Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1398
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Sebald in Nürnberg, Glasfenster (12)
Grabner-Fenster, Paumgärtner-Fenster

Das Grabner-Fenster, das heute als Paumgärtner-Fenster bekannt ist, befindet sich gerade noch im Chorbereich vor dem Übergang zum Langhaus, es ist auf der Südseite der Kirche ziemlich genau in der Mitte der Längsachse. Die Bezeichnung Paumgärtner-Fenster ist zwar heute geläufig, verschleiert aber die Tatsache, daß die Fensterstiftung im wesentlichen auf die Grabner zurückgeht, aber nicht auf sie alleine, sondern auf die drei Familien Grabner, Pirckheimer und Paumgärtner. Um 1500 wurde die ursprüngliche Vollverglasung auf sieben Zeilen komprimiert. Sechs Bildreihen und eine abschließende Zone sind erhalten, wobei nur die unterste Reihe Wappen beinhaltet, vier Vollwappen mit drei Beiwappen.

Von der Familie Grabner sind zwei Vollwappen erhalten, sie befinden sich in der untersten Reihe rechts. Die Grabner führen im roten Schild zwei schräggekreuzte silberne Grabscheite (Spaten) mit der Schaufel nach oben. Es ist damit ein redendes Wappen. Auf dem Helm mit hier nur roten, sonst rot-silbernen Decken zwei schräggekreuzte silberne Grabscheite (Spaten) wie im Schild. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: BayA1 Seite: 40 Tafel: 39 und im Schöler Tafel 144. Das alte Nürnberger Ratsherrengeschlecht starb 1458 mit Sebald Grabner aus. Die Wappen stehen in Zusammenhang mit Friedrich Grabner d.Ä., gest. 1356, und seinen Sohn Friedrich Grabner d. J., gest. 1386, denn die beiden Beiwappen sind optisch links das Wappen der Stromer, in Rot ein gestürztes silbernes Dreieck, an den Spitzen mit halben silbernen Lilien besteckt, und optisch rechts das der Ebner, blau-golden im Spitzenschnitt gespalten. Der Stifter war Friedrich Grabner d. J., erstens aufgrund der Lebensdaten, zweitens weil er als erstes und einziges Familienmitglied Mitglied des Inneren Rates wurde und 1381 das Amt eines jüngeren Bürgermeisters übernahm. Friedrich Grabner d. J. hatte Kunigunde Stromer geheiratet, eine Tochter von Wolfram II. Stromer.

Die Familie Pirckheimer (Pirkheimer, Pirkhaimer) übernahmen die Rechte an dem Fenster nach dem Aussterben der Grabner 1458. Sie führt in einem von Gold und Rot geteilten Schild eine silberne Birke mit Wurzeln (oder allg. ein ausgerissener Baum). Auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein wachsender roter Mannesrumpf mit goldenen Haaren und ebensolchem Kragen und drei um den Kopf geflochtenen Birkenblättern über der Stirn. Durch die Verwendung des Motivs der Birke ist es ebenfalls ein redendes Wappen. Das Wappen wird im Siebmacher (Band: BayA1 Seite: 53 Tafel: 51, Band: BayA3 Seite: 12 Tafel: 7) beschrieben.

Aufgrund der Geschichte des Fensters würde man annehmen, daß die Wappen Pirckheimer und Paumgärtner später, also nach 1458 bzw. nach 1530 eingefügt wurden. Doch so einfach ist es nicht, denn beide Wappen besitzen in der Helmzier originalen Glasbestand aus der Zeit der Erstverglasung des Chors (drei Viertel des Schildes, der Helm und Teile des Rumpfes des Kleinods wurden im 19. Jh. erneuert). Der Rest der Helmzier gehörte von Anfang an zum Initialbestand des Fensters. Nur der Beischild Rieter wurde im Falle Pirckheimer um 1500 nachträglich eingefügt, wodurch dieses Wappen personalisiert werden kann. Das bedeutet, daß die Familien Pirckheimer und Paumgärtner von Anfang an Mitverantwortung für dieses Fenster hatten und nur durch das Wegsterben der anderen Partnerstifter mehr und schließlich alleinige Verantwortung bekamen. Das bedeutet aber auch, daß hier um 1500 ein älteres Wappen (evtl. von Hans II. Pirckheimer, damals Genannter des Größeren Rates, gest. 1400) durch Hinzufügen eines Beischildes zeitgemäß umgedeutet und nachträglich den Tatsachen angepaßt wurde.

