Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1223
Türnich (zu Kerpen, Rhein-Erft-Kreis)

Schloß Türnich

In Türnich, heute zu Kerpen gehörig, befindet sich innerhalb eines riesigen Schloßparks ein bezauberndes Rokokoschloß. Inmitten dieser grünen Oase taucht jenseits des Wassergrabens und hufeisenförmigen Sees (Nebenarme der Erft), dieses kunsthistorische Kleinod auf, wie ein Märchenschloß im Schilf, doch diesem ersten Eindruck weicht schnell Ernüchterung: Das Kleinod ist eine Ruine, seit fast 30 Jahren leerstehend aufgrund der Einsturzgefahr. Bergbau ist Segen und Fluch zugleich in dieser Region. Auch wenn dieses Wasserschloß aufgrund seiner Eleganz und verspielten Leichtigkeit im Geiste französischer Maisons de Plaisances in einem Atemzug mit anderen Schöpfungen des Rokokos in der Region wie Cuvilliés Jagdschloß Falkenlust bei Brühl genannt wird, auch wenn die wahre Einzigartigkeit das komplett (!) erhaltene Intérieur ist, so ist man doch machtlos gegenüber den Folgen der Absenkung des Grundwasserspiegels durch den benachbarten Braunkohlentagebau, denn das Schloß steht auf zwei verschiedenen Untergründen. Stählerne Zuganker verhindern seit 1980 zwar ein Auseinanderbrechen des Gebäudes, doch ganz gebannt ist die Gefahr des Einsturzes noch nicht, und der lange Leerstand sowie undichte Stellen trugen zur Sanierungsbedürftigkeit der Kostbarkeit bei. Auch heute noch ist das Schloß in Familienbesitz (Graf Godehard von und zu Hoensbroech, ALCEA GmbH), bewohnbar sind allerdings nur die Wirtschaftsgebäude der Vorburg, die ein großes Hufeisen aus drei Flügeln östlich des Herrenhauses bilden, und wo Wohnräume, Bibliothek und Schloßcafé eingerichtet sind. Das Wasserschloß wurde 1757-1766 von Freiherr Carl Ludwig von Rolshausen erbaut (Wappen: In Rot zwei schräggekreuzte und gestürzte silberne Handruder), vielleicht von dem in kurkölnischen Diensten stehenden französischen Architekten Michael Leveilly. Die von Rolshausen veräußerten es aber nach noch nicht einmal 100 Jahren. Käufer waren 1850 die Grafen von und zu Hoensbroech (van Hoensbroeck, ein in der Region Limburg und am Niederrhein ansässiges Adelsgeschlecht). Die nahe Braunkohlegrube machte die neuen Besitzer erst wohlhabend und seit 1974 an den Folgen verzweifelnd. Kleinere Umbauarbeiten erfolgten um 1890 durch Reichsgraf und Marquis Franz-Eugen von und zu Hoensbroech. 1895 wurde eine neoromanisch ausgestattete Kapelle angebaut. Ob sich das Schloß in Zukunft mit vertretbarem Aufwand bewahren oder gar retten läßt, ist völlig offen. Es ist eines der meisten bedrohten Kunstdenkmäler der Region.

Über dem Tor zum Hof der Vorburg befindet sich dieser von zwei Löwen gehaltene Wappenstein mit dem Wappen der Freiherren und späteren Grafen von und zu Hoensbroech: Im von Silber und Rot siebenmal geteilten Schild ein goldengekrönter und -bewehrter schwarzer Löwe. Hier schmückt den Helm nur eine Krone, die zugehörige Helmzier wäre ein wachsender, goldengekrönter und -bewehrter, schwarzer Löwe zu rot-silbernen Decken. Hier ist der Löwe doppelschwänzig abgebildet, bei Hupp im Münchner Kalender 1930 einschwänzig.

