Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1463
Nürnberg (Mittelfranken)

Frauenkirche in Nürnberg
Südöstliches Chorfenster

Das rechte Fenster der drei, das nach Südosten gerichtete, hat ebenfalls einen Block von fünf Reihen mit drei Scheiben je Reihe, davon 8 rein heraldische Scheiben und mehrere mit figürlichen Darstellungen. Von der untersten Reihe wird das linke Feld vom Altar verdeckt, deshalb ist es hier nicht als Detailaufnahme vertreten, es enthält das Wappen der Kress. In den sichtbaren Scheiben ist keine erkennbare Datierung zu sehen.

In der obersten Reihe sehen wir nur zwei Schilde als Paar rechts und links zu Füßen einer Darstellung von Jesus am Kreuze. Der linke Schild der Kreuzigungsscheibe ist der der Welser (Welser von Neunhof), in silbern-rot gespaltenem Schild eine Lilie in verwechselten Farben (Siebmacher Band: Bay Seite: 63 Tafel: 67). Der zweite Schild ist der der Familie Stromer oder der der Familie Nützel (vgl. Wappenstreit wegen identischen Schildbildes), in Rot ein gestürztes silbernes Dreieck, an den Spitzen mit halben silbernen Lilien besteckt. Deshalb kann aus dem Schild alleine keine sichere Zuordnung getroffen werden. Eine möglicherweise passende und plausible Verbindung wäre die zwischen Sebastian I. Welser (1500-1566) und Barbara Nützel (gest. 1555). Die Beiden hatten 1528 geheiratet.

Das linke Fenster zeigt männliche Schutzsuchende aller Stände unter dem Schutzmantel Marias; das rechte Fenster bildet die weiblichen Schutzsuchenden ab. Die drei Fenster befanden sich noch im 19. Jh. eine Reihe höher.

In der Reihe darunter setzten sich die Welser-Wappen fort. Im linken Fenster sehen wir nur den Schild, im mittleren hingegen ein Vollwappen mit Helmzier, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein offener Flug, jeweils gespalten, innen silbern, außen rot, mit einer Lilie in verwechselten Farben.

In der linken Scheibe wird der hl. Jakobus der Ältere als Namenspatron zusammen mit dem Stifter Jakob I. Welser (1471-1541) dargestellt. Jakob Welser entstammte der berühmten Augsburger Familie und war wie so viele seiner Familie im Fernhandelsgeschäft mit Luxuswaren tätig. Spätestens im Jahre 1493 gründete oder übernahm er die Niederlassung in Nürnberg und heiratete eine Nürnberger Patriziertochter. Er bekam das Nürnberger Bürgerrecht und stieg schnell auf, denn 1494 schon kam er durch Wahl als Genannter in den Größeren Rat. Jakob Welser stiftete nicht nur dieses Fenster der Schutzmantelmaria, sondern auch einen neuen Hauptaltar für die Frauenkirche.

In der rechten Scheibe sehen wir den hl. Matthias (heute als solcher interpretiert, entspricht nicht dem Ursprungsentwurf) mit Hellebarde zusammen mit der knienden Stifterin Ehrentraud Thumer (gest. 1529). Sie war die Tochter eines der drei reichsten Bürger Nürnbergs. Sie heiratete 1493 Jakob Welser. Ihr Wappenschild ist nur zu erkennen, wenn man weiß, was man sehen soll: in Schwarz oben das nach rechts gelegte Vorderteil und unten das nach links gelegte Hinterteil eines silbernen Fisches (Schöler Tafel 58).

In der drittuntersten Reihe ist die mittlere Scheibe rein heraldischen Inhalts. Der Schild zeigt in Rot einen silbernen Sparren, von drei (2:1) silbernen, sechsstrahligen Sternen begleitet, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein beiderseits wie der Schild bez. offener Flug. Das ist das Wappen der Fütterer (Fütterer zu Enderndorf und Harrlach, Schöler Tafel 32, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 70 Tafel: 70). Dieses Vollwappen wird von zwei Beischilden begleitet. Der heraldisch rechte ist von Rot und Silber gespalten und mit einer Zinne geteilt. Das ist das Wappen der Dracht (Tracht, Schöler Tafel 12, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 57 Tafel: 57). Die hier nicht dargestellte Helmzier wird als wachsender, roter Steinbocksrumpf zu rot-silbernen Decken beschrieben. Der Blasonierung des schlichten und schönen Schildbildes im Siebmacher kann man nicht folgen, da es sich nicht um eine Stufe handelt, die auf dem höheren Niveau verbliebe, sondern um eine Zinne, die ihr ursprüngliches Niveau wieder erreicht. Diese Wappen-Kombination paßt zu Georg II. Fütterer (1438-1506), der 1466 in erster Ehe Barbara Tracht (Dracht) heiratete und nach deren Tod in zweiter Ehe Apollonia Ulstadt (Ulstatt). Damit wäre der fehlende Inhalt des zweiten Schildes, der hier einfach mit einem gelben Glas gefüllt ist, in dem sich noch Spuren zweier Rücken an Rücken stehender Vögel oder Hähne erkennen lassen, auch geklärt, in Silber über grünem Dreiberg drei (2:1) rote Löwenhäupter (Schöler Tafel 84). Der zweite, so gut wie unleserliche Beischild wurde offensichtlich bei einer Restaurierung falsch erneuert.

