Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1473
Kalchreuth (Landkreis Erlangen-Höchstadt)

Das Schloß von Kalchreuth

Ein malerisches Ensemble im Ortszentrum von Kalchreuth bilden das historische einstige Wasserschloß innerhalb der mittlerweile trockengelegten Gräben und die Pfarrkirche des Ortes. Erstmalige Erwähnung findet der Ort 1298 als ein den Nürnberger Burggrafen unterstelltes kaiserliches Eigentum, und ein Wohnsitz an diesem Ort wird erwähnt, als die Söhne des verstorbenen Ulrich III. Haller aus der Ulrich-Linie im Jahre 1395/98 von Burggraf Johann mit Kalchreuth als Afterlehen belehnt wurden. Aber bereits 1342 hatte Ulrich III. Haller (gest. 1357, vermählt 1.) mit Margarethe von Seckendorff und 2.) mit Margarethe Koler) Kalchreuth erworben und bald darauf den Bau eines Herrensitzes in Angriff genommen. 1342 bis 1850 waren die Haller in Kalchreuth ansässig, bis 1465 hatten sie sogar die alleinige Ortsherrschaft. Dieses erste Schloß wurde 1449 ein Opfer des Ersten Markgrafenkrieges. Seit 1497 ist der Besitzer von Dorf und Schloß Wolf III. Haller, vermählt mit Ursula Koberger. Weitere Kriege stellten die Wehrhaftigkeit des durch Tore, Zugbrücke, Graben und Zwinger gesicherten dreigeschossigen Herrenhauses auf die Probe, Landshuter Erbfolgekrieg, in dem 1504 die Dorfbewohner Zuflucht im Herrensitz suchten, 1552 Zweiter Markgräflerkrieg, in dem Jakob IV. Haller (1522-1582) aus der Jobst-Linie auf der Seite Nürnbergs gegen den Markgrafen als Reiterfähnrich kämpfte. Die Reichsstadt hatte übrigens 1517 bei Martin Haller ein Öffnungsrecht durchgesetzt.

Nach dem Zweiten Markgräflerkrieg wurde das Schloß um ein weiteres Geschoß aus Fachwerk aufgestockt, ferner wurde der südliche Querbau (im Bild oben) erbaut, auch dieser mit einem Fachwerkobergeschoß, welches allerdings verputzt ist. Von Jakob IV. Haller (1522-1582) und seiner 1555 geehelichten ersten Frau Ursula Letscher stammen die beiden Wappenschilde rechts und links des Rundbogentores, welches durch die Jahreszahl MDLX (1560) datiert ist. Danach sollte Jakob IV. Haller noch ein zweites Mal heiraten, seine zweite Frau wurde Helena Bühler. Wunderbarerweise überstand das Schloß den 30jährigen Krieg unbeschadet. Im späten Barock wurde das Haupthaus verändert, das alte Satteldach und das in Fachwerk ausgeführte dritte Obergeschoß wurden um 1775 komplett durch ein zeitgemäßes Mansarddach ersetzt. Im Gegensatz zu vielen Herrensitzen der Nürnberger Landschaft blieb dieses Schloß bis 1850 ununterbrochen im Besitz der Familie Haller, es wechselte nur zwischen verschiedenen Zweigen derselben. So kam es 1663 an den katholischen Zweig der Sigmundschen Linie, und als die Oberpfälzer Linie ausstarb, 1779 an den in Nürnberg ansässigen evangelischen Zweig, auch wenn die Patrizierfamilie es selten nutzte und ansonsten durch einen Verwalter bewirtschaften ließ. Territorialgeschichtlich kam Kalchreuth 1807 mit Brandenburg-Bayreuth unter französische Verwaltung, 1810 an das bayerische Königreich.

Der linke der beiden Wappensteine zeigt das gevierte und komplett gewendete (spiegelverkehrte) Wappen der Haller von Hallerstein, Feld 1 und 4: in Rot ein schwarz gefüllter, schräger, linker, silberner Sturzsparren (Stammwappen), 2 und 3: geteilt, oben in Rot eine gestürzte, eingebogene, eigentlich goldene, hier unkorrekt tingierte Spitze, unten in Silber ein schreitender, schwarzer Löwe. Dazu gehören zwei hier nicht dargestellte Helme, Helm 1 (rechts): ein wachsender, roter Frauenrumpf zwischen zwei roten Büffelhörnern, an den Mündungen mit Pfauenfedern besteckt, Helm 2 (links): auf dem schwarz-silbern bewulsteten Helm rechts eine aufrechte schwarze oder goldene Hirschstange, links ein rot-silbern geteilter Flug, oben eine gestürzte eingebogene goldene Spitze (Kombinationshelmzier). Der Schild steht hier für Jakob IV. Haller (1522-31.5.1582), der schon 1546, außergewöhnlich jung mit seinen 24 Jahren, jüngerer Bürgermeister und Ratsmitglied wurde. Nach nur wenigen Jahren schied er aus unbekannten Gründen aus. 1549 wurde er Pfleger von Hersbruck, und wie oben bereits erwähnt, Reiterhauptmann im Zweiten Markgräflerkrieg 1552-1553, worauf er in sein altes Amt für kurze Zeit zurückkehrte. 1554 wurde er Pfleger des Amtes Reicheneck, 1567 von Gräfenberg. Diese Versetzung war sein eigener Wunsch, weil das neue Amt näher an seinem Herrensitz Kalchreuth lag.

