Bernhard Peter und Dominik Smasal
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 686
Gernsbach (Murgtal, Schwarzwald)

Gernsbach: Kondominatsbrunnen

Der Brunnen auf der Hofstätte in Gernsbach wird Kondominatsbrunnen genannt, weil er die Wappen beider Herren Gernsbachs trägt. Kondominat - abgeleitet von "con" und "dominus" - bedeutet eine gemeinsame Herrschaft zweier Herren über ein Gebiet, hier die Stadt Gernsbach. Wie kam es zum Kondominat? Kriegerische Abenteuer hatten die Mittel des Grafen Wolf von Eberstein aufgezehrt. Alt-Eberstein war in vergangenen Tagen schon längst an Baden verkauft. Und immer noch waren die Ebersteiner nicht liquide genug. Jetzt ging es an die Kernsubstanz, um die Ebersteiner vor dem Ruin zu bewahren. 1387 wurde ein Teil des Ebersteiner Gebietes an die Markgrafen von Baden verkauft. Gernsbach erhielt durch diese Veräußerung zwei Herren. Es gab auch zwei Amtsvögte, einen Ebersteiner und einen Badener. Die Kernstadt gehörte zu Baden, der Gernsbacher Stadtteil Hof verblieb den Ebersteinern. Bis 1505 war es eine tatsächliche Spaltung. Zweierlei Geld, zweierlei Maßeinheiten waren in Umlauf und machten den Gernsbachern das Leben schwer, wie auch Heiraten zwischen badischen und ebersteinischen Untertanen nicht erlaubt waren. Und Ebersteiner Grafen sowie die Markgrafen hatten abwechselnd das Recht, einen Geistlichen zu ernennen. Dann wurde 1505 zwischen Christoph I. von Baden und Bernhard III. von Eberstein ein Einwurfsvertrag geschlossen, der bestimmte, daß nun beide Landesherren die gesamte Grafschaft Eberstein gemeinschaftlich regieren sollten, daß also die tatsächliche Spaltung durch eine gemeinsame Herrschaft ersetzt werden sollte. Die Wappen an diesem auf 1511 datierten Brunnen sind Ausdruck des Kondominats über Gernsbach, infolgedessen sowohl die Ebersteiner Grafen als auch die Markgrafen von Baden 1387-1660 über die Stadt herrschten.

Der Brunnen steht auf einem zentralen Platz beim Murgübergang zwischen den mittelalterlichen Siedlungskernen Kirch- und Marktdorf und den mittelalterlchen Vorstädten Gaß und Waldbach. Der ursprüngliche Aufstellungsort des Brunnens ist unbekannt. Der Brunnen aus rötlichem Sandstein wurde mehrfach restauriert und versetzt, zuletzt 1992, so daß kaum ein Stein noch wirklich original sein dürfte. Lt. Beckenrand fanden die vorherigen Renovierungen in den Jahren 1826, 1922, 1951 und 1982 statt. Ein Vorgängerstein von 1826, aber auch nicht das Original, befindet sich als Spolie im Katzschen Garten, das war einmal das Mittelstück des Brunnenstocks. Das Becken ist oval; der zweiröhrige Brunnenstock besitzt einen quadratischen Grundriß. Die durch Aststäbe betonten Kanten des Brunnenstocks überkreuzen sich im oberen Bereich und bilden einen Eselsrückenbogen über den leicht gekehlten Seitenflächen. Die langen Metallröhren entspringen aus den Mündern jeweils einer reliefierten Narrenmaske. Unter der Überkreuzung der Aststäbe befinden sich an drei Seiten die Wappenschilde. Der obere Abschluß des Brunnenstocks ist eine schlanke Pyramide des Jahres 1851, die oben in einer große Kreuzblume endet und von vier kleineren auf den Seitenkanten umgeben ist. Im Jahr 1851 fand eine größere Renovierung statt, weil das Objekt in den Kämpfen von 1849 beschossen worden war.

Hier begegnet uns auch das Gernsbacher Stadtwappen. Noch nicht das heute übliche, das in Silber eine rote, blau besamte Rose über zwei schräggekreuzten blauen Doppelhaken (Wolfsangeln) zeigt. Im heutigen Wappen sind Ebersteiner Rose und Doppelhaken vereint, früher waren beide noch getrennt. Wie wir hier sehen, ist das Symbol für die Stadt Gernsbach im Jahre 1511 schon der Doppelhaken, allerdings einzeln vorkommend. Über die Bedeutung und Symbolzuweisung ist viel spekuliert worden, die einen interpretieren einen Flößerhaken der Murgschiffahrt hinein, die anderen sehen in der Wolfsangel ein typisches mit dem Wald assoziiertes Symbol. Wie auch immer - es bleibt nicht verifizierbare Spekulation. Das Motiv wird jedenfalls Doppelhaken oder Wolfsangel genannt.

In der linken Abb. sehen wir den Wappenschild der Grafen von Eberstein, in Silber eine rote, blau besamte Rose. In der rechten Abb. haben wir den Wappenschild der Markgrafen von Baden-Sponheim, geviert von Baden (in Gold ein roter Schrägrechtsbalken) und Sponheim (von Rot und Silber geschacht).

