Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1595
Torgau (Sachsen, Landkreis Nordsachsen)

Das Torgauer Schloß Hartenfels:
Wappen an den Aufgängen zum Großen Wendelstein

Nachdem das vorherige Kapitel die am Altan umlaufende Wappengalerie behandelt hat, wenden wir uns jetzt den beiden seitlichen Eingängen in den Wendelstein zu, die man über die geraden beidseitigen Freitreppen erreicht. Diese Durchgänge führen in einen kleinen rechteckigen, gewölbten und an drei Seiten offenen Vorraum und trennen den Spindelschaft vom eigentlichen Saalbau ab.

Abb. links: Gewölbe des Vorraumes in Höhe des ersten Obergeschosses. Abb. rechts: Die dynamische Flut der Profile auf den Stufenunterseiten.

Über jedem der beiden Durchgänge ist eine unter der Geschoßgrenze angebrachte Blende mit einem in Sandstein gehauenen Wappen. Das linke Wappen an der Nordostseite steht für den Bauherrn des nach ihm benannten Flügels Johann Friedrich Kurfürst v. Sachsen (30.6.1503 - 3.3.1554), das rechte Wappen an der Südwestseite für seine Frau Sibylle v. Jülich-Cleve-Berg (17.7.1512 - 21.2.1554). Während also die umlaufende Altanbrüstung die gesamte Abstammung des Kurfürsten zeigt, wird hier das Herrscherpaar alleine repräsentiert. Der Bauherr ist mit seinem Wappen also zweimal vertreten, sowohl an der Brüstung in der Mitte der Hoffront als auch über dem linken Durchgang.

Wappenstein für Johann Friedrich Kurfürst v. Sachsen (30.6.1503 - 3.3.1554), geviert mit Herzschild, Feld 1: Herzogtum Sachsen, von Schwarz und Gold eigentlich neunmal (hier nur achtmal) geteilt, darüber ein grüner, eigentlich schrägrechter, hier aufgrund der Wendung schräglinker Rautenkranz, S-förmig gebogen, Feld 2: Landgrafschaft Thüringen, in Blau ein golden gekrönter und bewehrter Löwe, von Silber und Rot siebenmal geteilt, Feld 3: Markgrafschaft Meißen, in Gold ein schwarzer Löwe, rot bewehrt, Feld 4: Pfalzgrafschaft Sachsen, in Blau ein golden gekrönter goldener Adler, Herzschild: in von Schwarz und Silber geteiltem Feld zwei schräggekreuzte rote Schwerter (Kurschwerter, Zeichen des Erzmarschallamtes). Auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken eine Kombinationshelmzier aus zwei Kleinoden, ein gekrönter Spitzhut, von Schwarz und Gold neunmal geteilt, darüber ein grüner, hier schräglinker Rautenkranz, in der Hutkrone ein natürlicher Pfauenstoß (Herzogtum Sachsen), zwischen zwei schwarz-silbern geteilten Büffelhörnern, die außen mit je fünf schwarz-silbern geteilten Fähnchen besteckt sind, wobei diese filigranen Teile aber hier abgebrochen sind (Kurwürde, Erzmarschallamt). Im Vergleich zum Wappen an der Brüstung sind hier die Positionen der Inhalte der Felder 3 und 4 vertauscht. Alle Tiere sind aus Courtoisie linkssehend, das Wappen ist von der links anschließenden Wand weg in den offenen Hof ausgerichtet, außerdem wird quasi "um zwei Ecken" das Wappen der Ehefrau "erwartet". Bei der Restaurierung 2015 wurde dieses Wappen farblich korrekt neu gefaßt; auch die abgebrochenen Fähnchen wurden ergänzt.

Wappenstein für Sibylle v. Jülich-Cleve-Berg (17.7.1512 - 21.2.1554), Tochter von Johann III. Herzog v. Cleve, Jülich und Berg (10.11.1490 - 6.2.1539) und Maria Herzogin v. Jülich-Berg, Gräfin v. Ravensberg, Herrin v. Heinsberg (3.8.1491 - 1543), Wappen der Vereinigten Herzogtümer, geviert mit Herzschild: Feld 1: in Rot mit silbernem Herzschild ein goldenes Glevenrad (Herzogtum Kleve), Feld 2: in Gold ein schwarzer, hier doppelschwänziger und rot gekrönter Löwe (Herzogtum Jülich), Feld 3: in Silber ein roter Löwe, blau gekrönt, doppelschwänzig (Herzogtum Berg), Feld 4: in Gold ein in drei Reihen silbern-rot geschachter Balken (Grafschaft Mark), Herzschild: in Silber drei rote Sparren (Grafschaft Ravensberg). Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein roter Stierkopf mit silbernen Hörnern, dessen offenes Maul in den Helm beißt, den Kopf deckt eine goldene Krone, deren Reif in drei Reihen silbern-rot geschacht ist. Der Stein ist eine moderne Kopie. Bei der Restaurierung 2015 wurde dieses Wappen farblich korrekt neu gefaßt.

