Gernot Ramsauer, Bernhard Peter und Alex Hoffmann
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1190
Nürnberg (Mittelfranken)

Nürnberg, Fleischbrücke

Die Fleischbrücke ist eine Nord-Süd-Verbindung zwischen den beiden Teilen Nürnbergs diesseits und jenseits der Pegnitz, zwischen Lorenzer und Sebalder Stadthälfte, und zwar an der engsten Stelle des Pegnitzdurchflusses. Den Namen trägt die Brücke, weil das ehemalige Fleischhaus früher direkt beim Brückenkopf auf der Sebalder Stadtseite lag, in der Südwestecke des Hauptmarktes. Geschlachtet wurde direkt an der Pegnitz in überkragenden Buden oder brückennahen Häusern, so daß man die Abfälle direkt in den Fluß entsorgen konnte; zum Verkauf kam die Ware dann auf die Fleischbänke. Das seitlich am nördlichen Brückenkopf stehende Ochsenportal führte einst zu einem solchen Schlachtbereich. Die Fleischbrücke wird im Westen flankiert von der zweiteiligen Karlsbrücke, im Osten von der Museumsbrücke (im Hintergrund des ersten Photos). Die Brücke verbindet die Kaiserstraße mit dem Hauptmarkt und war im wirtschaftlichen Alltag der wichtigste und älteste innerstädtische Verbindungsweg. Die 1596-1598 für 82172 fl. errichtete Brücke gilt als ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, denn die Brücke überspannt den Fluß mit nur einem einzigen, flachgespannten Bogen aus radial gestellten Sandsteinquadern, während die Nachbarbrücken mehrere Bögen haben. Weil es sich um die engste Stelle der Pegnitz in Nürnberger Stadtgebiet handelt, ist hier die Strömungsgeschwindigkeit besonders hoch.

Die Brücke hatte mehrere Vorgängerbauten, die immer wieder zerstört wurden: Eine einfache Holzbrücke von ca. um 1200, urkundlich ersterwähnt 1335, brannte 1418 ab. Die nächste Holzbrücke wurde 1432 Opfer eines Hochwassers. Die wiederum nächste Holzbrücke wurde 1478 noch gepflastert, war aber 1479 so baufällig, daß man einen Neubau beschloß. Die 1487/88 erbaute Steinbrücke, mit zwei Bögen und Mittelpfeiler, hielt über ein Jahrhundert lang, wurde aber 1595 von einem besonders schweren Hochwasser zerstört. Nürnberg wurde oft Opfer von Hochwasserschäden: Katastrophale Hochwasser mit einer Fluthöhe von über 3,50 m ereigneten sich in den Jahren 1413, 1432, 1452, 1501, 1551, 1595, 1682, 1746, 1784, 1799, 1849 und 1909. Beim letztgenannten Hochwasser von 1909 stand das Wasser auf dem nahen Hauptmarkt 2,50 m hoch. Zwischen 1300 und 1956 gab es 44 Hochwasser mit einer Fluthöhe von über 2,50 m und 89 kleinere Hochwasser mit einer Fluthöhe von über 1,40 m. Erst beim Neubau der im Osten benachbarten Museumsbrücke wurde ein von einem weiteren Bogen überspannter Hochwassertunnel zur Entlastung der Engstelle der Pegnitz gebaut, der das Wasser erst westlich der Fleischbrücke wieder dem Fluß zuführt.

Für den nun folgenden Neubau, bei dem man sich für einen einzigen flachen Bogen ohne Mittelpfeiler entschied, hatte der Ratsbaumeister Wolf Jacob Stromer mit den Zimmermeistern Mathes Herdegen und Peter Carl (1541-1617, für die Gerüste) und dem Baumeister und Steinmetzmeister Jacob Wolff d. Ä. (ca. 1546-4.4.1612) ein kongeniales Team, das das technische Wunderwerk möglich machte. Es wurde nicht nur atemberaubend schön, schlicht und elegant, sondern auch so stabil, daß die Brücke die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und die Erschütterungen durch den Bombenhagel über der Altstadt überlebte. Eine Bombe traf zwar das südliche Widerlager; der Druck fegte die südöstlichen Brüstungsteile und die östliche Kanzel hinweg, doch der Bogen, die westliche Brüstung (bis auf die südwestlichen Abdeckplatten) und die westliche Kanzel hielten.

