Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 698
Liebliches Mittelrheintal: Wappen in Lorch

Lorch am Rhein: St. Martin, Grabplatte von Johann II. Hilchen von Lorch 1512

Die Pfarrkirche St. Martin in Lorch birgt eine ganze Reihe vorzüglicher Grabdenkmäler. Die meisten sind im Chor des nördlichen Schiffes zu sehen; dieses hier ist an der Südseite eines Mittelpfeilers zwischen südlichem und nördlichem Kirchenschiff in die Wand eingelassen, direkt neben dem Durchgang zwischen beiden Chorräumen. Dieses Grabdenkmal zeigt Johann II. Hilchen von Lorch und seine Frau Elisabeth (Elsgin) von Walderdorff als lebensgroße Halbrelieffiguren, beide im Jahre 1512 im Abstand von nur wenigen Tagen verstorben (30. Juli und 3. August). Das Epitaph ist aus rötlichem Sandstein gefertigt und mißt 2.90 m x 1.36 m. Die Darstellung ist typisch für die Zeit, der Ehemann trägt Rüstung, aber ohne Helm, so daß man seine Züge erkennen kann, einen Streitkolben in der Rechten hat er auf die Schulter gelegt, während die gepanzerte Linke einen Rosenkranz hält. Am Brustpanzer ist deutlich der Ansatz für einen Rüsthaken zu sehen, der zum Einlegen der Lanze beim Stechen diente. Seine Frau ist ebenso klassisch abgebildet mit einem engen Kleid und darüber einem weitem, bis auf die Füße fallendem Mantel, mit Haube und mit zum Gebet zusammengelegten Händen, ebenfalls einen Rosenkranz haltend. Die in gotischen Minuskeln ausgeführte Inschrift auf dem profilierten Rahmen lautet: "Anno d(omi)ni m d xii (a)vf fr(e)itag nach Iacobe starb der e(h)r(e)nvest johan(n) hilchen vo(n) lorch vn(d) de(n) di(e)nstag danach starb iungfrawe elsgin vo(n) wallerdorf s(e)in e(he)lich(e) hausfrawe de(r) got(t) gnad vn(d) barmherczich s(e)ii Amen."

Über den Köpfen sind zwei prächtige Vollwappen, heraldisch rechts das Wappen des Lorcher Adelsgeschlechtes Hilchen von Lorch. Es zeigt in Schwarz einen silbernen Balken, beiderseits von goldenen Lilien begleitet. Hier ist die Anzahl der Lilien 7 (4:3). Die Helmzier ist ein schwarzer, silbern gestulpter Hut, oben mit einer hahnenfederbesteckten silbernen Kugel besetzt. Die Helmdecken wären schwarz-silbern. Der Stulp des Hutes ist hier noch einmal mit einer Lilie belegt. Johanns Vater war Johann I. Hilchen von Lorch.

Das Wappen der Elisabeth von Walderdorff zeigt in Schwarz einen golden gekrönten und bewehrten, rot-silbern geteilten, doppelschwänzigen Löwen (auch als silberner Löwe mit roter Mähne und rotem Kopf dargestellt). Als Helmzier zwischen einem Flug zwei kleine Löwen nebeneinander. Dies ist sehr ungewöhnlich, denn die normalerweise vorkommenden Varianten der Walderdorff-Helmzier zeigen einen schwarzen offenen Flug, beiderseits belegt mit einem golden gekrönten und bewehrten rot-silbern geteilten Löwen (silberner Löwe mit roter Mähne und rotem Kopf), und nach Gruber ist die Helmzier ein Löwe wachsend zwischen einem wie der Schild bez. Flug. Im gesamten Siebmacher findet sich eine solche Helmzier nicht beschrieben. Insbesondere die Verdoppelung macht stutzig und berechtigt zu der Annahme, der Bildhauer habe die beiden Löwen vom Flug aus darstellerischen Gründen zwischen denselben verlegt. Die Helmdecken sind schwarz-silbern tingiert. Es handelt sich hierbei noch um das Stammwappen der Walderdorff, später wurde es im gräflichen Wappen mit Niederisenburg (in Silber zwei rote Balken) geviert. Elisabeths Vater war Wilderich III. von Walderdorff.

Bemerkenswert ist ferner bei beiden Darstellungen die Größe des Helmes, was Proportionen von Schild : Helm : Helmzier von ca. 6:5:6 erzeugt, sehr groß für die Zeit. Beide Wappenschilde sind als Allianzwappen einander zugeneigt, die Helme jedoch blicken frontal, dafür demonstrieren die ineinander verhakten Windungen der Helmdecken die Verbundenheit. Am unteren Rand der Platte sind zwei weitere Wappenschilde angebracht, die jeweils nach auswärts geneigt sind, optisch links der Löwe und optisch rechts das Hilchen-Wappen.

.

Die beiden unteren, auswärts geneigten Wappenschilde stehen für die jeweiligen Mütter des Paares. Heraldisch rechts unten ist das Wappen der Niederadeligen von Dietz zu sehen, innerhalb eines silbernen Bordes in Rot ein silberner Löwe. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre zu rot-silbernen Decken ein wachsender, rot mit silbernen Aufschlägen und ebensolchem Hut gekleideter Mannesrumpf. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: NaA Seite: 20 Tafel: 29, bei Wolfert Tafel 39 Seite 124, 53 und bei Zobel Tafel 77-78. Der Schild steht für Johanns Mutter, Agnes von Dietz. Der andere Schild wiederholt das Wappen der Hilchen von Lorch und steht für Elisabeths Mutter, Liebmuth Hilchen von Lorch.

Literatur, Links und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der "landeskundlichen Vierteljahresblätter".
Jürgen Kaiser, St. Martin, Lorch am Rhein, Verlag Schnell & Steiner GmbH Regensburg, 1. Auflage 2000, ISBN 3-7954-6303-3
Veröffentlichung der Innenaufnahmen mit freundlicher Genehmigung von Herrn Pfarrer H. Daniel, Kath. Pfarramt St. Martin, vom 10.11.07, wofür ihm an dieser Stelle herzlich gedankt sei.
Die Inschriften des Rheingau-Taunus-Kreises, gesammelt und bearbeitet von Yvonne Monsees, die Deutschen Inschriften 43, 1997, S. 308, Nr. 359.
„Johann II. Hilchen von Lorch und seine Frau Elisabeth von Walderdorff 1512, Lorch“, in: Grabdenkmäler
http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/1972 (Stand: 4.10.2006)
Humbracht Taf. 147
Möller, Stammtafeln AF III Taf. CXVI

St. Martin, Vorhalle - St. Martin, Schlußsteine der Vorhalle - Philipp IV. Hilchen von Lorch und Elisabeth von Bicken - Johann von Eschbach und Anna von Rossau - Johann III. Marschall von Waldeck - Johann von Breidbach und Loretta von Schöneck - Marquard vom Stein - Carl Heinrich Frhr. v. Hausen - Hilchenhaus

Die Wappen der Herren, Freiherren und Grafen von Walderdorff

Ortsregister Photos von Wappen - Namensregister
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright/Urheberrecht für Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2007, 2014
Impressum
Bestandteil von
www.dr-bernhard-peter.de