Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 876
Heusenstamm - Schönborn-Residenz

Heusenstamm: Balthasar-Neumann-Kirche St. Cäcilia

Baugeschichte
Südlich des Schlosses befindet sich in der Altstadt von Heusenstamm ein herrliches Ensemble. Die Kirche St. Cäcilia, das alte Rathaus und der Torbau bilden einen kleinen Platz, der mit Platanen bestanden ist. Die Idee, die alte gotische Pfarrkirche aus dem 13./14. Jh. umzubauen oder zu ersetzen, hatte bereits Anselm Franz von Schönborn (1681-1726) im Jahre 1717. Barock hieß Repräsentation und großer Hofstaat, und die alte Kirche war dafür denkbar ungeeignet. Zudem dürfen die familiären Vorbilder nicht außer Acht gelassen werden: Seine Brüder waren Johann Philipp Franz von Schönborn (15.2.1673 - 18.8.1724), damals Fürstbischof von Würzburg, Damian Hugo Philipp Anton von Schönborn (1676 - 20.8.1743), 1719 Fürstbischof von Speyer und zweifacher Landkomtur, Franz Georg von Schönborn (1682 - 18.1.1756), Domherr in Trier, 1723 Dompropst, später ab 1729 Erzbischof und Kurfürst von Trier, Fürstabt von Prüm, 1732 auch Fürstbischof von Worms und Fürstpropst von Ellwangen, und Friedrich Carl von Schönborn (3.3.1674 - 25.7.1746), Dompropst von Würzburg, 1705-1734 Reichsvizekanzler, 1729 Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, alle in geistlichen Karrieren auf dem Weg in höchste Kirchenämter, und seine Brüder liebten das repräsentative Bauen - auch vor diesem Hintergrund wäre es absolut unlogisch gewesen, sich mit einer zu kleinen gotischen Kirche zufriedenzugeben. Er führte mit seinen Brüdern einen Briefwechsel deswegen, jene rieten aber zu einem Umbau, vermutlich, weil es sie, die Brüder, billiger gekommen wäre. Doch Anselm Franz von Schönborn starb bereits 1726, und so war es seine Witwe Maria Theresia Ernestina Magdalena v. Montfort-Tettnang (1.2.1698 - 2.4.1751), die die Pläne in die Tat umsetzte.

1735 wurde es Ernst: Maria Theresia machte den geistlichen Brüdern, die als Geldgeber vorgesehen waren, klar, daß deren Bruder und deren gemeinsamen Eltern eine standesgemäße Grablege bräuchten. Friedrich Carl von Schönborn (3.3.1674 - 25.7.1746), ihr Schwager auf dem Würzburger Bischofsstuhl, stellte dann auch die notwendigen finanziellen Mittel, Bauholz und vor allem einen hervorragenden Architekten zur Verfügung: Balthasar Neumann. 1739 wurde die alte Pfarrkirche abgerissen, und noch im selben Jahr steckte Balthasar Neumann den Bauplatz ab. Im November 1740 war der Außenbau vollendet. Zwischen 1739 und 1742 kümmerte sich der Barockbaumeister insgesamt sieben Mal persönlich vor Ort um den Neubau. Die Kirche wurde bis 1741 vom Maler Christoph Thomas Scheffler aus Augsburg nach den genauen Wünschen der Gräfin ausgemalt. 1742 werden die sterblichen Überreste der verstorbenen Familienmitglieder in die Familiengruft unter der Kirche überführt: Ihr Mann, dessen Eltern, und zwei ihrer gemeinsamen Söhne. Die weitere Ausstattung verzögerte sich, und die endgültige Fertigstellung und Weihe erfolgte 1756, aber das erlebte Maria Theresia schon nicht mehr. Die, die den Bau ermöglicht und durchgesetzt, vorangetrieben und die Malereien bis ins kleinste Detail mitbeeinflußt hat, ist aber in Wien begraben, nur ihr Herz ist hier beigesetzt.

