Bernhard Peter, Gernot Ramsauer und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1389
Nürnberg (Mittelfranken)

St. Sebald in Nürnberg, Glasfenster (3)
Eisvogel-/Fürer-Fenster

Das sog. Eisvogel-Fürer-Fenster ist ein Fenster des Chores von St. Sebald. Es befindet sich auf der Nordseite und füllt das erste von der West-Ost-Richtung abknickende Wandelement des insgesamt aus sieben Segmenten bestehenden Abschlusses. Es liegt zwischen Tucher-Fenster und Stromer-Fenster. Es besteht aus vier Scheiben in einer Reihe und 7 Reihen übereinander, wobei in der obersten Zone ein spitzbogenartiger Abschluß ist, der in den oberen Ecken farbloses Glas hat. Dieses Fenster war ursprünglich wohl eine Gemeinschaftsstiftung von mehreren miteinander verwandten Familien (Eisvogel, Pfinzing, Langmann und Ebner) und ging dann 1501 in die alleinige Zuständigkeit der Familie Fürer von Haimendorf über.

Die vier erstgenannten Familien hängen wie folgt zusammen: Heinrich Eisvogel d. Ä. (erwähnt 1296-1330) war mit einer geborenen Ebner vermählt. Heinrich d. Ä. war Tuchhändler und agierte in Flandern, Westpreußen, Ungarn und in der Lombardei. Er legte durch seinen Fenhandel die wirtschaftliche Grundlage für den sozialen Aufstieg der Familie.

Dessen erster Sohn, Hermann Eisvogel, war in zweiter Ehe mit einer geborenen Langmann verheiratet (in erster Ehe war seine Frau eine geborene Vorchtel). Der zweite Sohn, Heinrich Eisvogel d. J. (gest. 1394), hat eine geborene Pfinzing geheiratet. Als Fensterstifter wird man sicher Heinrich d. J. identifizieren, aber da sein Bruder Hermann bereits 1346 gestorben ist, tritt an dessen Stelle vermutlich dessen Sohn Ulrich Eisvogel d. Ä. (gest. 1384) oder dessen Vetter Ulrich Eisvogel d. J. (gest. 1406), Sohn des Heinrich d. J., denn als das Fenster gestiftet wurde, waren beide im Rang eines jüngeren Bürgermeisters, und diese Doppelrepräsentanz der Familie war sicher ein Grund für die Zuteilung einer eigenen Fensterstiftung für die Familie.

Vom Bildprogramm her ist das Fenster den Heiligen, ihrem Leben und Martyrium gewidmet: Hl. Dionysius Vorführung, mit abgeschlagenem Haupt in den Händen), Hl. Nikolaus (Mitgift für drei verarmte Jungfrauen, Rettung eines Schiffes aus Seenot, Heilung eines Krüppels), Hl. Martin (Mantelspende), Hl. Leonhard von Noblac, Hl. Antonius Abbas, Hl. Felix und Hl. Adauctus (Götzenpredigt, Enthauptung), anbetende Pilger, Kranke und Verwundete.

In der untersten Zone befinden sich vier Wappen, in jedem Feld des Fensters eines. Diese vier sind auf ca. 1379 zu datieren. Ganz links ist das Wappen der Familie Eisvogel zu sehen (Siebmacher Band: BayA1 Seite: 35 Tafel: 30, Schöler Tafel 67), in Silber drei (2:1) rotbewehrte, blaue Eisvögel mit silbernem Bauch. Auf dem Helm mit silbern-roten Decken auf einem silbernen, rot aufgeschlagenen Turnierhut sitzend ein rotbewehrter, blauer Eisvogel mit silbern abgesetztem Bauch. Es ist ein redendes Wappen, der Name ist in Schild und Helmzier Programm. Die ratsfähige Familie ist bereits 1420 mit Anthoni Eisvogel ausgestorben.

