Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1532
Marburg an der Lahn (Hessen)

Marburger Rathaus

Der von vielen historischen Gebäuden umgebene Marktplatz von Marburg, der von seinem Grundriß her wie eine schräg den Hang hoch gelegte Pfeilspitze nach Norden zeigt, hat an seiner tiefsten Stelle als südlichen Abschluß das alte Rathaus, dessen polygonaler Treppenturm nach Norden mittig auf den Marktplatz vorspringt. Das Rathaus wurde 1512-1513 von Klaus Steinmetz errichtet, einem Baumeister aus Wetzlar. Vorne zum Marktplatz hin ist der Steinbau dreigeschossig, hinten reicht es wegen der Hanglage erheblich tiefer. Der Treppenturm ist bauzeitlich, der zierliche, auf Konsolen ausgestellte Aufsatz mit Rathausuhr und Justitia-Statue später (1581/82), ein Werk von Ebert Baldewein. Über dem Eingang in den Treppenturm ist ein auf 1524 datiertes Relief von Ludwig Juppe, dem Bildhauer, der auch das Relief am Wilhelmsbau des Hochschlosses anfertigte. Die Bemalung des Originales erfolgte durch Johann von Leyten, Maler in Marburg.

Das Relief, welches wir heute am Rathaus sehen, ist eine Kopie. Das Original aus Sandstein kann im Universitätsmuseum im Wilhelmsbau des Marburger Schlosses besichtigt werden, wohin es zum Schutz vor Verwitterung verbracht wurde. Es ist in zwei Zonen aufgeteilt. Die obere, größere Zone zeigt unter einem rippengewölbten Rundbogen das landgräfliche Wappen mit der Hl. Elisabeth als Schildhalterin. Sie ergreift mit der Rechten die Oberkante des Schildes, hält aber in der Linken das Modell "ihrer" Kirche. Rechts und links des Schildes sind kleiner zwei Bettler dargestellt. Die Hl. Elisabeth nimmt hier sowohl die Rolle als fürsorgliche, barmherzige Heilige als auch die der Landesmutter ein, ersteres illustrieren die Nonnentracht und die beiden Bettler, die sich an den Gaben in ihren Schalen laben, letzteres illustriert die Krone auf Elisabeths Haupt.

Dadurch, daß Elisabeth als Schildhalterin dient, wird der Bogen der aktuellen Landesherrschaft im frühen 16. Jh. bis zur Heiligen gespannt: Sie ist die Stamm-Mutter der Landgrafen, der regierende Landgraf hat sie als Vorfahrin, und er steht in ihrer Tradition und leitet seinen Herrschafts-Anspruch auf Elisabeth als Landesmutter und seine Pflichten auf Elisabeth als Symbol der Fürsorge zurück. Wie sehr diese Beziehung von den Landgrafen in den Vordergrund gestellt wird, zeigt die Tatsache, daß von 1269 bis 1376 die Landgrafen auf ihren Rücksiegeln ihre Abstammung von Elisabeth darstellen, ferner die Tatsache, daß um 1400 Landgraf Hermann II. Münzen mit dem Bild Elisabeths schlagen ließ, desgleichen wird sie 1502 auf einem Silbergulden von Landgraf Wilhelm II. offiziell als "Gloria rei publicae" - Ruhm des Staates - bezeichnet. Dieses Relief ist gerade noch vorreformatorisch, doch auch die Reformation, während der der religiöse Kult um Elisabeth verblaßte (vgl. Entfernung ihrer Gebeine aus der Elisabethkirche zur Beendigung von Reliquienkult und Wallfahrtswesen durch Landgraf Philipp), konnte ihre Stellung als Ahnin des hessischen Fürstenhauses und Landespatronin nicht erschüttern. Umgekehrt stellen sich die Landgrafen bewußt in die karitative Tradition der Landesmutter, um ihre eigene reformatorische Linie zu rechtfertigen, die zum Wohl des Staates aus Klostervermögen wohltätige Stiftungen machte.

Der landgräfliche Schild ist geviert mit Herzschild:

Über der gewölbten Nische erkennt man in den Zwickeln die Schilde der Landgrafen von Thüringen und der Könige von Ungarn, erstere hat Elisabeth geheiratet, von letzteren stammt sie ab: Sie war die Tochter des Königs Andreas II. von Ungarn.

