Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1448
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Sebald in Nürnberg (19), Glasfenster
Wappenscheiben im Nützel-Fenster

Das Nützel-Fenster ist das fünfte Fenster im nördlichen Seitenschiff, von Westen gezählt, und damit im letzten Langhausjoch vor Ansatz des Hallenchores. Der heraldische Schmuck besteht nur aus drei einzelnen Scheiben, alle von der Familie Oelhafen und alle aus dem 17. Jh. Diese Scheiben sind im 18. Jh. noch im ehemaligen Oelhafen-Fenster im gegenüberliegenden südlichen Seitenschiff nachgewiesen und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg hier eingesetzt.

Die linke Scheibe ist eine Kombination aus den Wappenschilden Oelhafen (in Blau ein goldener Löwe, der ein ebensolches Henkelgefäß trägt), Grundherr (in Rot ein oberhalber, golden gekrönter, silbernen Löwe mit roter Zunge) und Kastner von Schnaittenbach (in Silber ein rotes Hirschgeweih mit Grind, Schöler S. 63, Tafel 100, Siebmacher Band: Bg1 Seite: 26 Tafel: 30, Band: BayA1 Seite: 46 Tafel: 46). Die mittlere Scheibe ist eine Kombination aus den Wappenschilden Oelhafen, Harsdörffer (in Rot auf einem goldenen Dreiberg ein silberner Zinnenturm mit Tor, Schießscharten und zwei Erkern, alles spitzbedacht) und Pfinzing (Geuschmid-Wappen, golden-schwarz geteilt). Und die dritte Scheibe ganz rechts ist eine Kombination aus den Wappenschilden Oelhafen, Paumgartner (von Silber und Schwarz geteilt, oben ein rot bewehrter grüner Sittich mit rotem Halsband, unten eine silberne Lilie) und Harsdörffer.

Wappenscheiben im den Fenstern des Westchores

Weitere Wappenscheiben sind im den Fenstern des Westchores angebracht, es handelt sich um einfache Kombinationsscheiben aus dem 17. Jh., eine Auswahl wird hier vorgestellt. Bis auf die Derrer handelt es sich nicht um Ratsfamilien.

Die linke Scheibe ist eine Kombination aus den Wappenschilden Dietherr von Anwanden (in Silber ein oberhalber roter Wolf, hier gewendet, Schöler Tafel 89, S. 38, Siebmacher Band: BayA1 Seite: 67 Tafel: 67, kaiserliche Wappenbestätigung 1502, eine gerichtsfähige Familie, die Hauptlinie ist 1819 erloschen, die Linie zu Schwaig bereits 1709) und Derrer (in Silber ein schwarzer Schrägbalken, mit drei silbernen, nach der Figur gelegten Schachrochen belegt) unter der gemeinsam genutzten Dietherr-Helmzier (auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein roter, wachsender Wolf). Die mittlere Scheibe ist eine Kombination aus den Wappenschilden Stockamer (in Gold ein schwarzer Balken, Geschlecht wurde 1524 in den Adelsstand erhoben, Schöler S. 103, Tafel 2, Siebmacher Band: Bg1 Seite: 43 Tafel: 58) und Baldinger (in rot-blau schräglinksgeteiltem Schild ein aufspringender silberner Windhund mit goldenem Halsband, Schöler Tafel 86, Siebmacher Band: Bay Seite: 68 Tafel: 74, Band: Wü Seite: 14 Tafel: 18, Band: Bg7 Seite: 1 Tafel: 1), ohne Oberwappen. Und die dritte, rechts abgebildete Wappenscheibe ist eine Kombination aus den Wappenschilden Dietherr (s. o.) und Hardesheim (geteilt, oben in Gold vier schwarze, #-förmig übereinandergelegte Haken, unten in Schwarz ein achtstrahliger goldener Stern) unter der gemeinsam genutzten Dietherr-Helmzier (s. o.).

Einzelne Wappenscheiben auf der Nordseite

Das jeweils zweite Seitenschiffjoch des Langhauses (von Westen gezählt) hat im Norden und Süden jeweils nur ein kleines, sehr hoch ansetzendes Fenster, weil in diesem Joch jeweils ein Portal den Großteil der Wandfläche beansprucht. Im Nordfenster, genau gegenüber dem Pömer-Fenster auf der Südseite, sind zwei Wappenscheiben vom Anfang des 16. Jh. angebracht:

