Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1488
Kirchensittenbach (Mittelfranken)

Die Bartholomäuskirche in Kirchensittenbach (4):
Glasfenster der Herrschaftsempore

Das zweite Fenster der Herrschaftsloge wirkt wie eine Ausschnittsvergrößerung des zuvor besprochenen Fensters. Denn hier wird ein Sohn aus dem großen Tetzelfenster, der dort gemeinsam mit seinen beiden Ehefrauen in einem einzigen Schild ohne Oberwappen repräsentiert war, herausgegriffen und quasi expandiert. Das zuvor besprochene Fenster war ja auch seinen Eltern gewidmet, die dadurch auch heraldisch im Vordergrund standen, und in diesem Fenster hier sind aus den Kindern selber erwachsene Repräsentanten der Grundherrschaft geworden. Drei wunderschön gestaltete Renaissance-Vollwappen füllen die Zwischenräume zwischen den vier vorderen Säulen einer Rahmenarchitektur, deren rote Basen auf einem grünen Sockel stehen und deren violette Kämpfer über grünen Kapitellen ein rotes Gebälk tragen. Neben den äußeren Säulen sind perspektivisch nach innen gerückt andersfarbige hintere Säulen sichtbar. In den unteren Ecken sitzen wiederum zwei allegorische Figuren. Dieses ist das Repräsentationsfenster des Erbauers des neuen Schlosses zu Kirchensittenbach, stilistisch in vollster Blüte der Renaissance-Ornamentik. Und dennoch fehlt etwas ganz Entscheidendes, was das Fenster für seine Eltern gehabt hat: Kinder. Kein einziger Wappenschild dokumentiert Nachkommen, trotz zweier Ehen bleibt der Schloßherr ohne Nachwuchs, was schließlich der Grund für die Überführung des Besitzes in eine Stiftung war.

Eine rechteckige Kartusche am unteren Bildrand datiert das Fenster auf 1611. Optisch links sieht man das Tetzel-Wappen, in Rot eine aufspringende silberne Katze, auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken die silberne Katze wachsend. Aus Courtoisie ist das ganze Wappen gewendet. Üblicherweise steht bei solchen Dreierkombinationen das Wappen des Ehemannes in der Mitte, flankiert von seinen beiden Ehefrauen. Hier ist es anders gelöst, und dies ist aus gestalterischen Gründen sogar gut, denn die Helmzier des Tetzelwappens eignet sich gut für eine Profil- und weniger gut für eine Frontaldarstellung, so kann man sie gewendet darstellen, während die Helmzier des mittleren Wappens sehr gut frontal gezeigt werden kann.

Das Tetzel-Wappen steht für Jobst Friedrich Tetzel (1556-1612), Sohn von Jobst VII. Tetzel (1503-1575) und Anna Volckamer. Er wurde 1579 jüngerer Bürgermeister im Kleineren Rat der Reichsstadt und 1588 älterer Bürgermeister, 1601 Älterer Herr, 1610 dritter Oberster Hauptmann, und noch im selben Jahr rückte er an die Spitze des Stadtregimentes auf. Nach dem Tod des Vaters übernahm er erst gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Karl den Besitz, einer der größten Grundbesitzkonglomerate im Nürnberger Raum. Aufgrund zunehmender Mißverständnisse zwischen den Brüdern (nicht zuletzt entzündete sich der Streit daran, daß der Erstgeborene bei der Erbschaft begünstigt worden war) wurde der Besitz 1579 zwischen ihnen aufgeteilt. Während sich Karl nach Vorra verzog und beide Brüder erbitterte Prozesse gegeneinander mehr aus Prinzip und im Grunde wegen Nichtigkeiten wie durch das Wasser des Anderen verfaulte Obstbäume oder die Schöffenbesetzung oder den Ort der Grabstätte führten, ließ Jobst Friedrich 1588 das alte Herrenhaus einreißen und 1590-1593 eine Renaissance-Zweiflügelanlage mit winkelständigem Treppenturm und kleinem, das Rechteck schließenden Hof errichten. Sein riesiges Vermögen ließ neben dem Schloßbau noch genügend Spielraum für weitere Investitionen, so daß er schließlich in 23 Dörfern rings um Kirchensittenbach Güter hatte. Ganz konnten sich die beiden Brüder nicht aus dem Wege gehen, denn sie saßen sich zeitweise im Nürnberger Rat gegenüber, der eine als jüngerer, der andere als älterer Bürgermeister, mit Sicherheit eine höchst geladene Situation. Der Bruderstreit wurde so schlimm, daß die Angehörigen Karls bei Jobst Friedrichs Begräbnis ausgeschlossen waren und daß dieser seinen gesamten Besitz in eine Stiftung überführte und die Familie seines Bruders von der Nutzung ausschloß.

