Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 494
Schloß Thurnau in Thurnau (Oberfranken)

Schloß Thurnau (Teil 1a): Bauzustand und Wappenübersicht

Schloß Thurnau liegt im Landkreis Kulmbach in Oberfranken, in idyllischer Lage am Fuße des Fränkischen Jura. Eigentlich ein eher unscheinbarer Ort, wäre da nicht das gewaltige bauliche Ensemble mittendrin, bestehend aus Schloß, mit diesem durch eine Brücke verbundener Kirche und direkt neben der Kirche ein schönes Renaissancegebäude, jetzt Museum, früher Lateinschule. Dieses schöne und repräsentative Ensemble, eine der größten und weitläufigsten Schloßanlagen Frankens, war Sitz einer Herrschaft, die in einem Balanceakt zwischen zwei mächtigen Nachbarn, den Andechs-Meraniern bzw. Markgrafen von Kulmbach einerseits und dem Hochstift Bamberg andererseits zur Blüte kam. In der Tat ist Schloß Thurnau ein durch die Zeiten gewachsenes architektonisches Dokument, das sich von der wehrhaften Burg zu einem repräsentativen Schloß entwickelt hat und Bauteile aus Spätromanik, Gotik, Renaissance und Barock umfaßt. Und was das Schloß ebenfalls einzigartig macht, ist die Tatsache, daß es auf's engste mit drei reichsritterschaftlichen Familien verbunden ist: Förtsch, Giech, Künsberg.

Abb.: Blick auf die hohen Kemenate, davor die vordere Schnecke, rechts der erste Turm an der marktseitigen Schildmauer, ganz rechts der Gang zur Kirche.

Die Keimzelle: Das „hûs ûf dem stein“ der Förtsch
Der optische Hauptanziehungspunkt ist der Kemenatenbau, natürlich auch wegen seiner hübschen Bauplastik an Erker und Schneckentürmen, vor allem aber wegen seiner Dimensionen: Turmhoch ragt der Bau auf und überragt alle angrenzenden Gebäude. Hier war auch zugleich einer der ältesten Teile des Schlosses, sozusagen seine Keimzelle, um die herum es sich entwickelte und im Laufe der Zeit veränderte. Im 12. Jh. erwarben hier die Förtsch von Menchau Eigentum. Durch Zukauf wuchs dieser Grundbesitz weiter, und gegen Ende des 13. Jh. hatten die Förtsch eine zwar kleine, aber zusammenhängende Adelsherrschaft aufgebaut, die ca. 10 Dörfer und Weiler umfaßte.

Abb.: Blick aus dem oberen Hof über den Brunnen auf die hohen Kemenate linkerhand und den Hans-Georgen-Bau rechterhand. Man erkennt bei den Kemenaten, daß diese auf gewachsenem Felsen stehen und daß es sich hierbei um das allererste „hûs ûf dem stein“ handelt, um das herum sich das Schloß im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Zwei rechteckige Höfe stoßen an diesen Kemenatenbau, baugeschichtlich jünger. Nur die beiden in die den größeren Hof umgebenden Flügel integrierten, aber sie überragenden Türme stammen ebenfalls noch von einer älteren Baukonzeption (2. Bauphase). Das allererste Schloß in Thurnau bestand aus einem festen Haus (Bauphase 1), angrenzenden ummauerten Hof, anschließend gesichert durch diese beiden Türme (Cent-Turm und Weißer Turm, Bauphase 2). Diese Turmburg, als „hûs ûf dem stein“ bezeichnet, wurde vom alten Reichsrittergeschlecht der Förtsch auf einem Sandsteinfelsen im Sumpfgelände des Aubaches errichtet. Von dieser Lage leitet sich auch der Name des Ortes ab - Turm in der Au = Thurnau. Thurnau wird übrigens zuerst 1060 urkundlich erwähnt. Die welschen Hauben der beiden Türme sind jüngeren Datums; sie wurden erst im 18. Jh. den mittelalterlichen Türmen aufgesetzt.

Ende des 13. Jh. bestand die Burg Thurnau also aus den Kemenaten, zwei Türmen im Süden, einem südlichem Vorhof und westlichem Hof. Gräben ringsum schützten diese frühe Burganlage, im Süden und Westen vom Aubach mit Wasser gespeist, im Osten und Norden als Trockengraben.