Die linke Rundscheibe zeigt das Wappen der Schlüsselfelder (Schlüsselfelder von Kirchensittenbach), in von Silber und Schwarz geteiltem Schild drei deichselförmig im Dreipaß gestellte Schlüssel an einem gemeinsamen Ring in verwechselten Farben. Die rechte Scheibe enthält zwei aufeinander bezogene Schilde als Allianzwappen, der optisch linke zeigt das gewendete Wappen der Held gen. Hagelsheimer bzw. Held von Hagelsheim, in Schwarz ein silberner Schrägbalken, mit einem nach der Figur gelegten roten Pfeil belegt (Schöler S. 56, Tafel 148, Siebmacher Band: SchlA3 Seite: 85 Tafel: 53, vgl. auch Band: Pr Seite: 163 Tafel: 212). Das hier nicht dargestellte Kleinod wäre auf dem gekrönten Helm mit schwarz-silbernen Decken ein wachsender, schwarzer, mit dem Schildbild belegter Brackenrumpf. Der optisch rechte Schild ist geviert und vermutlich aus den Einzelwappen verschiedener Ehefrauen zusammengesetzt, Feld 1 und 4: geteilt, oben in Rot drei silberne Lilien balkenweise, unten ledig und blau, Feld 2: In Silber zwei schräggekreuzte, schwarze, brennende Äste, Feld 3: In Blau ein aus dem linken Rand kommender Arm, einen silbernen Streitkolben haltend. Hiervon läßt sich nur Feld 2 sicher als Schürstab-Wappen identifizieren, Feld 1 und 4 ist mir unbekannt, Feld 3 könnte eventuell Ecke oder Ecken sein, wobei die aber den Arm silbern führen, nicht rot (Schöler Tafel 125, Siebmacher Band: Bg2 Seite: 50 Tafel: 83), Hinweise willkommen.

Allianzwappen im Welser-Fenster

Das sog. Welser-Fenster liegt im südlichen Seitenschiff des Langhauses, es ist das letzte Fenster desselben vor dem Ansatz des Hallenchores. Der untere Teil ist durch eine Tribüne verstellt, daher werden hier nur die Allianzwappen des oberen Teiles abgebildet. Im unteren Bereich befindet sich ein Allianzwappen Koler und Ulstat mit der Jahreszahl 1568, darunter die Inschriftenkartusche "Hieronimus Koler An(n)o 1592.

Im oberen Bereich halten zwei "Schildhalter" einen in einen grünen, von zwei Engeln gehaltenen Lorbeerkranz eingepaßten gevierten Schild, Feld 1 und 4: in Rot ein silberner Ring (Wappenbild Koler), Feld 2 und 3: in Silber eine aufspringende silberne Bracke (Riese). Dieses Allianzwappen ist undatiert. Optisch links darunter ist ein auf 1518 datiertes Allianzwappen Koler mit Rieter (in von Schwarz und Gold geteiltem Schild eine eigentlich rotgewandete, hier aber abweichend ganz silberne, sowie golden gekrönte, Meerjungfrau (Sirene, Melusine) mit zwei silbernen Fischschwänzen), optisch rechts ist ein ebensolches, auf 1546 datiertes, wobei nur der Koler-Schild gut erhalten ist, der andere Schild ist ein Fragment, man kann aber erkennen, daß es mal ein Imhoff-Schild war (in Rot ein goldener See-Löwe mit einem über den Kopf schwingenden Fischschwanz, auf dem linken Vorderbein stehend, das rechte vorwärts streckend), denn ein Stück des Schwanzes ist noch am oberen Rand der erhaltenen Scherbe zu erkennen. Das auf 1518 datierte Allianzwappen paßt zu Christoph Koler (1483-1536), denn in genau jenem Jahr hatte er Margareta Rieter geheiratet.

Abb.: Detailausschnitte.

Einzelwappen auf der Südseite

Die beiden folgenden Wappendarstellungen befinden sich in einem Fenster an der Südwand, und zwar im vierten Fenster, von Westen gezählt. Beide stammen aus der 1. Hälfte des 15. Jh.

Das Wappen ist das der Patrizierfamilie Behaim, es ist von Silber und Rot gespalten, belegt mit einem schrägrechten schwarzen Wellenbalken. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein auffliegender silberner Adler mit einer schwarzen Krone um den Hals. Nur bei ganz genauem Hinsehen erkennt man in der optisch rechten unteren Ecke weitere Heraldik, zwei winzige Beiwappen, aufgrund der Größe auch nicht mehr in einen erkennbaren schildförmigen Umriß eingepaßt, oben das Beiwappen Vorchtel, in Gold ein roter Sparren (Schöler Tafel 23). Die ratsfähigen Vorchtel besaßen im 15. Jh. Heroldsbach, ein Herrensitz bei Forchheim, ferner um 1400 Wolkersdorf. Nach Siebmacher (Band: BayA1 Seite: 96 Tafel: 94) ist die Helmzier auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein goldenes Paar Büffelhörner, rechts mit einem roten Schräglinksbalken, links mit einem roten Schrägrechtsbalken, außen mit silbernen Federn besteckt. Darunter befindet sich ein zweiter Beischild mit dem Wappen der Familie von Eyb oder der Pilgram von Eyb, die beide das gleiche Schildbild führen, in Silber drei (2:1) rote Jakobsmuscheln (Pilgermuscheln).