An den beiden Ufern rammte man 2100 Holzpfähle sowohl vertikal als auch schräg (400 Stück, ca. 60° geneigt, sehr seltene Technik) als Fundament der Widerlager in den sumpfigen Boden. Die zur Vermeidung weiterer Durchflußverengung einbogige Brücke mit einer Spannweite von 27 m und einer Stichhöhe von 4,20 m besitzt einen schräggeschnittenen, sich zu den Widerlagern hin aufweitenden Corpus. Der schräge Verlauf der Steinlagen setzt sich in den Widerlagern fort, um den Schub maximal aufzufangen - die Steinlagen sind hier genauso wie im Brückenbogen radial gestellt. Die letzte, äußerste Steinlage ist auf die seitlichen, schräg eingeschlagenen Eichenpfähle gelegt. Auf den unteren, vertikalen Fundamentpfählen treffen die Steinlagen in von innen nach außen zunehmend flachem Winkel auf. Einschließlich Widerlager ist das Bauwerk 61 m lang. Die Breite beträgt 15,30 m. Da die Brücke für Fuhrwerksverkehr gedacht war und nicht nur für Fußgänger, mußte man die Wölbung so gering wie möglich halten (Pfeilhöhe bzw. Überspannung 1:6,4); sie beträgt weniger als ein Fünftelkreissegment. Diese Flachheit und der Umgang mit den daraus resultierenden Schubkräften ist die zentrale Leistung dieser Brückenkonstruktion. Das radiale Durchmauern bis in die Widerlager hinein ist das Geheimnis des Auffangens der außerordentlichen Schubkräfte bei sehr flachem Bogen, und auch der in ganzer Dicke radial gemauerte Bogen ist signifikant tragfähiger als ein Bogen gleicher Ringstärke mit horizontal geschichteter Aufmauerung.

Die Brücke wurde 2011 von der Bundesingenieurkammer Berlin und der Bayerischen Ingenieurkammer-Bau mit dem Titel "Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland" ausgezeichnet, weil sie sämtliche vergleichbaren Brückenbauten der Spätrenaissance im deutschsprachigen Raum an Kühnheit und Eleganz übertraf. 1594 entstand beispielsweise die dreibogige Kocherbrücke von Schwäbisch Hall, und 1596 entstand in Melsungen eine sechsbogige Brücke über die Fulda. Daß sich Ratsbaumeister Wolf Jacob Stromer solche Anregungen geholt hat, belegen nicht nur Baumeisterbücher mit etlichen Brückenplänen aus ganz Europa in seinem Besitz, sondern er besaß auch hölzernes Baumodell der 1588-1592 erbauten Rialtobrücke in Venedig (1:100, teilzerlegbar, heute im Schloß Grünsberg), wobei jene aber von vornherein nur für Fußgänger gedacht war und sich viel höher aufwölben konnte (sie hat eine Überspannung von 1:4,5, was einem Viertelkreis entspricht. Ob das Modell schon beim Bau der Fleischbrücke zur Verfügung stand, ist nicht geklärt). Die Rialto-Brücke war gestalterische Anregung und technischer Vorläufer, aber nicht Vorbild. Die Eleganz stand aber durchaus Pate, wurde jedoch durch die fertige Gestaltung der Fleischbrücke deutlich übertroffen, die zur Zeit der Erbauung die Steinbogenbrücke mit der größten Spannweite in Deutschland war, und das bei einer Scheiteldicke von lediglich 1,35 m. In der Brückenmitte befindet sich auf jeder Seite eine halbkreisförmige Kanzel, was ein typisches Merkmal der historischen Nürnberger Brücken ist. Der Bauschmuck ist spärlich, im wesentlichen auf die Kanzeln als Schaustück beschränkt, dafür aber dort exquisit, ganz ähnlich den Bürgerhäusern, die alle Kunst in einen exquisiten Erker steckten und ansonsten die Fassaden einfach ließen. Ein flach sparrenförmig verlaufendes Gesims trennt den Brückenkörper von der Brüstung. Steinerne Kugeln akzentuieren die Ansatzpunkte der Kanzeln. Jede Brückenbogenseite weist noch vier Steinrosetten auf, welche eiserne Queranker verbargen und im 19. Jh. ausgetauscht wurden, paarweise rechts und links der Kanzeln; ansonsten bestimmt allein die Kraft des Bogens die Wirkung.

