Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1527
Marburg an der Lahn (Hessen)

Schloß Marburg, Rentkammer

Die Südseite des Kernschlosses wird dominiert von dem hohen und wuchtigen Landgrafenbau, der den Westflügel zur Linken mit der Kapelle zur Rechten verbindet. An der Grenze zur Kapelle befindet sich ein Abortturm, unten quadratischen Grundrisses, oben polygonal. Deutlich erkennt man die Grenzen zwischen den einzelnen Bauabschnitten: Zwei Eckerker markieren die bauliche Einheit des Westflügels, An den Eckquadern sind Löcher für Kran-Zangen, wie im frühen 14. Jh. üblich, desgleichen an den Zwillingsfenstern mit tiefen Kehlungen. Dann folgt der viergeschossige mittlere Bauteil, der aber älter sein muß als der Westflügel, weil er nach links mit einer Quaderkante abschließt, also auf das späte 13. Jh. zu datieren ist. Er besteht aus zwei ungleichen Teilen, links regelmäßig angeordnete Fenster von je nach Stockwerk unterschiedlicher Form, z. T. mit Blendmaßwerk, während der rechte Teil durch ein großes Maßwerkfenster dominiert wird, links daneben ein polygonaler Erker. Im unteren Bereich ist noch romanisches Quadermauerwerk verwendet worden, ein Teil der ersten Wehrmauer. Darüber ist Bruchsteinmauerwerk späterer Zeit. Daneben schließt sich rechterhand ein im Vergleich zu den hohen Mauern fast heiter-beschwingt zu nennender Quaderbau geringer Höhe an, die zweigeschossige landgräfliche Rentkammer, niedrig und zart vor dem wuchtigen Schloß, überhöht von der großen Uhr der Schloßkapelle und deren Turm. Die Süd-Fassade des Marburger Schlosses vereint also viele verschiedene Bauphasen von der Mitte des 12. Jh. (Ringmauer-Teil) über einen großen Teil aus dem späten 13. und einen anschließenden aus dem 14. Jh. bis zu einer Erweiterung aus dem 16. Jh. zu einer großartigen architektonischen Kulisse.

Hier interessiert vorrangig diese Rentkammer: Auf einem Untergeschoß mit zwei großen, offenen, von Pilastern getrennten Arkaden nach Süden und jeweils einer Arkade zu den beiden Seiten ruht ein Hausteingeschoß, die darüber liegenden Dachgeschosse in einem Giebel mit bewegten Außenformen sind außen verschiefertes Fachwerk, und zwei halbe Renaissance-Giebel bilden seitlich den Anschluß an das Kernschloß. Der Südgiebel ist nicht original, vermutlich wurde er nach Beschädigungen im Dreißigjährigen Krieg oder aus anderen, nicht näher bekannten Gründen ca. 1625 erneuert. Diese Rentkammer ist Teil der umfangreichen Ausbauarbeiten unter Landgraf Ludwig IV., der ab 1567 die mittelalterliche Verteidigungsanlage in ein repräsentatives Wohnschloß der Renaissance verwandeln ließ. Das Untergeschoß ist einfach ein offener Raum mit Kreuzgratgewölbe, die Verwendung ist unklar. Hinter dem Obergeschoß liegt das Untergeschoß der Schloßkapelle. Baumeister der 1572 errichteten Rentkammer ist Ebert Baldewein, eigentlich gelernter Schneider, dann im Bauwesen tätig, seit 1550 in landgräflichen Diensten, zeitweise als sog. Lichtkämmerer und schließlich ab 1567 als landgräflicher Hofbaumeister, der nicht nur für Ludwig IV in Marburg, sondern auch für dessen Bruder Wilhelm IV. in Kassel baute.

Von heraldischem Interesse ist das landgräfliche Wappen am Gebälk über dem mittleren Pilaster, der die beiden Südarkaden trennt. Es ist ohne Oberwappen; der Schild ist kartuschenartig geformt und an allen vier Seiten mittig schneckenförmig eingerollt, wobei die Schnecken in der Mitte mit Blumengebinden belegt sind (rechts und links gut zu sehen, oben und unten nicht mehr erhalten), und an den Stellen dazwischen teilweise tief eingeschnitten.

Wappen für Ludwig IV. Landgraf v. Hessen-Marburg, der Schild ist geviert mit Herzschild:

Die in zwei Teile rechts und links des Wappensteines aufgeteilte Inschrift nennt den Bauherrn: "DER DVRCHLEVCHTIG FVRST HOCHGEBOR, LVDWIG LANDTGRAF VND HER ZV HESSEN VON GOT ZVM REGIMENT ERKORN LIES(S) DIES GEMACH VO(N) NEW ABMESS VND AVFFVREN IN DER GESTALT, VNDT SIEBENTZIG ZWEY IAR DAR ZV ALS MAN TAVSENT FVNFHVNDERT ZALT GOT GEB DEM LANDT VNDT FVRSTE(N) RHV" und enthält damit die Datierung auf 1572.

