Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 790
Im Banne der Weser-Renaissance: Thienhausen

Steinheim (Westfalen): Wasserschloß Thienhausen

Gut verborgen in einem Waldstück südöstlich der westfälischen Stadt Steinheim in einer feuchten Niederung liegt das Wasserschloß Thienhausen, zu erreichen über einen unscheinbaren Weg, der von der Straße zwischen Eversen und der Verbindungsstraße zwischen Steinheim und Marienmünster nach Osten abzweigt (Dreizehnlindenweg 1, 32839 Steinheim-Rolfzen). Es ist eine zweigeschossige, zweiflügelige Anlage, die Winkelöffnung ziemlich genau nach Süden gerichtet, mit einem niedrigeren, kegeldachgedeckten Rundturm an der Nordecke und einem leicht eingezogenen, viereckigen Treppenturm im Hofwinkel. Ringsum verlaufen mit Wasserpflanzen bewachsene Wassergräben. Die von der Gräfte umschlossene und mit Mauern eingefaßte rechteckige Schloßinsel ist weitaus größer als die vom Schloß eingenommene Grundfläche, dieses nimmt nur die nördliche Ecke der künstlichen Rechteckinsel ein, der Rest ist Rasen und Park mit herrlichen alten Bäumen. Nach Südwesten jenseits des Zufahrtsweges liegen zwei lange, parallelständige Wirtschaftsgebäude, die die Rasen-Freifäche einrahmen. Hier bestand früher schon eine ältere Burganlage. Um 1523/26 ging der Besitz an die Herren von Haxthausen über. Das Schloß wurde um 1609 für Tönnies Wolf von Haxthausen erbaut. Thienhausen genoß im 19. Jh. unter Geheimrat August von Haxthausen den Ruf eines Künstler- und Literatentreffpunkts. Auch heute noch ist das Schloß in Familienbesitz, der Bökendorfer Linie (Baron Guido Freiherr von Haxthausen). Die Adresse (s. o.) erinnert daran, daß hier in diesem Schloß der Arzt und preußische Landtagsabgeordnete Friedrich Wilhelm Weber 20 Jahre lang lebte und hier sein bekanntes Versepos "Dreizehnlinden" schrieb. Hier war auch die berühmte Bibliothek Haxthausen untergebracht, ca. 6000 Bände mit ca. 5000 Titeln vornehmlich aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gesammelt von Freiherr August von Haxthausen (1792-1866) und seinem älteren Bruder Werner (1780-1842), die regen Anteil am literarischen, politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Leben ihrer Zeit und an Forschungen zu Geschichte und Ökonomie nahmen, 1967 von der Universiäts- und Landesbibliothek Münster erworben.

Blick von Westen auf den Westflügel und den Nordturm. Aufgrund stilistischer Ähnlichkeiten zum Paderborner Rathaus vermutet man auch hier Hermann Baumhauer als Baumeister. Das Schloß ist privat und nicht zu besichtigen. Von dem Weg aus ist es jedoch gut von außen einsehbar.

Blick auf den Südwestgiebel. Der Kamin ist geschickt in die Dekoration einbezogen worden. Eine gekrönte Madonna aus Eichenholz zwischen den Doppelfenstern des ersten Stocks ist neueren Datums und stammt von ca. 1930, wurde aber nach einem alten Original gearbeitet.

Der südwestliche Giebel ist besonders aufwendig verziert. Während die Fassade der Geschosse unterhalb des Giebeldreiecks schlicht und schmucklos sind, ist im Giebel selbst keine Fläche frei von Ornamenten. Früher hatte auch der symmetrisch angeordnete Südostgiebel solche Verzierungen, doch brannte dieser Flügel 1905 aus, wobei das Ornamentwerk verlorenging. Teile sind dort noch als Reparatursteine im Mauerwerk zu erkennen. Andere Teile sind heute im Weserrenaissance-Museum Schloß Brake zu sehen. Kräftige Simse gliedern den Giebel horizontal, stark profilierte Pilaster vertikal zu einem übergeordneten Raster.