Zerstörungen und Erweiterungen unter den Förtsch
Das 15. Jh. war kriegerisch und brachte Zerstörungen, vor allem in den Hussitenkriegen. Die Burg wurde verstärkt und weiter ausgebaut, dabei wurden der Archivbau, wahrscheinlich auch der Storchenbau und der Südteil der Kemenate errichtet (Bauphase 3). Der Trockengraben wurde ebenfalls stärker befestigt, zur Marktstraße hin besteht ein Zwinger, die den Wohngebäuden vorgelagerte nördliche Wehrmauer (ca. 1500 AD) wird von drei Rundtürmen verteidigt. Eine weitere Zerstörung brachte 1525 der Bauernkrieg. Im Laufe des 16. Jh. wurde die Burg repariert und weiter ausgebaut. Vor 1551 fand die Erneuerung der Südwest-Ecke der Kemenate statt. Insbesondere wurden die bislang nur mit Mauern umgebenen Höfe mit Flügelbauten bereichert. In der zweiten Hälfte des 16. Jh. wurden zwei Flügel im unteren Hof errichtet, dort, wo heute der sog. Künsbergbau steht (Nordflügel mit Arkaden zum Hof, Bauphase 4).

Umbau in ein Schloß unter den Giech und den Künsberg
Von 1565 bis 1731 wohnen und herrschen hier zwei Adelsfamilien gemeinsam und teilen sich den Besitz (Condominium der Giech und der Künsberg). Die Künsberg haben noch andere repräsentative Wohnsitze, insbesondere Wernstein, die Giech verlegen ihren Hauptwohnsitz nach Thurnau und bauen ihn entsprechend zu einer repräsentativen Residenz im Stile der Renaissance um. Hans Georg von Giech, der erste Giech auf Schloß Thurnau, läßt nach 1580 den Torbau errichten. Die Kemenate, einstige Keimzelle der Burg, werden um drei Stockwerke auf insgesamt 33 m Höhe aufgestockt und umgebaut. 1581 erhalten sie einen neuen Renaissance-Südgiebel, ferner wird der schmucke Gebetserker angebaut. In den Jahren 1583 und 1591 werden den Kemenaten neue Treppenhäuser verpaßt, zu unbequem sind die alten Treppen im Innern geworden, die beiden Schneckentürme entstehen. Im oberen Schloßhof werden die Gebäude vergrößert: Über dem älteren Kernbau aus dem 14. und 15. Jahrhunderts (noch unter den Förtsch erbaut) wird 1600-1606 der Hans-Georgen-Bau mit zugehörigem Treppenturm in der Tiefe des Hofes errichtet. Im Kern bleibt der alte Bau erhalten, aber ein vorkragendes Obergeschoß wird aufgesetzt, zur Abstützung des neuen Obergeschosses wird dem älteren Gebäudeteil hofwärtig eine tragende Arkade vorgesetzt.

Barocke Ergänzungen
Die nächste Erneuerung von Gebäuden, zeitlich nach dem 30jährigen Krieg gelegen, betrifft die den unteren Schloßhof umgebenden Gebäude: Im Jahre 1675 wird der Künsbergflügel erneuert. Außerhalb des Schlosses entsteht 1701-1706 der Neubau der St. Lorenz-Kirche, schon im barocken Stil. 1710 wird der Hans-Georgen-Bau am oberen Schloßhof zum dritten Mal verändert: Er wird ein zweites Mal um ein Stockwerk erhöht und erhält ein barockes Dachwerk. Schon damals war die Gründung des Baues unzureichend, und die ersten Probleme traten schon Mitte des 17. Jh. auf, denn schon 1658 kam es zu Reparaturmaßnahmen an den Erdgeschoßmauern aus dem 16. Jh., die schon unter Last des ersten Obergeschosses Probleme zeigten. 1714 wird neben dem Hans-Georgen-Bau der Kutschenbau errichtet, die beiden alten Türme verbindend, und schließlich wurde die Bebauung des oberen Hofes 1729 mit dem Karl-Maximilians-Bau geschlossen.

Abb.: Blick auf den Künsberg-Flügel mit Toreinfahrt zum unteren Hof und linkerhand dem ersten Turm der marktseitigen Schildmauer.

Gefährdetes Kulturdenkmal
Die Familie der Reichsgrafen von Giech unternahm bereits im 19. Jh. Renovierungsarbeiten, denn der Untergrund war schlecht, schließlich stand nur der Kemenatenbau auf Fels, der Rest auf feuchtem Untergrund. Die mehrmalige Überbauung einiger Gebäudeteile trug erschwerend zur Gründungsproblematik bei. Das ist bis heute ein ungelöstes Problem. Der obere Hof und die Gebäude um ihn herum ist mittlerweile in gut wiederhergestelltem Zustand, Spuren aufwendiger Arbeiten zur Sicherung der Gebäude sind sichtbar. Der Hans-Georgen-Bau ist auf seiner Außenseite beispielsweise mit drei massiven, optisch sehr stark störenden Strebepfeilern aus Beton verstärkt worden. Aber er hat wenigstens ein nageleues Dach, ist wieder stabil und wird erhalten. Hier war das Problem eine mehrfache Erweiterung der Gebäude und Aufstockung, denen die Fundamente nicht mehr gewachsen waren. Der Karl-Maximilian-Bau und der Künsberg-Flügel werden momentan außen mit massiven Verankerungen aus Stahl und Holzbalken vor dem Ausbauchen der Mauern nach außen geschützt. Kritisch ist der Zustand der Gebäude rings um den unteren Schloßhof, hier sind Bau- und Sanierungsarbeiten im Gange, die Gebäude sind akut gefährdet.

