Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 622
Menzingen im Kraichgau

Das Wasserschloß in Menzingen

Auf Wappensuche mitten im Sumpf
Mücken tanzen auf bräunlichem Wasser, im Schilfdickicht ein Rohrsänger, hinter undurchdringlichem Sumpf und Gebüsch, das mal ein alter Park gewesen ist, ragen Mauerreste aus rötlichem Sandstein auf, grüßt das achteckige Oberteil eines dachlosen Eckturmes. Ein Ruine, romantisch abseits des Ortes an seinem nördlichen Eingang unterhalb der Straße gelegen, über einen kleinen Trampelpfad zu erreichen.

Einst war es eine dreiflügelige Anlage mit rechteckigem Grundriß, an den Ecken vier Türme, die Vorderfront leicht nach Südwesten gedreht, der Hof nach Südosten offen, auf drei Seiten von einst dreigeschossigen Wohnbauten umgeben, im Hof gleich rechts neben dem Südwest-Durchgang, den man über eine den Graben überspannende Brücke erreicht, ein polygonaler Treppenturm, eine weitere Spindel in der nördlichen Hofecke. Ein Renaissance-Schloß, auf mittelalterlichen Grundmauern errichtet.

Und jetzt? Am meisten steht noch von der Außenwand des Südwestflügels, die Holzbrücke führt auf eine freistehende Wand, durch deren Fenster man den Himmel und die Schutthaufen der restlichen Schloßpartien sieht. Von den vier Türmen, unten rund, oben polygonal, stehen auch nur Stümpfe, traurige Reste.

Wer hat dieses Schloß so zugerichtet? Dreißigjähriger Krieg? Mitnichten, die Schäden waren längst ausgebessert - in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges wurde aus einem der besten und hochgelobten Renaissance-Wasserschlösser des Kraichgaus, das seine charakteristische Anlage am besten bewahrt hatte, ein Schutthaufen. Es war der vorletzte Kriegstag im Kraichgau, der 2.4.1945, von alliierten Bombern in einem Akt beispielloser Sinnlosigkeit zerstört, war doch die militärische und strategische Bedeutung des Schlosses Null und der Krieg sowieso schon entschieden. Und noch schlimmer: Aus dem kurpfälzischen Museum Heidelberg waren extra noch die Uhrensammlung und die Münzsammlung hierher in Sicherheit gebracht worden - Ironie des Schicksals, denn Heidelberg wurde kriegsverschont.

Und daß die Reste nicht noch trauriger aussehen, verdanken wir einer großen Aktion 1992-2002 und der Initiative von Baron Dominicus von Mentzingen als Eigentümer und dem Heimat- und Museumsverein Kraichtal, die das mittlerweile überwucherte Schloß wieder freilegen und die Ruine sichern ließen, nachdem die Schuttberge vier Jahrzehnte unter dichtem Bewuchs verborgen waren, sowie dem Engagement ungezählter ehrenamtlicher Helfer. Früher brauchte man 10 Jahre, um dieses Schloß in seiner ganzen Pracht zu errichten, heute dieselbe Spanne, um wenigstens die Ruinen zu sichern. Eine vorbildliche Bürgeraktion, um wenigstens die Reste dieses einst wunderbaren Schlosses zu retten.

Geschichte des Wasserschlosses von Menzingen
Das Renaissance-Schloß ist nicht der erste Bau an dieser Stelle. Ravan von Mentzingen kommt um 1250 in den Besitz des Ortes, vermutlich durch Heirat. Der Ort war erst Lorscher Besitz, dann ein Lehen der Grafen von Katzenelnbogen, ab dem 15. Jh. seit dem Aussterben der Grafen von Katzenelnbogen der Landgrafen von Hessen. Der älteste heute bekannte diesbezügliche Lehnbrief ist von 1359. Und bis zum Ende des alten Reiches 1806 blieben sie Lehnsleute der Landgrafen von Hessen. Bereits im 13. Jh. wird hier eine Burgstatt erwähnt, 1359 eine Tiefburg. An den Dachgesimsen, den Anschlußstellen und den Fensterrahmen der Ruinen kann abgelesen werden, daß dieser gotische Urbau ein Rechteckbau mit zwei Ecktürmen gewesen sein muß. West- und Nordflügel wurden später an diesen Urbau angesetzt.

