Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 759
Lich (Hessen, Landkreis Gießen)

Lich: Evangelische Marienstiftskirche (2)
Johannes von Solms und Elisabeth von Cronberg, Epitaph

Dieses im Chorumgang der Marienstiftskirche aufgestellte Grabdenkmal, eine 1,30 m x 2,45 m messende Platte aus rotem Sandstein, ist Zeitzeuge der Verbindung zwischen den Häusern Cronberg und Solms, zwischen Territorialherren und Finanzgenie, eine Verbindung, die den Grundstein legte für eine blühende Grafschaft Solms-Assenheim-Rödelheim. Der andere Grundstock für den Wohlstand der Grafen von Solms war das Falkensteiner Erbe, durch das sie in der Wetterau weiteren Besitz erhalten hatten (Ämter Lich, Laubach und Hungen). Man beachte auf der Grabplatte die sorgfältig gearbeiteten Details wie z. B. die modischen spitz auslaufenden Schuhe, den Helm mit hochgeschobenem Visier, die Achsel- und Ellembogen-Kacheln der Rüstung etc., Details, die nicht nur den Fortschritt der Bildhauerkunst und des Zeitgeschmacks, sondern auch der Mode und In-Szene-Setzung im Vergleich zu den benachbarten älteren Grabmälern dokumentieren. Dieses Epitaph gehört mit denjenigen für den Grafen Johannes zu Solms und für Frank von Cronberg zu einer künstlerisch, ikonographisch und hinsichtlich der typischen Merkmale gestalterisch sehr geschlossenen und einheitlichen Gruppe. Der Ehemann, Johann zu Solms, steht in eine Rüstung gekleidet mit hochgeschobenem Visier frontal vor vertieftem Zentralfeld. Seine Füße ruhen auf zwei auswärts gerichteten Löwen. In der Rechten hält der Verstorbene ein Schwert in einer mit einem Riemen umwickelten Scheide, das unten im offenen Rachen des einen Löwen endet. Die Linke hat der Verstorbene angewinkelt, um den Bügelhelm mit Kleinod im Zwischenraum zwischen beiden Köpfen hochzustemmen. Die Ehefrau hingegen, Elisabeth v. Cronberg-Rödelheim, steht leicht S-förmig gebogen, um mit ihrer Rechten das modische Gewand etwas anzuheben, während die vor den Bauch gehaltene Linke einen langen Rosenkranz hält. Auf dem Kopf trägt sie eine voluminöse Haube. Zu ihren Füßen hat sie ebenfalls ein Tier, aber als Frau hat sie unter ihren Schnabelschuhen einen Hund.

Die stark abgekürzte Umschrift in gotischen Minuskeln lautet: "An(n)o d(omi)ni m cccc lvii obiit nobil(is) d(omi)n(u)s ioh(ann)es comes in solms c(uius) a(n)i(m)a r(e)q(ui)escat (in pace) - An(n)o d(omi)ni m cccc xxx viii deci(m)a v die mens(is) dece(m)br(is) obyt d(omi)na elisabeth co(n)thoral(is) d(omi)ni ioh(ann)is comitis in solms c(ui)us a(n)i(m)a req(ui)escat i(n) pace a(men)" - Im Jahre des Herrn 1457 starb der edle Herr Johann(es) Graf zu Solms, dessen Seele in Frieden ruhe - im Jahre des Herrn 1438 am 15. Tag des Monats Dezember starb Frau Elisabeth, Ehefrau des Johann(es) Grafen zu Solms, deren Seele in Frieden ruhe. Beide Teile beginnen auf der oberen Schmalseite rechts und links des Kleinods und laufen dann die lange Seite nach unten, was zur Folge hat, daß der eine Anfang des Textes im Vergleich zum anderen auf dem Kopf steht. Die Inschrift endet in der Sockelzone zweizeilig; an den drei anderen Seiten ist sie einzeilig.

Der Wappenschild von Johannes V. Graf zu Solms-Lich (- 1457) befindet sich in der optisch linken oberen Ecke des Grabdenkmals und zeigt in Gold einen blauen Löwen, hier aus Courtoisie gewendet, das Solmser Stammwappen. In sehr alten Wappen des 13. und 14. Jh. wird der Löwe noch von Schindeln begleitet, die fielen später ab dem ausgehenden 14. Jh. weg.