Das ist ein Beispiel für den gefährdeten Zustand von Schloß Thurnau: Ein Erker, ein Meisterwerk der Renaissance mit Reliefdarstellungen, wird nur noch durch einen Haufen chaotisch vernagelter Bretter und Balken unterfangen, aus dem Erker selbst sind schon etliche Steine herausgebrochen.

Heutige Nutzung
Nach dem Aussterben der Giech im Mannesstamme im Jahre 1938 ging das Schloß an die Freiherren Hiller von Gaertingen. Danach wurde das Schloß Thurnau im Jahre 1972 in die Gräflich-Giechsche Spitalstiftung überführt. Fünf Jahre später zog das FIMT, das Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth, in den Hans-Georgen-Bau ein. Im renvovierten Karl-Maximiliansbau wurde 1990 ein Wissenschaftszentrum eröffnet. Eine dringend notwendige Renovierung des Hans-Georgen-Baues machte 1994-2005 eine Interims-Unterbringung des FIMT im Künsbergs-Bau notwendig, bis es den Hans-Georgen-Bau wieder beziehen konnte. Das Torhaus wird ebenfalls vom Institut belegt, hier sind Medienräume und Archivräume eingerichtet. Im Kutschenhaus sind Theater, Kleinkunstbühne, weitere Veranstaltungsräume, Lagerräume und Betriebsräume untergebracht.

Heraldisch wertvolles Schloß
Das Schloß selbst hat insgesamt 7 Wappensteine bzw. Wappengruppen: Über dem Torhaus, an der Außenwand in Richtung auf den See, an beiden Schneckentürmen, der eine außen an den Kemenaten, der andere im unteren Schloßhof, eines an der Außenmauer des Zwingers zur Marktstraße hin, eine ganze Gruppe von Wappen an dem Erker am Kemenatengebäude und eine Sammlung von Epitaphien in einer Nische vor dem Kemenaten-Gebäude (in einer überbauten Nische an der oberen Schmalseite des unteren Hofes war 2007 eine Art Lapidarium eingerichtet, bis 2014 wurde dieses Lapidarium jedoch aufgelöst, z. T. sind die Steine jetzt im Oberen Schloßhof, z. T. an unbekanntem Ort). Diese Wappen werden im folgenden einzeln dargestellt.

Vor allem ist dabei interessant, daß uns hier als Besitzer drei reichsritterschaftliche Familien begegnen, die Förtsch, die Giech und die Künsberg, nebst der in Ahnenproben gezeigten Verwandtschaft, die sich wie das Who's who des fränkischen Adels liest. Ferner sind sehr schöne und farbig gefaßte Wappen am Herrschaftsstand der Kirche nebst weiteren Epitaphien, und die ehemalige Lateinschule gleich nebenan hat ebenfalls Wappen im Giebel, insgesamt ein äußerst reichhaltiges Ensemble, das auch mit zwei Dreifach-Allianzwappen aufwarten kann.

Literatur und Quellen:
Schloßgeschichte: http://www.landschaftsmuseum.de/Seiten/Heimatpf/Schloss-Geschichte.htm
Thurnau:
http://www.thurnau.de/
Thurnau:
http://de.wikipedia.org/wiki/Thurnau
Schloß Thurnau:
http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Thurnau
Lebschée:
http://www.landschaftsmuseum.de/Seiten/Heimatpf/Thurnau-Lebschee.htm
FIMT:
http://www.fimt.uni-bayreuth.de/de/about_us/schloss_thurnau/index.html
Uta von Pezold, Die Herrschaft Thurnau im 18. Jahrhundert; Plassenburg, Band 27, Kulmbach 1968
Thurnau 1239-1989, Festschrift, herausgegeben 1989 anläßlich der 850-Jahrfeier des Marktes Thurnau
Uta von Pezold, Thurnau, ein kleiner Führer durch seine Geschichte, Thurnau 1987
Siebmachers Wappenbücher
Genealogien:
http://worldroots.com
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener 3. Aufl. 1999
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die
Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
Anm.: Der Centturm wird fälschlicherweise auch in der Literatur als Zehntturm bezeichnet. Das ist nicht korrekt, sondern geht auf einen Fehler bei A. Gebessler, Kurzinventar Denkmale Landkreis Kulmbach, zurück und wird seitdem falsch abgeschrieben.
Ein herzliches Dankeschön an Frau Uta von Pezold für wertvolle Hinweise

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