Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 815
Marburg - Hessen und Deutscher Orden

Marburg, Deutschordenskommende (2)

Wappen am Ostflügel
Am sog. Neuen Bau mit seiner Staffelgiebelwand befindet sich ein Schmuckerker aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Dieser Ostflügel des Deutschordenshauses wurde von Landkomtur Ludwig von Nordeck 1484 begonnen und von seinem Nachfolger Dietrich von Cleen 1495 vollendet.

Am Schmuckerker der südlichen Staffelgiebelwand befinden sich zwei Wappenschilde. Der heraldisch rechte ist das Wappen des Deutschen Ordens, in Silber ein durchgehendes schwarzes Kreuz. Der heraldisch linke Schild ist der des Landkomturs Dietrich von Cleen (Kleen, Klee, Clee), in Gold drei mit den Stielen dreipaßförmig zusammengestellte rote, leicht herzförmig eingebogene Blätter bzw. ein Kleeblatt, auf dem Helm ein wie der Schild bez. Flug. Helmdecken rot-golden. Dietrich von Cleen wurde später Deutschmeister. Die Familie von Cleen besaß um 1396 das Dorf Dornassenheim als Lehen von Worms und Fulda. Um 1400 Ganerben zu Reifenberg. Die von Cleen starben 1520 aus. Das Wappen lebt fort in dem des Geschlechts von Franckenstein.

Ohne die Baugeschichte könnte das Wappen auch mit dem seinen Vorgängers identifiziert werden, denn er führte - ohne Farben - das gleiche Bild, bezeichnet als in Silber drei ins Schächerkreuz gestellte schwarze Herzen. Ein solcher Wappenstein des Ludwig von Nordeck (Landkomtur 1472-1489) von 1480 ist im Museum auf der Burg ausgestellt. Die Helmzier wäre zwischen einem silbern-schwarz übereck geteilten Paar Büffelhörner ein Pfauenstoß bzw. eine silberne, oben mit einem Pfauenstoß besteckte Säule. Helmdecken schwarz-silbern.

Abb.: Blick auf die südliche Staffelgiebelwand mit dem beschriebenen Erker.

Wappen am Mittelbau
Das eigentliche Schaustück, das Schönborn-Wappen, das nachträglich mit dem Portal hier eingebaut wurde, wurde schon in Teil 1 besprochen. Hier geht es um das weiter oben an der Fassade befindliche Wappen:

Blick auf den Mittelbau des Deutschordenshauses, das sog. Herrenhaus, wo sich früher verschiedene Offizine (Werk- und Arbeitsräume) befanden, während die Wohnung bzw. Residenz des Landkomturs erst im nördlichen Teil des Ostbereichs lag. Ca. 1480 ließ der Landkomtur Ludwig von Nordeck die zunächst offenen Arkaden zum Hof vorbauen. Um 1787 wurde der Mittelbau weiter umgebaut, bei dieser Gelegenheit wurden Fachwerkobergeschoß und Mansarddach als Ersatz für das alte Spitzdach errichtet. Aus dieser Zeit stammt der obere Wappenstein an der Fassade.

Es handelt sich um das Wappen des Landkomturs Beat Konrad Reuttner von Weyl, geboren 1719, Deutschordensritter 1745, 1758 Komtur der Mainau, 1774-1803 Landkomtur der Ballei Elsaß-Burgund mit Sitz in Altshausen, später auch Landkomtur der Ballei Hessen in Marburg. Ferner war er kaiserlicher Rat und Staats- und Konferenzminister des Hochmeisters. 1795 Kauf des Gutes Achstetten. In den Jahren 1794 - 1796 ließ er das klassizistische Schloß Achstetten durch Franz-Anton Banyato erbauen. Zuletzt war Beat Konrad Reuttner von Weyl in Altshausen, dort starb er auch im am 23. Mai 1803. Ein weiteres Wappen von ihm ist in der großen Tafel im Chor der Kirche von Altshausen zu finden, drei weitere an verschiedenen Gebäuden des Deutschordensschlosses Beuggen. Dort sind die Monde aber alle ungesichtet.