Dieser gotische und noch relativ wehrhafte Vorgängerbau wurde im Bauernkrieg 1525 unter Anton Eisenhut zerstört, und anschließend von dem Reformator Peter von Mentzingen (1498-1565) wieder aufgebaut, diesmal im schloßartigen Stil (1529-1539). Jener Peter von Mentzingen war Förderer des Melanchthon-Schülers David Chytraeus, der gleichfalls aus Menzingen stammte und Sohn des 1530 als evangelischer Pfarrer nach Menzingen gekommenen Mathäus Kochhaf war. David Chytraeus wurde einer der berühmtesten Theologen seiner Zeit.

Wie kann man in nur zehn Jahren ein so gewaltiges Schloß wiederaufbauen, nachdem gerade der Bauernkrieg die Länder und Dörfer zerstört hat? Peter von Mentzingen wurde für seinen Einsatz bei der Verteidigung des Heiligen Römischen Reiches gegen die Türkengefahr vermutlich reich belohnt, nicht nur mit dem Ritterschlag. Dazu hatte er einen begabten Steinmetz in Gewahrsam, der 1525 mit den Bauern gemeinsame Sache gemacht hatte und das Schloß zerstört hatte. Der Deal war: Begnadigung gegen Wiederaufbau. 10 Jahre Frondienst als Wiedergutmachung statt Kopf ab - das war für beide Seiten die bessere Lösung. Überall in den Ruinen begegnet uns daher an Werksandsteinstücken das Steinmetzzeichen des Büßers. Beim Wiederaufbau wurde die alte Zweiflügelanlage auf drei Flügel erweitert, und zwei weitere Ecktürme kamen hinzu.

Im Barock wurde das Schloß umgebaut, und aus dieser Zeit stammt die Wappentafel über dem Haupteingang (1707). Die Gebäude selbst wurden aber kaum verändert, so daß das Wasserschloß als eines der authentischsten Renaissance-Schlösser des Kraichgaues galt.

Die Herren von Mentzingen hatten im Ort zwar noch ein zweites Schloß, die 1569 errichtete Schwanenburg, aber der Hauptsitz war seit dem 17. Jh. Gondelsheim. Deshalb war das Schloß 1723-1790 zwar unbewohnt, wurde aber weiterhin gepflegt und unterhalten. Kleinere Bauliche Maßnahmen wie die Umwandlung der hölzernen Zugbrücke in eine Steinbrücke und die Aufstockung des Hauptgebäudes wurden in späterer Zeit ausgeführt.

Heute leben die Freiherren von Mentzingen in der Schwanenburg im Ortskern, die übrigens an der unzugänglichen Hoffassade exquisite heraldische Steinmetzarbeiten hat. Aber - privat.

Mentzingen oder Menzingen?
Ursprünglich hieß der Ort nach der Familie und die Familie nach dem Ort, waren also gleich. Doch später haben sich beide Namen auseinanderentwickelt. Die Familie schreibt sich heute „von Mentzingen“, der Ort heißt aber „Menzingen“.