In der linken Scheibe mit der knienden Stifterin erkennen wir noch einen kleinen Wappenschild der Tucher, geteilt, oben silbern-schwarz fünfmal schräglinks geteilt, unten in Gold das Brustbild eines schwarzen Mohren. Das Tucher-Wappen deckt sich aber nicht mit einer Abzeichnung des Fensters aus dem 18. Jh., denn dort ist noch ein Holzschuher-Schild an gleicher Stelle zu sehen. Die rechte Scheibe zeigt den büßenden Hieronymus.

Die zweitunterste Reihe ist wiederum rein heraldisch. Die beiden äußeren Scheiben bilden das Stammwappen der Haller ab, in Rot ein schwarz gefüllter, schräger, linker, silberner Sturzsparren, in der optisch linken Scheibe aus Courtoisie gewendet, sodaß beide spiegelbildlich sind. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken (optisch links in der zeitlich älteren Darstellung abweichend gänzlich rot) ein wachsender, gänzlich roter, nackter Frauenrumpf mit schwarzem, zu einem hinten herabfallenden Zopf (in der rechten Abb. verdeckt) geflochtenem Haar, mit silbernem Band oder Tuch im Haar mit nach hinten abfliegenden Enden und mit silbernen Ohrringen. Beide unterscheiden sich durch ihre Beiwappen. In der linken Darstellung sehen wir den Beischild der Groß, in Silber auf einen goldenen Dreiberg ein aus einem roten (verblichen) Kreuz hervorwachsender grüner (verblichen) Lindenbaum. Auf das Groß-Wappen wird im Kapitel über St. Martha näher eingegangen. Bei dieser Scheibe links handelt es sich um ein Fenster, das aus St. Sebald stammt und ursprünglich Bestandteil des Haller-Fensters im Langhaus war. Zusammen mit zwei anderen Fenstern wurde es ausgebaut; zwei dieser drei sind im Chor der Frauenkirche erhalten. Diese Scheibe ist um 1519/20 entstanden und stammt aus der Hirsvogel-Werkstatt. Wie die Verwendung eines Kübelhelms und einer historisierenden Schildform unterstreicht, handelt es sich dabei um eine Gedächtnisstiftung. Es ist für Konrad I. Haller (gest. 1388) und seine 1374 geehelichte Frau, Anna Groß.

Die rechte Darstellung hat zwei Beischilde. Der heraldisch rechte zeigt das Wolckenstein (Wolkenstein)-Wappen, in Silber mit zwei blauen Balken ein aufspringender schwarzer Steinbock (Schöler, Tafel 94, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 63 Tafel: 63 abweichend mit einer Teilung zusätzlich). Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre nach Siebmacher auf dem Helm mit blau-silbernen Decken ein schwarzer Steinbock wachsend. Dieser Schild steht für Katharina Wolckenstein (Wolkenstein), die Tochter des Nürnberger Kaufmanns Veit Wolkenstein. Sie hatte zuerst Erasmus II. Haller den Jüngeren aus der Ziegelsteiner Linie geheiratet und wurde schon 1501 Witwe. Sie gebar mit Sebald IV. (1500-1578) den einzigen und letzten Stammhalter der Ziegelsteiner Linie. 5 Jahre nach dem Tod von Erasmus II. heiratete sie ihren angeheirateten Großcousin, Nikolaus V. (1481-1528) aus der Buckenhofer Linie und gebar auch dieser Linie den einzigen und letzten Stammhalter, Christoph II. (1511-1557). Zu diesem paßt die Wappenkombination, wie sich aus seiner zweiten Ehe ergibt.

Nach ihrem Tod heiratete Nikolaus V. Haller nämlich erneut, diesmal 1521 Katharina Derrer. Ihr Wappen sehen wir als Beischild auf der anderen Seite, in Silber ein schwarzer Schrägbalken, belegt mit drei nach der Figur gelegten silbernen Schachrochen (Schöler Tafel 152). Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein wachsender, silbern gekleideter Mannesrumpf mit schwarzer, silbern aufgeschlagener Mütze (nach dem Alten Siebmacher). Die Derrer (Derrer von Unterbürg) sind erst 1319 nach Nürnberg zugewandert, wurden aber schnell wirtschaftlich äußerst erfolgreich, vor allem als Kaufleute im österreich-ungarischem Raum. Sie erwarben Unterbürg an der Pegnitz vor den Toren Nürnbergs. 1706 sind die Derrer erloschen.