Die Kirche hat eine Einturmfassade, wobei der Turm ein wenig nach vorne geschoben ist. Durch den zentralen Turm wird die Fassade in drei Segmente geteilt. Der Schmuck ist zurückhaltend, die Gliederung erfolgt durch Lisenen, wir haben ein sehr linienbetontes Konzept. Zwei große Voluten an jeder Seite leiten vom dreiteiligen Unterbau zum Tum über. Dieses Schema ist typisch für die Landkirchen von Balthasar Neumann, ähnliche Entwürfe sehen wir in Wiesentheid (für einen weiteren Bruder, Rudolf Franz Erwein Graf von Schönborn-Wiesentheid, 1727 errichtet), St. Paulin in Trier (für den Bruder Franz Georg von Schönborn 1734 errichtet), Retzbach, Kitzingen-Etwashausen etc. Vor dem erhöhten Hauptportal befindet sich eine schöne Freitreppe. Zwei Urnen auf den Voluten akzentuieren die Ecken der Fassade. Der Turm ist schlank und wird von einer geschieferten Haube bekrönt.

Die Wappen an der Kirche
Über dem Haupteingang halten zwei Löwen das prachtvolle Allianzwappen von Anselm Franz von Schönborn (1681-1726) und Maria Theresia von Montfort (gest. 1751).

Der Schönborn-Schild wird hier schräg geviert mit "gräflich" gekröntem Herzschild.

Das Wappen der Grafen von Montfort zeigt in Silber eine dreiflügelige rote Kirchenfahne an drei Ringen. Die Kirchenfahne ist normalerweise durchgehend rot tingiert, der damaszierte Bereich im vorliegenden Fall hat keine Bedeutung außer gesteigertem Schmuckbedürfnis.

Eine Kirchenfahne ist ein besonderes heraldisches Motiv und meint eine im katholischen Ritus verwendete Prozessionsfahne, die unten zweimal rechteckig eingeschnitten ist, wobei der mittlere Lappen länger sein kann als die beiden äußeren, die Lappen unten meist mit Fransen besetzt, und die oben mit Ringen an einer Querstange befestigt wird. Eine Kirchenfahne wird außer von den Grafen von Montfort-Tettnang noch geführt von den Montfort-Feldkirch (rot in Gold), den Pfalzgrafen von Tübingen (rot in Gold), den Grafen von Werdenberg zu Werdenberg und Heiligenberg (schwarz in Silber) sowie von den Grafen von Werdenberg zu Sargans (silber in Schwarz). Im Detail ist das noch ein wenig komplexer:

Alle stammesverwandten Linien, die Pfalzgrafen zu Tübingen, die Grafen von Montfort, Montfort-Feldkirch, Montfort-Tettnang, die Grafen von Werdenberg, haben ein gemeinsames Wappenbild: Die dreilätzige Kirchenfahne, aber in unterschiedlichen Farben. Die Züricher Wappenrolle bildet nebeneinander allein fünf Varianten ab.

Pfalzgrafen von Tübingen: In Gold eine rote Kirchenfahne mit drei Hängeln und drei ebensolchen Ringen. Alle Linien der Pfalzgrafen von Tübingen: Tübingen, Herrenberg, Böblingen, Lichteneck und Horb führten das pfalzgräfliche Wappen wie beschrieben. In der Züricher Wappenrolle findet sich die Linie Asperg mit einem farbverwechselten Schild abgebildet, eine goldene Kirchenfahne in rotem Feld. Helmzier sind dort zwei mit dem Wappenbild bez. Standarten (?), die jeder oben mit einem Pfauenstoß besteckt sind, dazwischen noch zweimal den Schild in klein. Im Siebmacher ist die Helmzier der Pfalzgrafen von Tübingen eine rote Bischofsmütze (Inful) mit goldenen Verzierungen (Borten) an den Kanten, Helmdecken rot-golden. Referenzen: Siebmacher, Band NÖ2, S. 542, T. 267, Band St, S. 24, T. 46, Band WüA, S. 15, T. 8, vgl. auch Band WüA, S. 263, T. 151.