Das zweite Wappen ist das der Familie Paumgartner, von Silber und Schwarz geteilt, oben ein rot bewehrter grüner Sittich mit rotem Halsband, unten eine silberne Lilie. Auf dem Helm mit schwarz-silbernen (es wird auch schwarz-golden angegeben) Decken eine silberne Lilie, auf der der Sittich sitzt. Optisch rechts sehen wir das Beiwappen Haller, in Rot ein silberner, schwarz gefüllter, schräger, linker Sturzsparren. Auf der anderen Seite war auch ein zweites Beiwappen, welches aber verloren ging und durch eine grüne Scheibe ohne heraldische Inhalte ersetzt wurde. Die Kombination könnte zu Konrad VII Paumgartner (1406-1457) und seiner 1427 geehelichten Frau Agnes Haller sowie seiner 1444 geehelichten zweiten Frau Kunigunde Münzmeister aus Bamberg passen. Eine zweite Verbindung Paumgartner-Haller war die zwischen Kaspar II (1509-1594) und Apollonia Haller, doch dieser hatte nicht zum zweiten Mal geheiratet, was den zweiten Beischild nicht erklären würde. Die Paumgartner-Wappen werden beschrieben im Siebmacher Band: BayA1 Seite: 51 Tafel: 52 und Band: OÖ Seite: 234 Tafel: 66.

Das Wappen Paumgartner erfuhr unterschiedliche Erweiterungen: Die Paumgartner (Baumgartner) von Holnstein und Grünsberg hatten ein geviertes Wappen: Feld 1 und 4: von Silber und Schwarz geteilt, oben ein rot bewehrter grüner Sittich mit rotem Halsband, unten eine silberne Lilie (Stammwappen), Feld 2 und 3: von Gold und Blau schräglinksgeteilt mit einem Löwen in verwechselten Farben. Dazu wurden zwei gekrönte Helme geführt: Helm 1 (rechts): auf dem Helm mit schwarz-goldenen (oder schwarz-silbernen) Decken eine silberne Lilie, auf der der Sittich sitzt. Helm 2 (links): auf dem Helm mit blau-goldenen Decken ein wachsender goldener Löwe zwischen zwei außen mit Pfauenfedern besteckten Büffelhörnern. Johann Paul II. Paumgartner (1630-1706), 20 Jahre lang Vorderster Losunger, hatte 1655 Maria Magdalena Haller geheiratet, die Schloß und Gut Grünsberg als Mitgift mit in die Ehe brachte.

Dann gab es noch die Paumgartner von Hohenschwangau: Der Schild ist halbgespalten und geteilt, Feld 1: von Silber und Schwarz geteilt, oben ein rot bewehrter grüner Sittich mit rotem Halsband, einwärtsgekehrt, unten eine silberne Lilie (Stammwappen), Feld 2: in Rot ein silberner Schwan (Schwangau), Feld 3: von Gold und Blau schräglinksgeteilt mit einem Löwen in verwechselten Farben. Anton Paumgartner hatte 1475 Clara Arzt aus Augsburg geheiratet. Johannes Paumgartner, ein Nachkomme dieser Verbindung, wurde am 27.7.1543 in den Freiherrenstand erhoben, nachdem er die Herrschaft Hohenschwangau an sich gebracht hatte. Diese Linie hatte das Erbmarschallamt im Hochstift Augsburg. Mit Christoph Paumgartner ist diese Linie im 17. Jh. erloschen. Das Wappen wird im Siebmacher Band: BayA1 Seite: 84 Tafel: 83 beschrieben, dort ist Feld 3 gewendet.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Sebald mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Dr. Axel Töllner und Herrn Pfarrer Gerhard Schorr vom 12.7.2010, wofür ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Hartmut Scholz, St. Sebald in Nürnberg, Meisterwerke der Glasmalerei, Band 3, Verlag Schnell Steiner GmbH Regensburg 2007, ISBN 978-3-7954-1846-5
St. Sebald: http://www.sebalduskirche.de/
3D-Panorama St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/fileadmin/Bildmaterial/Atuelles/Sebalduskirche_02c.mov
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Hartmut Scholz: Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. X, 2, die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg, St. Sebalder Stadtseite, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2013, 712 S., ISBN 978-3-87157-236-4, S. 296 ff,
http://www.corpusvitrearum.de/projekt/publikationen/cvma-x-2.html, pdf: http://www.corpusvitrearum.de/fileadmin/user_upload/PDF/CVMA_X_2_Nuerrnberg_Sebalder_Stadtseite.pdf

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