Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1355
Wiltz (Großherzogtum Luxembourg)

Dekanatskirche Niederwiltz - Gitter im Chor

Den spätgotischen Chor verbindet eine Bogenstellung mit dem linkerhand gelegenen Nebenraum, und diese einzelne Arkade wird durch ein kunstvoll geschmiedetes Gitter verschlossen, welches auf jeder Seite mit einem ovalen Wappenschild versehen ist, flankiert von vergoldetem Blattwerk.

Abb. links: Blick vom Nebenraum zum spätgotischen Chor, rechte Abb.: Blick vom Hauptchor in Richtung Nebenraum. Beide Seiten tragen das identische Wappen Custine-Lombut-Wiltz. In Abweichung zu sonstigen Darstellungen in der Literatur und an den Personendenkmälern (siehe nachfolgende Seiten zur Dekanatskirche) sind hier die Reihen der Lilien nicht versetzt, sondern pfahlweise übereinander ausgerichtet, was eigentlich optisch von Nachteil ist, weil der Leerraum größer wird und die Lilien bei gleicher Anzahl kleiner. Deswegen wird sonst immer eine Darstellung in "dichtester Packung" - also versetzt - gewählt. Dieses Wappen begegnet uns noch an zwei weiteren Personendenkmalen, deshalb sei hier stellvertretend für alle die Entwicklungsgeschichte des Wappens in extenso ausgeführt:

Wappen de Custine: In Silber ein schwarzer, beiderseits von einer ebensolchen Schrägleiste begleiteter Schrägbalken. Auf dem gekrönten Helm mit schwarz-silbernen Decken ein beiderseits wie der Schild bez. Flug. Der französische Blason lautet: D'argent à la bande coticée de sable. Sur le casque couronné un vol aux armes. Dabei bezeichnet "cotice" eine Schrägleiste, und mit "coticé" bezeichnet man normalerweise einen vielfach schräggeteilten Schild (schräggestreift). Hier wird der Ausdruck jedoch in seiner zweiten Bedeutung verwendet, nämlich ein Balken, Sparren, Schrägbalken oder Schräglinksbalken, der beiderseits von seinesgleichen, aber schmaler, parallel begleitet wird. Die Familie hieß ursprünglich de Saint-Vincent und erwarb gegen Ende des 13. Jh. die Herrschaft Custine und nannte sich fortan nach ihr. Sie waren die ersten pairs du comté de Rochefort. Custines ist heute ein Ort im französischen Département Meurthe-et-Moselle in der Region Lothringen am Zusammenfluß beider Flüsse.
Wappen de Lombut (Lombu): Schwarz mit silbernen Lilien besät. Auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein wachsender Eselskopf in den Schildfarben. Französischer Blason: De sable semé de fleurs de lis d'argent. Cimier une tête d'âne sauvage, aux armes de l'écu. Neben diesem Schildbild gibt es als Variante auch noch eine einzelne silberne Lilie in schwarzem Feld. Die französische Familie starb im Mannesstamm aus, und ihr Wappen ging im 15. Jh. in dem der de Custine auf. Die ehemalige Herrschaft in der Nähe von Carignan findet sich heute wieder in der französischen Ortschaft Euilly-et-Lombut im Département Ardennes in der Region Champagne-Ardenne. Deren Ortswappen erinnert übrigens noch an die Wappen Lombut und Custine: Coupé, au 1 d’argent à la bande coticée de sable chargée de trois fleurs de lys du champ, au 2 de gueules à la crosse d’argent accostée de deux croisettes recroisetées au pied fiché d’or. Die obere Hälfte ist also eine Kombination beider Familienwappen, der Schrägbalken zwischen den Leisten der Custine, aber ersterer belegt mit den Lilien der Lombut. Das Wappen der Lombut wurde gegen 1431 von den de Custine in das ihrige aufgenommen, nachdem Jehan Pierot de Custine, premier pair du Comté de Rochefort en Ardenne, die Erbtochter Hermengarde de Lombut geheiratet hatte.
Vermehrtes Wappen de Custine, wie es seit Anfang des 15. Jh. geführt wurde: Geviert, Feld 1 und 4: in Silber ein schwarzer, beiderseits von einer ebensolchen Schrägleiste begleiteter Schrägbalken, Feld 2 und 3: schwarz mit silbernen Lilien besät. Auf dem gekrönten Helm mit schwarz-silbernen Decken ein beiderseits wie der Schild bez. Flug, oder aber eine Lilie zwischen einem wie Feld 1 und 4 bez. offenen Flug. Französischer Blason: Écartelé, aux 1 et 4 d'argent à la bande coticée de sable, aux 2 et 3 de sable semé de fleurs de lis d'argent. Nachdem ein de Custine die Erbin von Lombut geheiratet hatte (s.o.), verlagerte sich der Schwerpunkt der Besitzungen im frühen 15. Jh. nach Luxemburg und Lothringen. Es gab verschiedene Familienzweige, die Custine d'Auflance, die Custine de Wiltz, die Custine de Guermange, die Custine de Roussy, die Custine de la Grandville, die Custine de Domey, die Custine de Mandre, die de Longuyon und die de Villers-le-Rond. Die Familie starb am 25.9.1857 mit dem 1793 geborenen Reiseschriftsteller Astolphe Marquis de Custine aus, zweites Kind von Armand de Custine und Delphine de Sabran und ein Enkel des am 28.8.1793 vom Wohlfahrtsausschuß verurteilten und hingerichteten verdienten französischen Generals Adam-Philippe de Custine, dessen 1768 geborener Sohn Renaud-Philippe de Custine am 3.1.1794 des Vaters Schicksal teilte. Hier ist jedoch für Wiltz ausschließlich der Zweig der de Custine, Barone von Auflance, von Interesse. Auflance ist ein Ort ca. 20 km östlich von Sedan zwischen Carignan und der belgischen Grenze, in den Ardennen gelegen.
Vermehrtes Wappen de Custine-Lombut-Wiltz: Es ist geviert mit Herzschild. Feld 1 und 4: golden mit rotem Schildhaupt (Wiltz), Feld 2 und 3: schwarz mit silbernen Lilien besät (Lombut), Herzschild: in Silber ein schwarzer, beiderseits von einer ebensolchen Schrägleiste begleiteter Schrägbalken (Custine). Französischer Blason: Écartelé, aux 1 et 4 d'or au chef de gueules, aux 2 et 3 de sable semé de fleurs de lis d'argent, sur le tout d'argent à la bande coticée de sable. Diese Variante wird hier in der Dekanatskirche dargestellt. Durch Heirat bekamen die de Custine die Herrschaft bzw. Grafschaft Wiltz, denn sie ist seit 1629 zur Grafschaft erhoben (Christophe de Custine Baron d'Auflance, gest. 1692, heiratete Marie Margarete v. Wiltz, Tochter von Alexander v. u. z. Wiltz und Barbe Françoise d'Andelot). Später ging die Grafschaft auf die Familie Vassinhac d'Imécourt über.
Vassinhac d'Imécourt, eine der ältesten Familien Frankreichs, ein Geschlecht aus dem Limousin und später auch der Champagne (sie kamen mit Henry de la Tour d'Auvergne am Anfang des 17. Jh. in die Champagne), das gegen Ende des 18. Jh. die Custine de Wiltz beerbte und Träger des Titels eines Grafen von Wiltz wurde. Die Familie lebt auf Schloß Louppy en Champagne. In Luxemburg ist sie eigentlich weniger bekannt, weil sie nie im Großherzogtum residiert hatte. Von der Erbschaft hatten sie eigentlich nur den Titel, da die Besitztümer von den Franzosen nach der Emigration des letzten Grafen von Wiltz konfisziert und zu Gunsten der öffentlichen Hand verkauft wurden. In ihrem Schloß Louppy befindet sich das Archiv zur Geschichte von Wiltz. Ihr Wappen ist blau mit silbernem, schwarz bordiertem Schrägbalken und wird mit einer Marquis-Krone geführt. Französischer Blason: D'azur à la bande d'argent, bordé cousu de sable, couronne de marquis (Loutsch; Raoul de Warren, Grand armorial de France, Band VI, S. 410). Das Wort "cousu" wird bei Objekten oder Flächen angewandt, wenn sie gleichermaßen Farbe oder Metall wie die angrenzende Fläche sind. Es bedeutet wörtlich "aufgenäht" oder "angenäht" und ist ein gedanklicher Klimmzug, um mit einem eigentlich vorliegenden Farbregelverstoß umzugehen. Das ist ein Verfahren, das in der deutschen Heraldik nicht bekannt oder üblich ist.
Vermehrtes Wappen de Custine-Lombut-Wiltz (Variante, nach Loutsch): Es ist geviert mit Herzschild. Feld 1 und 4: in Silber ein schwarzer, beiderseits von einer ebensolchen Schrägleiste begleiteter Schrägbalken (Custine), Feld 2 und 3: schwarz mit silbernen Lilien besät (Lombut), Herzschild golden mit rotem Schildhaupt (Wiltz). Französischer Blason: Écartelé, aux 1 et 4 d'argent à la bande coticée de sable, aux 2 et 3 de sable semé de fleurs de lis d'argent, sur le tout d'or au chef de gueules. Diese Variante trifft für die Darstellungen in Niederwiltz nicht zu.

