Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 498
Schloß Thurnau in Thurnau (Oberfranken)

Schloß Thurnau - Teil (4): Wappen an der dem Schloßsee zugewandten Außenmauer:

Hoch oben an der dem See zugewandten Außenwand des Karl-Maximilian-Baues befindet sich ein Wappenstein mit langer Inschrift. Die Jahreszahl ist mit 1705 angegeben, die in Teilen schwer leserliche Inschrift erwähnt eine Restaurierung des Schlosses, auch ein "illustrissimus" Graf und Herr von Giech mit Namen Karl Gottfried von Giech, Dynast von Thurnau, wird erwähnt. Das ist derselbe, der auch die Schloßkirche neu erbauen ließ.

Auf dem Höhepunkt des Selbstbewußtseins: Der Erwerb der Landeshoheit
Illustrissimus und Dynast: Warum wird in der Inschrift so dick aufgetragen? Immerhin war man 1680 in den Reichsfreiherrenstand und 1695 in den Reichsgrafenstand erhoben worden, und 1699 hatte man gegen Zahlung einer beträchtlichen Summe Geldes in einem Vertrag mit den Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach-Bayreuth die Landeshoheit über die Herrschaft Thurnau und nach jahrhundertelangem Gezerre endlich die Hohe Gerichtsbarkeit erworben - also kann man sich zu recht ein bißchen auf die stolz geschwellte Brust klopfen. Am 26.05.1699 wurde in Bayreuth ein Hauptrezess unterzeichnet, der den Grafen von Giech die "hohe und fraischliche Obrigkeit, Cent und Blutbann cum omnimoda jurisdictione et jure territoriali in und umb Thurnau, sodan Peesten und deren Zugehör ..." als Reichsafterlehen zusprach. In einem Nebenrezeß wurden ergänzende Kleinigkeiten geregelt. Wichtig war für die Reichsgrafen von Giech: Erwerb der Landeshoheit, der Territorial- und Malefizgerechtigkeit über 340 Haushaltungen, Erwerb der Hohen Gerichtsbarkeit, Anspruch auf Landeshoheit auch in den Orten der ehemaligen "Konkurrenz", derer von Künsberg, ungestörte Religionsausübung im Sinne der Confessio Augustana "auf ewige Zeiten". Wichtig für den Bayreuther Markgrafen war - Geld, um seine Schulden zurückzahlen zu können. Formal wurde die Landeshoheit im November 1699 mit einem Umgrenzungsritt und entsprechender Bekanntgabe in den betreffenden Orten vollzogen.

Blick von Nordosten auf den Ostflügel mit dem Weißen Turm

Das Ende der Standesherrschaft Thurnau
Der Vertrag war nachher das Papier nicht mehr wert, auf dem er stand, denn Preußen "mediatisierte" im Jahre 1796 die Herrschaft Thurnau gewaltsam unter Anfechtung besagten Vertrages durch Kur-Brandenburg, eine gräßliche politisch-militärische Intrige, deren Opfer die Reichsgrafen von Giech wurden - lediglich der Sitz im fränkischen Reichsgrafenkollegium blieb ihnen, was ebenfalls deutlich zeigt, daß es den Markgrafen von Bayreuth nur um Geld und Preußen nur um eine zeitgemäße Form des Bodenraubes ging. 1810 wurde die Grafschaft Thurnau in Bayern eingegliedert und verbleibt seitdem in Bayern. 1848 wurde das Patrimonialgericht Thurnau aufgelöst.

Ein gräflich Giech'sches Wappen
Das Wappen ist stark verwittert, einige Elemente können aber gut erkannt werden wie die Scheren und der Schwan aus dem Giech-Wappen, und der Rest erschließt sich dann. In der Tat handelt es sich um ein vermehrtes Giech-Wappen:

Das Wappen ist zweimal geteilt und zweimal gespalten und enthält somit 9 Felder:

Interessant ist hier das Auftauchen des Wappens der Praunfalk: Diese mußten wegen ihres evangelischen Bekenntnisses ihre Heimat in der Steiermark verlassen, kamen nach Franken und verbanden sich mit den Giech durch Heirat. Die Kugeln, das Mühlrad und der Arm tauchen zuerst im Grafendiplom von 1695 auf. In anderen Darstellungen des vermehrten Wappens der Reichsgrafen von Giech ist aber auch ein Element, das hier gänzlich fehlt: In Rot ein silberner Schrägrechtsbalken, belegt mit drei blauen Hufeisen. Davon hier keine Spur. In der beschriebenen Form taucht das Wappen am Adelsstand in der mit dem Schloß durch einen auf Stelzen stehenden gedeckten Gang verbundenen Schloßkirche auf (vgl. die Seite über die Kirche St. Laurentius).

