Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 579
Friedberg (Wetterau)

Friedberg: Burgkirche

Die Burgkirche innerhalb der Burgbezirkes von Friedberg ist eine der wenigen frühklassizistischen Kirchen Deutschlands. Der Entwurf stammt vom Baumeister Johann Philipp Wörrishöfer aus Nauheim, der aber wiederum auf einen Entwurf von Franz Ludwig von Cancrins zurückgegriffen haben soll. Die Kirche mit kreuzförmigem Querbau wurde zwischen 1783 und 1808 errichtet, sie wurde am 23.10.1808 geweiht. Der Innenraum ist ein schlichter, streng gegliederter Saal, auch er im Wesen klassizistisch. Der mittelalterliche Vorgängerbau aus dem Jahre 1245 wurde 1783 abgerissen; er befand sich an anderer Stelle, dort, wo sich heute die Turnhalle des Burggymnasiums befindet. Hier, wo sich heute die neue Kirche erhebt, waren dafür im Mittelalter Burgmannenhäuser.

1947 wurde in dieser Kirche "ein bißchen Geschichte gemacht", denn hier versammelten sich 1947 die Delegierten der drei Landeskirchen von Nassau, Frankfurt und Hessen, um ihre Vereinigung zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zu beschließen.

Der Dreiecksgiebel, nach klassizistischer Manier von einer mit Bändern geschmückten Urne bekrönt, zeigt drei Wappen. In der Mitte befindet sich das Prunkwappen des Burggrafen Waldbott von Bassenheim. Deren Wappen wird wie folgt beschrieben: Zwölffach rot-silbern geständert, Helmzier ein silberner Schwan, dessen erhobene Flügel mit je einem 12fach rot-silbern geständerten Schildchen belegt sind. Helmdecke rot-silbern. Als Schildhalter dienen hier zwei Schwäne.

Hier wird auch eine interessante Besonderheit der Burgmannschaft Friedberg deutlich: Von Kaiser Joseph II wurde der St. Josephs-Orden gegründet, exklusiv für Angehörige der Burgmannschaft der Burg Friedberg. Gegründet wurde der Orden im Jahre 1768. Der österreichische Kaiser war Großmeister, der jeweilige Burggraf Großprior, die Burgbaumeister und Regimentsburgmannen bekleideten den Rang von Kommandeuren, und die meisten gemeinen Burgmannen waren Ritter des Ordens.

Hier ist bei allen drei Wappen ein solches Ordensabzeichen zu sehen: Ein goldenes, achtspitziges Kreuz mit weiß emailliertem Rande, auf dem Kreuz der kaiserliche Doppeladler, darüber die Kaiserkrone des Hl. Römischen Reiches. Auf der Brust des Adlers ein Schildchen mit dem Namen St. Joseph (SJ abgekürzt) sowie mit der Umschrift: "Virtutis avitae Aemuli" (die der Tugend der Vorväter Nacheifernden). Auf der blauen Rückseite des Kreuzes in der Mitte die goldenen Worte "Imperatoris Auspiciis Lege Imperii conservamur" (unter des Kaisers Schutz werden wir durch die Reichsgesetze aufrechterhalten).

Eine Besonderheit, die sich auch heraldisch ausdrückt, ist die Erbritterwürde des Deutschen Ordens. 1764 wurde Johann Maria Rudolf Waldbott von Bassenheim sowie dem jeweiligen ältesten Stammhalter die Erbritterwürde verliehen. Daran war das Recht geknüpft, das Komturkreuz tragen zu dürfen und den Waldbott-Schild mit dem Deutschordensschild zu unterlegen. So kommt es, daß von der Familie Komturwappen existieren, ohne daß sie tatsächlich einer Kommende vorstanden. Ein solches Wappen findet sich hier an der Burgkirche und auch am Marstall, in beiden Fällen liegt unter dem geständerten Schild noch ein Deutschordensschild.