Der Hauptschild ist geviert, in den Feldern 1 und 4 in Silber ein schwarzes Tatzenkreuz (Deutscher Orden, Landkomtur), in den Feldern 2 und 3 in Blau ein abgewandter, gesichteter, goldener Mond. Laut Siebmacher wird das Wappen blasoniert als in Blau ein abnehmender goldener Halbmond. Der Schild ist unterlegt von einem weiteren Deutschordensschild (Mitgliedschaft im Deutschen Orden). Zwei Helmzieren, Helm 1 ein silberner, mit einem schwarzen Tatzenkreuz belegter Flug (Deutscher Orden), Helm 2 ein aus einem liegenden Mond hervorwachsender geharnischter Mann mit Streitkolben in der Rechten, die Linke in die Seite gestemmt. Normalerweise wird dieser Helm gekrönt geführt. Helmdecken blau-golden. Schildhalter zwei widersehende Löwen. Die Familie stammt ursprünglich aus dem Elsaß, kaufte sich dann im Breisgau und in Württemberg an und besaß Grundbesitz in Leihausen, Rechtenstein, Hurbel, Dellmensingen and Dürmenach.

Am 2.1.1819 wurde die Familie Reuttner von Weyl in der Person des Freiherrn Julius Cäsar (sic) Reuttner von Weyl, Neffe des Landkomturs, in den Grafenstand erhoben. Das gräfliche Wappen ist gespalten, vorne das Stammwappen, hinten in Gold ein roter Löwe, der an silberner Lanze eine schwarze und rote Fahne in den Pranken hält, auf der der silberne Buchstabe "W" für Württemberg steht. Helm 1 Stammkleinod, Helm 2 drei silberne Straußenfedern. Helmdecken rechts blau-golden, links rot-golden.

Wappen am Vorbau
Die schönsten Darstellungen von Vollwappen am Deutschordenshaus stammen aus der Renaissance und sind am Vorbau zu finden:

Im Vordergrund der in der Renaissance hofseitig angebaute niedrige Bau, links im Bild der Westflügel, das sog. Brüderhaus, welches den Mitgliedern als Schlaf- und Speisesaal diente. Unter dem mittleren Doppelfenster des Vorbaus ist der dreiteilige Wappenstein zu erkennen.

An dem Renaissanceanbau des Deutschordenshauses von 1572 befinden sich unterhalb der Fensterbrüstung drei durch Halbsäulen und Pilaster voneinander getrennte und eingerahmte Wappen, optisch links der Landkomtur, in der Mitte der Deutsche Orden an sich, und rechts der Trappierer.

Das optisch linke der drei Wappen ist das des amtierenden Marburger Landkomturs, daher auch auf dem zweitwichtigsten Platz. Der höchstwertige Platz in der Mitte wird vom Deutschordenswappen selbst eingenommen. Es handelt es sich um das Wappen des Alhard von Hörde (Horde, Hördt), Landkomtur der Ballei Hessen 1571–1586. Der Schild ist geviert, in den Feldern 1 und 4 in Silber ein rotes, fünfspeichiges Rad, in den Feldern 2 und 3 in Silber eine rote, fünfblättrige Rose. Der Schild ist mit einem Deutschordensschild unterlegt. Auf dem Helm drei Fahnen, die das Motiv aus den Feldern 1 und 4 mit dem roten fünfspeichigen Rad in Silber wiederholen. An der Kommende Schiffenberg ist sein Wappen gleichfalls zu finden. Im Schloßmuseum Marburg ist ein ganz ähnlicher Wappenstein des "Georg von Horde", 1586-1591 Landkomtur des Deutschen Ordens, von 1589 ausgestellt, sein Verwandter und Nachfolger.

