Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 875
Heusenstamm - Schönborn-Residenz

Heusenstamm: Schloß Schönborn

Das Renaissance-Schloß
Heusenstamm im hessischen Landkreis Offenbach besitzt am Nordrand der Stadt eines der einstigen Familienschlösser der Schönborns. Eine lange Allee führt auf einen weitläufigen Barockgarten, hinter dem sich eine relativ niedrige, aber sehr breite Schloßfront erstreckt. Es ist ein schlichtes, zweistöckiges Gebäude mit einem kleinen Mittelgiebel, der das zentrale Tor betont, und zwei runden, helmbedachten Ecktürmen. Insgesamt 22 Fensterachsen ist das Schloß breit. Beim Näherkommen erst sieht man, daß es einst ein Wasserschloß war und sich der Sockel bisher im trockengelegten Graben, der früher vom nahen Flüßchen Bieber gespeist wurde, verborgen hatte. Die fast regelmäßige Reihung der 42 Fenster (in der Mitte haben sie etwas geringere Abstände), der 14 Dachgauben, die Symmetrie der Anlage machen den Reiz des schlichten, kaum gegliederten Schlosses aus.

Das Heusenstammer Schloß war als regelmäßige Vierflügelanlage mit insgesamt vier Ecktürmen geplant, wurde aber nicht fertig. 1661 ging das Anwesen in den Besitz der Familie Schönborn über. Hier bestand vorher schon eine ältere Anlage, und im Bereich von deren Vorburg (Vorhof) wurde unter Philipp Erwein Reichsfreiherr von Schönborn (1607 - 4.11.1668) das neue Schloß in den Jahren 1663-1668 erbaut. Die Pläne und den Entwurf im Stile der Renaissance fertigte Clemens Hinckh. Es wurde aber nur der vordere, nach Westen gerichtete Flügel fertig. Zwei kurze Seitenflügel wurden erst rund 80 Jahre später angefügt (1739-1742). Früher war das gesamte Dach in Schiefer ausgeführt, jetzt sind es nur noch die Hauben der Ecktürme, während das Satteldach in Ziegeln ausgeführt ist.

Diese Abb. zeigt den Blick aus dem Innenhof auf die Rückfront des Schlosses mit den unter Gräfin Maria Theresia, geb. von Montfort (gest. 1751), Witwe des Anselm Franz von Schönborn (1681-1726), erbauten Seitenflügeln. Stilistisch passen sie sich ganz dem Vorhandenen an, auch mit den typischen winkelständigen Treppentürmen. Im nördlichen Flügel (hier rechts im Bild) waren früher unten Stallungen. Im Südflügel waren Dienerwohnungen. Die Schloßkapelle befindet sich in der Südwestecke. Auch auf der Innenseite haben wir mittig über der Tordurchfahrt einen kleinen Giebel, ein Pendant zu dem auf der Außenseite, hier allerdings nur mit einem Fenster.

Das Wappen über dem Haupttor
Der Zugang zum Schloß erfolgte von Westen durch das zentrale Tor, das früher mit einer Zugbrücke über den das Schloß umgebenden Wassergraben gesichert war, deren Rollen man heute noch am Sandsteintor sehen kann, obwohl die Zugbrücke längst durch eine Steinbrücke ersetzt worden ist. Über dem Tor, dessen Schlußstein eine Fratze ziert, befindet sich das Allianzwappen von Philipp Erwein Reichsfreiherr von Schönborn (1607 - 4.11.1668), kurmainzischer Geheimrat, Mainzer Oberamtmann in Steinbach, und seiner Frau Maria Ursula von Greiffenclau zu Vollrads (15.7.1612 - 28.8.1682).

Das heraldisch rechte Wappen ist das Stammwappen Schönborn, in Rot auf drei silbernen Spitzen ein schreitender goldener Löwe mit eigentlich blauer Krone. Helmzier der goldene, eigentlich blau gekrönte Löwe sitzend zwischen zwei rot-silber geteilten Büffelhörnern. Helmdecken hier rot-silbern, kommen aber meist rot-golden vor.

Das Wappen der Ehefrau ist das von Greiffenclau-Vollrads. Es ist geviert, Feld 1 und 4: Greiffenclau-Vollraths, silbern-blau geteilt, darüber ein goldenes Glevenrad, Feld 2 und 3: Ippelbrunn, in Schwarz ein silberner Schräglinksbalken. Oberwappen: Eine goldene Greifenklaue mit silbern-blauer Befiederung (hier unzutreffend tingiert). Helmdecken rechts blau-silbern, links schwarz-silbern.

Bestes Licht zum Photographieren ist der Nachmittag.