Das optisch linke Wappen ist das des Burgbaumeisters Freiherr Rau zu Holzhausen: In Silber ein roter Balken. Helmzier ein Paar Büffelhörner, ebenfalls silbern mit rotem Balken. Helmdecken rot-silbern. Es ist das einzige Wappen in der Reihe ohne Schildhalter, ihre Stelle nehmen Girlanden ein. Insbesondere bei den randständigen Wappen fällt die unterdimensionierte Helmzier auf, die die in dieser Zeit vollständig geänderten Proportionserwartungen widerspiegelt. Alle drei Schilde sind von einem Ordensband umgeben. Mit der Richtung des Balkens, der ein ganz normaler Balken und kein Schrägbalken ist, wird hier recht locker umgegangen.

Das optisch rechte Wappen ist das des Burgbaumeisters Freiherr Zobel von Giebelstadt-Darstadt. Das Wappen zeigt in Silber einen roten Pferdekopf mit schwarzem Zaumzeug. Die zugehörige Helmzier ist ebenfalls ein wachsender roter Pferdekopf mit schwarzem Zaumzeug. Die Helmdecken sind rot-silbern. Die Steinmetzarbeit zeigt hier die korrekte Schraffur für Rot. Als Schildhalter dienen zwei asymmetrische Löwen.

Konkret lassen sich die Wappen folgenden drei Personen zuordnen: Burggraf Johann Maria Rudolph Waldbott von Bassenheim, Freiherr Eugen Friedrich Sigmund zu Holzhausen und Freiherr Franz Wilhelm Zobel von Giebelstadt-Darstadt.

Hier sehen wir noch den Sandstein, Zustand 2007, 2009 war die Fassade frisch in den Farben grau/weiß gestrichen.

Position der besprochenen Wappen im schematischen Burggrundriß.

Literatur, Quellen und Links:
Siebmachers Wappenbücher
Informationstafel am Gebäude
Burg Friedberg:
http://www.wissenportal-friedberg.info/index.html - Geschichte: http://www.wissenportal-friedberg.info/Wissenportal18.html - Georgsbrunnen: http://www.wissenportal-friedberg.info/Wissenportal07.html - Rundgang: http://www.wissenportal-friedberg.info/Rundgang_Burg.html - Südseite: http://www.wissenportal-friedberg.info/Wissenportal03.html - Nordseite: http://www.wissenportal-friedberg.info/Wissenportal04.html - Burgkirche: http://www.wissenportal-friedberg.info/Wissenportal08.html - Wache und Kanzlei: http://www.wissenportal-friedberg.info/Wissenportal09.html - Schloß: http://www.wissenportal-friedberg.info/Wissenportal06.html - Wetterauer Rittergesellschaft: http://www.wissenportal-friedberg.info/Wetterauer_Rittergesellschaft.html
Burgfreunde Friedberg:
http://www.burgfreunde-friedberg.de/index2.html
Siebmachers Wappenbücher, bes. Band Bistümer
Michael Keller, Stadtführer Friedberg, hrsg. vom Friedberger Geschichtsverein e.V., ISBN 3-87076-072-9
Michael Keller, Klaus-Dieter Rack, Hans Wolf, Burg Friedberg - Adolfsturm - Römisches Bad, hrsg. vom Friedberger Geschichtsverein e.V.
Friedberger Geschichtsverein:
http://www.friedberger-geschichtsverein.de
Burggymnasium
http://www.burggymnasium-friedberg.de/index.html - http://www.burg100.de/ - Burggeschichte: http://www.burg100.de/burggeschichte/burggeschichte.htm
Hans Wolf, Michael Keller, Dr. Klaus-Dieter Rack, Dr. Vera Rupp: Burg Friedberg:
http://www.fh-friedberg.de/fbhistorisch/Burg_Friedberg.pdf
Kulturdenkmäler in Hessen:
http://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/cgi-bin/mapwalk.pl?obj=5496&session=913&event=Query.Details (Landesamt für Denkmalpflege Hessen) - http://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/cgi-bin/mapwalk.pl?obj=5571&session=913&event=Query.Details

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