Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1462
Nürnberg (Mittelfranken)

Frauenkirche in Nürnberg
Östliches Chorfenster

Das zentrale Ostfenster des polygonalen Chorraumes hat neben figürlichen Darstellungen ebenfalls viele Wappen. Sieben Reihen zu je drei Scheiben sind farbig verglast, in der achten Zone befindet sich noch eine Scheibe in der Mitte. Durch Altaraufsatz (Tucheraltar, ca. 1445) und Madonna im Strahlenkranz aus dem Jahre 1440 sind die Wappen in den unteren Zonen teilweise oder ganz verdeckt. Mehrere Scheiben sind datiert, zwei Harsdörffer-Scheiben tragen das Datum 1519, die Stark-Scheibe weiter unten ist auf das frühe 17. Jh. datiert.

In der obersten Zone (Abb. oben) finden sich die Darstellungen von Johannes dem Täufer mit dem Lamm links, Maria im blauen Gewand im Gebet am Betpult in der Mitte (Teil einer früher auf zwei Felder ausgedehnten Verkündigungsszene) und der Hl. Andreas mit dem Andreaskreuz rechts. Die zweitoberste Reihe (Abb. unten) zeigt in der Mitte eine Petrusdarstellung mit Tiara, Schlüssel und Prozessionskreuz zwischen zwei heraldischen Scheiben.

Die linke Scheibe zeigt das gewendete Wappen der Nürnberger Familie Gewandschneider, in schwarz-golden schräglinksgeteiltem Schild ein aufspringender Hirsch (Rehbock) in verwechselten Farben, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein wachsender goldener Hirsch (Rehbock) zwischen zwei golden-schwarz geteilten Büffelhörnern (Siebmacher Band: BayA1 Seite: 39 Tafel: 38, Band: Bg1 Seite: 36 Tafel: 47). Ein Beischild ist links unten zu sehen, auch er gewendet: Er zeigt in Rot ein oberhalbes, natürlich tingiertes Reh, von vorn von einem golden geschafteten und silbern gefiederten Pfeil durchbohrt, das Wappen der nürnbergischen Ayrer. Dieses Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: BayA1 Seite: 29 Tafel: 24, Band: Bg1 Seite: 5 Tafel: 1 und Band: BayA3 Seite: 180 Tafel: 127. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken das Schildbild wachsend. Dieses Paar kann zugeordnet werden: Es handelt sich um Hans Schneider d. Ä. und Clara Ayrer. Im Jahre 1510 stifteten sie in der Frauenkirche ein Marienbild mit Schwertern, einen Altar und vermutlich zeitnah auch diese Fensterscheibe. Es handelt sich um die Eltern von Hans Schneider d. J., der mit seinen beiden Frauen im vorherigen Kapitel besprochen wurde.

Auf der anderen Seite befindet sich das ebenfalls nach außen gewendete Wappen der Tucher (Tucher von Simmelsdorf). Der Schild ist geteilt, oben von Schwarz und Silber fünfmal schräglinks geteilt, unten in Gold ein schwarzer Mohrenkopf. Es fällt auf, daß die Reihenfolge mal schwarz-silbern, mal silbern-schwarz ist, die Schrägteilungen auch mal schräglinks oder schrägrechts verlaufen, Courtoisie hin, Courtoisie her. Tatsächlich würden wir das heute als zwei verschiedene Blasonierungen betrachten. Auf der anderen Seite wäre der Unterschied zu marginal, um zwei signifikant verschiedene Wappen darzustellen. Diese Überlegung war in vergangenen Zeiten der Grund für die Inanspruchnahme einer gewissen Variationsbreite in der Darstellung, wobei jede einzelne Variante durchaus vom Auftraggeber als korrekt empfunden wurde, sonst hätte er sie weder bezahlt noch in der Kirche anbringen lassen. Auf dem Helm mit golden-schwarzen Decken ein wachsender, golden gekleideter Mohr, anstelle der Arme zwei Büffelhörner, jedes zweimal silbern-schwarz-golden geteilt. Das Beiwappen ist das der Reichel (Reich, Reichl), von Rot und Silber mit zwei Spitzen geteilt, die beiden silbernen Spitzen mit je einer silbernen, die gestürzte rote Spitze dazwischen mit einer gestürzten roten halben Lilie (Gleve) besteckt. Damit kann die Scheibe dem Anton II. Tucher (1458-1524) und seiner 1475 geehelichten Frau Anna Reich (Reichel) zugeordnet werden. Anton II. Tucher war übrigens 1508-1523 Vorderster Losunger, und er stiftete 1517 den Englischen Gruß (Verkündigung) in St. Lorenz. Seine Frau gebar ihm elf Kinder.

