Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1302
Kaiserstuhl am Hochrhein (Schweiz, Kanton Aargau)

Wappen in Kaiserstuhl: Stadtwappen

Kaiserstuhl ist eine Kleinstadt am südlichen Ufer des Hochrheines, an der Grenze zwischen den Kantonen Aargau und Zürich gelegen. Auf nur 32 ha finden wir eine sehr gut erhaltene dreieckige Altstadt gegenüber von Schloß Rötteln. Der Name geht auf die einstigen Ortsherren, die Freien von Kaiserstuhl zurück. Nach diesen war die Stadt ein Besitz der Herren von Regensberg, die sie 1294 mit Brücke, Burg etc. an den Bischof Heinrich II. von Konstanz verkauften. Die Herrschaft der Fürstbischöfe, die hier einen Obervogt einsetzten, dauerte bis 1798. Nach der französischen Herrschaft und Neuordnung kam Kaiserstuhl an die Schweiz.

Ehemaliges Spittel: Das heutige Spittelgebäude stammt von 1778, die gemeinsame Stiftung durch den bischöflichen Obervogt, den Schultheiß und den Rat datiert aber schon auf 1484, und ein erstes Spitalgebäude wurde an dieser Stelle 1508 erbaut. Dabei war die Zweckbestimmung nicht, wie der Name "Spital" heute vermuten läßt, die eines Krankenhauses, sondern einer Versorgungseinrichtung für Alte, Gebrechliche und Arme. Auch heute ist das Haus noch städtisches Altenheim. Eine weitere Funktion hatte die Stiftung, die durch Zuwendungen sehr wohlhabend geworden war, nämlich die einer Bank. Über dem Eingang des wohlproportionierten Gebäudes in der Nähe der Kirche befindet sich das Stadtwappen auf dem Schlußstein, datiert auf 1778.

Das Stadtwappen ist von Blau und Rot zu sechs Plätzen zum rechten Schildrand geständert. Ein klares, schönes Heroldsbild, und ein Verstoß gegen eine elementare Farbregel. Wie kommt es? Um 1380 gibt es Siegel der Stadt, die einfach das Konstanzer Kreuz der Fürstbischöfe zeigen, die ja die Stadtherren von 1294 bis 1798 waren. Eine mögliche Inspiration für das neue Stadtwappen wäre das Wappen der Freien von Kaiserstuhl gewesen, mit acht Plätzen und den Farben Rot und Silber. Die Freien von Kaiserstuhl sind erst gegen Mitte des 13. Jh. faßbar (schlechte Datenlage) und gegen Ende des 13. Jh. ausgestorben. Im Siebmacher Band: St Seite: 299 Tafel: 289 werden die Farben Rot-Silber auch für das Stadtwappen angegeben, was unzutreffend ist. Wie auch immer, die Ständerung zum rechten Schildrand begegnet uns erstmals 1514 auf einem Wappen am Oberen Turm. Die Änderung ist wohl bewußt vorgenommen worden, sowohl die Verringerung der Anzahl der Plätze als auch der Farbwechsel, um sich nicht nur von den alten Ortsherren sondern auch von den Konstanzer Farben abzusetzen und lieber das Blau von Zürich aufzunehmen. In dieser Farbwahl wurde das Stadtwappen jedenfalls 1953 vom Gemeinderat bestätigt. Ein weiterer Fundort für das Stadtwappen ist heutzutage das Wetterfähnchen auf dem Oberen Turm.

Gleich drei Wappendarstellungen finden wir an einem Anwesen in der Rheingasse. Auf der Fassade prangt ein üppiges Rokoko-Relief (Abb. oben), flankiert von zwei wilden Männern, die sich jeweils an einem Baum festhalten. Es ist wohl kaum ein größerer Kontrast denkbar als der zwischen dem schlichten, klaren, schönen Heroldsbild des Stadtwappens und dem üppigen, dekadenten Rocaille-Schmuck außen herum. Viel schöner sind die beiden schlichten Renaissance-Schilde mit schneckenförmig eingerollten Ecken, die man über den beiden Torbögen sehen kann (Abb. unten), beide datiert auf 1617.

Wappen in Kaiserstuhl: Bürgerwappen

Haus zur Linde: Dieses prächtige Haus außerhalb des Stadttores beim Oberen Turm wurde ab 1764 erbaut. Die Nähe zum Tor brachte es mit sich, daß der Hausknecht der Linde als städtischer Torschlüsselbewahrer amtierte. Bauherr des Hauses war Joseph Mauritz Buol-Bucher, Kaiserstuhler Gastwirt (das Haus zur Linde hatte Tavernenrecht und hieß früher Gasthaus "Weißes Kreuz"), Statthalter und späterer Schultheiß.

