Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1346
St. Goar (Mittelrheintal, Rhein-Hunsrück-Kreis)

Evangelische Stiftskirche St. Goar:
Johann v. Breidenbach gen. Breidenstein

In der evangelischen Stiftskirche befindet sich eine meisterhaft gearbeitete Grabplatte aus rötlichem Sandstein am östlichen Ende des nördlichen Seitenschiffes, dort, wo es an den Chorflankenturm anstößt. Die umlaufende, stark angegriffene Inschrift in gotischen Minuskeln lautet: "...(vff) San(c)t mich(a)els abe(n)t Starb de(r) ....... breidenbach amptma(nn) Zu bidenkap de(m) g(ott gnad Amen)". Es handelt sich um Johann von Breidenbach gen. Breidenstein d. J., Bruder des bekannten Palästinapilgers Bernhard und Sohn von Gerlach von Breidenbach zu Breidenstein und Elisabeth Gräfin von Isenburg-Wied, seit 1487 landgräflich-hessischer Rat und ab 1489 Amtmann. Das genannte "bidenkap" ist das hessische Amt Biedenkopf im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Johann starb am Michaelstag, also am 28.9.15xx. Das Jahr ist nicht genau zu fassen, da es weder am Stein erhalten ist noch ein Todesdatum überliefert ist, der Betreffende läßt sich im Zeitraum 1479 bis 1503 urkundlich nachweisen. Zum Hintergrund muß gesagt werden, daß St. Goar seit 1479 Besitz der Landgrafen war, wodurch die Bestattung hier nachvollziehbarer wird. Das Rechteckfeld innerhalb der umlaufenden Inschrift wird bis auf den kleinen, oben abschließenden, profilierten Flachbogen gänzlich von einem reliefierten Vollwappen eingenommen, das erstaunlich plastisch herausgearbeitet ist. Eine frühere, jetzt verwitterte Einfassung des Zentralfeldes mit dem Wappen auch an den anderen drei Seiten mit Profilleisten ist erkennbar. Trotz der insbesondere am Rand starken Verwitterung ist die Platte gerade wegen dieser großen Plastizität und der im Bereich der Helmdecken und des Helmes mutigen Steinmetzarbeit ein erstrangiges heraldisch-künstlerisches Denkmal.

Das Wappen der Freiherren von Breidenbach zu Breidenstein (hessischer Uradel) ist geviert. Feld 1 und 4: in Gold eine blaue Wolfsangel (Z-förmiger Doppelhaken), jeweils mit drei dreiblättrigen Kleeblättern belegt (von Diedenshausen). Feld 2 und 3: in Gold ein doppeltes Wolfseisen (Stammwappen). Helmzier ein sitzender, schwarzer Wolf zwischen einem goldenen, beiderseits mit dem doppelten Wolfseisen belegten offenen Flug. Helmdecken schwarz-golden. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher, Band: Bay Seite: 71 Tafel: 78, Band: He Seite: 5 Tafel: 3-4, Band: Pr Seite: 98 Tafel: 127, Band: PrGfE Seite: 23 Tafel: 15. Früher war das doppelte Wolfseisen rot. Die Hauptlinie änderte es in Schwarz um. Es gibt außerdem noch eine jüngere Seitenlinie, die das Mühleisen (Wolfseisen) in Rot beibehielt und auch rot-goldene Decken hat.

Interessant sind hier zwei Aspekte: Zum einen unterlag das Motiv der Felder 2 und 3 einer erheblichen Variation und einer noch größzügigeren Variation der Interpretation. In diesem Fall - wie auch an anderen frühen Darstellungen z. B. in der Hospitalkirche zu Biedenkopf bestätigt - hat das Motiv die Form eines doppelten Wolfseisens (wird oft auch als Maueranker angesprochen, wobei die Grenzen durchaus fließend sind), und später wandelt sich die Form zu einem Mühleisen, wie es z. B. in der Burg Friedberg zu sehen ist. Hier fehlt jedoch die typische viereckige Mitte eines Mühleisens, ferner sind die spiralförmig eingerollten Enden untauglich für die Verwendung als Mühleisen. Deshalb sollte dieses Motiv hier als die frühe Form wahrgenommen und als doppeltes Wolfseisen angesprochen werden. Noch eine Anmerkung zu dem Doppelhaken, der mit drei goldenen, gestielten, dreiblättrigen Kleeblättern belegt ist, wie deutlich auf der Detail-Abbildung zu erkennen ist. Ältere Darstellungen haben diese Kleeblätter nicht. Sie kamen später als Farbsymbole hinzu, wurden dann aber unter Verkennung ihrer ursprünglichen Funktion mißverstanden und als fester Bestandteil des Wappens übernommen.

Literatur, Links und Quellen:
Evangelische Kirchengemeinde St. Goar: http://www.ev-kgm-stgoar.de/
Herbert Gräff, Bernhard Jakobs und Wolfgang Krammes (Hg), Die Kirchen im Mittelrheintal - Führer zu den Bauten des UNESCO-Welterbes Mittelrhein - Michael Imhoff-Verlag, 2008 - S. 53-55 - online:
http://www.ev-kgm-stgoar.de/Kirchen/St_Goar/2008-UNESCO/UNESCO-Fuehrer-StG.html
Pfr. Wolfgang Krammes, Hansen-Blatt, Schriftenreihe des "Internationalen Hansenordens e.V. zu St. Goar am Rhein", S. 103 - 109, 63. Jahrgang, Heft Nr. 51 - Juli 1998 - online:
http://www.ev-kgm-stgoar.de/Kirchen/St_Goar/Kra-1998-Hansenblt.html
Susanne Kern, Die Inschriften der Evangelischen Stiftskirche St. Goar, Inschriften Mittelrhein-Hunsrück, Heft 6, hrsg. v. d. Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, und dem Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V., Mainz 2008
Auf
http://www.inschriften.net/nc/rhein-hunsrueck-kreis/broschueren.html das Heft http://www.inschriften.net/nc/rhein-hunsrueck-kreis/broschueren.html?download=IMH6-StGoar-EvStiftskirche.pdf&did=6
Veröffentlichung der Innenaufnahmen mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer Wolfgang Krammes vom 5.5.2010, wofür ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt sei.
Geschichtlicher Überblick:
http://www.inschriften.net/rhein-hunsrueck-kreis/einleitung/2-kurzer-historischer-ueberblick.html
Beschreibung dieser Platte: Eberhard J. Nikitsch, Rhein-Hunsrück-Kreis, Nr. 152, in:
www.inschriften.net - urn:nbn:de:0238-di060mz08k0015204 - http://www.inschriften.net/rhein-hunsrueck-kreis/inschrift/nr/di060-0152.html#content
Wolfhard Vahl: Die Familie von Breidenbach und die Wappenschilde in der Hospitalkirche zu Biedenkopf
Ein herzliches Dankeschön für eine persönliche Mitteilung von Herrn Dr. Wolfgang Gabriel
Ein herzliches Dankeschön für wertvolle Hinweise zur Genealogie an Herrn
Volker Bratfisch, Weinheim.

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