Die fünfte Zone, von unten gezählt, ist wiederum rein figürlich. Alle drei Figuren(gruppen) sind in einen lebhaft bewegten weißen Rahmen eingepaßt. In der Mitte erkennt man Maria mit dem Kind und dem Stern, rechts watet der Hl. Christophorus durch die Fluten. Links ist der Hl. Paulus mit dem Schwert zu sehen. Diese drei Scheiben stammen aus dem sog. Kaiserfenster, einer Stiftung Kaiser Karls IV. für die Frauenkirche, damit sind sie die ältesten erhaltenen Glasmalereien der Frauenkirche.

Die vierte Zone von unten ist rein heraldisch. Hier werden die Fenster teilweise durch die von zwei Engeln empor gehaltene Krone Marias verdeckt. Die beiden äußeren, jeweils auf 1519 datierten Scheiben zeigen das Wappen der Harsdörffer (Harsdörffer von Enderndorf), in Rot auf einem goldenen Dreiberg ein silberner Zinnenturm mit Schießscharten und zwei Erkern, alles spitzbedacht. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken der Zinnenturm auf dem Dreiberg. Die Darstellungen zwischen zwei hellen Säulen, vor dunklem Hintergrund und auf perspektivisch in zwei verschiedenen Grüntönen geschachtem Boden sind sich sehr ähnlich und wirken wie aus einem Guß, nicht nur aufgrund der Jahreszahl (dazu s. u.). Beide sind nur durch die Beiwappen differenziert.

Optisch links ist das in Gold das Brustbild eines bärtigen Mannes, schwarz gewandet mit silbernem Kragenaufschlag, auf dem Kopf eine flache schwarze Mütze mit silbernem Aufschlag, das Wappen der Lochinger von Archshofen oder Lochner (Schöler Tafel 124, alter Siebmacher Bd. I Tafel 105). Damit ist dieses Wappen Christoph I. Harsdörffer (1505-24.6.1578) und seiner Frau Kunigunde Lochner (-10.10.1575) zuzurechnen, der einzig in Frage kommenden Kombination in der Familiengenealogie. Ein Vergleichswappen befindet sich auf dem Epitaph Christoph Harsdörffers (Zahn: Die Inschriften der historischen Friedhöfe von Nürnberg, Band 2, Nr. 1332). Nicht passend zur Datierung des Fensters ist die in der Literatur zu findende Angabe, daß die Heirat am 6.7.1541 stattgefunden habe (Biedermann Tafel 166). Da 1519 Christoph Harsdörffer jedoch erst 14 Jahre alt war und wirklich erst spät im Alter von 36 Jahren geheiratet hatte, ist die Richtigkeit der Zuordnung dieser Jahreszahl zu den genannten und plausiblen Personen als falsch anzusehen, vielleicht ein Restaurierungsfehler.

