Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1528
Marburg an der Lahn (Hessen)

Neue landgräfliche Kanzlei in Marburg

Am Berghang zwischen der Altstadt Marburgs und dem Burgareal befindet sich die ehemalige landgräfliche Kanzlei (Landgraf-Philipp-Straße 4), sich von Nordosten nach Südwesten in einer Straßenkehre des alten Burgzugangsweges erstreckend. Landgraf Ludwig IV. v. Hessen-Marburg (27.5.1537 - 9.10.1604) ließ den viergeschossigen Bau im Stile der Renaissance 1573-76 vom Baumeister Ebert Baldewein als Verwaltungsgebäude errichten. Die Notwendigkeit ergab sich aus dem zunehmenden Platzbedarf der landgräflichen Verwaltung einerseits und dem zunehmenden Eigenbedarf des Landgrafen in seiner Burg, so daß die Verwaltung keinen ausreichenden Platz mehr in der Burg fand, sondern räumlich abgetrennt und nach "draußen" verlagert wurde, funktional aber noch zum Burgareal gehörend.

Das durchaus repräsentative, fast schloßartige Gebäude ist aus verputztem Bruchsteinmauerwerk mit abgesetzter Eckquaderung ausgeführt. Nur ein Bauteil ist jüngeren Datums, das ist der bergseitige, rechteckig vorgebaute Risalit, der 1873 angebaut wurde und einen älteren Aborterker ersetzte. Talseitig ist ein rechteckiger Treppenturm vorgebaut, mit schrägen, dem Anstieg der Treppe im Inneren folgenden Fenstern auf seinen drei Seiten; die Hauptgiebel des Gebäudes sind an den Schmalseiten im Nordosten und im Südwesten. Der Bau wird heute von der Philipps-Universität genutzt, die Eigentümerin des Bauwerkes ist; hier sind die religionskundliche Sammlung, das Fachgebiet Religionswissenschaft und die entsprechende Bibliothek untergebracht.

Das auf 1575 datierte Prunkportal des Treppenturmes weist nach Südwesten. Dichtes Buschwerk und Bäume lassen nur wenige Sonnenstrahlen durchdringen. Zwei seitliche, auf der Fläche spiegelartig vertiefte Pilaster mit hohem, mit je einem Diamantquader verziertem Sockel stützen den Architrav mit Inschriftenzone und bilden einen rechteckigen Rahmen; darüber ist ein Dreiecksgiebel. Der reich profilierte und bis auf zwei seitlich angebrachte Profile kämpferlose Rundbogen bildet mit seinem abgesetzten Schlußstein die Konsole des Architravs und zugleich des Wappens, das sich über Inschriftenfeld und Dreiecksgiebel erstreckt und dessen unteres Sims durchbricht. Rechts und links des Wappensteines füllen dreieckige, facettierte Elemente den restlichen Raum der Giebelfläche aus. Interessant sind die beiden runden Zierelemente in den Zwickeln rechts und links des Portalbogens mit exzentrischen, ausgehöhlten Innenhalbkugeln, die wie den Eintretenden argwöhnisch anschielende Augen wirken. Das Wappen wird auf einer Renaissance-Kartusche ausgestellt, mit an mehreren Stellen schneckenförmig eingerollten Ecken und ohne Oberwappen.

Wappen für Ludwig IV. Landgraf v. Hessen-Marburg, der Schild ist geviert mit Herzschild. Abweichend von der Theorie ist die Teilung der rechten Seite erhöht und die der linken Seite erniedrigt, so daß mehr Platz für die Felder 2 und 3 und weniger für die Felder 1 und 4 besteht. Warum? Am Raumbedarf der Figuren kann es nicht liegen, denn Löwen sind komplexere Figuren als Sterne und Teilungen. Vielleicht ist es eine Art Bedeutungsmaßstab, um die Wichtigkeit der Territorien der Grafschaft Ziegenhain und Nidda herauszustreichen.

Die Inschrift auf dem Architrav nennt den Bauherrn: "VON GOTTES GNADEN LVDWIGK LANDTGRAFF ZV HESSEN GRAFF ZV CATZENELNPOG DIETZ ZIGENHAIM VND NIDDA ANNO DOMINI 1575”. Genealogie zum Wappen:

Steinmetzzeichen am Renaissance-Prunkportal

Literatur, Links und Quellen: Kanzlei
Siebmachers Wappenbücher
Genealogien und Lebensläufe: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Baugeschichte der Kanzlei: G. U. Großmann, Renaissance-Schlösser in Hessen - Katalog des DFG-Projekts: http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/XML/094_Marburg_Kanzlei.xml
Susanne Voigt, Ebert Baldwein, der Baumeister Landgraf Ludwig IV. von Hessen-Marburg 1567 – 1592, Marburg 1942 (Dissertation 1939)
F. Küch, B. Niemeyer, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Bd. VIII, Kreis Marburg-Stadt, Kassel 1934, Tf. 219-224
G. Ulrich Großmann, Wahrzeichen Marburgs, Marburg 1979, S. 99-101
Peter J. Bräunlein, die Neue Kanzlei:
http://www.uni-marburg.de/fb03/ivk/religionswissenschaft/fachgebiet/kanzlei

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