Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1593
Torgau (Sachsen, Landkreis Nordsachsen)

Das Torgauer Schloß Hartenfels: Portal

Schloß Hartenfels in Torgau ist eines der prächtigsten und schönsten Frührenaissance-Schlösser Sachsens und zudem eines der am besten erhaltenen. Es liegt im Osten der Altstadt in der Nähe des Elbufers und des Brückenkopfes für die dort einst ansetzende historische Elbbrücke. Seine Flügel umstehen auf unregelmäßigem Grundriß einen weitläufigen trapezförmigen Innenhof, die Spitze des rechten Winkels zeigt dabei auf die Elbe. Stadtseitig ist das Schloß von mehreren tiefen Gräben umgeben, dem Großen und dem Kleinen Bärengraben, die die Schloßbrücke voneinander trennt, und dem ehemaligen Turniergraben, jetzt Rosengarten. Die Westseite des Schlosses wird gebildet aus dem Torflügel und dem Alten Saalbau, der sich aus dem Albrechtsbau und dem alten Kanzleibau zusammensetzt. Der baulich einheitlichste Flügel ist der neue Saalbau im Südosten, der Johann-Friedrich-Bau. Zu beiden Seiten hat er einen markanten Vorsprung, hofseitig der außenliegende offene Große Wendelstein mit Unterbau, elbseitig der sog. viereckige Turm. Der höchste Turm des Schlosses, der Hausmannsturm, verbindet über Eck den alten mit dem neuen Saalflügel im Süden. Rechtwinklig schließt im Nordosten der Kapellenflügel an den Johann-Friedrich-Bau an, er enthält im linken Teil die Schloßkapelle und im rechten Teil Appartements des Kurfürsten. An diesen Nordostflügel sind außen zwei wuchtige Rundtürme angebaut, der Flaschenturm und der Grüne Turm. Weitere Türme und Erker sowie ungezählte Zwerchgiebel ergänzen den Gesamteindruck einer reich strukturierten Residenz, die wie eine kleine Stadt für sich wirkt. Der Hauptzugang führt von Westen aus der Stadt über die Schloßbrücke und direkt zu dem gigantischen Wappenstein (Abb. unten) über der Tordurchfahrt zum Schloßhof.

Abb.: Torflügel von Westen mit dem Hauptzugang

Von der Besitzgeschichte her haben beide sächsischen Hauptlinien, die ernestinische und die albertinische, mit Schloß Hartenfels zu tun. 1456-1547 war das Schloß eine bedeutende Residenz. 1485 fand die Leipziger Teilung in beide Linien statt. Statt einer Hauptresidenz waren jetzt zwei nötig. Die Albrechtsburg in Meißen kam in den Besitz der albertinischen Wettiner, und die ernestinische Linie, die auch Wittenberg und die Kurwürde bekam, wählte sich Torgau als neue Hauptresidenz und baute es entsprechend aus. Viele bauliche Elemente sind durchaus vergleichbar, so daß man geneigt ist anzunehmen, daß man beim Bau die verlorene Albrechtsburg im Hinterkopf hatte: Das markanteste Wahrzeichen der Albrechtsburg, der hofseitige Wendelstein, wurde in Torgau nicht nur in ähnlicher Weise gebaut, sondern in seiner atemberaubenden, teils freitragenden Konstruktion noch bei weitem übertroffen.

Abb. links: Johann-Friedrich-Bau, Elbansicht mit dem sog. viereckigen Turm. Links im Bild der Hausmannsturm. Abb. rechts: Blick vom Hausmannsturm auf den Torflügel links und den Kapellenflügel rechts.

Die Wappen, die wir am Schloßeingangsportal und am Elbtor sehen, sind aber keine ernestinischen Wappen, sondern albertinische. Und das kam folgendermaßen: Im Schmalkaldischen Krieg (1546-1547) verlor der Schmalkaldische Bund, ein protestantisches Fürstenbündnis, gegen die kaiserlichen Heere. Der Protagonist auf protestantischer Seite, Kurfürst Johann Friedrich v. Sachsen (30.6.1503 - 3.3.1554), der Bauherr des nach ihm benannten südöstlichen Flügels und des einzigartigen Wendelsteines, geriet bei der die sächsischen Truppen vernichtenden Schlacht von Mühlberg auf der Lochauer Heide in Gefangenschaft des Herzogs von Alba bzw. des Kaisers. Es sah äußerst finster für den geschlagenen Kurfürsten aus, denn er sollte zuerst hingerichtet werden (Verurteilung zum Tode am 10.5.1547). Um zu retten, was noch zu retten war, verzichtete er in der Wittenberger Kapitulation auf die Kurwürde und auf weite Teile seiner Ländereien. Bis 1552 blieb er in kaiserlicher Haft; eigentlich war seine Todesstrafe in lebenslange Haft verwandelt worden, doch der Passauer Vertrag war ihm günstig. Der Nutznießer dieses "Kotaus" vom 19.5.1547 war sein Großvetter Moritz von Sachsen (21.3.1521 - 11.7.1553), der zwar auch evangelisch, aber ein Verbündeter des Kaisers war, nicht nur wurde er jetzt am 4.6.1547 Kurfürst, sondern er gewann riesige Gebiete hinzu, darunter auch die Residenzstadt Torgau. Schloß Hartenfels war ab jetzt eine albertinische Residenz. Seine letzten Lebensjahre verbrachte der ehemalige Kurfürst Johann Friedrich in Weimar.