Der nächste Bewohner war 1799 der französische General Quétard. Das Wirtshaus bestand bis 1911. Danach wurde das Haus 1912/18 neobarock umgebaut; die Pläne dazu stammen vom Architekten Alexander von Senger (7.5.1880-30.6.1968, Mitglied im Kampfbund deutscher Architekten und Ingenieure, erklärter Gegner des Modernismus und des Internationalen Stils, 1934 Lehrstuhl für Bauforschung der Technischen Hochschule München, 1938-45 ordentlicher Professor). Aus dem ehemaligen Wirtshaus wurde sein privater Landsitz. Das Wappen über der Tür ist das Wappen v. Senger. Es wird beschrieben im Siebmacher Band: Bad Seite: 128 Tafel: 75. Der Schild ist geviert mit Herzschild. Feld 1 und 4: in Blau ein dreizackiger silberner Felsen, Feld 2 und 3: in Rot ein silberner Löwe (anererbtes Wappen Elterlin), Herzschild: in Grün ein silberner Schrägbalken, lt. Siebmacher schrägrechts, hier schräglinks. Hier ist der Schild noch zusätzlich unterlegt von einem Kreuz mit abgewinkelten Enden. Zum seit 1767 geführten ritterlichen Wappen würden noch zwei hier nicht dargestellte gekrönte Helme gehören, Helm 1 (rechts): ein offener grüner Flug, Helm 2 (links): fünf Straußenfedern rot-silbern-rot-silbern-rot. Helmdecken rechts grün-silbern, links rot-silbern. Man vergleiche auch Siebmacher Band: Bay Seite: 114 Tafel: 140. In der Mitte des 20. Jh. wurde das Haus renoviert. Heute ist das Anwesen Privateigentum der Familie P. J. Richner.

Haus zur Sonnen: Dieser Wappenstein befindet sich am Haus "Zur Sonnen" in der Hauptgasse, am Stützpfeiler an der rechten Gebäudeseite an der Stockwerksgrenze eingelassen. Der Stein ist auf 1678 datiert und trägt die Initialen AF und DW. Das heraldisch rechte Wappen zeigt unter einer Krone einen mit einem Sturzsparren verschränken Sparren schwebend. Die Helmzier zeigt das Schildbild zwischen einem Paar Büffelhörner. Es handelt sich um das Wappen Felwer. Die Krone bezieht sich auf das "Haus zur Krone" (s. u.). Das heraldisch linke Wappen zeigt einen aufspringenden, widersehenden Widder, Helmzier desgleichen wachsend.

Haus zur Krone: Dieses Haus war früher ein Gast- und Wirtshaus. Besitzer war die Familie Felwer, die das Haus 250 Jahre lang bis Anfang des 18. Jh. führte. Innerhalb der Stadtmauern war es das einzige Haus mit Beherbergungsrecht.

Schräg rechts oberhalb des Torbogens befindet sich ein Wappenstein im Stile des Rokoko. Zwei nach außen geneigte Ovalkartuschen zeigen zwei verschiedene Inhalte. Die optisch linke Kartusche zeigt das Wappen Buol, ein aus einem Dreiberg wachsendes dreiblättriges Kleeblatt. Die optisch rechte Kartusche zeigt über einem Dreiberg einen von einer Lilie überhöhten Maueranker. Die Helmzier ist eine wachsende Frau, die in der Rechten das gestielte, dreiblättrige Kleeblatt aus der optisch linken Kartusche und in der Rechten den Inhalt der anderen Kartusche hält. Eine Beschreibung findet sich im Siebmacher Band: Bg6 Seite: 19 Tafel: 21, wobei zwei Varianten angegeben werden, einmal mit einem wachsenden Löwen als Helmzier, welcher das Kleeblatt hält, und einmal als zusammengezogenes Wappen, wo beide Elemente ohne die Dreiberge in einem gespaltenen Schild auftauchen mit einer Helmzier wie oben beschrieben, jedoch ohne den Maueranker. Beides trifft hier nicht zu, und es liegt der Verdacht nahe, daß im Siebmacher ein Ehewappen als Ganzes interpretiert wurde. Im Wappenbuch der Stadt Baden ist das Wappen der aus Kaiserstuhl stammenden Familie Buol erweitert: In Rot auf grünem Dreiberg ein grünes Kleeblatt, oben beseitet von zwei silbernen Rosen. Helmzier eine wachsende Frau, in jeder Hand ein Kleeblatt. Wir haben also eine erhebliche Variationsbreite der Quellen. Die heraldisch wesentlichen Details sind hier weiß, alles ist eingebettet in rot gestrichene üppige Rocaille-Zierformen, die die fortgeschrittene Degeneration heraldischer Darstellungen in dieser Zeit belegen. Die Familie Buol war ein Kaiserstuhler Schultheißen- und Gelehrten-Geschlecht. Ihre Nachkommen leben in den USA, zwei geadelte Linien gibt es in Deutschland und Österreich, mit gänzlich anderem Wappen, in dem man aber noch das Kleeblatt wiederfindet.

