Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1589
Torgau (Sachsen, Landkreis Nordsachsen)

Das Torgauer Rathaus

Im Herzen der Torgauer Altstadt gelegen, bildet das Rathaus den westlichen Abschluß des rechteckigen Marktplatzes. Das dreistöckige Gebäude mit früher offenen, heute größtenteils verglasten Arkaden im Erdgeschoß hat drei verzierte Zwerchgiebel zum Marktplatz hin einen runden Schmuckerker an der Südostecke, der ab dem ersten Obergeschoß drei Stockwerke hoch reicht. Das gesamte Rathaus ist mit einer illusionistischen Malerei überzogen, die eine hellgraue Verblendung mit Sandsteinquadern mit weißer Verfugung suggeriert. Werksteinteile (Rahmen von Fenstern und Arkaden, Pilaster und Gesimse der Zwerchgiebel) sind dunkelgrau abgesetzt, desgleichen der Erker und die Eckquaderung. Diese Malerei, wie sie bei der jüngsten Renovierung wiederhergestellt wurde, entspricht der historischen Fassung. Vom Typ her ist es ein sog. "Breitwand-Rathaus" mit breitgelagerter, repräsentativer, fast monumental zu nennender Platzfassade (hier 56 m breit) bei relativ geringer Tiefe (hier 14 m), ein Bautyp, der für die Zeit 1550-1600 im gesamten sächsischen Raum charakteristisch ist (anderes Beispiel: Coburg). Im Schutz der blühenden Fürstenhöfe entwickelte sich bürgerliches Selbstbewußtsein, das in diesen selbstbewußt dominierenden Rathäusern seinen Ausdruck fand. Am weitesten reicht das Rathaus an seiner Südseite in die Tiefe, hier befindet sich der zuletzt errichtete Trinkstubenanbau als südlicher Querbau. Die Platzfassade hat zehn Fensterachsen, wobei die meisten Fenster als Zwillingsfenster gestaltet sind; ihre Anordnung ist unregelmäßig, genau wie die der Arkaden, und kontrastiert mit der Symmetrie der Zwerchgiebel. Zwei Dachreiter akzentuieren die Dachlandschaft, genau in der Mitte ist ein achteckiger, offener Glockenstuhl, und hinter dem nördlichen Zwerchgiebel ein weiterer, kleinerer.

Dieses Rathaus, welches einen älteren, angesichts steigender Einwohnerzahl zu klein gewordenen Vorgängerbau ersetzte (und dabei ältere Bausubstanz integrierte), wurde 1563-1578 (1563-1565 Nordteil, 1577-1579 südlicher Querbau) nach einem Entwurf vom Architekten und Maler Andreas Brettschneider von Valten Wegern, einem Maurermeister aus Dresden, errichtet (Grundsteinlegung am 20.4.1563 gemäß Bauinschrift), was in die Regierungszeit von Kurfürst August v. Sachsen fiel, der 1553 - 1586 als zweiter Kurfürst albertinischer Linie regierte. Auch unterstrich die Größe des Rathauses die herausgehobene Stellung der Stadt Torgau, die direkt dem Landesherrn unterstand ohne zwischengeschalteten Amtmann. Die spätere Entwicklung hat die Bedeutung zwar zugunsten von Dresden verschoben, aber zur Bauzeit war Torgau genauso groß wie Dresden oder Annaberg. Neben den beiden genannten Personen war weiterhin mit der Ausführung betraut der Steinmetzmeister Simon Schröter, dem wir Teile der Bauplastik verdanken.

Das Prunkstück des Rathauses ist der Erker an der Südostecke, am südlichen Querbau (Trinkstubenanbau). Die Ausführung oblag Caspar Reinwald, und die Reliefs, Wappen und Figuren schuf der Pirnaer Bildhauer Andreas Buschwitz. An diesem Erker befinden sich insgesamt drei geschmückte Reliefbrüstungen, von denen die unterste eine Tafel mit einer Huldigungsinschrift enthält, zwischen den Darstellungen des Bauherrenehepaares, die wiederum jeweils ganz außen flankiert werden von den zugehörigen Wappendarstellungen.

Aufbau des kursächsischen Wappens für August I. Kurfürst v. Sachsen (13.7.1526 - 12.2.1586):

Drei Helme:

Die Helmdecken sind hier komplett schwarz-silbern-gold gestrichen. Entgegen den heraldischen Regeln werden hier beide Metalle auf die gleiche Tuchseite gelegt, außerdem ist Metall außen und Schwarz innen, abgesehen davon, daß die korrekte Tingierung der Helmdecken aller drei Helme ohnehin anders ist.

