Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1487
Kirchensittenbach (Mittelfranken)

Die Bartholomäuskirche in Kirchensittenbach (3):
Glasfenster der Herrschaftsempore

Im Norden des Kirchenraumes befindet sich der Zugang zur Herrschaftsempore, wo die Herren zu Kirchensittenbach von einem verglasten Separatraum aus dem Gottesdienst folgen konnten. Nach außen hat diese Herrschaftsloge drei sehr schöne heraldische Glasfenster aus der Zeit der Renaissance, die die Familiengeschichte der Tetzel mit sämtlichen aktuellen genealogischen Zusammenhängen ohne Worte bildlich illustrieren.

Dieses Fenster besitzt eine Scheinarchitektur aus einem an den beiden Seiten vorspringenden Sockel auf perspektivisch gefliestem Boden und fünf sichtbaren, das Gebälk tragenden Säulen, die der Raumaufteilung dient, um das heraldische Programm schlüssig unterzubringen. Die mittlere Säule wird von zwei Vollwappen flankiert, vor den äußeren Säulenpaaren (die vorderen rosa mit hellblauem Kapitell, die perspektivisch hinteren grün-rot) stehen zwei allegorische Figuren, und der Sockel dient der Aufreihung von insgesamt neun Wappenschilden ohne Oberwappen. Die Logik ist schlüssig: Die Erwachsenen-Generation bekommt Vollwappen, die Kinder-Generation nur Wappenschilde. Ist ein Kind verheiratet, wird der Schild gespalten, wobei immer das Wappenbild des Ehemannes heraldisch rechts und das der Ehefrau heraldisch links erscheint. Somit handelt es sich überall dort, wo die Katze optisch rechts ist, um Töchter - hier sechs an der Zahl, und im gegenteiligen Fall um Söhne, hier zwei an der Zahl. Unverheiratete Kinder, sei es, daß sie noch zu jung sind oder früh verstorben sind, bekommen den väterlichen Schild alleine, dieser Fall tritt hier einmal auf. Ist ein Sohn mehrfach verheiratet gewesen, so wird die Spalthälfte für die Ehefrau(en) noch einmal geteilt, so daß nun drei Wappenbilder in einem Schild vereinigt werden. Dies ist einmal der Fall, im zweiten Schild von optisch rechts. Und die Figuren werden stets gewendet, in einem gespaltenen Schild ist die Bezugslinie die Mittelspaltung, bei nicht unterteilten Schilden ist die Bezugslinie die Mittellinie des Fensters. Nicht nur, daß es prinzipiell bei jeder Komposition einfach besser und geschlossener aussieht, wenn die dargestellten Lebewesen oder Personen ins Bild hineinschauen und nicht zum Rand, sondern es entspricht auch der heraldischen Courtoisie, daß sich Ehewappen gegenseitig anblicken, wie man hier sowohl bei den beiden Vollwappen als auch bei sieben der neun Schilde sehen kann. Der Schild, der nur das Tetzelwappen alleine zeigt, ist gewendet, weil er sich optisch links von der Mittelachse des Glasbildes befindet. Insgesamt neun verschiedene Nürnberger Familien werden durch diese Glasmalerei genealogisch verknüpft.

Das zentrale Allianzwappen zeigt heraldisch rechts das Wappen der Tetzel, in Rot eine aufspringende silberne Katze, hier aus Courtoisie gewendet. Auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken die silberne Katze wachsend. Gegenüber ist das Wappen der Volckamer, von Silber und Blau geteilt, oben ein halbes rotes Rad mit drei Speichen, unten eine silberne Lilie. Diese Kombination paßt zu Jobst VII. Tetzel, zweiter Sohn von Friedrich III. Tetzel (gest. 1523) und Ursula Fürer (1481-1545), geb. 1503, gest. am 18.10.1575, und seiner 1534 geehelichten Frau Anna Volckamer, der einzigen Tochter des Hans VII. Volckamer und damit einer reichen Erbtochter. Jobst VII. Tetzel war selbst durch Edelstein- und Montanhandel zu großem Vermögen gekommen. Daneben machte er im Rat Karriere, eher eine Pflicht, nahm die Wahrnehmung der Verpflichtungen doch viel Zeit in Anspruch, die man mit Geschäften verbringen könnte. Jobst VII. kam 1538 in den Rat als jüngerer Bürgermeister, er wurde nach Durchlaufen üblicher Positionen als Rugherr (1541) und Vormundherr (1553) schließlich 1555 älterer Bürgermeister und 1558 Septemvir, 1565 dritter Oberster Hauptmann, und das blieb er bis zu seinem Tod. Eigentlich strebte Jobst VII. Tetzel nicht in dieses Amt, bat sogar um "Entlassung", also Übergehen bei der Wahl, was aber nicht immer funktionierte, weil sich die Reihen der anderen Septemvirn durch diverse Todesfälle lichteten.

