Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1188
Steinau an der Straße (Hessen, Main-Kinzig-Kreis)

Schloß Steinau

Burg Steinau ist ein Ensemble von ganz grob unregelmäßigem fünfeckigem Grundriß. Die Kernburg spannt vier Seiten des Fünfecks auf, die fünfte Seite zwischen Küche und Bergfried fehlt. Ringsum ist ein schmaler Zwinger mit einem Torbau an der südlichen Ecke und Bastionen an den vier übrigen Ecken, die alle vier mit gewinkelten Gebäuden bebaut sind, die als Kranz die eigentliche Kernburg umgeben. Um diese Zone führt ein breiter und tiefer, heute trockener Schloßgraben herum, über den sich im Süden und im Norden Brücken spannen mit entsprechenden Torkonstruktionen. Nach Norden springt ein den Zwinger übergreifendes Torhaus vor. Alle Flügel weisen drei Stockwerke auf. Der viereckige, das Schloß weit überragende Bergfried befindet sich an der Südostspitze der Kernburg. Er wird hofseitig von einem kleinen, runden, dreistöckigen Treppenturm aus dem Jahre 1571 beseitet, vom selben Typ, der noch zweimal vorhanden ist und den Nordosttrakt und den Osttrakt erschließt. Alle drei haben kleine welsche Hauben und bilden einen malerischen Rhythmus. Der Nordosttrakt besitzt ein zweites Obergeschoß aus Fachwerk auf zwei steinernen Geschossen. Ein Südflügel war wohl nie vorgesehen. Außerhalb des mit einer unregelmäßig fünfeckigen Mauer von je Abschnitt ca. 75 m Länge abschließenden Grabens ist auf der Stadtseite im Norden des Schlosses ein zweiflügelig gewinkelter Marstall aus den Jahren 1557/58 vorgebaut. Schloß Steinau ist eines der bedeutendsten Renaissance-Schlösser Hessens. Es ist vor allem durch das fünfeckige Konzept mit eckständigen Winkelbauten und zwei vorstehenden Torbauten, einer auf der Spitze, einer in der Mitte der gegenüberliegenden Seite, kunsthistorisch bedeutungsvoll, denn es handelt sich damit um die früheste Schloßkonzeption auf geometrischer Grundlage. Das Fünfeck als Planungsgrundlage ist in jener Zeit übrigens gar nicht so selten, weitere Beispiele sind Dömitz an der Elbe, Festung Wülzburg, Burgschwalbach, Festung Rosenberg in Kronach etc.

Schloß Steinau war eine Nebenresidenz der Grafen von Hanau, seit 1278 ununterbrochen im Besitz der Hanauer, bis die Grafschaft 1736 auf dem Erbwege an Hessen fiel. Genauer waren die Herren von Hanau erst die Herren von Dorfelden, die eine um 1143 von den Herren von Buchen errichtete Burg an der Mündung der Kinzig in den Main errichtete Burg namens Hanau erbten und sich daraufhin nach dieser Burg nannten.

Im Kern ist die Anlage mittelalterlich (13./14. Jh.), und aus dieser Zeit stammen der ursprünglich freistehende, achtgeschossige Bergfried und der Westflügel. Auf der Südseite waren beide wohl mit einer niedrigen Mauer verbunden, die Bebauung der Nordseite zu jener Zeit ist unklar. Die Dimensionen stimmten aber bereits mit denen der jetzigen Kernburg überein. Die Hauptausbauphasen liegen jedoch in der Renaissance, 1525-28 und 1546-1558. Der Kernbau entstand 1546-1553, die Winkelbauten und das südliche Tor wurden 1554-1556 erbaut; zahlreiche entsprechende Jahreszahlen sind eingemeißelt. Die maßgeblich am Ausbau beteiligten Grafen waren Philipp II. von Hanau-Münzenberg (1501-29), Philipp III. von Hanau-Münzenberg (1526-61), Philipp Ludwig. I. von Hanau-Münzenberg (1553-80) sowie Philipp Ludwig II. (1576-1612).

Wappen am Küchenbau
Hofseitig hat der Küchenbau einen sehr schön am Fuß mit Fischblasenblendmaßwerk (darunter Dreischneuße) ornamentierten Standerker mit einer Fächerrosette als oberem Abschluß über Blendmaßwerk. Direkt rechts von diesem ist zwischen Erdgeschoß und erstem Obergeschoß ein Sandsteinwappen in die Fassade eingelassen. Das Wappen trägt die Inschrift "Anno dm. MCCCCLXXIX" 1479 ist zu früh für den erst Anfang des 16. Jh. entstandenen Bau. Es ist daher zu vermuten, daß der Stein von einem Vorgängerbau stammt und hier seinen zweiten Platz fand.

Das Wappen ist das der Grafen von Hanau: Üblicherweise in Gold drei rote Sparren. Hier sind es aber keine ganzen Sparren, sondern der Schild ist fünfmal gesparrt, also eine Trennlinie weniger. Genauso wie bei den Eppsteinern kommen beide Varianten vor, was in der damaligen Zeit wohl akzeptiert wurde, ohne als ein neues Wappen empfunden zu werden, obwohl wir in heutiger Zeit das enger sähen und von zwei verschiedenen Heroldsbildern sprächen. Die Helmzier zeigt einen auffliegenden, silbernen Schwan, wobei hier der Kopf verloren gegangen ist. Man beachte das Steinmetzzeichen zwischen Schwanenhals und her. rechtem Flügel. Die Farben der Helmdecken sind rot-golden, sie werden in der Literatur auch als rot-silbern (vgl. Scheiblersches Wappenbuch), vielfach auch ganz silbern beschrieben. Interessanterweise ist das Wappen im Scheiblerschen Wappenbuch genau umgekehrt abgebildet, nämlich mit drei goldenen Sparren in Rot. Dies illustriert die frühere erhebliche Toleranzbreite in diesen Dingen. In den beiden unteren Ecken tummeln sich zwei kleine Löwen mit doppeltem Schwanz und in den Nacken geworfenem Kopf.