Ähnlich sind die Wappen der Hayd (oder Haiden), eines ratsfähigen Geschlechts der Stadt Nürnberg, welches um 1500 erloschen ist (Schöler S. 55, Tafel 123, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 42 Tafel: 43, BayA2 Tafel 39). Das Wappen der Hayden zeigt jedoch immer eine spitze Zipfelmütze. Die Helmzier wäre das Schildbild wachsend zwischen zwei golden-schwarz geteilten Büffelhörnern zu schwarz-goldenen Decken. Eine flache Mütze bzw. einen flachen Hut auf dem Mannesrumpf führten neben den Lochinger noch die Vetter, aber mit anderen Farben (Schöler Tafel 123, alter Siebmacher Teil II Tafel 162). Bei Scholz wird unter Vorbehalt die Wappenkombination Sebald Harsdörffer (gest. 1452) und Brigitta Vetterin von der Lilien zugeordnet. Ähnlich ist auch außerhalb Nürnbergs das Wappen der von Würtzburg, die Differenzierung ist an der Spitze der Mütze der bei den zuvor genannten Wappen nicht, bei jenem jedoch vorhandene rote, sechszackige Stern.

Die optisch rechte Darstellung hat als Beischild in Rot über goldenem Dreiberg zwei schräggekreuzte silberne Glevenstäbe, das ist das Wappen der nürnbergischen Schüler (Schuler). Damit paßt die Scheibe zu Peter II. Harsdörffer (gest. 1498) und seiner 1448 geehelichten Frau Katharina Schuler (Schüler), genau diese Kombination kommt am nordöstlichen Fenster ebenfalls vor. Auch hier will die Jahreszahl 1519 nicht zu den Personen passen; es handelt sich entweder um eine Gedächtnisstiftung oder Ahnenprobe; der ursprüngliche Kontext läßt sich nicht mehr feststellen.

In der Mitte erkennen wir das Wappen der Pömer (Pömer von Diepoltsdorf), schrägrechts geteilt, oben eigentlich von Silber und Rot dreimal schräggeteilt, unten Schwarz, hier aber oben in umgekehrter Reihenfolge wiedergegeben. Nach der Farbregel wäre diese von der normal überlieferten Form abweichende Darstellung sogar korrekter, es gilt das oben beim Tucher-Wappen Ausgeführte sinngemäß auch hier. Das Beiwappen ist etwas fehlstichig, man kann das Motiv jedoch klar erkennen, es handelt sich um einen über grünem Dreiberg golden-blau gespaltenen Schild, aus dem mittleren Berg in jede Spalthälfte eine gestielte Lilie in Gegenfarbe wachsend. Das ist das Wappen der nürnbergischen Zollner (Schöler Tafel 49, wobei die Farben Blau und Gold aber vertauscht sind). Cave - ein ganz ähnliches Wappen mit Grün anstelle von Blau und einem Berg anstelle eines Dreiberges führen die weißenburgischen Zoller (Schöler Tafel 46). Damit kann diese Scheibe konkret Wolf II. Pömer, gest. 1523, und seiner 1498 geehelichten Frau Agnes Zollner (gest. 1521) zugeordnet werden, und zugleich ist die undatierte Scheibe zeitlich vor seiner Hochzeit mit seiner zweiten Frau Ursula Sauerzapf entstanden, die er in seinem Todesjahr noch geehelicht hatte.

Die dritte Zone von unten wird fast vollständig durch den Strahlenkranz verdeckt, in den beiden äußeren Feldern handelt es sich um Ebner-Wappen, das linke inschriftlich auf 1514 datiert, das rechte mit einem Beischild Fürer, was auf Hieronymus Ebner (1477-1532) und seine Frau Helena Fürer hinweist, die 1501 geheiratet haben. Im mittleren Fenster befindet sich ein Wappen Tucher mit einem Beischild Schlüsselfelder (ohne Detail-Abb.). Es gibt aber keine nachweisbare Verbindung zwischen diesen beiden Familien, es handelt sich um eine ahistorische Restaurierung einer Scheibe, die ursprünglich wahrscheinlich einen Beischild Stromer hatte.