Dieses Wappen kann nun in seiner dadurch geschaffenen zeitgenössischen Interpretation konkret Willibald Pirckheimer zugeordnet werden. Er wurde am 4.12.1470 in Eichstätt geboren und wurde einer der größten humanistischen Universalgelehrten seiner Zeit. Willibalds Vater war Johann Pirckheimer, gest. 3.5.1501, dieser wurde 1465 in Padua Doctor iuris utriusque, 1467 Rats-Consulent in Nürnberg, dann bischöflich eichstättscher Rat, schließlich herzoglich bayerischer Rat. Willibalds Mutter war Barbara Löffelholz, gest. 1488. Willibalds Großvater war Hans Pirckheimer (geb. ca. 1410-1415, gest. 1492). Vater und Großvater galten ebenfalls als große Gelehrte ihrer Zeit. Willibald studierte 1488-1495 Jura und die freien Künste an den Universitäten zu Padua und Pavia. Er kehrte nach Nürnberg zurück, ohne Promotion, aber das war kein Nachteil, sondern ein geschickt genutzter Vorteil, denn nur unpromovierte Juristen konnten damals Mitglieder des regierenden Rates werden, was Willibald 1496-1502 und 1505-1523 war. Seine Tätigkeiten waren vielgestaltig und reichten von juristisch-fachlicher Beratung des Rates über die Leitung von Gesandtschaften bis hin zur Kriegsführung im Schweizerkrieg. Willibald wurde kaiserlicher Rat, sowohl unter Maximilian I als auch unter Karl V. Er ist vor allem aber als Humanist europaweit bekannt geworden, und ihn verband Freundschaft mit den Humanisten seiner Zeit wie Erasmus von Rotterdam etc. sowie mit bedeutenden Künstlern wie Albrecht Dürer, der ein Porträit des Humanisten anfertigte. Er bezog Position gegen die päpstliche Bannbulle gegen Luther und wurde selber daraufhin 1520-1521 gebannt. Am besten wird das humanistische, zutiefst christliche, antischolastische und antimaterialistische Gedankengut Pirckheimers deutlich durch seine drei Motto-Sprüche, die er im Laufe seines Lebens als Maxime hatte: Initium sapientiae timor Domini - der Anfang von Weisheit ist Gottesfurcht - vivitur ingenio, caetera mortis erunt - man lebt durch den Geist, alles andere ist vergänglich - virtus interire nequit - Tugend ist unsterblich. Willibald ist weiterhin als Verfasser zahlreicher eigener Werke und als Übersetzer vieler antiker Werke in die Geschichte eingegangen. Er vermählte sich 1495 mit Crescentia Rieter von Kornburg, gest. 1504, deren Beischild mit dem Rieter-Wappen wir hier sehen, schwarz-golden (hier abweichend) geteilt mit einer erst silbernen, später rot gekleideten und gekrönten Melusine (Siebmacher Band: BayA1 Seite: 106 Tafel: 105, Band: BayA3 Seite: 42 Tafel: 27). Als letzter seines Geschlechts verstarb Willibald Pirckheimer am 22.12.1530. Sein Grab ist auf dem Johannis-Friedhof.

Die Familie Paumgartner bekam als alleinige Familie nach dem Aussterben der Pirckheimer 1530 die Rechte an dem Fenster. Das Wappen der Paumgartner ist von Silber und Schwarz geteilt, oben ein rot bewehrter grüner Sittich (meist mit rotem Halsband), unten eine silberne Lilie. Auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken eine silberne Lilie, auf der der Sittich sitzt. Da ein Beischild fehlt, kann es nicht zugeordnet werden.

Wie beim oben beschriebenen Pirckheimer-Wappen gilt auch hier das Gleiche: Schild, Helm und Helmdecken wurden im 19. Jh. erneuert; die Helmzier ist weitgehend alt. Da originale Glassubstanz aus der Zeit der ersten Chorverglasung im Bereich der Helmzier gefunden wurde, ist das Fenster entgegen früherer Annahmen keine Hinzufügung aus der Zeit nach 1530, sondern gehört zum Originalbestand. Beiwappen fehlen, daher kann eine namentliche Zuordnung nicht sicher getroffen werden. Als ursprünglicher Mitstifter kommt aber evtl. Konrad III. Paumgärtner (gest. 1401) in Frage, welcher 1367 als Genannter in den Größeren Rat kam, aber erst nach der Erstverglasung des Chors 1396 zum jüngeren Bürgermeister ernannt wurde. Ohne Personalisierung sollte bei wenig zur Verwirklichung zur Verfügung stehendem Platz vermutlich einfach nur allgemein die Mitwirkung der Familie an der Stiftung belegt werden, was man auch sinngemäß für das Pirckheimer-Wappen sagen kann, weil der dortige Beischild nicht original ist.

Das Fenster ist ähnlich wie das Behaim-Fenster (siehe dort) aufgebaut: Wie dort haben wir unten eine Stifterzone und darüber abwechselnd szenische Reihen und von Architektur geprägte Zwischenzonen, und ebenso bilden die beiden mittleren Zonen der Reihen eine gestalterische Einheit, einen gemeinsamen Bildraum, flankiert von je einer schmalen Randzone mit additiven bildlichen Elementen. Es ist davon auszugehen, daß beide Fenster aus der gleichen Werkstatt stammen. Im Bild sehen wir oben die vier Fensterbilder der zweiten Reihe mit der Anbetung der Könige. Darüber (ohne Abb.) folgen Darbringung Jesu im Tempel und Christus im Tempel in der Diskussion mit den Gelehrten.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Sebald mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Dr. Axel Töllner und Herrn Pfarrer Gerhard Schorr vom 12.7.2010, wofür ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Hartmut Scholz, St. Sebald in Nürnberg, Meisterwerke der Glasmalerei, Band 3, Verlag Schnell Steiner GmbH Regensburg 2007, ISBN 978-3-7954-1846-5
Nürnberger Patriziat im Historischen Lexikon Bayerns: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45240
St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/
3D-Panorama St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/fileadmin/Bildmaterial/Atuelles/Sebalduskirche_02c.mov
Willibald-Pirckheimer-Gesellschaft:
http://www.pirckheimer-gesellschaft.de/
Willibald Pirckheimer:
http://www.pirckheimer-gesellschaft.de/html/will_car.html
Willibald Pirckheimer:
http://www.bautz.de/bbkl/p/pirckheimer_w.shtml
Hartmut Scholz: Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. X, 2, die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg, St. Sebalder Stadtseite, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2013, 712 S., ISBN 978-3-87157-236-4, S. 186 ff,
http://www.corpusvitrearum.de/projekt/publikationen/cvma-x-2.html, pdf: http://www.corpusvitrearum.de/fileadmin/user_upload/PDF/CVMA_X_2_Nuerrnberg_Sebalder_Stadtseite.pdf

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