Der Wappenstein über dem Haupteingang
Inmitten der verwunschenen Ruinen ist der dreigeteilte Wappenstein über dem Portal einfach nur spektakulär. Er stammt von einer Umbauphase im Barock und wurde 1707 angebracht. Warum drei Wappen? Hier liegt weder ein Fall von zwei nacheinander geehelichten Frauen noch ein Kondominat vor wie in ähnlichen Anordnungen an anderen Schlössern, sondern es waren einfach zwei Brüder mit zwei Ehefrauen. Das von Mentzingen-Wappen in der Mitte gilt gleichermaßen für Benjamin von Mentzingen (1648-1723, Hofmeister und Geheimer Rat in Stuttgart) und Maximilian von Mentzingen (1635-1708, württembergischer Feldmarschall und Präsident des Geheimen Rats), zur Linken haben wir das Wappen der Ehefrau von Maximilian, Margaretha Elisabeth Schaffelitzki von Muckadell (Heirat 1669), zur rechten das Wappen der Ehefrau von Benjamin, Sophia Charlotte Klenke von Renckhausen (Heirat 1692). Alle heutigen Herren von Mentzingen sind übrigens Nachkommen von Benjamin von Mentzingen, dem jüngsten von insgesamt 5 Brüdern, und Sophia Charlotte Klenke von Renckhausen. Beide Heiraten sind Verbindungen mit Familien, die aus anderen Regionen in württembergische Dienste treten. Die Schaffelitzki von Muckadell sind ein mährisches Geschlecht. Sophia Charlotte Klenke von Renckhausen ist die Erbtochter des Göppinger Oberamtmanns Herbert Balthasar Klenke von Renckhausen, die die ostwestfälischen Güter Lübbecke und Renckhausen in die Ehe bringt.

Optimales Photolicht ist übrigens der Abend, wo die nach Südwesten gerichtete Eingangsfront im goldenen Licht erstrahlt.

Das Wappen der aus Mähren stammenden Schaffelitzki von Muckadell zeigt in Blau einen silbernen geharnischten Arm, einen Hammer haltend. Helmzier rechts ein silbernes und links ein blaues Büffelhorn. Helmdecken blau-silbern. Ein weiteres Wappen dieser Familie zum Vergleich befindet sich auf einer Grabplatte in der Johanniskirche, Brackenheim, Heilbronn (Benigna Schaffelitzki von Muckadell / Griesheim, gest. 1633).

Das Wappen der ostwestfälischen Klenke von Renckhausen zeigt in Silber ein schwarzes Kammrad mit vier Speichen. Helmzier auf gekröntem Helm das schwarze Kammrad aufrecht stehend, oben mit einem Pfauenwedel besteckt. Helmdecken schwarz-silbern. Das Kleinod kann variieren, so kann sich auch das Kammrad zwischen schwarz-silbern oder silbern-schwarzen übereck geteilten Büffelhörnern befinden (Stammbuchblatt des Dyderich Klencke um 1570), auch kann das Kammrad vor einer silbernen, mit Pfauenfedern besteckten Säule vorkommen, so bei Ludolf Klencke 1607 AD. Die Linie zu Hämelschenburg führt nur das Kammrad, mit Pfauenfedern besteckt; die Linie zu Thedinghausen das kammrad zwischen zwei silbernen Stierhörnern. Die Familie Klencke ist Uradel im Gebiet von Hannover, der Grafschaft Hoya und des Herzogtums Lüneburg, wo sich Gutsbesitz seit dem 13. Jh. nachweisen läßt. Weiterhin ist sie im Calenbergischen und Braunschweigischen ansässig und begütert. In Hannover gehörten sie zur Calenberg-Grubenhagen'schen Ritterschaft. Die Klencke zu Thedinghausen gehörten zur Ritterschaft von Hoya-Diepholz.

Die Familien mit dem Rabenwappen
Die Herren von Mentzingen werden erstmals 1216 erwähnt. Die lückenlose Stammreihe der Familie geht zurück bis 1253. Sie sind eines Stammes mit den Herren von Helmstatt und den Göler von Ravensburg, und sie führen alle drei den Raben im Wappen. Der gemeinsame Stammvater ist Raban von Wimpfen, staufischer Reichsministerial. Hinsichtlich ihrer Helmzier unterscheiden sich die drei Geschlechter. So haben die Göler von Ravensburg als Kleinod Kopf und Hals des Raben, aus dem hinten am Hals ein goldener (oder silberner) Kamm hervorkommt mit 5 goldenen (oder silbernen) Spitzen, die meistens mit ebenso vielen Pfauenfedern (Pfauenspiegeln) besteckt sind, und die von Helmstatt ein schwarzes und ein silbernes Büffelhorn auf gekröntem Helm.

