Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 837
Wappen an Bauten der Weser-Renaissance

Gemeinde Emmerthal: Schloß Hämelschenburg

Schloß Hämelschenburg in der Gemeinde Emmerthal südlich von Hameln (Landkreis Hameln-Pyrmont) ist eines der schönsten und bekanntesten Schlösser der Weserrenaissance. Es gehört zu den großartigsten Leistungen der norddeutschen Renaissance. Es ist eine reine Renaissanceanlage mit einem einheitlichen Entwurf, die Mitte bis Ende des 16. Jh. errichtet wurde, nachdem die ältere Burganlage 1544 von einem Feuer zerstört worden war, 1556 die Wirtschaftsgebäude, 1563 die Schloßkapelle, dann das Schloß selbst. Bauherr ist Jürgen Klencke. Es ist eine prächtige Dreiflügelanlage entstanden, die sich nach Nordnordosten öffnet und zwei Treppentürme in den Hofwinkeln besitzt, deren Bekrönungen das Schloß jeweils überragen. Den besonderen Reiz dieses Gebäudes macht die reiche und doch durch ihre strenge Anordnung ausgewogene Dekoration an Giebeln, Gewänden, Portalen etc. aus. Und nicht nur die herausragenden Elemente sind geschmückt, sondern die ganze Fassade ist von Gliederungen aus Horizontalen und Vertikalen überzogen. Der Bossenquader, typisches Dekorationselement der Spätrenaissance und insbesondere der Weserrenaissance, wird hier nicht nur als isoliertes Dekorationselement eingesetzt, sondern auch als Mittel der Flächengestaltung: Insbesondere am zur Straße gewandten Südostflügel kann man gut sehen, wie sich Putzbänder (dort, wo heute rohes Mauerwerk sichtbar ist, war früher Putz, der erst im 19. Jh. abgeschlagen wurde) mit Zierquaderbändern und glatten Haustein-Streifen abwechseln, dazwischen immer wieder glatte Haustein-Elemente, die einen einzelnen, halbkugelförmig gearbeiteten Bossen neben den Fenstern haben. Ein weiteres typisches Gliederungselement der Weserrenaissance, das Zwerchhaus, wird hier gleich vierfach zur Straße hin am Südostflügel in dichter Reihung verwendet, jeder einzelne Zwerchgiebel reich dekoriert. Insgesamt hat das Schloß 4 aufwendig geschmückte Giebel (jeweils an beiden Enden des Nordwest- und des Südostflügels) und 17 Zwerchhäuser (Nordostflügel: 3 außen, 2 innen; Südwestflügel: 3 außen, 3 innen; Südostflügel: 4 außen, 2 innen).

Abb.: Blick auf Schloß Hämelschenburg, Südostflügel.

Der Neubau des Schlosses wurde nach der Erbteilung von 1583 in Angriff genommen, als Jürgen Klencke die Hämelschenburg übernahm. Ludolf Klencke d. Ä. (gest. 1562) hatte zwei Söhne, Wilken und Jürgen (geb. 1551, gest. 1609). Es kam zu einer Vereinbarung, daß Wilken die Besitzungen in Siedenburg übernahm und Jürgen alleine die Hämelschenburg. Er wurde zum Bauherren des neuen Schlosses. Jürgen Klencke heiratete 1587 Anna von Holle, Nichte des bekannten Feldherren Georg von Holle und des Eberhard von Holle, Bischof von Verden. Ein Jahr nach deren Hochzeit wurde 1588 mit dem Nordwestflügel (zweistöckig, diente ursprünglich als Saalbau im Obergeschoß, unten die Gerichtslaube für Nieder- und Obergericht) angefangen, der 1592 (Treppenturm) bzw. 1593 (Saalkamin) vollendet wurde. In den Jahren 1597-1599 entstand der Südwestflügel als Mittelbau (dreigeschossig, Ställe, Küche, Lagerräume), und der Südostflügel (dreigeschossig, Wohnbereich) bildete 1606-1607 den Abschluß. Nur zwei Jahre konnte sich der Bauherr an seinem fertigen Schloß erfreuen, denn er starb schon 1609. Allen drei Flügeln war damit eine spezielle Funktion zugedacht, Herrschaftsbereich, Wirtschaftsbereich, privater Wohnbereich folgten aufeinander im rechten Winkel. Trotz der abschnittsweisen Vollendung folgt der Bau einem gemeinsamen Plan, denn es gibt auch zwischen den drei Flügeln keine Trennmauern. Ein zuletzt erneuerter kleiner Torflügel (teilweise aus Fachwerk) ist mittlerweile wieder verschwunden. Nur der merkwürdig abgeschrägte Grundriß des Südostflügels verrät, daß er hier stand und im Grundriß berücksichtigt wurde. 1886-1867 wurden Umbaumaßnahmen unter dem Architekten Schwanenberg durchgeführt, wobei die ursprüngliche Raumnutzung verändert wurde. Dabei wurde auch die Auslucht an den Nachbarflügel versetzt.

Am Aufgang zum Schloßareal grenzt ein großer steinerner Torbogen den Kernbereich ab, an dem linkerhand ein auf 1588 datierter Wappenstein des Bauherren innerhalb eines prächtigen Renaissance-Rahmenwerks mit insgesamt 10 menschlichen und tierischen Gesichtern angebracht ist, darunter mehrere Löwenfratzen. Das Wappen ist älter als das Brückentor, welches erst 1613 errichtet wurde.