Das zweite Wappen von links ist das der Familie Pfinzing (Siebmacher Band: BayA1 Seite: 52 Tafel: 52, Band BayA3 Seite: 6, sowie bei Schöler Tafel 60), von Gold und Rot geteilt, unten ein silberner Ring. So wie wir es heute sehen, ist es jedoch nicht vollständig, in der goldenen oberen Hälfte ist normalerweise ein aus der Teilung wachsender schwarzer Adler, dieser ist hier nicht vorhanden. Auf dem Helm mit schwarz-roten Decken ist ein wachsender, rotbewehrter, schwarzer Adler, der einen silbernen Ring in seinem Schnabel trägt. Zwischen Adler und Helm ist eine goldene Zone, die man als Wulst interpretieren kann. Die Pfinzing sind eines der ältesten Ratsgeschlechter Nürnbergs, die mit Henfenfeld und Gründlach zwei Herrensitze besaß, die in Form der Wappen der früheren Besitzer später Eingang in das vermehrte Pfinzing-Wappen fanden. Die eigentlich nicht der Farbkonvention entsprechende Kombination schwarz-rot der Helmdecken wird auch in einem Diplom von 1554 so genannt. Neben diesem hatten die Pfinzing noch das Wappen der Geuschmid geerbt, es war von Gold und Schwarz geteilt, Helmzier zwei Büffelhörner, golden-schwarz geteilt, Decken schwarz-golden. Am 28.1.1465 erlaubte Kaiser Friedrich III den Gebrüdern Sebald, Berthold und Ludwig Pfinzing, das ererbte Wappen nach Belieben ebenfalls zu führen. Wahlweise konnten sie die Büffelhörner oder den Flug wie der Schild geteilt oder übereck geteilt verwenden. Das trug nicht zur Zeicheneindeutigkeit bei, und als Folge begegnet uns eine Vielfalt von Lösungen für das Oberwappen. Am 22.4.1466 erlaubte der Kaiser den genannten Brüdern und Ludwigs Sohn, Ludwig d. J. als Besserung, zwischen den Hörnern oder Flügeln einen wachsenden, gekrönten, goldenen Löwen zu setzen. Die Büffelhörner wurden mit "Seeblättern" in Gegenfarbe besteckt. Unter dem gleichen Kaiser wurde den Pfinzing fünf Jahre später, 1470, erlaubt, das Geuschmid-Wappen mit dem alten Pfinzing-Wappen zu vereinigen, und die bisherige Vielfalt der Kleinod-Möglichkeiten dadurch zu beenden, daß jetzt zwei Kleinode geführt wurden, der golden-schwarz geteilte bzw. übereck geteilte Adlerflug mit dem Löwen dazwischen auf Helm 2. Die Flügel werden als mit Lindenblättchen in Gegenfarbe bestreut beschrieben. Die beiden Linien des Geschlechts bekamen unterschiedliche vermehrte Wappen in weiteren Diplomen: Die Pfinzing von Henfenfeld führten nach einem von Kaiser Karl V. in Arras ausgestellten Diplom vom 29.9.1554 folgendes Wappen: Geviert, Feld 1 und 4: von Gold und Rot geteilt, oben ein halber schwarzer Adler, unten ein silberner Ring, Feld 2 und 3: von Gold und Schwarz geteilt, Herzschild: von Gold, Blau und Silber geteilt (Henfenfeld). Dazu zwei gekrönte Helme: Helm 1 (rechts): auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein golden-schwarz geteiltes Paar Büffelhörner, Helm 2 (links): auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken zwischen einem golden-schwarz geteilten Flug ein goldener, sitzender, rotgezungter Löwe. Die Flügel werden als mit Lindenblättchen in Gegenfarbe bestreut beschrieben. 1554 wurde nicht nur der vordere, sondern auch der hintere Helm gekrönt. Die Pfinzing von Gründlach führten ein geviertes Wappen: Feld 1: von Gold und Rot geteilt, oben ein halber schwarzer Adler, unten ein silberner Ring (Pfinzing), Feld 2: von Gold, Blau und Silber geteilt (Henfenfeld), Feld 3: von Gold und Schwarz geteilt (Geuschmid), Feld 4: gespalten, rechts in Rot übereinander zwei goldene Löwen, links von Schwarz und Gold fünfmal schräggeteilt (Gründlach). Helme wie bei den Pfinzing von Henfenfeld. Die Familie Pfinzing ist am 10.5.1764 mit Johann Sigmund Pfinzing erloschen.

Das dritte Fenster in der untersten Reihe ist das der Familie Langmann (Siebmacher Band: Bg2 Seite: 53 Tafel: 89, Band: BayA1 Seite: 47 Tafel: 47, Schöler Tafel 23), es zeigt in silbern-rot gespaltenem Schild einen blauen Sparren. In beiden Siebmacher-Quellen wird der Sparren abweichend als schwarz beschrieben, bei Kiener ist er blau, bei Schöler werden beide Varianten geführt, sowohl mit einem schwarzen als auch mit einem blauen Sparren. Hier ist er jedenfalls unzweifelhaft blau tingiert. Auf dem Helm mit hier rot-goldenen Decken sieht man einen wie der Schild bez. Flügel. Im Siebmacher sind die Decken rot-silbern abgebildet. Das Geschlecht war in Nürnberg ratsfähig und erlosch bereits 1381 mit Conrad, einem Bruder des 1347 in den Rat gewählten Hans Langmann, also nur wenige Jahre nach Stiftung dieses Fensters.