Literatur, Links und Quellen:
Veröffentlichung der Innenaufnahmen mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dechant Martin Molitor vom 11.5.2010, wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher
Dr. Jean-Claude Loutsch, Armorial du pays de Luxembourg, 1974
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Emmanuel de Boos, Dictionnaire du Blason, Editions du léopard d'or, Paris, 2001, ISBN 2-83377-170-1
La Famille seigneurale de Wiltz, 1.) notice historique et généalogique, S. 1-18, 2.) Archives du Château de Louppy, Inventaire fait en 1921, S. 19-46, 3.) Généalogie des seigneurs de Wiltz par l'abbé Jean Clees, S. 47-69, Publications de la Section Historique de L'Institut G.-D. de Luxembourg, Volume LXV, 1933.
Michel Schmitt, Wegführer zu Luxemburgischen Kirchen und Kapellen, Editions Saint-Paul Luxembourg, 1996, ISBN 2-87963-258-7.
Die Grafen von Wiltz:
http://www.associationchateaux.lu/deutsch/wiltz/geschichte/index.html
Vassinhac d'Imécourt: Raoul de Warren, Grand armorial de France, Band VI, S. 410.
Herrn Laurent Granier ein herzliches Dankeschön für wertvolle Hinweise und stete Durchsicht der frz. Blasons.

Dekanatskirche Niederwiltz, Epitaph für Katharina von Wiltz - Epitaph für Hartard von Wiltz - Epitaph für Anna von Manderscheid - Schlußsteine im Gewölbe - Gitter im Chor - Françoise Antoinette de Custine Gräfin v. Wiltz - Marianne de Custine Gräfin v. Wiltz

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