Wie bekam Baden Sponheim? Die Grafschaft Sponheim lag im Hunsrück etwa zwischen Birkenfeld, Bad Kreuznach und Bernkastel. Ursprünglich hießen die Grafen von Spanheim. Sie tauchten 1044 erstmals auf. Benannt sind sie nach der Burg Sponheim westlich von Bad Kreuznach. Zwischen Nahe und Mosel entwickelten sie im 12. Jh. ein ansehnliches Herrschaftsgebiet. Die umfangreichen Gebietsveränderungen zu erläutern würde hier zu weit führen - in Kürze: Die Gebiete wurden im 13. Jh. in eine vordere und eine hintere Grafschaft Sponheim aufgeteilt. Die Vordere Grafschaft Sponheim war das Gebiet um Bad Kreuznach, Sitz Kauzenburg. Die Hintere Grafschaft Sponheim war Sponheim-Starkenburg mit Gütern an der Mosel und bei Birkenfeld, Sitz war erst in Starkenburg an der Mosel, später die Grevenburg an der Mosel über Traben-Trarbach. Das in Rot-Silber geschachte Wappen wird im allgemeinen der Hinteren Grafschaft zugeordnet; das Blau-Gold geschachte Wappen der Vorderen Grafschaft. Es wird in der Literatur darauf hingewiesen, daß die blau-goldene Tinktur auf einem Irrtum beruht und beide Linien Rot-Silber geführt hätten. Die Lage ist widersprüchlich, vor 1488 existiert nur ein einziger Nachweis, der wirklich ernst zu nehmen ist, das Wappenbuch des Gelre aus der zweiten Hälfte des 14. Jh. (Spanheim). Die blau-goldene Farbgebung von entsprechenden Wappen der 1414 erloschenen Linie ist nur an wenigen Orten zu finden, z. B. an der Ritterkapelle in Haßfurt und in einem Glasfenster der heutigen evangelischen Kirche in Kastellaun (Hunsrück). Wie dem auch sei, diese Unterscheidung wurde wann auch immer gemacht und zieht sich von da an auch durch das badische Wappen. So ist es nachvollziehbar, daß Baden hier die Farben Rot und Silber in den Vierteln 2 und 3 seines gevierten Wappens führt. 1414 starb die Line der Vorderen Grafschaft Sponheim mit Graf Simon III von Sponheim-Kreuznach und Vianden (gest. 30.8.1414) im Mannesstamme (er hatte drei Töchter) aus, der durch seine Gemahlin Marie Gräfin von Vianden (gest. 21.10.1400) die Hälfte der Grafschaft Vianden geerbt hatte. Zu 4/5 gelangten die vorderen Sponheimer Gebiete über Simons Schwester Elisabeth von Sponheim-Kreuznach, die mit Johann IV von Sponheim-Starkenburg (gest. 1.3.1411/1413) verheiratet war, an die Hintere Grafschaft, zu 1/5 an die Pfalz. Als 1437 die Linie der Hinteren Grafschaft Sponheim mit Johann V, Sohn von Elisabeth und Johann IV, gest. 24./26.10.1437, erlosch (einziges Kind seiner Eltern; die Ehe mit Walburga von Leiningen-Rixingen blieb kinderlos), teilten sich die Grafen von Veldenz und die Markgrafen von Baden die Güter, entsprechend einem Vertrag aus dem Jahre 1425 (Benheimer Entscheid). Das Erbe blieb jedoch real ungeteilt und wurde als Kondominium geführt. Dadurch konnte Baden ab 1437 das Sponheimer Schach in den Farben Rot und Silber in sein Wappen aufnehmen. 1444 wurden die Grafen von Veldenz von Pfalz-Zweibrücken beerbt, welches 1559 auch den pfälzischen Anteil der einstigen Vorderen Grafschaft bekam. 1707 wurde die Vordere Grafschaft, 1776 die Hintere Grafschaft real zwischen Pfalz-Zweibrücken und Baden geteilt. Erst mit den napoleonischen Kriegen verschwand die Grafschaft Sponheim von der politischen Landkarte. Die gesamte Geschichte und Entwicklung der badischen Wappen ist hier nachlesbar.

Literatur:
Siebmachers Wappenbücher.
Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder - die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck Verlag München 7. Auflage 2007, ISBN 978-3-406-54986-1
J. G. Lehmann: Die Grafschaft und die Grafen von Spanheim (Sponheim) der beiden Linien Kreuznach und Starkenburg, Sändig Reprint, 1985.
Winfried Dotzauer: Die Vordere Grafschaft Sponheim als pfälzisch-badisches Kondominium 1437-1707/8, Dissertation, Universität Mainz 1963 (Bad Kreuznach 1963).
Regina Kunitzki, Gernsbach im Murgtal, Casimir Katz Verlag, 1985, ISBN 3-88640-025-5
Genealogie: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 7. Auflage 2004, Degener Verlag ISBN 3-7686-2512-5
Deutsche Inschriften:
DI 78, Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt, Nr. 167(†) (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di078h017k0016702 - http://www.inschriften.net/zeige/suchergebnis/treffer/nr/di078-0167.html#content

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