Die Scheibe muß also nach 1521 und vor 1524 entstanden sein, denn wir sehen nur zwei Beischilde, und in diesem Jahr heiratete Nikolaus V. Haller zum dritten Mal, diesmal Katharina Holzschuher.

Zur verbleibenden dritten Scheibe in der Mitte: Das ist das Wappen der Ebner (Ebner von Eschenbach), von Blau und Gold mit viereinhalb Spitzen gespalten. Auf dem Helm mit blau-goldenen Decken ein Paar Büffelhörner, rechts blau, links golden, außen jeweils mit vier silbernen Federn besteckt (Siebmacher Band: Bay Seite: 32 Tafel: 29, Band: Bö Seite: 57 Tafel: 41). mangels Beischild kann das Fenster nicht namentlich zugeordnet werden.

Die unterste Reihe des Fensters (Gesamtansicht links) zeigt außen zweimal das Wappen der Kress (Kress von Kressenstein), in Rot ein schrägrechts gestelltes silbernes Schwert, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender Mannesrumpf in rotem Gewand, auf dem Haupte eine rote, silbern aufgeschlagene Mütze, balkenweise im Mund ein silbernes Schwert tragend, Heft links (Siebmacher Band: Bay Seite: 43 Tafel: 42, Band: He Seite: 16 Tafel: 17, Band: Old Seite: 7 Tafel: 6). Unten heraldisch rechts sehen wir bei der rechten Scheibe (die linke ist durch den Altaraufsatz verdeckt) ein Beiwappen Grundherr für die Ehefrau, sie führt in Rot einen oberhalben, golden gekrönten, silbernen Löwen mit roter Zunge, hier gewendet. Hieronymus Kress (1413-1477) hatte 1438 Margarete Grundherr (gest. 1497) geheiratet, zu diesen beiden paßt die Kombination. Das verdeckte linke Fenster hat einen Beischild Löffelholz, in Rot ein schreitendes silbernes Lamm. Diese Kombination paßt zu Anton I. Kress (1455-1520), Ratsherr und Alter Genannter, zu Krafftshof und Schoppershof, Sohn des vorgenannten Hieronymus, und seiner Frau, Katharina Löffelholz (gest. 1505).

Die mittlere Scheibe zeigt in Silber drei (2:1) rote Pilgermuscheln. Dies ist nicht das Wappen der bekannten landadeligen Familie von Eyb (irrtümlich bei Scholz), die bedeutende Fürstbischöfe und Deutschordensmänner stellte, deren Wappen uns in Franken oft begegnen, denn diese haben als Helmzier einen wachsenden blauen Pfau mit silbernen Flügeln und mit goldenem Ring um den Hals, Helmdecken rot-silbern. Hier liegt das Wappen der Pilgram (Pilgram von Eyb) vor, mit identischem Schildbild (es ist ein redendes Wappen durch die Pilger-Muscheln oder Jakobsmuscheln), aber auf dem Helm mit eigentlich rot-silbernen, hier nur roten Decken führen sie einen offenen silbernen Flug, beiderseits je mit einer roten Pilgermuschel belegt (Schöler Tafel 56, Seite 82, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 116 Tafel: 118). Im 13. und 14. Jh. waren Familienmitglieder im Nürnberger Rat, Anfang des 15. Jh. verlieren sich die Spuren. Mit den landadeligen von Eyb haben sie keine beweisbare genealogische Verwandtschaft.

Position des beschriebenen Wappenfensters in der Kirche.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus der Frauenkirche mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Roland Huth vom 9.7.2010, wofür ihm an dieser Stelle herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Frauenkirche Nürnberg: http://www.frauenkirche-nuernberg.de/
Kurzführer zur Frauenkirche
http://www.erzbistum-bamberg.de/......../kurzfuehrer/Deutsch.html
Virtueller Rundgang:
http://www.familie-wimmer.com/orte/o02/o02fk/fk04/index.html
Robert Leyh, Die Frauenkirche zu Nürnberg. Katholische Pfarrkirche Unserer Lieben Frau, mit Photos von Reinhard Bruckner, 56 S., Schnell und Steiner Verlag, 1992 (Große Kunstführer, Band 167), München, Zürich, ISBN 3-7954-0721-4
Hartmut Scholz: Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. X, 2, die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg, St. Sebalder Stadtseite, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2013, 712 S., ISBN 978-3-87157-236-4, S. 285 ff., S. 429 ff.,
http://www.corpusvitrearum.de/projekt/publikationen/cvma-x-2.html, pdf: http://www.corpusvitrearum.de/fileadmin/user_upload/PDF/CVMA_X_2_Nuerrnberg_Sebalder_Stadtseite.pdf

Frauenkirche, Fenster im nördlichen Seitenschiff - Frauenkirche, nordöstliches Chorfenster - Frauenkirche, östliches Chorfenster - Frauenkirche, Peringsdörffer-Epitaph

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