Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1542
Bad Säckingen (Landkreis Waldshut)

Grabsteine zweier Kapitulardamen

Auch dieser Stein mit zwei Wappendarstellungen befindet sich in einer Nische außen am Chor des Fridolinsmünsters in Bad Säckingen. Es handelt sich um zwei kurz hintereinander im März 1800 verstorbene Kapitulardamen des Stifts. Die Inschrift zur linken Abbildung lautet: "Grabstaette der Frey Reichs Hoch Wohl Gebo. Frau Mar. Violan. Franzis. Reichs. Fr. Von Hornstein Weiterdingen Kap. Dame und Senior Da. Hier. Gebohren. de. 27ten Februa. An. 1713. Gestorben. de. 12ten Maerz. An. 1800. R. I. P." Das Stammwappen der von Hornstein zeigt in Blau über einem schwebenden goldenen Dreiberg eine im Bogen von rechts nach links gekrümmte silberne Hirschstange, die Zinken auswärts, auf dem Helm mit blau-silbernen Decken über einem schwarzen Dreiberg eine im Bogen von vorne nach hinten gekrümmte silberne Hirschstange, so dargestellt im Scheiblerschen Wappenbuch, Folio 50 und Folio 135. Im Siebmacher wird das Wappen beschrieben in den Bänden PrGfN Seite: 11 Tafel: 8, Band: Bad Seite: 10 Tafel: 7, Band: Bay Seite: 41 Tafel: 39, Band: Wü Seite: 8 Tafel: 9-10. Im alten Siebmacher von 1605 ist das Stammwappen farblich gänzlich falsch wiedergegeben. Das vermehrte Wappen findet sich auch im Alberti S. 354.

Das seit 1653 vermehrte Wappen der schwäbischen Uradelsfamilie, seit 1636 Freiherren von Hornstein, in diesem Fall der Linie zu Grüningen-Weiterdingen, welches hier auf dem Grabdenkmal wiedergegeben ist, ist geviert mit Herzschild, Feld 1 und 4: in Gold ein schwarzes Hirschgeweih mit Grind und einem aufgerichteten Ohr zwischen den Stangen, Feld 2 und 3: in Silber drei übereinander balkenweise liegende rote Bärentatzen, gekrönter Herzschild: in Blau über einem schwebenden goldenen Dreiberg eine im Bogen von rechts nach links gekrümmte silberne Hirschstange. Der gesamte Hauptschild ist das angeerbte Wappen der v. Stoffeln (Hohenstoffeln im Hegau), deren Stammwappen in den Feldern 1 und 4 ist, und die ihr Wappen mit Erlaubnis von Karl V. für die Brüder Jacob und Pankraz v. Stoffeln im Jahre 1550 mit den Bärentatzen einer anderen abgestorbenen Familie v. Stoffeln vermehrten. Im Freiherrenbrief von 1653 wurde den Hornsteinern von Kaiser Ferdinand III. erlaubt, das Wappen der v. Stoffeln aufzunehmen. Das Stammwappen der v. Stoffeln Nr. 1 wird abgebildet im Scheiblerschen Wappenbuch, Folio 288, ferner im Alberti S. 777, in: Der Landkreis Konstanz, Band III, S. 233, im Siebmacher Band: WüA Seite: 259 Tafel: 149.

Zu diesem vermehrten Wappen werden üblicherweise drei Helme geführt: Helm 1 (Mitte): auf dem Helm mit blau-silbernen Decken über einem schwarzen Dreiberg eine im Bogen von vorne nach hinten gekrümmte silberne Hirschstange, dahinter zwei gekreuzte Banner, das rechte rot an blauer Lanze, meist mit goldenen Flammen besät, mit den goldenen Buchstaben F III (Ferdinand III., regierte 1637-1657, Erinnerung an die Wappenverbesserung im Wappenbrief von 1653) bezeichnet, das linke silbern an silberner Lanze mit rotem Kreuz (Georgsritterfahne). Helm 2 (rechts): auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein golden-schwarz schräggeteilter geschlossener Flug (zu Feld 1 und 4, Stoffeln Nr. 1). Helm 3 (links): auf dem Helm mit rot-silbernen Decken wachsend eine rote Bärentatze (zu Feld 2 und 3, Stoffeln Nr. 2). Im Scheiblerschen Wappenbuch ist übrigens die Helmzier der v. Stoffeln Nr. 1 silbern-schwarz schräggeteilt, nicht golden-schwarz. Auch im Codex Stadion und bei Conrad Grünenberg ist beim Stammwappen der Flügel silbern-schwarz geteilt. Dies wurde bei der Übernahme durch die v. Hornstein offensichtlich geändert.