Die Rentkammer und die neue Kanzlei sind beide reine Verwaltungsbauten und zugleich sehr repräsentativ. Die Umbaumaßnahmen im Hochschloß selbst machten dieses jedoch vor allem wohnlicher und moderner, dienten aber weniger der Repräsentation, weshalb das Hochschloß auch nach außen nie seinen mittelalterlich-wehrhaften Charakter abgelegt hat.

Position des beschriebenen Wappensteines

Dieser Ausbau war die letzte Blüte des Schlosses Marburg als Residenz. Im 30jährigen Krieg geriet Marburg in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen den beiden Hauptlinien Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, die beide den Anteil Hessen-Marburg für sich beanspruchten, wobei Hessen-Kassel dem protestantischen Lager angehörte, das protestantische Darmstadt aber der katholischen Liga, schließlich wurde Marburg von Darmstadt 1625 erobert. Ludwig IV. hatte in seinem Testament gefordert, daß Marburg lutherisch blieb. Er hatte einst sogar noch krasser formuliert, daß "das Land vor dem zwinglischen und calvinistischen Gift" geschützt werden solle. Das sahen seine Erben ganz anders: Moritz Landgraf v. Hessen-Kassel (25.5.1572 - 15.3.1632), der bei der Erbteilung nach Ludwig IV. Tod die nördliche Hälfte der Gebiete mit der Stadt Marburg bekam, führte 1605 mit Gewalt den Calvinismus ein und vertrieb die lutherischen Professoren der Universität, die beim lutherischen Landgrafen von Hessen-Darmstadt Aufnahme fanden und den personellen Grundstock des Gymnasiums und der sich daraus entwickelnden Uni Gießen wurden. Der andere Neffe Ludwigs IV. und ebenfalls Erbe, der der südlichen Hälfte, Ludwig V. Landgraf v. Hessen-Darmstadt (24.9.1577 - 1626), nahm diesen Bruch des Testamentes durch seinen Cousin zum Anlaß, sich als allein Berechtigten anzusehen, und 1623-1648 setzte er seine Ansprüche in Marburg durch. 1645-1648 bildeten die hessischen Kriege einen fulminanten Schlußpunkt des 30jährigen Krieges, in denen persönliche territoriale Interessen unter dem Deckmantel der Religion ausgefochten wurden. Schließlich einigte man sich dahingehend, daß Marburg zu Hessen-Kassel zurückkam, aber lutherisch blieb, während die Uni reformiert war. Das heiß umstrittene Marburg wurde damit als Residenz bedeutungslos. Es war Verwaltungssitz und vor allem Festung, und entsprechend wurde das Schloß auch ausgebaut und genutzt. Doch stark und modern war die Festung nicht, sie wurde schon im Siebenjährigen Krieg mehrfach erobert, und die Bastionen wurden 1806 von Napoleon gesprengt. Reste der Kasematten sind im Westen des Schlosses im Park zu sehen. Das Schloß verkam ab 1809 als Gefängnis. Erst die Nutzung als preußisches Staatsarchiv seit 1869 (1866 annektierte Preußen Kurhessen) rettete die Gebäude, bis 1946 die Universität und später das Museum einzogen.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Baugeschichte des Schlosses: G. U. Großmann, Renaissance-Schlösser in Hessen - Katalog des DFG-Projekts:
http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/XML/093_Marburg_Schloss.xml
Grundriß des Schlosses:
http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/Html/093_Marburg_Schloss_05.htm und des Kernbaus: http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/Html/093_Marburg_Schloss_04.htm
Susanne Voigt, Ebert Baldwein, der Baumeister Landgraf Ludwig IV. von Hessen-Marburg 1567 – 1592, Marburg 1942 (Dissertation 1939), S. 54-65
F. Küch, B. Niemeyer, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Bd. VIII, Kreis Marburg-Stadt, Kassel 1934, Tf. 123-216
Karl Justi, Das Marburger Schloß, Marburg 1942
G. Ulrich Großmann, Schloß Marburg, Burgen, Schlösser und Wehrbauten in Mitteleuropa Band 3, Hrsg.: Wartburg-Gesellschaft, Schnell & Steiner Verlag, Regensburg 1999, ISBN 3-7954-1218-8
http://www.marburg-net.de/ansichten/schloss/rentkammer/index.html
Landgraf Ludwig IV.:
http://www.uni-marburg.de/aktuelles/unijournal/april2005/juengling von Dr. Margret Lemberg

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