Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1611
Nassau (Rhein-Lahn-Kreis)

Das Stein'sche Schloß in Nassau

Am Rand des alten Ortskernes von Nassau an der Lahn befindet sich im Südosten des weitläufigen, spitz nach Nordwesten zulaufenden Parks das sog. Stein'sche Schloß. Es trägt den Namen der Familie, die es jahrhundertelang besessen und ausgebaut hat, und der mit dem hier geborenen preußischen Staatsminister und Reformer Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein (26.10.1757-29.6.1831) der berühmteste Besitzer des Anwesens entsproß, und mit dem zugleich die Familie im Mannesstamm 1831 erlosch. Heute gehört das Anwesen jedoch den Grafen von Kanitz, wie die Genealogie unten zeigt, Nachfahren in mehrfach weiblicher Linie. Das Schloß ist Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden, der Hof ist jedoch ein kleines Stück weit zugänglich.

Es gibt drei Wappensteine am Schloß, einen barocken über dem straßenseitigen Einfahrtsbogen, einen im Stile der Spätrenaissance am Hauptportal zum Schloß und einen im Stil der Neugotik am polygonalen Turmbau. Alle drei repräsentieren ganz verschiedene Ausbauphasen des Stein'schen Schlosses. Dieses entspricht den drei Bauphasen: Die seit dem 14. Jh. bei Nassau ansässige Familie, Lehnsmänner der Grafen von Nassau, verlegte zu Beginn des 17. Jh. ihren Familiensitz von ihrer außerhalb Nassaus unterhalb der auf dem Berggipfel thronenden Burg ihrer Lehnsherren gelegenen Höhenburg, heute nur noch eine Ruine, an die Stelle ihres einstigen Zehnt- und Gutshofes im Ort. Es entstand durch Umbau desselben ein Wohnschloß im Stil der Spätrenaissance, 1621 vollendet, mit vorgesetztem viereckigem Treppenturm; und die geschweiften Giebel sprechen die Formensprache dieser Zeit.

Dieser auf 1621 datierte Wappenstein über dem Haupteingang in den Hauptbau des Schlosses gehört zu Johann Gottfried vom Stein zu Nassau (1560-1630), 1604 gräflich Nassau-Saarbrückener Rat und Oberamtmann zu Weilburg, und seiner Frau Katharina Quadt von Landscron (gest. 1622). Das Stammwappen der Freiherren zum Stein zeigt in Gold eine rote, blau bebutzte Rose, auf dem Helm mit rot-goldenen Decken wachsend Kopf und Hals eines silbernen Esels (für das Stammkleinod sind viele Varianten überliefert, 1350 zwei Federstöße, 1352 zwei Pfauenstöße, ca. 1400 ein goldener Brackenrumpf mit rotem Halsband, 1355 ein silberner Eselsrumpf, der sich schließlich durchgesetzt hat, dazu Decken schwarz-silbern oder alternativ rot-golden, im späteren vermehrten Wappen allgemein rot-golden).

Das Wappen der Quadt von Landscron ist geviert, Feld 1: in Rot zwei silberne Wechselzinnenbalken (Stammwappen Quadt), Feld 2: in Rot eine goldene Bügelkrone (Landscron), Feld 3: in Gold zwei zu zwei Reihen rot-silbern geschachte Balken (Herrschaft Tomberg), Feld 4: in Blau ein goldener Schrägbalken, zu jeder Seite von drei goldenen Lilien begleitet (Herrschaft Ehrenberg). Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender silberner Bär zwischen einem roten Flug, der beiderseits mit zwei silbernen Wechselzinnenbalken belegt ist (Stammkleinod Quadt).

Die zweite Bauphase lag in der Mitte des 18. Jh. 1755 wurden rechts und links des Wohnschlosses niedrigere Flügelbauten im barocken Stil nach vorne gezogen, um einen dreiseitig von Gebäuden umgebenen, nicht ganz rechteckigen, sondern leicht parallelogrammartig verzerrten Ehrenhof zu bilden.