Der niedrigere untere Teil des Relief-Steines zeigt in einer Nische unter einem breit gespannten Bogen einen goldenen Löwen, der in seiner Sitzhaltung und mit seiner Gesichtsform eher an ein Äffchen erinnert und nur durch die Mähne und Pranken als Löwe identifizierbar wird. Er hält zwei einander zugeneigte asymmetrische und konkav geformte Wappenschilde für die Stadt Marburg. Der heraldisch rechte Schild zeigt auf blauem Feld einen silbernen landgräflichen Helm mit ebensolchen Büffelhörnern und goldenen Lindenzweigen daran (vgl. Siegel der Stadt aus dem 14., 15. u. 16. Jh.), der linke Schild zeigt in Blau eine silberne Unziale "M", dem "Gemerke" der Stadt Marburg. Beide Motive waren als Symbole für die Stadt in Gebrauch. Die Relation der einzelnen Teile des Reliefs zueinander illustriert in einer Art Bedeutungsmaßstab die Abhängigkeit der Stadt von ihrem Landesherrn (zum Zeitpunkt der Entstehung Philipp I. Landgraf v. Hessen (13.11.1504 - 31.3.1567), gen. der Großmütige).

Detailausschnitte: Die beiden Bettler rechts und links des Schildes, die gerade frische Nahrung in ihre Almosenschalen gespendet bekommen haben, Symbol für die Mildtätigkeit der hessischen Landesmutter Elisabeth. Die barmherzigen Stiftungen Elisabeths sind nicht zuletzt in Zusammenhang mit ihrem Kontakt zu Franziskanern zu sehen: 1223 bringt Bruder Rodeger Elisabeth die Lehren von Franz von Assisi nahe. Nahe ihrer Stadtresidenz in Eisenach stiften Elisabeth und ihr Mann Ludwig IV Landgraf von Thüringen ein Franziskanerkloster, und auch in Marburg läßt die Landesmutter 1228 die Hospitalkapelle dem im gleichen Jahr heiliggesprochenen Hl. Franziskus weihen. 1229 gewährte der Papst Gregor IX dem Marburger Hospital einen 40tägigen Ablaß. Nach Elisabeths Tod trat der Deutsche Orden in ihre Nachfolge ein, übernahm das Franziskushospital und vereinnahmte die Stifterin für sich. 1235 wurde mit dem Bau der Elisabethkirche über ihrem Grab begonnen, der ersten gotischen Wallfahrtskirche im deutschsprachigen Raum.

Türbeschlag am Rathaus: Der Reiter trägt einen landgräflichen Schild, das Banner zeigt das "Gemerke" der Stadt Marburg, den Unzialbuchstaben "M". Das ist nichts anderes als die Schildfigur des Marburger Stadtwappens: In Rot mit silbernem Saum auf silbernem Pferd ein gepanzerter Ritter mit silbernem, goldverziertem Topfhelm und blauem Waffenrock, in der Rechten an rotgeschäfteter Lanze mit goldener Spitze eine golden befranste, dreilätzige silberne Fahne (Gonfanon), darin in Gold mit blauem Bord ein blaues gotisches M, links einen blauen Schild haltend mit einem goldgekrönten, siebenmal silbern-rot geteilten Löwen. Dieses Stadtwappen geht auf ein altes Siegel zurück, auf das Reitersiegel des Thüringer Landgrafen aus dem Zeitraum ca. 1248-1257. Das eigentliche Stadtzeichen ist der Unzialbuchstabe "M", das erschien wohl zu wenig repräsentativ, und so folgte man einer Zeitströmung, Stadtwappen aus alten Herrschaftssiegeln herzuleiten. Der Entwurf von Emil Doepler wurde 1895 vom Magistrat der Stadt Marburg offiziell eingeführt.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Informationstafel am Original im Marburger Universitätsmuseum im Landgrafenschloß
Ausstellung zu Elisabeth im Rathaus Marburg
Rathaus Marburg:
http://www.marburg-net.de/ansichten/rathaus/index.html
Marburger Stadtwappen:
http://www.marburg.de/de/44578 und http://www.online.uni-marburg.de/hrz/stadt/bilder/wappen.html

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