Jobst VII. war es, der 1569 Kirchensittenbach (damals noch Obersittenbach) mit altem Schloß und 21 Gütern von Klaus von Erlbeck käuflich für 6500 Gulden erwarb, denn die Tetzel hatten zwar den Aufstieg in den Adel 1524 geschafft, aber noch keinen eigenen Schloßbesitz, und Geld hatte Jobst VII. dank äußerst erfolgreicher Geschäfte und lukrativer Vermählung reichlich. Da der neue Besitz im Nürnberger Pflegamt Hersbruck lag, durfte, so die Auflage vom Rat, der frisch gekaufte Besitz nicht ohne Genehmigung an Nicht-Nürnberger veräußert werden. Die Tetzel hatten die niedere Gerichtsbarkeit, die Hochgerichtsbarkeit lag aber beim Rat, ggf. zu vertreten durch den Pfleger von Hersbruck. Jobst VII. Tetzel baute Kirchensittenbach zu einer mustergültigen Grundherrschaft auf, um für sich und die Seinen einen ihrem Stand, Vermögen und Einfluß adäquaten Familiensitz zu schaffen, und insofern ist dieses Glasgemälde auch ein programmatisches, idealistisches. Zu dem Zeitpunkt konnte noch keiner vorhersehen, wie schrecklich sich seine beiden hier noch friedlich mit ihren Schilden nebeneinanderstehenden Söhne entzweien sollten.

Der erste und der dritte Wappenschild von optisch links sind jeweils gespalten, heraldisch rechts das Wappenbild der Tucher (geteilt, oben von Silber und Schwarz fünfmal schräglinks geteilt, unten in Gold ein schwarzer Mohrenkopf, gewendet), heraldisch links das der Tetzel. Wir haben zwei Schilde identischer Kombination, einer davon gehört zu Maria Tetzel, sie heiratete 1562 Christoph V. Tucher (1540-1610), Sohn von Hieronymus III. Tucher (1504-1540). Nach einer bewegten Jugend, die ihn nach Antwerpen, Augsburg, Vienne (bei Lyon), Ungarn und Frankreich wurde ihr Mann Schöffe am Stadtgericht Nürnberg und 1570 Waldamtmann und nach diversen Stationen 1587 Landpfleger. Eine weitere Ehe mit dieser Familie ging eine weitere Tochter ein, nämlich Anna Tetzel hatte den historisch unbedeutenden Adam Tucher (1536-1576) am 1.6.1556 geheiratet, einen Sohn von Lorenz II. Tucher.

Der zweite Wappenschild ist gespalten, heraldisch rechts das Wappenbild der Kress (in Rot ein schrägrechts gestelltes, hier gewendetes silbernes Schwert), heraldisch links das der Tetzel. Ursula Tetzel, gest. 1574, hatte 1564 Christoph III. Kress (1541-1583) geheiratet. Dieser machte eine klassische Ratskarriere, 1565 Genannter des Größeren Rats, 1566 Alter Genannter des Kleineren Rats, 1567 jüngerer Bürgermeister, 1569 Waldherr, 1575 Landpfleger, 1579 älterer Bürgermeister. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er 1579 in zweiter Ehe Maria Plöd.

Der vierte Wappenschild von optisch links ist ungeteilt und zeigt nur das Wappenbild der Tetzel. Er steht für ein unvermählt gebliebenes Kind (ob Sohn oder Tochter, kann allein aus dem Schild nicht gesagt werden).

Der fünfte Wappenschild ist gespalten, heraldisch rechts das Wappenbild der Fütterer (in Rot ein silberner Sparren, von drei (2:1) silbernen, sechsstrahligen Sternen begleitet), heraldisch links das der Tetzel. Helena Tetzel (1548-1611) hatte 1568 Jakob Fütterer (1529-1586) geheiratet. Ihre Ehe war kinderlos. Ihr Mann wurde 1560 Genannter des Größeren Rates und 1561 jüngerer Bürgermeister, 1569 älterer Bürgermeister. Er war der letzte Ratsherr der Familie, und er schied vorzeitig aus dem Rat aus. Für ihren Mann, Schloßherr zu Harrlach, war es die zweite Ehe, in erster Ehe hatte Jakob Fütterer 1559 Drusiana Tucher (1537-1566) geheiratet.