Dieser barocke Wappenstein über dem Außenportal (im Schlußstein auf 1621 datiert, doch das Wappen ist später entstanden) gehört zu Ludwig Christoph vom Stein zu Nassau (1646-1707), Ritterrat, auf Frücht und Schweighausen, und seiner Frau Anna Promissa Gräfin zu Eltz zu Rodendorf (1650-1718). Das Wappen der Freiherren zum Stein ist wie oben beschrieben, aber nun vermehrt: Geviert, Feld 1 und 4: in Gold eine rote, blau bebutzte Rose (Stammwappen vom Stein), Feld 2 und 3: in Gold ein roter Balken (ausgestorbene v. Schöneck). Christoph vom Stein beerbte die Letzte dieser Familie, Margarethe von Schöneck, wegen Heiratsverwandtschaft. Seine eigene Frau Margarethe von Nassau war die Tochter von Johann von Nassau und Margarethe von Schöneck, die war die Erbtochter von Georg von Schöneck, dem letzten seines Stammes. Auf der Seite der Ehefrau ist das Wappen der Grafen von Eltz, rot-silbern geteilt, oben wachsend ein goldener Löwe. Das Oberwappen fehlt hier bei beiden, stattdessen überhöht eine Laubkrone das von zwei Löwen gehaltene Ehewappen.

Die dritte Bauphase war zu Zeiten der Romantik, unter dem preußischen Reformminister Heinrich Friedrich Karl vom Stein entstand 1814-17 ein achteckiger, rot gestrichener, dreigeschossiger Turm im Stile der Neugotik. Es sollte eine Art Monument zum Gedenken an die Befreiungskriege werden, mit Marmorbüsten der drei gegen Napoleon verbündeten Monarchen in einer Art Gedächtnishalle im Innern, wobei erwähnt werden sollte, daß der Bauherr als Teilnehmer des Wiener Kongresses durchaus Anteil an der nachnapoleonischen Neuordnung Europas hatte. Verantwortlicher Baumeister für diesen Turm, der zwar konzeptionell einzigartig und wegweisend für ähnliche Bauten wie z. B. in Sinzig war, und seine kunstgeschichtliche Bedeutung als einer der frühesten romantisch-neugotischen Bauten hat, aber ein architektonischer Fremdkörper in der Schloßanlage war und bleibt, war Johann Claudius von Lassaulx.

Dieser neugotische, auf 1815 datierte Wappenstein über dem von einem Spitzbogenportal gerahmten Eingang zum Steinschen Turm (Abb. oben rechts) gehört zu dem preußischen Reformminister Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein (26.10.1757-29.6.1831) und seiner Frau Christiane Mathilde Wilhelmine Friederike Gräfin v. Wallmoden-Gimborn (22.6.1772 -15.9.1819). Das Wappen der Freiherren zum Stein ist hinsichtlich des Schildes wie oben beschrieben vermehrt, dazu sehen wir hier das vollständige Oberwappen mit zwei Helmen: Helm 1 (rechts): auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken wachsend Kopf und Hals eines silbernen Esels (wird in der Literatur auch mit um den Hals gelegter, schwarzer Krone angegeben, die bei der Erlangung des Freiherrenstandes hinzugekommen sein soll, hier aber fehlt. Die könnte sich aus einem roten Halsband entwickelt haben, zur Entwicklung des Stammkleinodes s. o.), Helm 2 (links): auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken ein goldener, beiderseits mit einem roten Balken belegter Flug (Kleinod der ausgestorbenen v. Schöneck, Herkunft s. o., wobei erwähnt werden sollte, daß für das Wappen Schöneck viele unterschiedliche Kleinode überliefert sind, wie der Schild bez. Büffelhörner, wachsende Jungfrau zwischen Büffelhörnern, ganz goldener oder wie der Schild bez. Flug, wachsende gekrönte Jungfrau, goldener Brackenrumpf...).