Abb.: Klencke-Wappen am Tor zum Hauptschloß

Das Wappen Klencke zeigt in Silber ein schwarzes Kammrad. Auf dem Helm mit schwarz-silbernen Decken ein aufrecht stehendes schwarzes Kammrad, oben mit einem Pfauenwedel besteckt. Das Kleinod kann variieren, so kann sich auch das Kammrad zwischen schwarz-silbern oder silbern-schwarzen übereck geteilten Büffelhörnern befinden (Stammbuchblatt des Dyderich Klencke um 1570), auch kann das Kammrad vor einer silbernen, mit Pfauenfedern besteckten Säule vorkommen, so bei Ludolf Klencke 1607 AD. Diese Variante ist hier gewählt worden. Die Linie zu Hämelschenburg führt nur das Kammrad, in Kombination mit Pfauenfedern (wie auch immer im Detail geregelt); die Linie zu Thedinghausen führt dagegen das Kammrad zwischen zwei silbernen Stierhörnern.

Die Familie Klencke bekam die Hämelschenburg (früher auch Hemersenburg) 1437 zu Lehen. Eigentlich stammt die Familie aus der Gegend von Thedinghausen, dort kann sie bis ca. 1260 zurück belegt werden. Die Familie verlor ihr neues Lehen in einem Konflikt mit Herzog Wilhelm von Braunschweig im Jahre 1487, konnten es aber 1493 zurückgewinnen, und sie ist bis heute Besitzer des Schlosses.

Abb.: Holle-Wappen an den Wirtschaftsgebäuden der Vorburg, datiert auf 1593.

Das Wappen von Holle zeigt in Gold 3 (2:1) rote, hinten herabhängende Stulpmützen mit herabhängenden, in einer Bucht sich überkreuzenden, roten Kinnbändern. Helmzier eine Mütze wie im Schild zwischen zwei roten Fahnen an goldenen Stielen. Helmdecken rot-golden. Es ist das Wappen für Anna von Holle, Gemahlin des Jürgen Klencke.

Die Wirtschaftsgebäude bestehen aus zwei parallel gestellten großen Steingebäuden im Nordosten und im Südwesten, die durch lange parallele Mauern zu einem schmalen Rechteck verbunden sind, an die später innen weitere Gebäude angebaut wurden. Die Wirtschaftsgebäude dienten der Familie Klencke nach dem Brand der alten Burg ab 1544 auch als Wohnstatt, bis das Schloß bzw. der erste Flügel davon bezugsfertig war.

Abb.: Klencke-Wappen an den Wirtschaftsgebäuden der Vorburg, mit IVRGEN KLENCKE beschriftet und auf 1585 datiert. Beschreibung siehe oben.

Weitere Wappen finden sich im Innenhofbereich, so an beiden Treppentürmen (Klencke/Holle). Die gleiche Kombination findet sich am Epitaph des Bauherrn Jürgen Klencke (gest. 1609) in der Schloßkirche, desgleichen zweimal am steinernen Kaminmantel von 1593 in der Halle aus dem ehemaligen Rittersaal (renoviert 1886).

Abb.: Blick in den Schloßhof von Nordosten, im Bild links der Südflügel und rechts der Westflügel. An den die Schloßflügel überragenden Treppentürmen befinden sich Allianzwappen Klencke/Holle.

Das 1972-2000 renovierte Schloß ist in Privatbesitz der Familie von Klencke (Stiftung Rittergut Hämelschenburg) und kann im Rahmen einer Führung (Ende März - Oktober) besichtigt werden. Außerhalb der Führungen ist der Schloßhof nicht zugänglich, nur der Wirtschaftsbereich. Das beste Photolicht hat man morgens bei der 10-Uhr-Führung im Hochsommer, denn der breit U-förmig geöffnete innere Schloßhof öffnet sich nach Nordnordost.

Das Schloß Hämelschenburg ist ein entwicklungsgeschichtlicher Meilenstein auf dem Weg von der Burg zur vollkommenen Schloßanlage. Neu ist der einheitliche Entwurf, das symmetrische Konzept im Groben, aber noch sind die einzelnen Flügel unterschiedlich im Detail hinsichtlich Geschoßzahl und Fensterachsen etc. und auch ganz unterschiedlich in der Dekorationsqualität behandelt. Neu ist der offene Schloßhof, der aber ursprünglich durch einen hohen Wall begrenzt war und sich nicht wie später in die Landschaft öffnete. Neu ist die konzeptionelle und architektonische Trennung wichtiger Funktionen, aber charakteristisch ist das gleichberechtigte Nebeneinander derselben, und so reich der Wohntrakt auch von den beiden anderen Trakten abgehoben ist, es ist nicht der Mitteltrakt, das achsiale Konzept, das später für den Schloßbau beherrschend werden sollte, fehlt hier. Mit seinem baulichen Konzept und seinen Dekorationsformen ist Hämelschenburg eines der schönsten und typischsten Schlösser der Weserrenaissance.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
G. Ulrich Großmann, Renaissance entlang der Weser, Du Mont Buchverlag Köln, 1989, ISBN 3-7701-2226-7
Meiner Mutter Ursula Peter große Anerkennung exquisiter Vorarbeit
Gottfried Kiesow, Schloß Hämelschenburg, DKV-Kunstführer Nr. 202/5, 11. Auflage, Deutscher Kunstverlag München, Berlin.
Erholung mit Kunst und Kultur: Die Weserrenaissance 1-3, hrsg. vom Fremdenverkehrsverband Teutoburger Wald e.V. Detmold, Bielefeld 1988, ISBN 3-926843-16-0
Schloß:
http://www.schloss-haemelschenburg.de/

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