Der Helm ist nicht über dem Wappenschild dargestellt, sondern der Ritter präsentiert ihn mit der linken Hand zwischen den Köpfen beider Ehepartner, während seine Rechte auf dem Schwertgriff an seiner rechten Seite ruht. Das Kleinod: Sitzend ein blauer Löwe zwischen einem goldenen Flug. Anmerkung: Das Kleinod Solms hat eine lange Entwicklung hinter sich. Es sind frühe Darstellungen bekannt, da wurden von Reinbold Graf von Solms-Königsberg zwei mit je drei "Kleestengeln" besteckte Büffelhörner geführt (13. Jh.). Im 14. Jh. findet man einen wachsenden Löwen bei Johann Graf zu Solms, einen wachsenden Löwen mit Fisch im Maul und erstmalig 1398 den sitzenden blauen Löwen zwischen einem goldenem Flug, der sich dann als spätere Familienhelmzier durchsetzte. Helmdecken blau-golden.

Der Wappenschild von Elisabeth v. Cronberg-Rödelheim (-15.12.1438) ist geviert: Feld 1 und 4 Rot, Feld 2 und 3 in Silber 4 (2:2) blaue Eisenhütlein (silbern-blauer pfahlförmig angeordneter Eisenhutfeh). Eine Helmzier ist nicht abgebildet, dieses Privileg kommt nur ihrem Ehemann zu. Helmzier auf dem gekrönten Helm wären zwei silberne Eselsohren, denn sie ist die letzte Nachfahrin des Ohrenstammes (Johannesstammes). Die Helmdecken wären rot-silbern.

Die beiden beschriebenen und abgebildeten Wappenschilde wirken auf den Betrachter prominent, weil sie plan aufliegen und gut sichtbar sind. Doch tatsächlich hat die Platte insgesamt vier Wappenschilde, nur die unteren beiden (Abb. unten) sind viel schlechter zu sehen, weil sie konkav und schräg im Schatten unterhalb des Sockelgesimses, der Standplatte der Tiere und Menschen, angebracht sind. Heraldisch rechts unten ist der teilweise zerstörte Wappenschild der Herren von Falkenstein-Münzenberg angebracht, geviert, Feld 1 und 4: in Blau ein silbernes sechsspeichiges Rad, Feld 2 und 3: rot-golden geteilt. Dieser Schild steht für die Mutter des Ehemannes, Agnes v. Falkenstein und Münzenberg. In der heraldisch linken unteren Ecke befindet sich der Schild der Grafen von Isenburg, in Silber zwei rote Balken. Dieser Schild steht für die Mutter der Ehefrau, Katharina v. Isenburg-Grenzau.

Genealogie:
Das abgebildete Paar ist:

Eltern von Johannes V. Graf zu Solms-Lich (- 1457):

Eltern von Elisabeth v. Cronberg-Rödelheim (-15.7.1438):

Großeltern von Johannes (V) Graf zu Solms-Lich (- 1457):

Großeltern von Elisabeth v. Cronberg-Rödelheim (-15.7.1438):

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher
Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Hugo Gerard Ströhl, Deutsche Wappenrolle, Reprint von 1897, Komet Verlag Köln, ISBN 3-89836-545-X
Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder - die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck Verlag München 7. Auflage 2007, ISBN 978-3-406-54986-1
Evangelische Marienstiftsgemeinde Lich www.marienstiftsgemeinde-lich.de
Ausführliche Beschreibung der Kirche:
http://www.marienstiftsgemeinde-lich.de/images/dokumente/MARIENSTIFTSKIRCHE%20ZU%20LICH%20Oberhessen.pdf - Text identisch mit dem Kirchenführer im Schnell & Steiner Verlag, aber ohne die dortigen Abbildungen
Herbert Kammer, Evangelische Marienstiftskirche Lich/Oberhessen, Schnell Kunstführer Nr. 666, 1957, 2. Auflage 1982, Verlag Schnell & Steiner, München/Zürich.
H. Roth, Die plastischen Bildwerke in der Marienstiftskirche, in: Licher Heimatbuch, Lich 1950
W. Küther: Das Marienstift Lich im Mittelalter, Lich 1977
Marienstiftskirche:
https://de.wikipedia.org/wiki/Marienstiftskirche_(Lich)
Johann V. Graf zu Solms-Lich 1457 und Elisabeth geb. von Kronberg 1438, Lich, in: Grabdenkmäler
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/846

Marienstiftskirche: J. v. Solms - Solms/Cronberg - F. v. Cronberg - Solms/Hanau/Sayn/Mecklenburg

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Veröffentlichung der Innenaufnahmen mit freundlicher Erlaubnis der Evangelischen Marienstiftsgemeinde Lich (www.marienstiftsgemeinde-lich.de) und Herrn Pfarrer Lutz Neumeier vom 10.12.2007, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.

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