Das mittlere Wappen ist das der Groland (Groland von Oedenberg), in Schwarz eine fünfblättrige rote Rose, aus der deichselförmig - im Dreipaß - drei silberne Sensenklingen hervorgehen, auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein wachsender schwarzer Mannesrumpf, um die Stirn ein Kranz von goldenen Rosen, aus dem zwei nach außen gestellte silberne Sensenklingen hervorkommen (Schöler S. 51, Tafel 51, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 72 Tafel: 71). Jobst Friedrich Tetzel hatte am 2.12.1578 Maria Groland (1555-1583) geheiratet, die Ehe blieb ohne Nachwuchs.

Das dritte Wappen optisch ganz rechts ist das der Schlüsselfelder, in von Silber und Schwarz geteiltem Schild drei deichselförmig im Dreipaß gestellte Schlüssel an einem gemeinsamen Ring in verwechselten Farben, auf dem schwarz-silbern bewulsteten Helm mit schwarz-silbernen Decken ein offener Flug, jeweils mit dem Schildbild belegt (Siebmacher Band: BayA1 Seite: 90 Tafel: 90, Schöler S. 97, Tafel 140). Jobst Friedrich Tetzel hatte am 14.9.1585 Anna Schlüsselfelder (1565-1639) geheiratet. Diese wurde als Witwe nach dem Tod ihres Mannes die erste Administratorin der Tetzel-Familienstiftung. Nutznießer der Stiftung waren Anna und die ältere Linie der Tetzel. Als letztere mit Philipp Jakob Tetzel 1685 ausstarb, waren die Nutznießer die mehrfach mit den Tetzel ehelich verbundenen Schlüsselfelder (nun "Schlüsselfelder von Kirchensittenbach") alleine, doch auch diese hatten bald darauf ein Erbfolgeproblem: Mit dem kinderlosen Johann Karl Schlüsselfelder (1653-1709), ein Urenkel des Bruders der erwähnten Anna, starben sie aus und überführten ihr eigenes Vermögen ebenfalls in eine Stiftung. Jetzt trat Plan B in Kraft, der ebenfalls schon im Testament von Jobst Friedrich Tetzel in weiser Voraussicht festgelegt war: Weil seine Mutter Anna Volckamer (gest. 1573) war, wurde diese Familie als eine der im Wechsel die Stiftung verwaltenden Treuhänder bestimmt. So wurden 1709 die Volckamer die Nutznießer der Tetzel-Stiftung, und sie nannten sich nun "Volckamer von und auf/zu Kirchensittenbach". Die Tetzel-Stiftung besteht noch heute; als Administratoren folgten den Volckamer 1729 die Pfinzing (durch Losentscheid), 1765 die Behaim und 1925 die Stromer. Gleichzeitig lebte aber noch die jüngere Linie der Tetzel fort, die Nachkommen Karls, sie starb erst 1736 mit Felix Jakob Tetzel aus.

Detailausschnitte mit den allegorischen Darstellungen humanistischer Tugenden, in der Reihe weiter oben rechts Prudentia, die Klugheit (mit dem Spiegel der Erkenntnis), im letzten Bild Justitia, die Gerechtigkeit (Darstellung mit Waage in der Linken und Schwert in der Rechten).

Detailausschnitte: Darstellung der drei Helme. Die drei hauptsächlichen Möglichkeiten des Überganges zur Helmzier werden hier kombiniert, links mit Laubkrone, in der Mitte ein fließender Übergang in eine wachsende Helmzier, und rechts ein aus Stoffstreifen gewundener Wulst. Man beachte den reichen Schmuck an den Helmhälsen.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Eugen Schöler, Fränkische Wappen erzählen Geschichte und Geschichten. Verlag Degener 1992, ISBN 3-7686-7012-0.
Evangelisch-lutherische Gemeinde Kirchensittenbach: http://www.kirche-kirchensittenbach.de/
Geschichte der Bartholomäuskirche:
http://www.kirche-kirchensittenbach.de/bartholomaeuskirche/geschichtliches.html
Veröffentlichung der Bilder aus dem Innenraum der Bartholomäuskirche mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer Johannes Ziegler vom 9.11.2010,
wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.

(1): Glasfenster Chor - (2): Johann Jakob II. Tetzel - (3): Glasfenster Empore - (5): Glasfenster Empore - (6): Weitere Wappendarstellungen

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