Das mittlere der drei Wappen ist das allgemeine Wappen des Deutschen Ordens: In Silber ein durchgehendes schwarzes Kreuz, Helmzier ein silberner Flug, beiderseits belegt mit einem durchgehenden schwarzen Kreuz, Helmdecken schwarz-silbern. Da hier eine personenbezogene Inschrift fehlt, ist viel Raum für die Jahreszahl: 1572 AD.

Das optisch rechte der drei Wappen ist ebenfalls mit der Jahreszahl 1572 gekennzeichnet und ist beschrieben mit "IOHAN / KVHMA / TRAPPIR / ER T O". Es handelt sich um das Wappen des Trappierers Johann Kuhmann, TO steht für "Ordo Teutonicus" oder "Teutscher Orden". Ein Trappierer, Tressler, Thesaurar oder Traparius ist von einem Ritterbruder eingenommenes Amt, der Inhaber desselben kümmerte sich um die Verwaltung der Güter und des Vermögens. Er war für die Buchhaltung zuständig und kümmerte sich um die ordnungsgemäße Einnahme der Abgaben der zur Kommende gehörenden Güter. Die Kommende Marburg wurde vom Landkomtur befehligt, dem ein Hauskomtur beigesellt war, der die Rolle des Vizekommandeurs vor Ort innehatte. Weitere Ämter in so einer Kommende waren Meister des Spitals (Krankenstelle), Procurator (Rechtsgelehrter), Kellermeister (Cellerarius), Marschall (Stallmeister), Meister der Pietanz (Festabgabe, Pietanzenmeister). Johann Kuhmann sollte danach 1582–1586 Komtur in der Kommende Schiffenberg werden, auch dort ist sein Wappen zu finden. Das Wappen der Familie Kuhmann (auch Cumann) zeigt in Silber die untere Hälfte eines aufgerichteten roten Löwen. Der Schwanz des Löwen ist hier zwischen den Beinen durch nach vorne geschlagen und wieder aufwärts geführt. Der Schild ist von einem Deutschordensschild unterlegt. Auf dem gekrönten Helm ein grüner Pfauenschweif. Die Familie Kuhmann war im Waldeckschen und bei Marsberg begütert und erlosch im Mannesstamm am 12.05.1687 mit Adam Bernhard von Kuhmann zu Adorf.

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher
Kommende Schiffenberg:
http://www.hv-schiffenberg.de/pdfs/33_60_Das%20Deutschordenshaus.pdf
Staatsarchiv Münster: Freiherr von Buttlars Handschriften.
Wertvolle Hinweise von Mitgliedern des GwF-Forums, insbesondere von Herrn C. Billet, Herrn A. Lenz und Herrn A. Jacob.
Wappenbuch des Westfälischen Adels, Band 1, S. 36, Tafel 90
Lachmann, Hans-Peter: Der Deutsche Orden in Hessen. Marburg, 1983
Carl Heldmann: Geschichte der Deutschordensballei Hessen nebst Beiträgen zur Geschichte der ländlichen Rechtsverhältnisse in den Deutschordenscommenden Marburg und Schiffenberg, in: Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde 30, 1895, S. 1-192
M. Werner: Die Hl. Elisabeth und die Anfänge des Deutschen Ordens in Marburg, in: Marburger Geschichte, hrsg. von E. Dettmering u. R. Grenz, Marburg 1980, S. 121-164
Kurt Meschede: Die Baugeschichte des Marburger Deutschhauses als Sitz der Kommende Marburg und der Ballei Hessen vom Spätmittelalter zur Neuzeit, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 14, 1964, S. 67
Albert Huyskens: Philipp der Großmütige und die Deutschordensballei Hessen, in: Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde 38, 1904, S. 99-184
Theodor Niederquell: Im Kampf um die Reichsunmittelbarkeit. Die Geschichte der Deutschordensballei Hessen vornehmlich im 16. Jahrhundert, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 5, 1955, S. 193
http://www.uni-marburg.de/fb19/lokalitaet
http://www.damian-hungs.de/Deutschordenspriester.html
http://www.reuttner.de/, http://www.reuttner.de/haus_familie.htm, http://www.reuttner.com/Family.htm

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