Die Herren von Mentzingen haben als Schildbild ebenfalls in Silber einen schwarzen auffliegenden Raben, häufig golden gekrönt, aber auch wie hier ohne Krone möglich, mit goldenem Schnabel, und als Kleinod einen wachsenden silbernen Schwan mit goldenem Schnabel, häufig gekrönt (hier nicht), die Flügel mit goldenen Saxen, Schwungfedern des Schwanes schwarz und mit silbernen Sternen, Kreuzchen oder wie hier mit Lindenblättern belegt. Helmdecken schwarz-silbern.

Berühmte Herren von Mentzingen
Eberhard der Ältere von Mentzingen (nachgewiesen 1353-1387): kurpfälzischer Rat, Kreditgeber der Pfalzgrafen
Eberhard der Jüngere von Mentzingen (nachgewiesen 1381-1426): Marschall am Hof der Pfalzgrafen, Gesandter beim Papst, später Mitglied des pfälzischen Regentschaftsrats
Peter von Mentzingen (1498–1565): Kriegsdienste, zahlreiche Feldzüge gegen die Türken, u. a. bei der ersten Belagerung von Wien. Einführung der Reformation, Förderung der Reformatoren David und Nathan Chytraeus. Erbauer des Renaissance-Schlosses. 1546 Erlaß der Menzinger Dorfordnung.
Bernhard von Mentzingen (1553-1628): Direktor des Kraichgauer Ritterkantons, Erhalt der Unabhängigkeit gegenüber den benachbarten Fürsten, dabei wird in Anlehnung an andere reichsritterschaftliche Vereinigungen die eigene Reichsunmittelbarkeit betont und mit dem Ritterkanton Kraichgau innerhalb der schwäbischen Reichsritterschaft ein entsprechender organisatorischer Rahmen geschaffen.
Johann Bernhard von Mentzingen (1587-1659): Direktor der Kraichgauer Ritterschaft, Engagement im 30jährigen Krieg auf schwedischer Seite im Heilbronner Bund, mit der Folge schwerer Zerstörungen.
Maximilian von Mentzingen (1635-1708): Württembergischer Feldmarschall und Präsident des Geheimen Rats.
Gustav Ferdinand von Mentzingen (1637-1701): Geheimer Rat und Hofmarschall in Baden-Durlach
Benjamin von Mentzingen (1648-1723): Hofmeister und Geheimer Rat in Stuttgart.
Johann Reinhard von Mentzingen (1683-1735): Direktor der Kraichgauer Ritterschaft.
Bernhard Friedrich von Mentzingen (1706-1752): Direktor der Kraichgauer Ritterschaft.

Literatur und Quellen:
Siebmachers Wappenbücher
Hartmut Riehl: Burgen und Schlösser im Kraichgau, Verlag Regionalkultur 1997, ISBN 3-929366-51-7
Zwischen Fürsten und Bauern - Reichsritterschaft im Kraichgau, hrsg. von Clemens Rehm und Konrad Krimm, Heimatverein Kraichgau, Sinsheim 1992, 2. Auflage 1993, ISBN 3-921214-04-1
http://www.ag-landeskunde-oberrhein.de/prot/V410.htm
http://www.burgen-web.de/site55_d.htm
http://www.kraichtal.de/index.php?id=82
http://www.kraichtal.de/Menzingen.40.0.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Herren_von_Mentzingen
Ein herzliches Dankeschön an Herrn Horst v. Griesheim für wertvolle Hinweise
http://finnholbek.dk/genealogy/showmedia.php?&mediaID=1375&medialinkID=&albumlinkID=&page=15
Wolfgang Willig, Landadel-Schlösser in Baden-Württemberg, eine kulturhistorische Spurensuche, 1. Auflage 2010, ISBN 978-3-9813887-0-1, S. 269-270

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