Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1526
Marburg an der Lahn (Hessen)

Schloß Marburg, Treppenturm im Innenhof des Hochschlosses

Rings um den Innenhof des Marburger Schlosses gibt es drei Treppentürme, einer im Osten nördlich der Einfahrt, nicht nach außen hervortretend, ein weiterer auf der Südseite zwischen Landgrafenbau und Kapelle und ein dritter im südwestlichen Eck des Hofes zwischen Landgrafenbau und Westflügel, die beiden letzteren polygonal nach außen in Erscheinung tretend, letzterer mit einem schönen Renaissance-Portal, schräg geschnittenen Fenstern und welscher Haube über seinen acht Geschossen. Einst gab es ihm gegenüber im nordwestlichen Eck zwischen Westflügel und nördlichem Saalbau einen weiteren Treppenturm, der aber nicht erhalten ist. Der Treppenturm im Südwesteck entstammt der Umbauphase, als die mittelalterliche Burg in ein wohnhaftes Renaissanceschloß umgewandelt wurde.

Das auf 1567 datierte Renaissance-Portal weist nach Nordosten. Zwei seitliche, auf der Fläche spiegelartig vertiefte Pilaster, mit durch ein kräftiges Profil abgesetztem, mit je einem Diamantquader verziertem Sockel, stützen den schmalen Architrav und bilden einen rechteckigen Rahmen unter einem Dreiecksgiebel mit Inschrift und Wappen. Der Rundbogen hat seitlich zwei kleine Kämpferprofile. Die Zwickel weisen nur einen schwach hervorgehobenen Ring als Zierrat auf.

Wappen für Ludwig IV. Landgraf v. Hessen-Marburg, der Schild ist geviert mit Herzschild:

Dazu werden folgende 3 Helme geführt:

Die zweiteilige Inschrift in den Dreiecksgiebelzwickeln nennt den Bauherrn: "1567 VON GOTS GNADEN LVDWIG LANDGRAF ZV HESSEN GRAF V CATZENELNBOGEN ET... ANNO 67".

Der am württembergischen Hof in Stuttgart erzogene Landgraf Ludwig IV. erbte bei der Erbteilung mit den Brüdern Oberhessen mit den Städten Marburg und Gießen, während sich die anderen Brüder die übrigen drei Viertel des väterlichen Besitzes teilten, wobei Wilhelm als der Älteste ca. die Hälfte des ursprünglichen Besitzes bekam und die beiden anderen Brüder jeweils ein Achtel. Aus seiner Zeit am Württembergischen Hofe brachte Ludwig IV. auch seine Ehefrau mit. Marburg wurde unter ihm zur Residenz ausgebaut, und die Spuren seines Ausbaus sind heute in Marburg allgegenwärtig. Er errichtete die meisten Renaissancebauwerke der Stadt, und fast alle werden heute von der Universität genutzt. Er ging als einer der friedfertigsten und umsichtigsten hessischen Herrscher in die Geschichte ein, er hatte geordnete Finanzen, ganz im Gegensatz zu seinem Bruder in St. Goar, und er tat viel für die Bildung und die Marburger Universität. Landgraf Ludwig konnte seine Landgrafschaft durch Zukäufe vergrößern, so um die Fuldische Mark, deren ersten Teil er 1570 von den Grafen von Nassau-Saarbrücken kaufte und deren zweiten Teil er 1583 von den Grafen von Nassau-Weilburg erwarb. Als sein Bruder Philipp II. Landgraf v. Hessen-Rheinfels (22.4.1541 - 1583) ohne Nachkommen starb, wurde dessen Besitz unter die anderen Erben aufgeteilt, und Ludwig bekam die Ämter Lißberg, Ulrichstein und Itter. Ludwig selbst war aber ebenfalls ohne Erben, und so verfügte er sieben Jahre vor seinem Tod in seinem Testament, daß sein Besitz geteilt und an zwei seiner Neffen gehen solle, nämlich an Moritz Landgraf v. Hessen-Kassel (25.5.1572 - 15.3.1632) und Ludwig V. Landgraf v. Hessen-Darmstadt (24.9.1577 - 1626). Die lutherische Konfession der Marburger Bürger, Kirchen, Schulen und der Universität sollte als Bedingung gewahrt bleiben - "bei der reinen Augsburgischen Konfession von 1530". Dadurch waren spätere konfessionelle Streitigkeiten, die sich während des 30jährigen Krieges entzündeten, vorprogrammiert. Landgraf Ludwig ist in der Lutherischen Pfarrkirche in der Krypta beigesetzt, dort befindet sich das 1590-93 bereits zu Lebzeiten nach dem Tod seiner Gemahlin von Gerhard Wolff aus Mainz geschaffene Epitaph des Landgrafen und seiner Frau an der Nordseite im Chor.

Position des beschriebenen Wappensteines

Im Innern des Hochschlosses gibt es weitere Wappendarstellungen, die beachtenswerteste und qualitätvollste ist ein Allianzwappen für Ludwig IV. Landgraf v. Hessen-Marburg (27.5.1537 - 9.10.1604) und seine erste Frau Hedwig v. Württemberg (15.1.1547 - 4.3.1590), eine Holzschnitzarbeit in einer Renaissance-Tür-Umrahmung im Fürstensaal von 1573, angefertigt von Nikolaus Hagenmüller.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Baugeschichte des Schlosses: G. U. Großmann, Renaissance-Schlösser in Hessen - Katalog des DFG-Projekts:
http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/XML/093_Marburg_Schloss.xml
Grundriß des Schlosses:
http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/Html/093_Marburg_Schloss_05.htm und des Kernbaus: http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/Html/093_Marburg_Schloss_04.htm
F. Küch, B. Niemeyer, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Bd. VIII, Kreis Marburg-Stadt, Kassel 1934, Tf. 123-216
Karl Justi, Das Marburger Schloß, Marburg 1942
G. Ulrich Großmann, Schloß Marburg, Burgen, Schlösser und Wehrbauten in Mitteleuropa Band 3, Hrsg.: Wartburg-Gesellschaft, Schnell & Steiner Verlag, Regensburg 1999, ISBN 3-7954-1218-8
Michaela Sleegers, Das Renaissance-Portal im Marburger Landgrafenschloß, in: Hessische Heimat 43, 1993, Heft 4, S. 138-145.
Landgraf Ludwig IV.:
http://www.uni-marburg.de/aktuelles/unijournal/april2005/juengling von Dr. Margret Lemberg

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