Ein weitere Wappendarstellung ist neben dem Torbogen angebracht (ohne Abb.), dabei handelt es sich um eine ehemalige Fenstersäule aus dem Haus, die hier freistehend zur Zier montiert wurde. Sie trägt die Wappen Buol und Felwer. Buol wie oben, das Wappen Felwer zeigt einen mit einem Sturzsparren verschränken Sparren schwebend, überhöht von einer Krone für das "Haus zur Krone".

Eine dritte Wappendarstellung finden wir an der hinteren Ecke des Hauses, datiert auf 1567. Hier begegnet uns wieder die bei Bürgerwappen des 16. Jh. häufig vorkommende Vermischung von Hauszeichen, Initialen und Datierung. Das eigentliche Hauszeichen sind die beiden Schragenkreuze, die Initialen IF stehen für ein Mitglied der Familie Felwer, darüber findet sich die Datierung innerhalb des Schildes, und auch noch das Steinmetzzeichen findet darunter seinen Platz. Der Schild wird so zur Projektionsfläche für alle Informationen entgegen dem Anspruch guter Heraldik, hier ein von Individuum, Situation und Datum unabhängiges bleibendes Zeichen zu schaffen. Die Krone ist nicht abgebildet, sie fand wohl später erst Eingang. Der andere Schild des Ehewappens zeigt einen Löwen über einem unterhalben Mühlrad.

Wappen in Kaiserstuhl: Klosterwappen

St. Blasier Amtshaus: Eines der größten und wuchtigsten Häuser in der Kleinstadt Kaiserstuhl ist das ehemalige Amtshaus des Klosters St. Blasien im Schwarzwald. Die Datierung 1563 ist auf einem eselsrückenartig nach oben ausgezogenen Torbogen zu lesen, desgleichen auf diesem prächtigen Wappenstein. Die Genossenschaft Amtshaus Kaiserstuhl hat dieses Objekt 1983-1984 vor dem Verfall gerettet und vorbildlich restauriert, was ihr den Aargauer Heimatschutzpreis 1986 einbrachte. Heute freilich kriecht schon wieder die Feuchtigkeit mit schwarzen und grünen Spuren in den Mauern hoch.

Die Inschrift lautet "VON GOT(T)ES GNADE(N) CASPAR APT DES GOT(TE)SHAVS(ES) ZV SAN(C)T BLASI(EN) (A)VFF (DE)M SCHWARZWALDE". Heraldisch rechts befindet sich das Wappen der Abtei St. Blasien, in Blau ein aufspringender goldener Hirsch. Diesen Hirsch sehen wir übrigens noch zweimal, in jeder der unteren Ecken rechts und links der Inschrift. Die Helmzier ist ein wachsender Wolfsrumpf mit einem Ferkel im Maul. Auf der heraldisch linken Seite sehen wir das persönliche Wappen des Abtes Caspar I Molitor, der 1541-1571 amtierte, ein Stern über einem unterhalben Mühlrad. Das Mühlrad ist ein redendes Element. Er ist nicht zu verwechseln mit seinem Nachfolger Caspar II, der 1571-1596 amtierte. Der Schild wird überhöht von einer Inful, durchsteckt von einem Krummstab mit abfliegendem Sudarium. St. Blasien führt heute einen nach links aufspringenden goldenen Hirsch in Blau als Stadtwappen.

Auf der Nordseite des Hauses sehen wir einen weiteren Wappenstein gleichen Inhalts, aber schlichter ohne Kleinod und Zierrahmen, zudem schlechter erhalten, am oberen Ansatz des Stützpfeilers an der Ecke.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher.
Historisches Lexikon der Schweiz:
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D1836-1-1.php und http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D19733.php
Kaiserstuhl, Stadtwappen:
http://www.stiftungswf.ch/Detail%20Kanton-Aargau.jpg und Joseph Galliker, Marcel Giger, Gemeindewappen des Kantons Aargau. Lehrmittelverlag des Kantons Aargau, Buchs 2004, ISBN 3-906738-07-8.
Walther Merz, Wappenbuch der Stadt Baden und Bürgerbuch, 1920
Hinweistafeln an den historischen Gebäuden.
Rundgang durch Kaiserstuhl: http://www.kaiserstuhl.ch/de/tourismus/tourismusmain/

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