Zwei Medaillons auf den Schlußsteinen im Gewölbe des Wendelsteines im dritten Obergeschoß. Das linke Medaillon zeigt eine weibliche Halbfigur unklarer Zuordnung, das rechte hingegen den Baumeister Konrad Krebs, datiert auf 1536. Ein drittes mit einer weiteren weiblichen Halbfigur ist ohne Abb.

Weitere Wappen begegnen und am jeweiligen Fuß der geraden Freitreppen, die zum Altan des Wendelsteines hinaufführen. Auf hohen Sockeln stehen hier überlebensgroße Statuen der damals Regierenden als Gerüstete mit ihrem jeweiligen, auf dem Boden abgestützten Schild. Auf der linken Seite steht die Statue des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen (30.6.1503 - 3.3.1554) mit einem vielfeldrigen Wappenschild, dem umfangreichsten, den er je vor Abgabe 1547 der Kurwürde führte:

Die Lanze trägt ein Fähnchen mit den Kurschwertern. Ursprünglich war die Lanze aus Holz. Im Jahre 1929 wurden die Originale durch Kopien aus härterem Material (Postaer Sandstein) ersetzt. Die Originale sind im Museum. Bei der Restaurierung 2015 blieb dieses Wappen monochrom.

Auf dem rechten Sockel, den Treppenaufgang zum Wendelstein auf der anderen Seite flankierend, steht die Statue von Johann Ernst I. v. Sachsen-Coburg (10.5.1521 - 8.2.1553). Dieser war der Halbbruder von Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und sein Mitregent. Während Kurfürst Johann Friedrich als einziges Kind der ersten Ehe seines Vaters Ernst I. Kurfürst v. Sachsen (24.3.1441 - 26.8.1486) mit Sophia v. Mecklenburg (1481 - 12.7.1503) entsproß, so war sein Halbbruder der Sohn von Margarethe v. Anhalt-Dessau (12.11.1494 - 1521), der am 13.11.1513 in Torgau geehelichten zweiten Frau seines Vaters. Ein weiterer Halbbruder war bereits als Baby 1519 verstorben. Das Wappen ist natürlich frei von den Kurschwertern und weist ansonsten nur die wichtigsten Felder des sächsischen Wappens auf:

Die Lanze trägt ein Fähnchen mit dem Rautenkranzwappen. Gemeinsam mit dem großen Wendelstein bilden diese beiden auf hohem Podest stehenden Figuren die vertikalisierenden Elemente der Fassade des Johann-Friedrich-Baus. Darüber hinaus haben die Statuen eine besondere Bedeutung, weil sie zu den frühesten vollplastischen Renaissance-Portraitstatuen der Region zählen. Bei der Restaurierung 2015 blieb dieses Wappen ebenfalls monochrom.

Position der besprochenen Wappensteine im Grundriß

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbes. Band Landesfürsten
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Steffen Delang: Schloß Hartenfels zu Torgau als Residenz, in: Torgau, Stadt der Renaissance, hrsg. von Tilmann von Stockhausen für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Sandstein Verlag Dresden, 3. Auflage 2009, ISBN 987-3-940319-69-2
Arndt Kiesewetter, Stephan Pfefferkorn, Der Große Wendelstein und seine Bauplastik, in: Torgau, Stadt der Renaissance, hrsg. von Tilmann von Stockhausen für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Sandstein Verlag Dresden, 3. Auflage 2009, ISBN 987-3-940319-69-2
Torgau - Ein Fürstenhof der Renaissance, Prunk und Alltag, Begleitheft zur Ausstellung, Hrsg.: Landratsamt Torgau-Oschatz, Stadt Torgau, 2006, Text: Eva Meisel, ISBN 978-3-00-020314-5
S. Pfefferkorn, Der Große Wendelstein im Schloß Hartenfels zu Torgau, Institut für Diagnostik und Konservierung, Dresden, 1996.
Dehio, Die Bezirke Dresden, Karl-Marx-Stadt, Chemnitz, 1965.
Ein herzliches Dankeschon an Herrn
Joachim Tretkowski und an Herrn Johannes Weise für Photos der restaurierten Wappen 2015

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