Grafen von Montfort: In Silber eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen an drei Ringen, die sowohl rot als auch golden vorkommen. Die Grafen von Montfort-Tettnang führten nach der Züricher Wappenrolle als Helmzier einen infulartigen roten Beutelstand, die beiden Zipfel mit einer silbernen Kugel besteckt. Daraus wird später eine rote (silberne) Inful mit silbernern (roten) Verzierungen (Bordierungen). Im Scheiblerschen Wappenbuch ist die Helmzier ein wachsender, rot gekleideter Mannesrumpf, auf dem Haupt eine rote Inful mit zwei silbernen Kugeln an den beiden Spitzen und abflatternden roten Bändern, ähnlich ist in den Siebmacherschen Wappenbüchern ebenfalls ein wachsender Bischof mit rot-silberner Inful und einem Gewand, welches wie der Schild bez. ist, verzeichnet, ein hübsches Beispiel für die Entwicklung der Helmzier zu komplexeren Formen und ihre Umdeutung. Helmdecken rot-silbern. Referenzen: Siebmacher, Band NÖ1, S. 303, T. 161, Band NÖ2, S. 542, T. 267, Band Salz, S. 42, T. 17, Band WüA, S. 20, T. 19, Band WüA, S. 250.

Die Züricher Wappenrolle kennt noch Montfort-Kur (Chur): In Gold eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen. Als Helmzier ein infulartiger roten Beutelstand, die beiden Zipfel mit einer silbernen Kugel besteckt (identisch mit der Zier der Montfort-Tettnang).

Weiterhin listet die Züricher Wappenrolle die Montfort-Veldkirch / Montfort-Feldkirch: In Gold eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen. Als Helmzier ein mit Pfauenfedern eingefaßtes Schirmbrett, welches das Schildbild wiederholt.

Die Grafen von Werdenberg nutzen ebenfalls das gleiche Schildbild wie die Pfalzgrafen von Tübingen und die Grafen von Montfort, allerdings mit variierten Tingierungen, je nach Linie:

Grafen von Werdenberg-Heiligenberg: In Silber eine schwarze Kirchenfahne mit drei Lätzen. Nach der Züricher Wappenrolle als Helmzier ein goldener Flügel.

Grafen von Werdenberg zu Vaduz: In Schwarz eine silberne Kirchenfahne mit drei Lätzen. Dieses ist nicht in der Züricher Wappenrolle abgebildet.

Grafen von Werdenberg-Sargans und Werdenberg-Sargans-Trochtelfingen (Trochtelfingen, Sigmaringen): In Rot eine silberne Kirchenfahne mit drei Lätzen. Dieses ist auch in der Züricher Wappenrolle abgebildet. Helmzier dort eine rote Bischofsmütze mit silbernen Verzierungen und silbernen Kugeln an den zwei Spitzen. Im Bruderschaftsbuch St. Christophori am Arlberg: Helmzier eine rote Bischofsmütze. Variante ein rot gekleideter, wachsender Mannesrumpf mit einer rot-silbernen Bischofsmütze mit abfliegenden Bändern auf dem Haupt.

Später wurde das Wappen geviert, als Heiligenberg ererbt wurde, 1 und 4: In Silber eine rote Kirchenfahne mit drei Lätzen. 2 und 3 in Silber ein schwarzer, schrägrechter Zickzackbalken.

Referenzen: Siebmacher, Band NÖ2, S. 542, T. 268 und 269, Band FstM, S. 30, T. 63.

Genealogie zum Wappen:

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Hartmut Platte: Das Haus Schönborn, Grafen, Fürstbischöfe und Mäzene, Börde-Verlag Werl, 2006, Reihe Deutsche Fürstenhäuser Heft 13, ISBN 3-980 9107-3-3
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Ausstellungskatalog "Die Grafen von Schönborn. Kirchenfürsten, Sammler, Mäzene", Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 1989
Das Haus Schönborn:
http://www.schoenborn.de/
http://www.stadt-heusenstamm.de/UnsereStadt/Sehenswuerdigkeiten/tabid/124/ctl/Article/mid/505/ItemId/28/Default.aspx
Herbert Margraf: Balthasar-Neumann-Kirche St. Cäcilia in Heusenstamm, herausgegeben vom Katholischen Pfarramt St. Cäcilia, 1. Auflage 2007.

Schönborn-Schloß - St. Cäcilia - Torbau - Altes Rathaus

Die Entwicklung des Wappens der von Schönborn
Die Pfalzgrafen von Tübingen, Grafen von Montfort, Grafen von Werdenberg

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