Aufbau des Wappens für Anna von Dänemark (1532 - 1.10.1585):

Erkerfelder der ersten Brüstungszone: Abb. links: August Kurfürst v. Sachsen (13.7.1526 - 12.2.1586), Sohn von Heinrich v. Sachsen (16.3.1473 - 6.6.1541) und Catharina v. Mecklenburg (1487 - 6.6.1561), regierte 1553 - 1586 als zweiter Kurfürst albertinischer Linie. Abb. rechts: Anna von Dänemark (1532 - 1.10.1585), Augusts Frau.

In den vier Brüstungsfeldern des zweiten Obergeschosses finden wir die allegorischen Darstellungen der Tugenden. Abb. links: Fortitudo, die Stärke, mit der zerbrochenen Säule als Symbol, deren Oberteil mit Kapitell sie unter den rechten Arm geklemmt hat, während sie sich lässig mit der Linken auf den Säulenstumpf lehnt, begleitet von einem Löwen. Abb. rechts: Temperantia, die Mäßigung, die Wasser aus einem Behälter in eine flache Schale abmißt.

Abb. links: Justitia, die Gerechtigkeit, mit den Attributen Waage und Schwert. Abb. rechts: Prudentia, Klugheit, mit dem Spiegel der Erkenntnis. Diese vier Kardinaltugenden zeichnen einen guten Herrscher aus, und selbstverständlich waren sie auf Kurfürst August und seine Regierung gemünzt, eine Art Huldigung wie die Inschriftentafel auf der darunterliegenden Brüstung.

Huldigungsinschrift in der untersten Brüstungszone: "NON TAMEN OMNINO IMPERIVM CIVESQVE LABORANT PRINCIPE SVB TALI CVIVS CVI MAXIMA CVRA EST RELIGIO PACISQVE DECVS REX MAXIME REGVM AVGVSTAM TVERARE DOMVM PATRIAEQVE PARENTEM". Ein Lob auf den Fürsten August, der Religion und Frieden zu seiner obersten Sorge im Reich erklärt hat.

Hier ohne Abbildung - die oberste Brüstungsebene des Erkers zeigt Darstellungen von Karl dem Großen, Julius Caesar, Gottfried von Bouillon und Alexander dem Großen, klassische Helden und Staatenlenker, auch dies eine indirekte Huldigung an Kurfürst August, für den selbige je nach Interpretation Vorbilder waren oder in deren Runde er sich gerne durchaus als ebenbürtiger Zeitgenossen sah oder von anderen gesehen wurde oder werden sollte.

Abb.: Großaufnahme des Justitia-Feldes

Im 19. Jh. wurde das Rathaus umgebaut (1871/72): Dabei wurde viel des ursprünglichen Konzeptes zerstört. Die beiden marktseitigen Renaissance-Portale mit Bauplastik von Simon Schröter wurden abgebrochen. Die unregelmäßig verteilten Originalarkaden wurden durch "begradigte" neue Arkadenbögen ersetzt. Die gesamte Fassade wurde mit zusätzlichen Gesimsen und Pilastern, teilweise in Kolossalstellung, im Neorenaissance-Stil "aufgehübscht". Und als allerschlimmste Maßnahme wurde der südliche Zwerchgiebel, der korrekt teilweise hinter dem Erker liegt, um mehr als zwei Meter nach Norden verschoben, neben den Erker, was die gesamte Symmetrie der drei Zwerchhäuser vernichtete. Der Renaissancebau hatte ein symmetrisches äußeres Konzept mit Variation im Detail, nun war es umgekehrt, das äußere Konzept war verloren, was durch die Bemühungen um symmetrische Arkaden und Giebel nicht gerettet werden konnte. Glücklicherweise wurden all diese entstellenden Maßnahmen rückgängig gemacht, so daß sich das Rathaus heute wieder so präsentiert, wie es ursprünglich im 16. Jh. konzipiert war und ausgesehen hat, bis auf die verlorenen, nicht rekonstruierbaren Portale, an deren Stelle heute einfache Rundbogenprofile die Eingänge rahmen.

Abb: Konsolfigur unter dem Erker

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere die Bände Landesfürsten
Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder - die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck Verlag München 7. Auflage 2007, ISBN 978-3-406-54986-1
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Gerhard Glaser, Das Rathaus der Stadt Torgau, in: Torgau, Stadt der Renaissance, hrsg. von Tilmann von Stockhausen für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Sandstein Verlag Dresden, 3. Auflage 2009, ISBN 987-3-940319-69-2
Hugo Gerard Ströhl, Deutsche Wappenrolle, Reprint von 1897, Komet Verlag Köln, ISBN 3-89836-545-X

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