Hier ist dagegen eine ganz andere, besondere Variante des Oberwappens gewählt worden: Helm 1 (Mitte): auf dem Helm mit blau-silbernen Decken über einem schwarzen Dreiberg eine im Bogen von vorne nach hinten gekrümmte silberne Hirschstange, Helm 2 (rechts): auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein golden-schwarz schräggeteilter Flügel, dahinter ein rotes Banner an blauer Lanze mit den goldenen Buchstaben F III (Ferdinand III.), Helm 3 (links): auf dem Helm mit rot-silbernen Decken wachsend eine rote Bärentatze, dahinter ein silbernes Banner an silberner Lanze mit rotem Kreuz (Georgsritterfahne). Die Banner des mittleren Helmes sind also vergrößert auf die beiden äußeren Helme verteilt worden unter Verkleinerung der beiden verschiedenen v. Stoffeln-Kleinode.

Künstlerisch ist die Darstellung unzulänglich, die Proportionen sind verfehlt, die Helmdecken entspringen den Schultern der Helme, und dem mittleren Helm fehlt die Helmdecke gänzlich, ein Produkt stilistischen Verfalls.

Das in der Inschrift genannte Weiterdingen ist ein 1683 von Balthasar Ferdinand Freiherr von Hornstein-Grüningen erbautes Schloß der Familie in Hilzingen-Weiterdingen bei Singen am Hohentwiel im Hegau.

Die Inschrift zur rechten Abbildung lautet: "Grabstaette Der Frey Reichs Hoch Wohl Gebo. Frau Mar. Franz. Veronika Ottilia Reichs Frey Reich Von Reichenstein Kapitular Dame und Kustorin dahier Gebohren De. 13ten Dezem. An. 1717. Gestorben De. 29ten Maerz. An. 1800. R. I. P.". Das Wappen der Reich von Reichenstein zeigt in Gold ein schräggestelltes, schwarzes Eisen eines Jagdspießes (Saufeder, auch als Wurfeisen bez.), auf dem Helm ein wachsender, goldener, golden gekrönter Löwenrumpf, Decken schwarz-golden (vgl. Siebmacher Bad Seite: 69 Tafel: 41, Siebmacher Band: Els Seite: 18 Tafel: 22 gibt hingegen einen wachsenden Löwen als Helmzier an, also mit Vorderpranken dargestellt). Das Wappen wird ebenfalls beschrieben im Wappenbuch der Stadt Basel, dort ist die Helmzier wie hier nur ein wachsender, goldener, rotgezungter, golden gekrönter Löwenkopf (Löwenrumpf). Im Rietstap/Rolland wird hingegen die Saufeder wie eine Lanzenspitze ohne Querstange abgebildet.

Die künstlerische Qualität der Darstellung ist zeitbedingt indiskutabel, die Proportionen spotten jeder Konvention, die Helmzier ist viel zu klein, blickt außerdem nicht in die gleiche Richtung wie der Helm, der Schild ist in Relation viel zu groß, die Helmdecken kommen aus dem Nacken anstatt daß sie vom Helmdach herabfallen, insgesamt Heraldik im künstlerischen Verfall.

Die Reich von Reichenstein werden erstmals im 12. Jh. in Basel erwähnt, und die Stammlinie beginnt mit Peter, bischöflicher Kämmerer, ca. 1181-1225. Die Ritterfamilie stand in den Diensten der Basler Bischöfe und hatten das Amt des Kämmerers als erbliches Hofamt inne. Um 1250 erhielt des oben Genannten Sohn Rudolf, Ritter, bischöflicher Kämmerer und Vogt sowie Bürgermeister, erwähnt 1241-1285, tot 1292, die auf einem Felssporn gelegene, heute romantisierend wiederaufgebaute Burg Reichenstein bei Arlesheim zu Lehen (Schweiz, Kanton Basel-Landschaft). Aus der Familie wurden vier Mitglieder Domherren in Basel, ein Mitglied wurde sogar Basler Fürstbischof, das war Peter, Sohn von Heinrich, Ritter und Bürgermeister, erw. 1239-1285, der wiederum ein Bruder des oben erwähnten Rudolf war. Die anderen Brüder des Bischofs waren Mathias, Ritter, bischöflicher Kämmerer, des Rats und Bürgermeister, erwähnt 1278-1311, sowie Wilhelm, tot 1292.