Der sechste Wappenschild ist gespalten, heraldisch rechts das Wappenbild der Imhoff (in Rot ein goldener See-Löwe mit einem über dem Kopf schwingenden Fischschwanz, auf dem linken Vorderbein stehend, das rechte vorwärts streckend), heraldisch links das der Tetzel. Klara Tetzel, gest. 1597, hatte Willibald II. Imhoff geheiratet. Die Verbindung beider Familien fand überkreuz statt, denn Klaras Bruder Karl Tetzel hatte Anna, die Schwester von Willibald II. Imhoff geheiratet (s. u.).

Der siebte Wappenschild von optisch links ist gespalten, heraldisch rechts das Wappenbild der Scheurl (in Rot ein aufspringender silberner Panther (Pantier), gewendet), heraldisch links das der Tetzel. Hier hatte die jüngste Tochter der Familie in die Familie Scheurl eingeheiratet, die Namen sind mir nicht bekannt (Hinweise willkommen).

Der achte Wappenschild von optisch links ist gespalten, heraldisch rechts das Wappenbild der Tetzel, heraldisch links geteilt, oben das Wappenbild der Groland (in Schwarz eine fünfblättrige rote Rose, aus der deichselförmig - im Dreipaß - drei silberne Sensenklingen hervorgehen), unten das der Schlüsselfelder (in von Silber und Schwarz geteiltem Schild drei deichselförmig im Dreipaß gestellte Schlüssel an einem gemeinsamen Ring in verwechselten Farben). Dieser Schild gehört zu Sohn Jobst Friedrich (1556-1612), der das hiesige neue Schloß erbaute, und seinen beiden Ehefrauen, der 1578 geehelichten Maria Groland und der 1585 geehelichten Anna Schlüsselfelder. Dies ist eine Kombination, die uns in gleicher Weise am Taufstein, auf seinem Tumbadeckel, am neuen Schloß über dem Eingangstor, an den Schlußsteinen etc. begegnet.

Der neunte und letzte Wappenschild von optisch links ist gespalten, heraldisch rechts das Wappenbild der Tetzel, heraldisch links das der Imhoff (in Rot ein goldener See-Löwe mit einem über dem Kopf schwingenden Fischschwanz, auf dem linken Vorderbein stehend, das rechte vorwärts streckend). Der Schild gehört zu dem anderen Sohn Karl Tetzel (1559-1611), der 1579 Anna Imhoff geheiratet hatte. Die Verbindung beider Familien fand überkreuz statt, denn Karls Schwester Klara Tetzel (gest. 1579) hatte 1570 Willibald II. Imhoff geheiratet, Bruder von Anna.

Dieses heraldische Ensemble zeigt sehr schön, wie sehr Heraldik eine lebendige Kunst sein kann, die mit Hilfe klarer Zeichen von hohem Wiedererkennungswert komplexe Familienzusammenhänge ganz ohne Worte bildlich ausdrücken kann und sich den jeweiligen genealogischen Umständen entsprechend auf das lebendigste anpassen kann.

Detailausschnitte mit den allegorischen Darstellungen humanistischer Tugenden, hier rechts die Temperantia - Mäßigung (gießt Wasser aus einem Vorratsbehälter in einen kleinen Glaspokal mit Wein), eine der vier platonischen Kardinaltugenden, und links Fortitudo - Stärke (eine schwere steinerne Säule schulternd).

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Eugen Schöler, Fränkische Wappen erzählen Geschichte und Geschichten. Verlag Degener 1992, ISBN 3-7686-7012-0.
Evangelisch-lutherische Gemeinde Kirchensittenbach: http://www.kirche-kirchensittenbach.de/
Geschichte der Bartholomäuskirche:
http://www.kirche-kirchensittenbach.de/bartholomaeuskirche/geschichtliches.html
Veröffentlichung der Bilder aus dem Innenraum der Bartholomäuskirche mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer Johannes Ziegler vom 9.11.2010,
wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.

(1): Glasfenster Chor - (2): Johann Jakob II. Tetzel - (4): Glasfenster Empore - (5): Glasfenster Empore - (6): Weitere Wappendarstellungen

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