Detailaufnahme vom Südwestgiebel: Die einzelnen Felder werden von aus Diamantquadern und geometrisch gerasterten Kerbschnitt-Bossensteinen gebildeten Pilastern gerahmt. Die Flächen innerhalb dieser Rahmen sind mit Beschlagwerk gefüllt. Dabei werden die Flächen so behandelt, als seien sie mit schmiedeeisernen Beschlägen wie bei einer Truhe belegt, die mit Nägeln scheinbar auf der Mauer fixiert sind. Die dreieckigen Teilflächen sind mit Voluten, Schnecken, Rosetten, Beschlagwerk und pyramidenförmig zugespitzten Diamantbossen verziert.

Ein Rundbogenportal gibt jenseits der Brücke Zugang zur Schloßinsel in der Gräfte. Beiderseits des Portales sind Wappensteine eingelassen. Links vom Portalbogen ist das Wappen der Freiherren von Haxthausen. Es zeigt in Rot eine schrägliegende Konstruktion aus miteinander verbundenen Holzbrettern (wie eine Brettertür mit drei ins Z gelegten schmalen Brettern benagelt, vermutlich Teil eines Wagenaufbaus, evtl. eine Wagenflechten-Lattentür). Auf dem Helm ein roter Flug, beiderseits mit einer schräg einwärts liegenden Konstruktion wie beschrieben belegt. Helmdecken rot-silbern. Die gemeine Figur im Wappen ist mit vielen verschiedenen Namen belegt worden, als Lattentür bezeichnet worden, als Gatter oder als Wagenflechte, sogar als Flachsmaß. Wie auch immer das Objekt verwendet wurde, es wird immer dargestellt als eine Reihe parallel nebeneinander gelegter Bretter oder Latten, die durch horizontale und diagonal angebrachte Verstrebungen zu einer Einheit verbunden sind. Das Objekt wird nie mit Scharnieren oder Griffen dargestellt. Vermutlich ist das Objekt Teil eines Schutzes, der nach Bedarf seitlich hinter die Seitenkonstruktion eines Wagens gesteckt wurde, um das Herabfallen kleinteiliger oder hoch aufgetürmter Ladung zu verhindern oder die Verunreinigung des Wageninhaltes mit hochspritzendem Schlamm. Insbesondere wird diese Interpretation dadurch gestützt, daß die Herren von Haxthausen aus den Herren von Vlechten hervorgegangen sind, die bereits im Jahre 1173 mit Alexander de Fleghten erwähnt werden und das gleiche Wappen führten, das ein redendes sein könnte. Andererseits ist eine Wagenflechte, wie der Name schon ausdrückt, meistens korbartig und aus Flechtwerk gefertigt, das hier nicht dargestellt ist. Möglicherweise handelt es sich um eine Wagenflechten-Lattentür und damit um einen Teil eines solchen Wagenaufbaus.

Dieses ist das Stammwappen. Die von Haxthausen sind als Freiherren anerkannter, westfälischer Uradel. Im Hochstift Paderborn sind sie Erbhofmeister und Erbkämmerer gewesen. Dazu waren sie Erbmarschälle im Stift Neuenheerse. Eine in Bayern 1837 in den Grafenstand erhobene Linie ist im Mannesstamme wieder erloschen. Später gab es noch andere Formen des Haxthausen-Wappens, die im Westfälischen Wappenbuch beschrieben werden:

Freiherren von Haxthausen-Carnitz (Diplom von 1812): Gespalten. Vorne in Rot eine schrägrechts gelegte silberne Konstruktion aus miteinander verbundenen Holzbrettern (wie eine Brettertür mit drei ins Z gelegten schmalen Brettern benagelt). Hinten schräglinks geteilt, oben in Silber ein aus der Teilung hervorkommender halber roter Hirsch, unten von Blau und Silber gerautet. Zwei Helme: Helm 1 (vorne): Auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein roter Flug, beiderseits mit der silbernen, schräggestellten Konstruktion aus miteinander verbundenen Holzbrettern belegt. Helm 2 (hinten): Auf dem gekrönten Helm mit blau-silbernen Decken drei Straußenfedern, eine blaue zwischen zwei silbernen.