Das erste Mal konnten die Nürnberger Bürger ihre neue Brücke so richtig vorführen, als am 2.6.1612 der frisch gewählte Kaiser Matthias (1557-1619) von Wien kommend auf der via triumphalis die Route durch das Frauentor, über die Fleischbrücke und den Hauptmarkt zur Burg geleitet wurde, und genau beim Überqueren der Fleischbrücke der Salut vorgesehen war. Dafür wurden auf den Kanzeln extra noch zwei hölzerne Säulen mit der Devise des Kaisers aufgestellt: "Constantia" und "Fortitudo", Beständigkeit und Stärke.

Der Bau des oben erwähnten, 140 m langen Hochwasserentlastungstunnels 1951-1958 stutzte das südliche Widerlager der Fleischbrücke, das bereits Anfang März 1945 von einer großkalibrigen Bombe getroffen wurde; auch die Schrägpfähle im Südbereich wurden beim Bau des Hochwassertunnels entfernt. Der Zwischenraum wurde mit Beton verfüllt. Das war möglich, denn erst 1974 erlangte die Fleischbrücke Denkmalschutz. Heute wirkt die Brücke flacher als früher, weil die zwischen den Häuserzeilen gelegenen Auffahrten mit Kriegsschutt aufgefüllt wurden. Zur Kaiserstraße hin beträgt die Aufschüttung im Vergleich zum bauzeitlichen Niveau immerhin 1,50 m. Die Brücke wurde aufgrund von Durchfeuchtungsproblemen, sowohl durch 1928 unterhalb der Fahrbahn verlegte, undicht gewordene Leitungen als auch durch aufsteigendes Flußwasser, 2004/05 aufwendig saniert. Dabei wurden die unterirdischen Widerlager und die Fahrbahndecke abgedichtet.

Die westliche Kanzel hat auf ihrer Außenbrüstung insgesamt sieben Flächen mit Wappendarstellungen. Heute sind diese Wappen von den die Pegnitz überquerenden Fußgängern weitgehend unbeachtet, früher waren sie aufgrund des viel wichtigeren Wasserverkehrs viel besser im Blick der Wahrnehmung durch die auf dem Wasserweg Passierenden. Jeder Wappenschild wird oben von einer Muschelrosette überhöht. Von optisch links nach rechts sind das die Wappenschilde Tucher, Fürer, Harsdörffer, Paumgartner, Imhoff, Welser und Nützel. Wenn man das Septemvirat des Jahres 1597 zugrunde legt, müßte man die Wappen ihrem Rang nach wie folgt absteigend auflisten: Paumgartner (Nr. 1, Vorderster Losunger, prominente Stirnseite), Imhoff (Nr. 2, Zweiter Losunger), Welser (Nr. 3, dritter Oberster Hauptmann), Nützel (Nr. 4), Fürer (Nr. 5) und Harsdörffer (Nr. 6). Es gab nur sechs Septemvirn in diesem Jahr; das Wappen Tucher ist außen vor. Vermutlich hatte man damals zunächst das Feld freigelassen. Erst 1598 konnte man das Tucher-Wappen ergänzen, als Christoph Tucher nachrückte und im Septemvirat hinzukam. Für das Jahr 1598 wäre die Rangfolge: Paumgartner (Nr. 1, Vorderster Losunger, prominente Stirnseite), Welser (Nr. 2), Nützel (Nr. 3), Fürer (Nr. 4), Harsdörffer (Nr. 5), Tucher (Nr. 6) und Imhoff (Nr. 7). Imhoff wechselt nach hinten, weil der eine Imhoff verstarb und ein anderer Imhoff nachrückte - und sich natürlich hinten anstellen mußte.