Die Familienmitglieder waren im Basler Patriziat und vom 13. Jh. bis zur Mitte des 15. Jh. im Basler Rat vertreten. Weiterhin traten Familienmitglieder in die Dienste der österreichischen Herzöge und der Markgrafen von Baden. Von dem letztgenannten Wilhelm ausgehend ist die Stammfolge: Peter, Ritter und Bürgermeister, erw. 1292-1337, Heinrich, Ritter, des Rats und Bürgermeister, erw. 1344, gest. 1403, Hans, Ritter, des Rats und Bürgermeister, Herr zu Inzlingen und Freischöffe der heimlichen Gerichte in Westfalen, erw. 1395, gest. 1448. Letzterer hatte zwei Söhne, 1.) Heinrich, Ritter, österreichischer Rat, Statthalter des österreichischen Landvogts im Elsaß und im Breisgau, bischöflicher Kämmerer und Herr zu Inzlingen, erw. 1435-1474, tot 1475, und 2.) Peter, Landvogt des Markgrafen von Hochberg, Herr zu Landskron, Pfandherr zu Thann und burgundischer Rat, auch Vogt zu Laufenburg, erw. 1443, gest. 1476.

Zu ihren Besitzungen zählten Lehen aller drei Lehnsherren, Basel, Österreich, Baden, darunter Reichenstein mit Arlesheim, Brombach im Wiesental, Buschweiler im Elsaß, Inzlingen bei Riehen, Landskron mit Leymen und Biederthal im Elsaß, dazu die im 15. und 16. Jh. erworbenen Pfandschaften Thann und Pfirt. Des zuletzt genannten Peter Söhne waren 1.) Hans Arnold, Doctor decretor, Rector juristar. in Pavia, dann Rector der Univ. Basel, erw. 1463-1482, 2.) Christoph, Deutschordensritter, Komtur zu Köniz und Beuggen, erw. 1465-1505, 3.) Jakob, Page Herzog Karls des Kühnen von Burgund, bischöflicher Hofmeister, Ritter, Herr zu Inzlingen, erw. 1474-1479, tot 1481, kinderlos, 4.) Marx, Vogt und Pfandherr zu Pfirt, Herr zu Landskron und bischöflicher Kämmerer, erw. 1465, gest. 1511, 7 Kinder, darunter a) Jakob Herr zu Landskron, Inzlingen und Brombach sowie Vogt und Pfandherr zu Pfirt, erw. 1506-1558, tot 1561, 10 Kinder, Nachkommenschaft blühend in Algier und im Elsaß, b) Hans Heinrich, Herr zu Brombach und Inzlingen, erw. 1514-1543, c) Peter, Domherr und Erzpriester in Basel und Propst zu St. Ursitz, erw. 1499, gest. 1540. Der französische König erkannte 1773 den Freiherrenstand der Familie an.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, Band Baden, Elsaß
Hornstein: Scheiblersches Wappenbuch (Bayerische Staatsbibliothek Cod.icon. 312 c), Folio 50 und Folio 135 -
http://codicon.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00007174,00055.html?prozent=1 - http://codicon.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00007174,00140.html?prozent=1
Hornstein:
http://codicon.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00001755,00101.html?prozent=1 - http://codicon.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00001650,00075.html?prozent=1 - http://codicon.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00020447,00432.html?prozent=1
Historisches Lexikon der Schweiz, Veronika Feller-Vest: Reich von Reichenstein:
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D20014.php
Reich von Reichenstein: Wappenbuch der Stadt Basel. Unter den Auspizien der historischen u. antiquarischen Gesellschaft in Basel herausgegeben von W. R. Staehelin, Zeichnungen Carl Roschet, F. Gschwind, Lothar Albert et al., 3 Teile in mehreren Folgen, Band 2, Basel
v. Stoffeln: Alberti S. 777
v. Hornstein: Alberti S. 354
Schloß Weiterdingen:
http://www.schloss-weiterdingen.de/
Stoffeln: Scheiblersches Wappenbuch (Bayerische Staatsbibliothek Cod.icon. 312 c), Folio 288 -
http://codicon.digitale-sammlungen.de/Blatt_bsb00007174,00293.html?prozent=1

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