Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1486
Kirchensittenbach (Mittelfranken)

Die Bartholomäuskirche in Kirchensittenbach (2):
Grabdenkmal von Johann Jakob II. Tetzel

Im Chor befindet sich rechterhand neben dem Eingang zur Sakristei eine sehr interessante Grabplatte für Johann Jakob II. Tetzel (1649-1688). Die zugehörige Gruft befindet sich unterhalb des Chorraumes. Die Inschrift ist farblich abgesetzt und befindet sich im oberen Teil. Darunter ist ein Allianzwappen für den Verstorbenen und seine Frau, gestützt von zwei pausbäckigen Engeln. Im unteren Teil der Platte liegt auf den rechten Ellenbogen gestützt der Stammahn der Familie Tetzel. Aus ihm entspringt buchstäblich ein Stammbaum, der im Gegenuhrzeigersinn die ganze Platte umläuft, das zentrale Allianzwappen und die Inschriftenzone umrahmt, schließlich unter den Engeln nach innen dreht und sich in mehreren Ästen zum zentralen Allianzwappen hin öffnet. Dieser Stammbaum ist belegt mit insgesamt elf Wappendarstellungen, die jeweils ein unter der Tetzel-Helmzier in gespaltenem Schild zusammengeschobenes Ehewappen der Vorfahren darstellen. Hier haben wir also nicht wie sonst bei Grabplatten meistens üblich, eine Ahnenprobe, die die väterlichen und mütterlichen Vorfahren gleichermaßen berücksichtigt und je nach Anzahl der Generationen die Vorfahren auf jeder Ebene vollzählig wiedergibt, sondern eine Stammreihe bis zum letzten bekannten Vorfahren. Es gibt noch ein zweites Grabdenkmal, das so gestaltet ist, das marmorne Tumbengrab für Jobst Friedrich Tetzel unter der Herrschaftsempore, es ist ganz analog aufgebaut, dort sind es aber nur acht Generationen.

Das zentrale Allianzwappen zeigt heraldisch rechts für den Verstorbenen Johann Jakob II. Tetzel (1649-1688) das Wappen der Tetzel, in Rot eine aufspringende silberne Katze, hier aus Courtoisie gewendet. Auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken die silberne Katze wachsend. Heraldisch links ist das Wappen für seine 1673 geehelichte Frau Helena Katharina Stauffer von Untrach, in blau-golden schräglinks geteiltem Schild ein aufspringendes Einhorn in verwechselten Farben, auf dem heidnisch gekrönten Helm mit blau-goldenen Decken ein goldenes Einhorn wachsend. Hintergründe zu diesem Wappen und seine Entwicklung wurden bereits bei den Glasfenstern ausgeführt.

Ganz unten sehen wir auf der Platte den bärtigen Stammahn der Familie, in eine zeitgenössische Plattenrüstung gekleidet, obwohl er im frühen 14. Jh. anzusiedeln ist. Sein Schwert hat er neben sich abgelegt, auf den rechten Arm stützt sich der Liegende, während die Linke den aus ihm entspringenden Stammbaum umfaßt. Den Übergang kaschiert das erste Wappen der Reihe, die rechte Spalthälfte und die Helmzier bilden das Tetzel-Wappen, die linke Spalthälfte zeigt das Vorchtel-Wappen, denn er war mit einer Vorchtel verheiratet. In diesem Stil sind alle nachfolgenden Ahnenwappen aufgebaut. Er war noch nicht Bürger der Reichsstadt Nürnberg, das wurde erst sein Sohn.

Abb. links: Erstes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Vorchtel, in Gold ein roter Sparren. In der Familiengeschichte tritt ein Heinrich II. Vorchtel, ein Verwandter dieser Frau, als Bürge für den nachfolgend genannten Friedrich Tetzel in Erscheinung, als dieser das Bürgerrecht von Nürnberg erwarb.

Abb. Mitte: Zweites Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Pfinzing, geteilt, oben in Gold ein aus der Teilung wachsender schwarzer Adler, unten in Rot ein silberner Ring. Es handelt sich hier um Friedrich I. Tetzel (gest. 1367) und seine Ehefrau Elisabeth Pfinzing. Dieser Friedrich I. wurde 1326 Bürger von Nürnberg. Er war Eigentümer des Tetzelhofes bei St. Egidien in Nürnberg, und er stiftete dort 1345 eine Familienkapelle. Interessant ist, daß dieser Friedrich, kaum eingebürgert, hier schon in eine der angesehensten Nürnberger Familien heiraten kann, was als Maß für eigenes Ansehen und Reichtum (aus Handel mit Erzen, Metallen und Metallerzeugnissen) gesehen werden kann. Dazu paßt auch, daß Friedrich Tetzel älterer Bürgermeister wurde und damit einen Senkrechtstart in die gesellschaftlich oberste Schicht der Reichsstadt hinlegte.