Die heute zu sehenden Reliefs sind moderne Kopien; die stark verwitterten Originale sind zum Teil im Klosterhof des Germanischen Nationalmuseums aufgestellt und mit drei neuen Ecksteinen zu einem polygonalen Brunnentrog kombiniert. Die ursprüngliche Anordnung und Reihenfolge läßt sich mangels Unterlagen nicht mehr rekonstruieren. Es ist allein gesichert, daß die vorherigen (originalen?) Reliefs zwischen 1933 und 1934 an der Brücke ersetzt wurden - das ergibt sich aus zeitgenössischen Photographien. Im einzelnen, beginnend optisch links, handelt es sich um:

Ganz unten auf der Konsole ist zwischen den mit Diamantmotiven verzierten Quadern ein stark vom Zahn der Zeit angegriffenes Stromer-Wappen innerhalb eines Laubkranzes zu sehen, welches für den 1589-1614 amtierenden Ratsbaumeister Wolf Jacob Stromer von Reichenbach (geb. 26.5.1561, 1589 Alter Genannter des Kleineren Rates, gest. 29.6.1614) steht. Er führte in Rot eine silberne Lilientriangel (wie auch die Nützel). Als Ratsbaumeister stand er hierarchisch unter den Septemvirn, auch wenn er der einzige wirklich Verantwortliche für den Brückenbau war. Er mußte nach dem Hochwasser von 1595 und nach dem von 1602 alle 18 Pegnitzbrücken sanieren. In seiner Amtszeit entstand nicht nur 1596-1598 die Fleischbrücke, sondern auch 1603 die Abc-Brücke und 1613-1614 die Wöhrder Torbastei (existiert nicht mehr, 1871/72 geschleift). Ferner war er in die Vorplanungen zum Neubau des Rathauses involviert, das 1616 neu errichtet wurde.

Auch die östliche Kanzel ist ähnlich aufgebaut (ohne Abb.), wobei die Wappen der Septemvirn z. T. vermutlich wiederholt wurden, aber es hat sich allein optisch ganz links das Wappen Volckamer (von Silber und Blau geteilt, oben ein halbes rotes Rad mit drei Speichen, unten eine silberne Lilie) erhalten; die anderen sechs Inhalte fehlen. Die östliche Kanzel wurde bei einem Bombentreffer 1945 zerstört und danach nur in der Form wiederhergestellt, ohne die Wappentafeln. Das Auftreten des Volckamer-Wappens an dieser Stelle wirft unbeantwortete Fragen auf, weil zwischen 1595 und 1601 kein einziges Familienmitglied unter den Septemvirn zu finden ist. Gestalterisch war die Ostkanzel einst noch aufwendiger, weil im Gegensatz zur Westkanzel jeder Schild noch von einem Schildhalter gehalten wurde, der hinter dem Schild vor der Muschelrosette aufragt. Auf einem alten Photo von 1909 sind noch alle sieben Wappen vorhanden, aber mangels Auflösung lassen sich die fehlenden Reliefinhalte nicht rekonstruieren. Die verwitterten Originale sind zum Teil im Klosterhof des Germanischen Nationalmuseums aufgestellt und zu einem Brunnen kombiniert. Auch an der östlichen Kanzel ist unten auf der Konsole das Wappen des Ratsbaumeisters Stromer über einem Lamm abgebildet, letzteres ein weiterer kleiner gestalterischer Unterschied zur Westkanzel.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere der Band Bayern
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener / Bauer Raspe, Neustadt an der Aisch, 3. Aufl. 1999, Nachdruck 2002, ISBN 3-87947-112-6
Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Nürnberger Forschungen, Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, herausgegeben vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bände 31/1, 31/2, 21/3 (Stammbäume) und 31/4. VDS Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt an der Aisch. ISBN 978-3-87191-333-4.
Fleischbrücke:
http://www.nuernberginfos.de/bruecken-nuernberg/fleischbruecke-nuernberg.html
Fleischbrücke:
https://de.wikipedia.org/wiki/Fleischbrücke
Christiane Kaiser: Die Fleischbrücke in Nürnberg (1596-1598), Dissertation, Brandenburgische Technishe Universität Cottbus, Fakultät für Architektur, Bauingenieurwesen und Stadtplanung, Cottbus 2005, 3 Bände. Download:
https://opus4.kobv.de/opus4-btu/frontdoor/index/index/docId/151 - https://opus4.kobv.de/opus4-btu/files/151/diss_kaiser_Bd_1_Bauforschung.pdf - https://opus4.kobv.de/opus4-btu/files/151/diss_kaiser_Bd_2_Katalog.pdf - https://opus4.kobv.de/opus4-btu/files/151/diss_kaiser_Bd_3_Material.pdf

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