Die Löwen am Eingang
Vor dem weitläufigen Garten, der erst in neuerer Zeit wieder angelegt wurde, am Ende der ebenfalls erst 1995 wieder neu angepflanzten und von zwei Teichen flankierten Lindenallee in der Eingangsachse stehen auf Sockeln zwei steinerne Löwen, die beide einen Schild halten, links das Schönborn-Wappen, rechts das Monogramm des Grafen Eugen Franz Erwein von Schönborn (1727-1801), kaiserlich-königlicher Geheimrat und Kämmerer. Sie sind vermutlich aus Anlaß des Kaiserbesuchs von 1764 angefertigt worden, befanden sich aber früher an anderer Stelle. Die Aufnahmen zeigen noch den alten Zustand 2008; in neuerer Zeit wurde der Sandstein im Bereich des Zentralfeldes farbig gefaßt. Bestes Photolicht ist mittags. Der zweimal gespaltene und zweimal geteilte Schild mit Herzschild zeigt das Schönborn-Wappen in seiner letzten und heute noch gültigen Form:

Genealogie zum Schloß:

Hinteres Schloß
Auf dem Gelände befindet sich aber nicht nur das neue, vordere Schloß, sondern auch noch der Rest dessen, was einst die Burg der Herren von Heusenstamm war, das sog. Hintere Schloß. Das berühmteste Familienmitglied ist Sebastian von Heusenstamm, Kurfürst und Erzbischof von Mainz. Dieses Hintere Schloß besteht aus einem Wohngebäude, das mehrfach umgebaut und von den neuen Besitzern nur als Dienerwohnung genutzt wurde, und dem sog. Bannturm. Der Bannturm ist der einstige Wohnturm der Heusenstammschen Burganlage.

Abb.: Bannturm

Am Hinteren Schloß befinden sich weitere Wappen, datiert auf 1561. Es zeigt in Rot drei silberne aufsteigende Spitzen und ist das alte Wappen der Herren von Heusenstamm (Heussenstamm), genauer von Eberhard von Heusenstamm. Die zugehörige Helmzier wäre ein wachsender silberner oder roter Brackenrumpf mit rotem Halsband, die Ohren können wie der Schild tingiert sein. Helmdecken rot-silbern. Im Mainzer Dom ist die Bracke silbern (schwarz angelaufen), im Aschaffenburger Wappenbuch rot, in den verschiedenen Bänden Siebmacher überwiegend als silbern angegeben, nur einmal als rot.

Heutige Nutzung
In den beiden Weltkriegen war das Schloß stark heruntergekommen. In den ersten Nachkriegsjahren wurde es komplett renoviert und von Mitgliedern der Familie Schönborn bewohnt. 1954 wurde das Schloß an die Oberpostdirektion Frankfurt (Main) verpachtet, die dort bis 1976 eine Ausbildungsstätte für Lehrgänge einrichtete. 1978 wurde Schloß Heusenstamm von der Familie der Grafen von Schönborn an die Stadt Heusenstamm veräußert. Diese nutzt das Schloß seitdem als Rathaus und Verwaltungsbau. Dazu wurde die Vierflügelanlage geschlossen. Einerseits folgt man damit dem ursprünglichen Konzept der Vierflügelanlage um einen zentralen Innenhof, andererseits ist die moderne Architektur dahinter ein ästhetischer Schock, wenn man den Torbogen durchschreitet. Über Geschmack läßt sich trefflich streiten, doch der Kontrast zwischen Renaissancebau und modernem Anbau mit frei schwebendem Sitzungszimmer ist einfach grausam. Weiterhin ist in den Räumen die "Schloss-Schenke" eingerichtet. Am Bannturm besteht eine Freilichtbühne.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Hartmut Platte: Das Haus Schönborn, Grafen, Fürstbischöfe und Mäzene, Börde-Verlag Werl, 2006, Reihe Deutsche Fürstenhäuser Heft 13, ISBN 3-980 9107-3-3
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Ausstellungskatalog "Die Grafen von Schönborn. Kirchenfürsten, Sammler, Mäzene", Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 1989
Das Haus Schönborn:
http://www.schoenborn.de/
http://www.stadt-heusenstamm.de/UnsereStadt/Sehenswuerdigkeiten/tabid/124/ctl/Article/mid/505/ItemId/59/Default.aspx
http://www.stadt-heusenstamm.de/UnsereStadt/Sehenswuerdigkeiten/tabid/124/ctl/Article/mid/505/ItemId/26/Default.aspx

Schönborn-Schloß - St. Cäcilia - Torbau - Altes Rathaus

Die Entwicklung des Wappens der von Schönborn
Greiffenclau zu Vollraths - eine rheinische Familie im Dienste der Hochstifte

Ortsregister Photos von Wappen - Namensregister
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2008
Impressum
Bestandteil von
www.dr-bernhard-peter.de