Abb.: Blick von Süden auf den südlichen Torbau, dahinter der Küchenbau mit Aborterker an der Grenze zum Nordwestflügel. Dieser Aborterker muß noch aus Zeiten stammen, ehe der Zwinger davor eingerichtet wurde und der Weg zum Schloßgraben horizontal versetzt etwas weiter war.

Übersicht über die Stammfolge der Grafen von Hanau-Münzenberg:
1429 wird die Herrschaft Hanau wurde zur Grafschaft erhoben. Die Grafschaft Hanau wurde 1458 geteilt. Graf Philipp I. der Ältere regierte Hanau-Babenhausen, welches nach der Lichtenberger Erbschaft 1480 den Namen Hanau-Lichtenberg bekam. Graf Philipp I. der Jüngere regierte Hanau-Münzenberg.

Abb.: Blick von Süden auf das Ensemble der drei Treppentürme. Links angeschnitten der südliche Torbau.

Übersicht über die Stammfolge der Grafen und Fürsten von Hanau-Lichtenberg:

Die gräfliche/fürstliche Familie erlosch im Jahre 1736. Erben der Grafschaft waren Hessen-Kassel (Hanau-Münzenberger Landesteil) und Hessen-Darmstadt (Hanau-Lichtenberger Landesteil). Der Landesteil Hanau-Münzenberg (vom Fuß des Taunus im Westen bis zum östlichen Spessart, von Bau Nauheim im Norden bis an den Nordrand des Odenwaldes reichend) fiel aufgrund eines Erbvertrages an Hessen-Kassel, der Landesteil Hanau-Lichtenberg (überwiegend im nördlichen Elsaß und in der Westpfalz gelegen) fiel aufgrund der Ehe der Tochter des letzten Hanauer Grafen an Hessen-Darmstadt.

Die Grafen von Hanau haben übrigens nichts zu tun mit den Fürsten von Hanau, diese Linie entsproß einer nicht standesgemäßen Ehe des Kurfürsten von Hessen-Kassel.

Nordwestlicher Eck-Pavillon
Einer der vier gewinkelten Eckbauten ist wegen des daran angebrachten Wappens hier interessant: Der im Nordwesten (Kanzlei) ist hofseitig auf 1556 datiert (Portal, Wappenstein und äußerer Inschriftenstein). Die Obergeschosse werden durch einen winkelständigen, runden Treppenturm erschlossen. An der dem nördlichen Zugang (Brücke) zugewandten Seite befindet sich ein Allianzwappen.

Dieser auf 1556 datierte Wappenstein zeigt ein Allianzwappen für Philipp III. Graf v. Hanau., Herr v. Münzenberg (30.11.1526 - 14.11.1561, Sohn von Philipp II. Graf v. Hanau Herr v. Münzenberg (17.8.1501 - 28.3.1529) und Juliana zu Stolberg-Wernigerode (15.2.1506 - 16.6.1580))
und seiner Frau Helene Pfalzgräfin bei Rhein zu Simmern (13.6.1533 - 5.2.1579, Tochter von Johann II. Pfalzgraf bei Rhein zu Simmern Herzog v. Bayern (21.3.1492 - 18.5.1557) und Beatrix v. Baden (22.1.1492 - 4.4.1535)).

Der Wappenschild heraldisch rechts ist der der Grafen von Hanau und zeigt in Gold drei rote Sparren. Der Wappenschild heraldisch links ist der der Pfalzgrafen bei Rhein und ist geviert, Feld 1 und 4: In Schwarz ein goldener, rot gekrönter Löwe (Pfalz), Feld 2 und 3: Von Blau und Silber schräg geweckt (Wittelsbach).

Abb.: Baugeschichtlich und wehrtechnisch interessantes Detail aus dem nördlichen Tor: Sperriegel hinter dem inneren Tor.

Nordtor
Das nördliche Tor war nach Norden durch eine Zugbrücke über den Graben gesichert, deren Zugseil-Rollen noch vorhanden sind. Das spitzbogige Durchfahrtstor hat einen rechteckig vertieften Rahmen zur Aufnahme des Brückenelementes. Beiderseits des Durchganges findet sich eine Maulscharte in Form einer liegenden Acht, zu datieren auf die Mitte des 16. Jh. Weiter nach innen folgen ein Fallgatter (Schlitze sind noch zu sehen), ein einflügeliges Tor (Angel im Bild oben rechts) und dahinter einen original erhaltenen hölzernen Sperriegel (im Bild), der sich an einer vertikalen Achse bewegt und in Offenstellung in eine Aussparung in der Wand paßt. Über dem Nordtor ist eine leere Tafel von 1551, die mal zur Aufnahme eines Wappens vorgesehen war. Vermutlich wurde dieses Wappen zur Zeit der französischen Besetzung 1811 abgeschlagen.

Im Inneren des Schlosses befinden sich weitere sehenswerte Wappensteine, u. a. als Schlußsteine von Gewölben.

Literatur und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere die Bände Grafen und Hoher Adel (Fürsten)
http://forschung.gnm.de/ressourcen/schloesser/XML/140_Steinau_Schloss.xml
Cäcilia Maria Rohde: Schloß Steinau an der Straße, Broschüre 1, Edition der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessens, Bad Homburg vor der Höhe, 1995.N

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