Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1459
Schwebenried (Unterfranken, Landkreis Main-Spessart)

Neustädtisches Zehnthaus in Schwebenried

Schwebenried ist heute ein Stadtteil von Arnstein in Unterfranken. Im Ortszentrum schräg gegenüber der Kirche befindet sich ein alter Klosterhof, an dem ein Wappenstein prangt. Das ist das alte Zehnthaus des Klosters Neustadt am Main, das hier neben dem Hochstift bedeutende Rechte besaß. Die heraldisch rechte, ovale Kartusche zeigt das Stiftswappen der Benediktinerabtei Neustadt ("Abbas atque Conventus Neostadiensis") am Main im Bistum Würzburg, in Blau der goldene Unzial-Buchstabe "N", der oben zu einem Tatzenkreuz (lt. Siebmacher Band Klöster ein Kleeblattkreuz, im Aschaffenburger Wappenbuch ein einfaches Kreuzchen) ausgezogen ist. Dieses Motiv, das erstmals 1550 erscheint und dessen Farben sich seit ca. 1700 in der angegebenen Weise etabliert haben, ist ein Buchstabenwappen, das einfach die Initiale des Ortes mit einem Symbol für eine geistliche Institution kombiniert. In der klassischen Heraldik wird dieses Vorgehen als grenzwertig betrachtet und ist eigentlich kein guter Stil für die Findung einer Symbolik, andererseits gibt es noch mehr Beispiele bei Klöstern (z. B. Abtei Neuberg, Abtei St. Lamprecht, beide in der Steiermark, Kloster Günthersthal etc.), die man allesamt mit der besonderen Nähe der Klöster zu Bildung, Büchern und Schrift erklären kann, denn Buchstaben und Schrift sind kein klassisches Gestaltungsmerkmal in der Heraldik. Die heraldisch linke Ovalkartusche enthält das persönliche Wappen des betreffenden Abtes, ein aus dem linken Schildrand kommender Arm, der ein Füllhorn hält. In der Mitte zwischen beiden Kartuschen ist eine Inful, heraldisch links lugt der Abtsstab hinter der Rokoko-Rahmung hervor. Die Inschrift birgt als Chronogramm die Datierung: M + I + C + X + I + I + I + V + I + V + I + V + I + V + C + V + V + D + I + I = 1749 AD. Durch diese Datierung ist das Wappen dem Abt Placidus Reich aus Münsterschwarzach zuzuordnen. Es setzt den Namen "Reich" redend als Füllhorn um. Placidus Reich amtierte als Abt 1733-1763, er war der Nachfolger von Abt Kilian Kneuer und der Vorgänger von Abt Benedikt Lurz. Abt Placidus Reich wurde 1695 in Münsterschwarzach geboren. Am 23.12.1719 erhielt er die Priesterweihe. Drei Jahre später war er Novizenmeister, ein weiteres Jahr später Prior. Gegen Ende seiner Amtszeit kam es wegen Nachlässigkeit zu mehreren Visitationen, man zwang ihn 1763 zum Rücktritt. Er verstarb 1764.

Ein Nachhall des Klosterwappens findet sich übrigens in mehreren kommunalen Wappen der Region: Das Wappen der Gemeinde Neustadt am Main (Landkreis Main-Spessart) ist silbern-rot gespalten, rechts ein von einem schwarzen Kreuzchen überhöhter schwarzer unzialer Großbuchstabe N, links ein gestürztes Flammenschwert mit goldenem Griff. Das Schwert stammt aus dem Wappen von Bernhard Krieg, auch dies war ein redendes Wappen, dieser Abt führte jedoch einen kompletten Schwertarm. Der Markt Karbach (Landkreis Main-Spessart) führt in Blau einen silbernen Wellenbalken; oben eine goldene Gabelweihe, unten ein mit einem goldenen Kreuzchen besteckter goldener unzialer Großbuchstabe N. Die Gemeinde Roden (Landkreis Main-Spessart) führt einen grün-golden gespaltenen Schild, rechts ein ausgerissener silberner Baum, links ein von einem schwarzen Kreuzchen überhöhter schwarzer unzialer Großbuchstabe N. Die Gemeinde Steinfeld (Landkreis Main-Spessart) schließlich hat in Grün aus einem silbernen Schild, darin der mit einem schwarzen Kreuzchen überhöhte unziale Großbuchstabe N, wachsend den silbern nimbierten heiligen Sebastian, der in der Rechten zwei gestürzte schräg gekreuzte silberne Pfeile hält, beseitet oben rechts von einem roten Schild mit drei gesenkten silbernen Spitzen, oben links von einem goldenen Schild mit roten Schrägbalken. Die Aufnahme des klösterlichen Wappens in die heutigen Gemeindewappen belegen die große Bedeutung, die die Abtei bis zu ihrer Säkularisierung hatte. In vielen Orten hatte das Kloster Besitztümer und Rechte, in Schwebenried war es z. B. Abt Bernhard Krieg, der Vorvorgänger von Placidus Reich, der die Güter der Familie Oppach aufkaufte.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbes. Band Klöster
Liste der Äbte:
http://www.weyer-neustadt.de/content/DesktopDefault.aspx?tabid=53
Ludwig Weiß, Die Äbte von Neustadt am Main, 1968
Klosterwappen:
http://www.weyer-neustadt.de/content/DesktopDefault.aspx?tabid=54
Klosterwappen: Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983
Kommunale Wappen:
http://www.hdbg.de/gemeinden2/bayerns-gemeinden_detail.php?gkz=9677146 und analoge Seiten des Hauses der bayerischen Geschichte.

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