Abb. rechts: Drittes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Schopper, in Rot ein silberner Balken, mit einer dreigliedrigen schwarzen Kette belegt (Siebmacher Band: Bg1 Seite: 31 Tafel: 38, dort Kette golden, Schöler S. 98, Tafel 137, dort Kette schwarz). Dieses Paar ist nicht im Stammbaum bei Fleischmann enthalten.

Abb. links: Viertes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt ein dreimal gespaltenes Wappenbild. Gemäß Stammbaum ist hier die Kombination Jobst III. Tetzel (gest. 1399) und Klara von Ammerthal (gest. 1414) zu suchen (ohne Literaturbeleg zum Wappen, Hinweise willkommen. Sie muß eine Tochter von Reynmar von Sulzbach gewesen sein). Jobst III., lt. Fleischmann ein Sohn Friedrich Tetzels, war Montanunternehmer und besaß die Hammerwerke in Haunritz und Thalheim, daneben betrieb er Geldgeschäfte und wurde Bankier der bayerischen Herzöge, und diese Kontakte hatten zur Folge, daß er der Reichsstadt diplomatische Dienste leistete. Jobst III. Tetzel machte außerdem eine Karriere im Rat von Nürnberg.

Abb. Mitte: Fünftes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Imhoff, in Rot ein goldener See-Löwe mit einem über dem Kopf schwingenden Fischschwanz, auf dem linken Vorderbein stehend, das rechte vorwärts streckend. Dieses Wappen gehört zum Begründer der jüngeren Linie der Tetzel, nämlich Georg I. Tetzel (gest. 1449 im Krieg der Reichsstadt gegen Markgraf Albrecht Achilles, erster Markgräflerkrieg). Er hatte ca. 1420 Anna Imhoff (gest. 1442) geheiratet, die Tochter von Heinrich Imhoff.

Abb. rechts: Sechstes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Peßler (Schöler Tafel 73, Siebmacher Band: Bg1 Seite: 12 Tafel: 9, Band: BayA1 Seite: 52 Tafel: 51). Das Wappen der Peßler zeigt in Silber eine rote Adlerklaue oder Greifenklaue. Die hier nicht abgebildete Helmzier wäre ein beiderseits mit dem Schildbild in invertierten Farben belegter Flug zu rot-silbernen Decken. Georg I. Sohn, Jobst V. Tetzel (gest. 1474), 1469-1474 Vorderster Losunger, hatte in erster Ehe ca. 1445/46 zwar Agnes Rummel heimgeführt, sich nach deren Tod 1462 aber im selben Jahr noch mit Margarete Peßler (gest. 1526) verheiratet, die dem Montanunternehmer die Hälfte von Gleißhammer einbrachte, was aber ihr Sohn nach Zerstörung im bayerischen Erbfolgekrieg wieder verkaufte. Ihr Vater Martin Peßler war ein reicher Hammerherr aus der Oberpfalz. Jobst V. Tetzel nahm als oberster Hauptmann der Nürnberger Reiterei am ersten Markgräflerkrieg teil, ein erfolgreicher Einsatz, den man mit einer zügigen Ratskarriere honorierte. Sein Aufstieg zum Vordersten Losunger verdankte er nicht zuletzt dem unglückseligen Nikolaus III. Muffel, der schließlich hingerichtet wurde.

Abb. links: Siebtes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Fürer, gespalten, vorne in Rot eine halbe silberne Lilie am Spalt, hinten in Silber ein halbes rotes Rad am Spalt (Siebmacher Band: Bay Seite: 78 Tafel: 88, Band: Bö Seite: 223 Tafel: 97, Band: ÖSchl Seite: 121 Tafel: 63). Friedrich III. Tetzel, Sohn von Jobst V., gest. 1523, hatte 1496 Ursula Fürer (1481-1545) geheiratet, die Tochter von Sigmund II. Fürer. Friedrich III. Tetzel wurde 1505 jüngerer Bürgermeister, 1506 Rugherr, 1511 Vormundherr, später Alter Genannter und Ratsbaumeister.