Man beachte die zwei auswärts gestellten Schwäne als Schildhalter, die mit über den Rücken nach hinten gebogenen Hälsen mit ihren Schnäbeln die den Ovalschild umgebenden Ranken greifen - eine in der Heraldik einmalige Verrenkung.

Abb.: Blick vom Schloßweiher auf Schloß Thurnau mit seinen beiden Türmen, dazwischen der Kutschenbau von 1714, ganz rechts der Weiße Turm, linkerhand des Vordergrund-Turmes (Cent-Turm) der Karl-Maximilian-Bau, hinter dem links die hohen Kemenate aufragen. Der Centturm diente als Gefängnis, da die Giechs als Landesherren auch die hohe Gerichtsbarkeit ausüben durften. Das Wappen befindet sich am Vordergrund-Turm in Höhe des Daches des rechterhand angebauten Gebäudes, vom kahlen Baum gerade verdeckt. Zwischenzeitlich war der See verschwunden, als man das gestaute Wasser nicht mehr zur Verteidigung benötigte. Das Verschwinden des Schloßweihers und der gesunkene Grundwasserspiegel war von sehr ungünstiger Wirkung für die Fundamente der Gebäude. Die sog. Weiherwiese wurde im Jahr 1978 wieder in einen Schloßweiher zurückverwandelt.

Abb.: Blick in den oberen Hof, links der Hans-Georgen-Bau (aufgestockt 1710), im Vordergrund der Brunnen, hinter der ebenfalls unter Hans Georg von Giech erbauten Treppenturmspindel die welsche Haube des Weißen Turmes, rechts angeschnitten der später im Jahre 1714 errichtete Kutschenbau. Der Brunnen im oberen Hof wurde 1755 vom Thurnauer Maurermeister Johann Gabriel Tauber nach Plänen des Bildhauers Georg Caspar Clemm aus Römhild geschaffen. Der dem Hans-Georgenbau im Westen gegenüberliegende und sich hier außerhalb des Bildes befindende Karl-Maximilian-Bau (erbaut 1729-1731) beherbergte die gräflichen Wohnräume. Der letztgenannte Flügel wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jh. mit einem Rokokogiebel versehen und innen mit exquisitem Bayreuther Stuck ausgestattet. Einzigartig in Franken ist der Tapetensaal im Inneren mit Landschaftsveduten.

Literatur und Quellen:
Schloßgeschichte: http://www.landschaftsmuseum.de/Seiten/Heimatpf/Schloss-Geschichte.htm
Thurnau:
http://www.thurnau.de/
Thurnau:
http://de.wikipedia.org/wiki/Thurnau
Schloß Thurnau:
http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Thurnau
Lebschée:
http://www.landschaftsmuseum.de/Seiten/Heimatpf/Thurnau-Lebschee.htm
FIMT:
http://www.fimt.uni-bayreuth.de/de/about_us/schloss_thurnau/index.html
Giech:
http://de.wikipedia.org/wiki/Giech_(Adelsgeschlecht)
Uta von Pezold, Die Herrschaft Thurnau im 18. Jahrhundert; Plassenburg, Band 27, Kulmbach 1968
Thurnau 1239-1989, Festschrift, herausgegeben 1989 anläßlich der 850-Jahrfeier des Marktes Thurnau
Uta von Pezold, Thurnau, ein kleiner Führer durch seine Geschichte, Thurnau 1987
Siebmachers Wappenbücher
Genealogien:
http://worldroots.com
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener 3. Aufl. 1999
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
Anm.: Der Centturm wird fälschlicherweise auch in der Literatur als Zehntturm bezeichnet. Das ist nicht korrekt, sondern geht auf einen Fehler bei A. Gebessler, Kurzinventar Denkmale Landkreis Kulmbach, zurück und wird seitdem falsch abgeschrieben.
Ein herzliches Dankeschön an Frau Uta von Pezold für wertvolle Hinweise

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