Die beiden äußeren Wappendarstellungen der zweituntersten Zone werden hier wieder abgebildet: Die Scheibe links ist auf 16.. datiert. Das dargestellte Wappen ist das der Familie Stark von und zu Röckenhof, in Silber auf schwarzem Dreiberg eine wachsende männliche Figur in roter Gewandung, mit einer schwarzen Kappe mit silbernem Stulp, in jeder Hand einen Karst (eine Hacke oder Haue mit langem Zinken zur Bodenlockerung und zur Ernte) an langen goldenen, auf dem Dreiberg aufgestützten Stielen haltend. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken der Mann wie beschrieben auf dem Dreiberg. Weitere Beschreibung der Familie siehe bei den Ausführungen zu St. Martha. In der rechten Scheibe begegnet uns das dritte Harsdörffer-Wappen dieses Fensters, Beschreibung siehe oben. Die Scheibe ist auf 1619 datiert. Die Abbildung in der Mitte zeigt eine Gesamtansicht der besprochenen Fensterpartie. Verdeckt in der Mitte befindet sich (ohne Abb.) ein Allianzwappen der Familie Holzschuher, datiert auf 1559.

Die unterste Wappenreihe (ohne Detail-Abb.) wird durch den Altaraufbau zur Hälfte verdeckt; es handelt sich in den äußeren beiden Feldern um Tucher-Wappen. Das Wappen Tucher mit dem Beischild der von Mayenthal ist entweder eine Neuanfertigung des 19. Jh. oder wurde beidseitig komplett übermalt und neu gebrannt. Es steht für Berthold I. Tucher (1310-1379) und seine erste Frau, Elisabeth von Mayenthal. Das Wappen Tucher mit dem Beischild Thill gen. Hack von Suhl (von Gold und Rot geteilt, oben ein rotes Schildchen mit einem silbernen Kreuz, unten drei blaue Pfähle von eigentlich silbern-blauem Eisenhutfeh) steht für Hans IX. Tucher (1452-1521) und Cordula vonThill. Die Beiden hatten 1480 geheiratet. Das Paar blieb kinderlos. In der Mitte der untersten Wappenreihe befindet sich das Wappen Holzschuher mit den Beischilden Pfinzing und Rummel, auf das an anderer Stelle eingegangen wird; diese Scheibe stammt aus St. Sebald, und das Wappen Pfinzing ist ein später eingeflickter Anachronismus. Unten: Position des beschriebenen Wappenfensters in der Kirche.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus der Frauenkirche mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Roland Huth vom 9.7.2010, wofür ihm an dieser Stelle herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Frauenkirche Nürnberg: http://www.frauenkirche-nuernberg.de/
Kurzführer zur Frauenkirche
http://www.erzbistum-bamberg.de/......../kurzfuehrer/Deutsch.html
Virtueller Rundgang:
http://www.familie-wimmer.com/orte/o02/o02fk/fk04/index.html
Robert Leyh, Die Frauenkirche zu Nürnberg. Katholische Pfarrkirche Unserer Lieben Frau, mit Photos von Reinhard Bruckner, 56 S., Schnell und Steiner Verlag, 1992 (Große Kunstführer, Band 167), München, Zürich, ISBN 3-7954-0721-4
Ernst Kroker, der Stammbaum der Familie Ayrer, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 14, Nürnberg 1901, S. 158 ff.
ein herzliches Dankeschön an Herrn Dr. Robert Strauch für wertvolle Hinweise zur Familie Gewandschneider/Karling
ein herzliches Dankeschön an Herrn Richard Dietz für wertvolle Hinweise zur Familie Harsdörffer/Lochinger
Hartmut Scholz: Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. X, 2, die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg, St. Sebalder Stadtseite, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2013, 712 S., ISBN 978-3-87157-236-4, S. 415 ff., S. 420 ff.,
http://www.corpusvitrearum.de/projekt/publikationen/cvma-x-2.html, pdf: http://www.corpusvitrearum.de/fileadmin/user_upload/PDF/CVMA_X_2_Nuerrnberg_Sebalder_Stadtseite.pdf

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