Freiherren von Haxthausen-Carnitz (Diplom von 1845): Geviert. Feld 1 und 4: In Rot eine schrägrechts gelegte silberne Konstruktion aus miteinander verbundenen Holzbrettern (wie eine Brettertür mit drei ins Z gelegten schmalen Brettern benagelt). Feld 2 und 3: schräglinks geteilt, oben in Silber ein aus der Teilung hervorkommender halber roter Hirsch, unten von Blau und Silber gerautet. Zwei Helme: Helm 1 (vorne): Auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein roter Flug, beiderseits mit der silbernen, schräggestellten Konstruktion aus miteinander verbundenen Holzbrettern belegt. Helm 2 (hinten): Auf dem gekrönten Helm mit blau-silbernen Decken drei Straußenfedern, eine blaue zwischen zwei silbernen.

Grafen von Haxthausen (Bayerischer Grafenstand vom 20.9.1837. In Preußen anerkannt 6.6.1840. Erloschen 1842): Geviert mit Herzschild. Hauptschild: Feld 1 und 4: In Gold ein schwarzer Doppeladler. Feld 2 und 3: In Blau ein silbernes Pferd. Herzschild: In Rot eine schrägrechts gelegte silberne Konstruktion aus miteinander verbundenen Holzbrettern (wie eine Brettertür mit drei ins Z gelegten schmalen Brettern benagelt). Drei Helme: Helm 1 (vorne): Auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein schwarzer Doppeladler. Helm 2 (Mitte): Auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein roter Flug, beiderseits mit der silbernen, schräggestellten Konstruktion aus miteinander verbundenen Holzbrettern belegt. Helm 3 (hinten): Auf dem gekrönten Helm mit blau-silbernen Decken drei Straußenfedern, eine blaue zwischen zwei silbernen. Variante: wie oben, zusätzlich als Schildhalter zwei silberne Pferde und ein silbernes Inschriftenband mit den Worten: QUA PIA FATAK.

Rechts vom Hauptportal Stammwappen von Oeynhausen (Herren und spätere Grafen von Oeynhausen): In Blau eine aufgerichtete, viersprossige, silberne Leiter. Helmzier eine in der Mitte senkrecht zerspaltene, viersprossige, silberne Leiter, jeder Teil mit den halben Sprossen nach auswärts gekehrt, so wie hier dargestellt. Helmdecken blau-silbern.

Die von Oeynhausen sind eine Familie des westfälischen Uradels und seit dem 11. Jh. urkundlich belegt. Sie gehörten zur Calenbergischen Ritterschaft. Später wurde die Familie in den Grafenstand erhoben, das war am 17.4.1722 in Person des Kurfürstlich-Hannoverschen Oberjägermeisters Rabe Christoph von Oeynhausen, von Kaiser Karl VI. Der Hauptschild und die beiden zusätzlichen Helme haben ihre Wurzeln im Schulenburg'schen Wappen. Der Hintergrund ist der, daß Rabe Christoph von Oeynhausen mit einer Frau von der Schulenburg-Emden vermählt war. Deren Bruder, Feldmarschall Johannes Matthias von der Schulenburg, hatte 1724 seinem Neffen, Graf Ferdinand Ludwig von Oeynhausen, gestattet, sich Graf von der Schulenburg-Oeynhausen zu nennen. Diese Linie (führt das selbe Wappen wie im folgenden beschrieben) ist 1860 erloschen. Das gräfliche Wappen ist geviert mit Herzschild:

Drei Helme:

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher
G. Ulrich Großmann, Renaissance entlang der Weser, Du Mont Buchverlag Köln, 1989, ISBN 3-7701-2226-7
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Burgen, Schlösser und historische Adelssitze im Kreis Höxter, Höxter 2002
Bökerhof:
http://www.boekerhof.de/ und http://www.boekerhof.de/haus.html
ULB Münster, Haxthausen-Bibliothek
http://www.ulb.uni-muenster.de/sammlungen/hist-bibl/haxthausen.html
Erholung mit Kunst und Kultur: Die Weserrenaissance 1-3, herausgegeben vom Fremdenverkehrsverband Teutoburger Wald e.V. in Detmold, Bielefeld 1988, ISBN 3-926843-16-0
Herren von Haxthausen
http://de.wikipedia.org/wiki/Haxthausen_(Adelsgeschlecht)
Max von Spießen (Hrsg.): Wappenbuch des Westfälischen Adels, mit Zeichnungen von Professor Ad. M. Hildebrandt, 1. Band, Görlitz 1901 - 1903.
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