon, Bd. V, 1984.
Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Gräflichen Häuser 1827 bis 1938.

Pfarrkirche Stubenberg, Herberstein-Epitaph - Pfarrkirche Stubenberg, Hanns Drechsler auf Neuhaus - Pfarrkirche Stubenberg, Georg Andreas v. Wurmbrand-Stuppach - Pfarrkirche Stubenberg, Ehrenreich v. Wurmbrand-Stuppach

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