Abb. links: Hauptportal von Schloß Hartenfels mit Wappenstein. Abb. rechts: Blick über den Rosengarten auf den Alten Saalflügel mit Hausmannsturm.

Der Lauf der Geschichte machte bald Dresden zur bevorzugten Hauptresidenz, und die Hofhaltung der sächsischen Kurfürsten wurde bald dauerhaft nach Südosten verlegt. Gut für Schloß Hartenfels, denn so konnte der Zustand des 16. Jh. weitgehend intakt erhalten bleiben, ohne neueren Bauten weichen zu müssen. Grob vereinfachend gesagt, von den drei wichtigsten sächsischen Schlössern war die Albrechtsburg das Schloß der Gotik, Torgau war die Residenz der Renaissance, Dresden die des Barocks. Doch Torgau, das lange Zeit albertinische Nebenresidenz und Verwaltungssitz blieb, ging den Wettinern 1815 durch den Wiener Kongreß verloren und kam an Preußen.

Abb. links: Blick über den Großen Bärengraben auf den Torflügel mit dem Turm am Zwinger. Abb. rechts: Wetterfahne mit dem kursächsischen Wappen.

Schloß Hartenfels war im Laufe seiner Geschichte Schauplatz wichtiger politischer, gesellschaftlicher und religiöser Ereignisse:

Abb. links: links der Alte Saalbau mit dem Glockenturm, rechts der Torbau mit Tordurchfahrt. Abb. rechts: links der Torbau, rechts der Kapellenbau mit Kapellenturm.

Das wichtigste heraldische Objekt an der Außenseite des Schlosses ist das stadtseitige Prunkportal, eines der schönsten Renaissanceportale Sachsens, erbaut unter Kurfürst Johann Georg I. (5.3.1585 - 8.10.1656) zwischen 1619 und 1624. Nach ihm heißt der Torflügel entlang des Bärengrabens auch Georgenbau. Durch die oben geschilderten Ereignisse um das Schicksalsjahr 1547 herum war es zu einem Baustop am Schloß gekommen. Nun wurde im stadtseitigen Westen der Anlage die Bautätigkeit wieder aufgenommen, um die Lücke zwischen Kapellenturm und nördlichem Teil des Albrechtsbaus in Form eines Winkels mit einem kurzen nördlichen und einem langen, im südlichen Teil leicht abknickenden westlichen Schenkel zu schließen. Der innen einheitlich, außen aber eher heterogen erscheinende dreigeschossige Bautrakt wurde von den Baumeistern Andreas Schwartz und Hans Steger ausgeführt. Die problematischste Stelle ist das Aneinanderstoßen des neuesten Bautraktes an einen der ältesten, was durch einen leichten seitlichen Versatz gelöst und mit dem eleganten Glockenturm kaschiert wurde. Zwei widersehende Löwen halten das Johann Georg I. (1611-1656 Kurfürst) zuzuordnende kursächsische Wappen mit allen sechs Helmen. Das riesige Wappen nimmt die gesamte Breite des Portals ein und ist so hoch wie ein ganzes Stockwerk.

Das folgende Wappen, das alle neuen Errungenschaften zeigt und auch nicht auf angestammte Felder verzichtet, ist zweimal gespalten und fünfmal geteilt mit gespaltenem Schildfuß und Herzschild:

Das Wappen führt insgesamt sechs Helme.

Ein ganz analog aufgebautes sächsisches Wappen befindet sich übrigens am Schloß Augustusburg. Es sei noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, daß hier ein albertinisches Wappen an der unter den Ernestinern errichteten Residenz nachträglich bei Wiederaufnahme der Bautätigkeit angebracht wurde, und daß wir außen am Tor ein albertinisches, innen am Wendelstein aber ein ernestinisches Wappen haben.

Abb.: Position des besprochenen Wappensteines

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Steffen Delang: Schloß Hartenfels zu Torgau als Residenz, in: Torgau, Stadt der Renaissance, hrsg. von Tilmann von Stockhausen für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Sandstein Verlag Dresden, 3. Auflage 2009, ISBN 987-3-940319-69-2
Hansjochen Hancke: Das Torgauer Stadtbild und die Ansichten von Lucas Cranach, in: Torgau, Stadt der Renaissance, hrsg. von Tilmann von Stockhausen für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Sandstein Verlag Dresden, 3. Auflage 2009, ISBN 987-3-940319-69-2
Cecilie Hollberg: Geschichte der Stadt Torgau, in: Torgau, Stadt der Renaissance, hrsg. von Tilmann von Stockhausen für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Sandstein Verlag Dresden, 3. Auflage 2009, ISBN 987-3-940319-69-2
Torgau - Ein Fürstenhof der Renaissance, Prunk und Alltag, Begleitheft zur Ausstellung, Hrsg.: Landratsamt Torgau-Oschatz, Stadt Torgau, 2006, Text: Eva Meisel, ISBN 978-3-00-020314-5
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