Abb. Mitte: Achtes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Volckamer, von Silber und Blau geteilt, oben ein halbes rotes Rad mit drei Speichen, unten eine silberne Lilie. Jobst VII. Tetzel, zweiter Sohn von Friedrich III., geb. 1503, gest. 1575, hatte 1534 Anna Volckamer geheiratet, die einzige Tochter des Hans VII. Volckamer, Vorderster Losunger. Diese Partie war eine der besten und auch lukrativsten, denn der Schwiegervater starb ein halbes Jahr nach der Hochzeit, und der Bruder der Braut wurde unzurechnungsfähig, also winkte ein reiches Erbe. Dieser Jobst VII. war es, der 1569 Kirchensittenbach mit altem Schloß und 21 Gütern erwarb, denn die Tetzel hatten zwar den Aufstieg in den Adel 1524 geschafft, aber noch keinen eigenen Schloßbesitz, und sein Sohn Jobst Friedrich (1556-1612) erbaute dann das hiesige neue Schloß. Die Stammreihe geht aber mit seinem anderen Sohn Karl weiter. Jobst VII. kam 1538 in den Rat als jüngerer Bürgermeister, er wurde nach Durchlaufen üblicher Positionen als Rugherr und Vormundherr 1555 älterer Bürgermeister und 1558 Septemvir, 1565 dritter Oberster Hauptmann.

Abb. rechts: Neuntes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Imhoff, in Rot ein goldener See-Löwe mit einem über dem Kopf schwingenden Fischschwanz, auf dem linken Vorderbein stehend, das rechte vorwärts streckend. Es steht für Karl Tetzel, der sich mit seinem Bruder Jobst Friedrich entzweite. Karl (1559-1611), hatte 1579 Anna Imhoff geheiratet. Die Verbindung beider Familien fand überkreuz statt, denn Karls Schwester Klara Tetzel (gest. 1579) hatte 1570 Willibald II. Imhoff geheiratet, Bruder von Anna. Karl ging seinem Bruder aus dem Weg, kaufte 1597 Vorra und erbaute dort ein Schlößchen. Karl wurde 1588 jüngerer Bürgermeister, 1596 Rugherr, 1597 Kriegsherr, 1604 älterer Bürgermeister.

Abb. links: Der linke der beiden schildtragenden Engel, Ausschnittsvergrößerung. Abb. Mitte: Zehntes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Schwab, in Rot ein aufspringendes silbernes Einhorn. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre auf rot-silbernem Wulst oder ohne diesen nur zu ebensolchen Decken das silberne Einhorn wachsend (Schöler S. 99, Tafel 107, Siebmacher Band: Bg1 Seite: 55 Tafel: 77, Band: BayA1 Seite: 92 Tafel: 89, Band: BayA3 Seite: 195 Tafel: 141, Wappenbrief von 1529). Johann Jakob I. Tetzel (1595-1646), einziger Sohn Karls und der Erwerber von Artelshofen, hatte 1616 Magdalena Schwab geheiratet. Er wurde 1616 Genannter des Größeren Rates, 1620 Alter Genannter des Kleineren Rates, 1622 jüngerer Bürgermeister, danach Rugherr, Landpfleger und Kriegsherr und diente seiner Stadt in zahlreichen diplomatischen Missionen. 1640 wurde er fürstlich württembergischer Rat.

Abb. rechts: Elftes Wappen der Stammreihe, die linke Spalthälfte des Schildes zeigt das Wappenbild der Bayer (im Schöler unter Pair/Pairn geführt, Tafel 106), in Silber ein blauer Greif. Johann Jakobs I. Sohn und Johann Jakobs II. Vater war Philipp Jakob Tetzel (1624-1669). Er hatte Maria Helena Bayer geheiratet und war Pfleger in Engelthal. Von diesem letzten Stammbaumwappen schwingt der Baum ein zu dem zentralen Allianzwappen und dieses schließt den vom Stammahn bis zum verstorbenen Herrn auf Kirchensittenbach gespannten Bogen ab.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Eugen Schöler, Fränkische Wappen erzählen Geschichte und Geschichten. Verlag Degener 1992, ISBN 3-7686-7012-0.
Evangelisch-lutherische Gemeinde Kirchensittenbach: http://www.kirche-kirchensittenbach.de/
Geschichte der Bartholomäuskirche:
http://www.kirche-kirchensittenbach.de/bartholomaeuskirche/geschichtliches.html
Veröffentlichung der Bilder aus dem Innenraum der Bartholomäuskirche mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer Johannes Ziegler vom 9.11.2010,
wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.

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