Das Wappen der Grafen von Wallmoden-Gimborn, einer niedersächsischen Uradelsfamilie mit dem Stammsitz in Alt-Wallmoden im Landkreis Goslar, die zur Ritterschaft des Fürstentums Hildesheim gehörte, ist geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Gold drei (2:1) aufspringende schwarze Steinböcke (Stammwappen Wallmoden), Feld 2: blau-golden geteilt, oben balkenweise drei goldene, rautenförmige Schnallen (hier nicht aufgelöst), unten ledig (Reichsherrschaft Gimborn), Feld 3: in Silber ein in zwei Reihen silbern-rot geschachter Balken über einem schwarzen Wechselzinnenbalken (wegen Neustadt, gehörte zu Gimborn), Herzschild geteilt, oben in Blau eine "englische Grafenkrone", hier eine einfache, fünfperlige Krone, unten in Silber hier zwei Glocken, richtiger zwei blau-silbern oder silbern-blau gespaltene, noch richtiger ganz blaue Eisenhüte mit roten Bändern (wegen der Mutter des ersten Grafen, Amalie Sophie Marianne, die als Maitresse von König Georg II. von England zur Gräfin von Yarmouth erhoben worden war, eine geb. von Wendt, deren Stammwappen drei (2:1) blaue bzw. silbern-blau gespaltene Eisenhüte in goldenem Feld waren). Einige Details sind hier abweichend von der Literatur in Stein gehauen, so sind die Schnallen nicht aufgelöst, und aus den Eisenhütlein wurden Glocken mit Klöppel und Ring oben, und auch die englische Grafenkrone wird im Siebmacher anders wiedergegeben. Die Schildform mit dem oben zweimal konkav eingebuchteten Rand ist auch eine Anlehnung an den englischen Stil. Auf dem Schild ruht eine gräfliche Krone mit neun Perlen, darüber drei gekrönte Helme mit ihren Kleinoden, eine Anordnung, wie sie der klassischen Heraldik fremd ist. Alle Helmkronen tragen ferner Kugeln, und auch im Oberwappen ist diese plastische Wiedergabe im Vergleich zur Literatur relativ künstlerisch frei. Helm 1 (Mitte): auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken zwei schwarze, nach der Lit. dreimal golden schräg umwundene Bockshörner (Stammkleinod Wallmoden, im unvermehrten Stammwappen aber ganz schwarze, "normale" Steinbockshörner), Helm 2 (rechts): auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken drei Fasanenfedern, silbern, silbern-blau gespalten, blau, Helm 3 (links): auf dem Helm mit blau-goldenen Decken ein wachsender Mannesrumpf, nach den Angaben im Siebmacher das Gewand blau-golden geteilt, oben balkenweise drei goldene, rautenförmige Schnallen, auf dem Kopf eine blaue, golden gestulpte Mütze mit Troddel (Gimborn), hier abweichend ein nackter, barhäuptiger Torso mit gekappten Armansätzen.

Die Familie ist in zwei Hauptlinien aufgespalten, das Oberhaus (sog. ältere Linie) geht auf Johann Ludwig von Wallmoden-Gimborn (22.7.1736 - 10.10.1811) zurück, also auf den Sohn von König Georg II von England mit seiner Maitresse, er kaufte 1782 die westfälische Reichsherrschaft Gimborn und wurde am 27.4.1781 zu Wien von Kaiser Joseph II. in den Reichsgrafenstand erhoben und am 17.1.1783 mit dem Prädikat v. Gimborn versehen; diese Linie erlosch 1883 im Mannesstamm, weil alle Söhne des Begünstigten kinderlos starben, die meisten standen in Militärdiensten. Genaugenommen war also in der sog. älteren Linie keinerlei echte Wallmoden-Abstammung enthalten. Das Unterhaus (sog. jüngere Linie) besteht fort. Die hier relevante Christiane Mathilde Wilhelmine Friederike v. Wallmoden-Gimborn (22.6.1772 - 15.9.1819) ist also die Enkelin des englischen Königs Georg II. und die Tochter von Johann Ludwig Graf v. Wallmoden-Gimborn (22.7.1736 - 10.10.1811) und Charlotte Christine Auguste Wilhelmine v. Wangenheim (1.3.1740 - 21.7.1783).

Genealogie der Freiherren zum Stein, unter Hervorhebung der durch Wappen repräsentierten Personen:

Literatur, Links und Quellen:
Genealogie der Familie vom Stein: http://www.susandoreydesigns.com/genealogy/clirehugh/SteinPedigree.pdf
Stein zu Nassau, Ludwig Freiherr vom, in: Hessische Biographie
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bio/id/2990
Stein zu Nassau, Carl Philipp Freiherr vom, in: Hessische Biographie
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bio/id/2989
Stein, Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum, in: Hessische Biographie
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bio/id/2680
Alfred Hartlieb von Wallthor, Aus der Familiengeschichte der Freiherrn vom Stein, in: Westfalen, 58. Bd., 1980
Stein'sches Schloß: Michael Loose, Die Lahn - Burgen und Schlösser, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 2007, ISBN 978-3-86568-070-9
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der 'landeskundlichen Vierteljahresblätter'
Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Nassau und Band Grafen
von Schöneck: Eiflia illustrata oder geographische und historische Beschreibung der Eifel, Band 1,Ausgabe 2 - online:
http://books.google.de/books?id=koAAAAAAcAAJ S. 1004 ff.
Quadt-Wappen: Max von Spießen (Hrsg.): Wappenbuch des Westfälischen Adels, mit Zeichnungen von Professor Ad. M. Hildebrandt, 1. Band, Görlitz 1901 - 1903.
Varianten der Stein- und Schöneck-Wappen: vgl. Rolf Zobel: Wappen an Mittelrhein und Mosel, Books on Demands GmbH, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-5292-3
Wallmoden: Dr. H. Grote, Geschlechts- und Wappenbuch des Königreichs Hannover und des Herzogtums Braunschweig.

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