Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1445
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Sebald in Nürnberg (22), Glasfenster
Pfinzing-Fenster

Das Pfinzing-Fenster ist ein insgesamt 15 m hohes und 2,10 m breites Chorfenster; es befindet sich an der südlichen Rundung zwischen Markgrafenfenster und Hallerfenster. Der Entwurf stammt von Albrecht Dürer, die Ausführung von Veit Hirsvogel. Das Jahr der Stiftung ist laut Inschrift 1515. Die in der Höhe reduzierte bildnerische Komposition umfaßt 32 Rechteckfelder und reicht von der ersten bis zur achten Zeile. Das alte Fenster an dieser Stelle, eine Stiftung der mittlerweile verarmten Vorchtel aus dem 14. Jh. (Heinrich Vorchtel, gest. 1371, Sebalder Kirchenpfleger), war inzwischen ebenfalls in schlechtem Zustand, und da die Nachkommen der Familie Vorchtel, allen voran Cosmas Vorchtel, kein Interesse an einer Neustiftung hatten und einer entsprechenden Aufforderung des Rates innerhalb einer festgesetzten Frist von einem halben Jahr nicht nachgekommen waren, wurden die Fensterrechte an einen anderen, bereitwilligeren Sponsor vergeben, und Melchior Pfinzing bekam 1515 den Zuschlag. Eigentlich war es eine Bedingung gewesen, zur Erinnerung irgendwo ein kleines Vorchtel-Wappen anzubringen, doch das kann heute im ganzen Fenster nicht mehr gefunden werden, es ist anscheinend inzwischen verlorengegangen. So ging das Vorchtel-Fenster fast gleichzeitig mit der Familie selbst in die Erinnerung ein, und das neue Pfinzing-Fenster wurde ein glänzendes Manifest eines neuen gestalterischen Konzeptes, das aber viel von seiner ursprünglichen Schönheit durch unsachgemäße Überglasung irreversibel verloren hat und in schlechtem Zustand ist. Thematisch ist das Fenster in zwei Partien gegliedert, oben Heiligendarstellungen in einem faszinierenden Scheinarchitekturkonzept, unten Familienmitglieder.

In der dritten Reihe von unten sehen wir zwei Vollwappen, links das Wappen der Pfinzing, das eigentlich das durch die Heirat von Friedrich Pfinzing, dem Begründer der Hauptlinie, gest. vor 1331, mit Elisabeth Geuschmid ererbte Wappen der Geuschmid ist, von Gold und Schwarz geteilt, auf dem schwarz-golden bewulsteten Helm mit ebensolchen Decken ein golden-schwarz geteiltes Paar Büffelhörner, rechts das Wappen der Grundherr, in Rot ein oberhalber, golden gekrönter, silberner Löwen, auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit ebensolchen Decken der silberne, golden gekrönte Löwe wachsend. Diese Kombination paßt zu den Eltern des Stifters. Der Stifter war Melchior Pfinzing (1481-1535), seit 1514 kaiserlicher Rat und 1512-1521 Propst zu St. Sebald, unvermählt. Seine Vater war der Ratsbaumeister Seifried III. (Siegfried) Pfinzing (1444-7.9.1514), der in erster Ehe 1475 mit Kunigunde Mendel (-1476) verheiratet war, ein Jahr später schon Witwer wurde und in zweiter Ehe 1477 Barbara Grundherr (1457-1517) ehelichte, die einzige Tochter des Ratsherrn Ulrich II. Grundherr und dessen Frau Anna Haller. Der 1481 geborene Melchior war also ein Sohn aus zweiter Ehe, und hier sind seine Eltern mit ihren Wappen dargestellt. Seifried III. war Ratsherr und wurde 1483 Ratsbaumeister. Dieses Amt übte er bis 1502 aus, dann wurde er auf eigenen Wunsch krankheitsbedingt entpflichtet. Bis 1512 blieb er jedoch Mitglied des Kleinen Rates. Er wurde in St. Sebald begraben. Barbara Pfinzing trägt ein vornehmes Kirchgangskleid, wie man es nur bei den gehobenen Patrizierständen sehen konnte, mit einem sog. Sturz als Kopfbedeckung und einem plissierten, schwarzen, pelzgefütterten Mantel über einem weißen Untergewand. In den Händen hält sie einen auffälligen Rosenkranz mit einer vergoldeten Zierkapsel mit Quaste, mehr Statussymbol als Bethilfe. Bei den beiden Wappenfeldern beachte man die Satyrn unterhalb der Wappen.

Die zweite Reihe des Fensters ist voller Kombinationswappen, je zwei sind in einer Scheibe. Die ganze Reihe ist den Familienangehörigen gewidmet. Denn wenig früher blühte das Geschlecht nur sehr schwach und der Fortbestand ruhte auf ganz wenigen Personen, und auch die Teilnahme der Familie am Rat hing am seidenen Faden. Reicher Kindersegen wurde aber nun Seifried und Barbara zuteil. Und der durch die Berthold-Linie reichlich angeschlagene Ruf der Familie konnte durch "anständige" Familienmitglieder wieder im Blick der Öffentlichkeit korrigiert werden. Von links nach rechts:

Die unterste Reihe des Fensters enthält die Stiftungsinschrift: Siegfried Pfinzing 1515 für sich und die Seinen - SIEGFRIDVS PFINZING SIBI SVISQ(VE) MDXV. Natürlich hat es, wie wir oben gesehen haben, sein Sohn Melchior gestiftet, denn Sebald verstarb 1514. Hier stiftete der Sohn des Verstorbenen, kaiserlicher Rat und Propst von St. Sebald, das Fenster im Namen und zum Gedächtnis des Vaters.

Hier sind zwei Wappenschilde zu sehen, optisch links golden-schwarz geteilt (Geuschmid/Pfinzing) mit eigentlich golden-blau-silbern zweimal geteiltem Herzschild (Henfenfeld), die oberste Zone des Herzschildes farblich abweichend, optisch rechts der Schild der Harsdörffer, in Rot auf einem goldenen Dreiberg ein silberner Zinnenturm mit Tor, Schießscharten und zwei Erkern, alles spitzbedacht. Diese Wappen wurden offensichtlich später hinzugefügt, was man daran erkennen kann, daß im Henfenfeld-Herzschild blaue Emailfarbe eingesetzt wurde. Vermutlich kamen die Wappenschilde bei Restaurierungsarbeiten im 17. Jh. hinzu. Eine eindeutige namentliche Zuordnung ist nicht möglich, es gibt aber drei Eheschließungen zwischen den beiden Familien, die zu dem Wappenschildpaar passen könnten:

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Sebald mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Dr. Axel Töllner und Herrn Pfarrer Gerhard Schorr vom 12.7.2010, wofür ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Hartmut Scholz, St. Sebald in Nürnberg, Meisterwerke der Glasmalerei, Band 3, Verlag Schnell Steiner GmbH Regensburg 2007, ISBN 978-3-7954-1846-5
St. Sebald: http://www.sebalduskirche.de/
3D-Panorama St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/fileadmin/Bildmaterial/Atuelles/Sebalduskirche_02c.mov
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Hartmut Scholz: Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. X, 2, die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg, St. Sebalder Stadtseite, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2013, 712 S., ISBN 978-3-87157-236-4, S. 240 ff,
http://www.corpusvitrearum.de/projekt/publikationen/cvma-x-2.html, pdf: http://www.corpusvitrearum.de/fileadmin/user_upload/PDF/CVMA_X_2_Nuerrnberg_Sebalder_Stadtseite.pdf

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