Der rechte der beiden Wappensteine zeigt das Wappen Letscher, in Rot zwei silberne, pfahlweise gestellte, zweiarmige Hammereisen nebeneinander. Die hier nicht abgebildete Helmzier wäre zu rot-silbernen Decken ein roter Flug, beiderseits belegt mit einem silbernen, pfahlweise gestellten, zweiarmigen Hammereisen (wird manchmal auch als Mühleisen angesprochen). Das Wappen wird beschrieben im Schöler, S. 69, Tafel 139, ferner im Siebmacher Band: BayA1 Seite: 48 Tafel: 47, Band: BayA3 Seite: 190 Tafel: 136 und im Band: Bg2 Seite: 54 Tafel: 89. Die Familie Letscher stammt eigentlich aus Nürtingen (andere Quellen: Nördlingen) und wurde in Nürnberg zu den Ehrbaren gerechnet. In der ev. Pfarrkirche zu Lauf befindet sich ihre Familiengruft; Dr. iur. utr. Johann Letscher, gest. 1521, ist ein herauszuhebendes Familienmitglied, ebenso Paulus Letscher, gest. 1565, war Pfleger zu Lauf und der erste Mann von Magdalena Rieter, und er erwarb Merlach als Sitz, den seine Söhne jedoch wieder veräußerten. Der Schild steht hier für Ursula Letscher (gest. 1566). Das Paar hatte 11 Kinder.

Eine Erinnerung an die Ortsherrschaft der Haller von Hallerstein findet sich auch heute noch im seit 1981 geführten kommunalen Wappen von Kalchreuth. Es ist geviert, Feld 1: in Rot ein schräg gestürzter, schwarz gefüllter, silberner Sparren, Feld 2: in Silber ein rot gekrönter und bewehrter schwarzer Löwe (Erinnerung an die Burggrafen), Feld 3: in Silber ein schwarzes Schragenkreuz (verweist auf den Hl. Andreas als Kirchenpatron), Feld 4: in Rot eine silberne Kirschblüte mit grünen Kelchblättern (Lage in einem Kirschenanbaugebiet).

1850 kam das Schloß Kalchreuth durch Verkauf an die Familie Wölfel, 1907 ebenfalls durch Verkauf an den Schlosser Wilhelm Schenk aus Nürnberg, der als erster Gästezimmer und -Wohnungen einrichtete. Der nächste Verkauf fand 1927 statt, neuer Besitzer wurde Heinrich Sörgel, danach wurde der Betrieb von Leonhard Böhm aus einer Gastwirtsfamilie geführt, bis die Wirtsleute Reinhold und Luise Scheer 1968 das Schloß erwarben, renovierten und als Gaststätte führten, seit 2002 unter ihrem Sohn Christian Scheer als Pächter, heute ist Wolfgang Scheer der Inhaber und bietet wohlverdiente Rast auf heraldischen Touren durch das Nürnberger Umland.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Wappen Kalchreuth:
http://www.datenmatrix.de/projekte/hdbg/gemeinden/bayerns-gemeinden_detail.php?gkz=9572137
Schloß Kalchreuth:
http://www.herrensitze.com/kalchreuth-i.html
Robert Giersch, Andreas Schlunk, Bertold von Haller, Burgen und Herrensitze in der Nürnberger Landschaft, Verlag Altnürnberger Landschaft, 560 S., über 600 z. T. farb. u. hist. Abb., mit Übersichtskarte u. Orts- u. Personenreg., 2007, ISBN 978-3-00-020677-1
Gemeinde Kalchreuth (Hrsg.): 700 Jahre Kalchreuth 1298–1998. Ein fränkisches Dorf im Wandel der Zeiten. Konzeption: Bertold Frhr. von Haller. Rödental 1998.
"Einiges aus der fast 700jährigen Schloß-Geschichte", Informationsblatt der Schloß-Gaststätte in der Speisekarte, identisch im Netz:
http://www.schloss-gaststaette-kalchreuth.de/Schloss_Gaststaette_Geschichte.htm
Schloßgaststätte Kalchreuth:
http://www.schloss-gaststaette-kalchreuth.de/

Ortsregister - Namensregister
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright / Urheberrecht Graphik und Photos: Bernhard Peter 2010
© Copyright / Urheberrecht Text: Bernhard Peter, Gernot Ramsauer, Alex Hoffmann 2010
Impressum
Bestandteil von
www.dr-bernhard-peter.de und www.heraldik-leitfaden.de