Das Wappen wird im Siebmacher Band NÖ1 Seite: 190 Tafel: 90, Pr Seite: 12 Tafel: 13 und Pr Seite: 173 Tafel: 221 beschrieben. Dort wird auch eine um ein goldenes Schildhaupt mit drei liegenden roten Rauten "verbesserte" Version (gräfliches Wappen) mit drei Helmen, in der Mitte ein schwarzer Doppeladler mit Kaiserkrone zwischen den Häuptern, rechts ein schwarzer Löwe, links ein goldener Löwe, abgebildet. Heute wird u. a. eine reduzierte Version mit dem Doppeladler über dem gekrönten Schild geführt.

Die Familie der Grafen von Hoensbroech nannte sich ursprünglich nur Hoen bzw. Hoijn, die ersten sicher belegten Vorfahren sind Ritter Nicolaus Hoen, 1371 gestorben, und Ritter Hermann Hoijn, seit 1375 belegt. Die Familie wurde mit Broek bei Heerlen belehnt, wobei dieser Name nur die sumpfige Gegend (Bruch) bezeichnet, in der das Stammhaus als Wasserburg errichtet wurde, heute ein Stadtteil von Heerlen nahe Aachen. Der Name wandelte sich von Hoen zu Hoen van den Broeck und schließlich zu van Hoensbroeck. Es gab drei wichtige Linien, eine zu Ostham-Beverloo in Limburg, eine zu Geulle in Limburg, und die dritte, schließlich übrigbleibende zu Hoensbroech und Haag (bei Geldern). Und aus dieser Linie kommen die Eigentümer von Schloß Türnich, seit 1635 reichsfreiherrlich und seit 1733 reichsgräflich. Die Linie zu Geulle war schon 1660 reichsgräflich, doch sie erlosch im 18. Jh. Weitere Schlösser in Familienbesitz sind Haag, Breill und bis vor kurzem noch Schloß Kellenberg. Der Titel eines Marquis (wird nur in der Primogenitur weitergegeben) wurde 1675 in spanischen Diensten erworben.

Zwei schildhaltende Löwen am Eingang zum Schloßpark. Der in der linken Abbildung hält einen Schild mit dem Wappen Hoensbroech wie beschrieben, der in der rechten Abbildung hält einen Schild mit dem vermehrten Wappen Wolff-Metternich, geviert: Feld 1 und 4: geteilt, oben in Blau ein silberner, dreilätziger Turnierkragen, unten in Silber ein natürlicher Wolf, einwärts laufend (Stammwappen). Hier eine Variante, wo der Schildinhalt auch vertikal umgestellt wird, so daß der Turnierkragen in Feld 4 unter dem Wolf zu liegen kommt, heraldisch nicht einwandfrei. Feld 2 und 3: in Gold eine rote Lilie, auf jedem der oberen Seitenblätter ein grüner linksgewendeter Sittich (Vogel) sitzend (v. Elmpt). Zwei hier nicht abgebildete Helme gehören zu diesem Wappen: Helm 1 (rechts): Auf dem gekrönten Helm mit blau-silbernen Decken ein wachsender natürlicher Wolf (Stammkleinod). Helm 2 (links): Auf dem gekrönten Helm mit rot-goldenen Decken zwischen zwei goldenen Büffelhörnern eine rote Lilie, auf jedem der oberen Seitenblätter ein grüner, linksgewendeter Sittich (Vogel) sitzend (Kleinod Elmpt).

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der "landeskundlichen Vierteljahresblätter".
Hoensbroech: Otto Hupp, Münchener Kalender 1930,
Verlagsanstalt, München/Regensburg 1930
Heinz Firmenich, Helmut Rossen: Schloß Türnich. Gesellschaft für Buchdruckerei, Neuss 1975
Harald Herzog: Rheinische Schloßbauten im 19. Jahrhundert. Bonn 1981
http://www.denkmalschutz.de/593.html
Familie:
http://www.hoensbroech.de/
Schloß Türnich:
http://www.schloss-tuernich.de/
Ernst Heinrich Kneschke, Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon, Band 4

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