Das vierte und letzte Fenster der unteren Reihe ist das der Familie Ebner (Ebner von Eschenbach). Der Schild ist von Blau und Gold im Spitzenschnitt gespalten. Hier haben wir eine sehr alte Darstellung, bei der man es bevorzugt als Spitzenschnitt bezeichnen würde, da die Oszillation nur ca. ein Drittel der Schildbreite ausmacht. In späteren Darstellungen werden die Spitzen breiter, raumfüllender und durchmessen die ganze Schildbreite. Auf dem Helm mit hier nur goldenen, eigentlich aber blau-goldenen Decken wird ein Paar Büffelhörner geführt, rechts blau, links golden, außen jeweils mit vier silbernen Federn besteckt. Das Wappen wird im Siebmacher (Band: Bay Seite: 32 Tafel: 29, Band: Bö Seite: 57 Tafel: 41) beschrieben.

In der zweituntersten Reie waren früher in der ursprünglichen Fassung des Fensters Wappen weiterer Familienmitglieder, der Vettern und ihrer Ehefrauen. Das wurde im Zuge der Übernahme durch die Familie Fürer ausgetauscht und ist nicht mehr erhalten.

In der zweituntersten Zone finden wir nur zwei Wappen in den beiden mittleren Fensterfeldern. Die übrigen 22 Flächen des Fensters sind ohne Wappendarstellungen. Diese beiden Wappen sind neueren Datums - alles ist relativ, denn sie stammen immerhin aus dem 16. Jh., sind aber runde 200 Jahre jünger als die oben vorgestellten vier Darstellungen. Den stilistischen Unterscheid sieht man sofort an dem passenderen Zuschnitt der Glasstücke, an den elaborierteren Decken, und vor allem an den schnabelartigen Stechhelmen mit ihrem breiten Rand vor dem Sehschlitz und vor allem an den Körperlichkeit erzeugenden Schattierungen der Helme. Beide Wappen sind inhaltlich identisch, beide gehören der Familie Fürer. Wir haben oben gesehen, daß einige der ursprünglichen Stifterfamilien des Fensters 1381 und 1420 bereits ausstarben, und die Fürsorge für dieses Fenster ging auf die Familie Fürer über. Das Wappen der Fürer (Fürer von Haimendorf) ist gespalten, normalerweise vorne in Rot eine halbe silberne Lilie am Spalt, hinten in Silber ein halbes rotes Rad am Spalt. Hier ist es beidesmal umgekehrt, unter der Voraussetzung, daß das linke Wappen aus Courtoisie gespiegelt ist. Das zeigt, daß in früheren Jahrhunderten eine grundsätzliche Toleranz gegenüber dem Austausch der Seiten bestand und beide als ein Wappen aufgefaßt wurden. Als Helmzier sehen wir auf dem Helm mit rot-silbernen Decken jeweils einen geschlossenen Flug, wie der Schild gespalten und tingiert.

Das optisch linke Wappen hat unten drunter zwei Beiwappen, das der Schlüsselfelder (Schlüsselfelder von Kirchensittenbach), in von Silber und Schwarz geteiltem Schild drei deichselförmig im Dreipaß gestellte Schlüssel an einem gemeinsamen Ring in verwechselten Farben, und das der Tucher (Tucher von Simmelsdorf), geteilt, oben von Schwarz und Silber fünfmal schräggeteilt, unten golden, eigentlich mit einem hier wohl verlorengegangenen schwarzen Mohrenkopf. Diese Konstellation paßt zu Sigmund II. Fürer (1437-1501), in erster Ehe 1467 mit Katharina Schlüsselfelder verheiratet, nach deren Tod 1474 in zweiter Ehe 1476 mit Anna Tucher (1457-1487), letztere bringt die später namensgebende Besitzung Haimendorf als Mitgift in die Ehe. Das optisch rechte Wappen hat unten drunter nur ein Beiwappen, das der Familie Ebner (Ebner von Eschenbach), der Schild ist von Blau und Gold im Spitzenschnitt gespalten.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus St. Sebald mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Pfarrer Dr. Axel Töllner und Herrn Pfarrer Gerhard Schorr vom 12.7.2010, wofür ihnen an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6

Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Hartmut Scholz, St. Sebald in Nürnberg, Meisterwerke der Glasmalerei, Band 3, Verlag Schnell Steiner GmbH Regensburg 2007, ISBN 978-3-7954-1846-5
Nürnberger Patriziat im Historischen Lexikon Bayerns: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45240
St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/
3D-Panorama St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/fileadmin/Bildmaterial/Atuelles/Sebalduskirche_02c.mov
Baugeschichte St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=17 - http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=68 - http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=69 - http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=70 - http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=71 - http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=72 etc.
Virtueller Rundgang St. Sebald:
http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=16
Hartmut Scholz: Corpus Vitrearum Medii Aevi Deutschland Bd. X, 2, die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg, St. Sebalder Stadtseite, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2013, 712 S., ISBN 978-3-87157-236-4, S. 103 ff,
http://www.corpusvitrearum.de/projekt/publikationen/cvma-x-2.html, pdf: http://www.corpusvitrearum.de/fileadmin/user_upload/PDF/CVMA_X_2_Nuerrnberg_Sebalder_Stadtseite.pdf

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