Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 413
Trier: Im Schatten der glanzvollen Kurfürsten

Grabenstraße 20

Die hier vorgestellten Wappen sind in der Grabenstraße 20 zu finden. Der Name Grabenstraße, der sofort Stadtmauer und Wallgraben assoziiert, mutet mitten in der Innenstadt seltsam an, aber das liegt an der Struktur des historischen Triers: Nachdem die Römerzeit vorbei war und die Stadtgröße erheblich schrumpfte, wurde das Areal um den Dom zur neuen urbanen Keimzelle, umschlossen von der Ludolfinischen Mauer, die als Bering mit Mauern und Türmen bzw. Turmhäusern die Domfreiheit mit Kirchen und Kurien einschloß. Und als sich die an letztere im Westen anschließende Marktstadt herausbildete, war hier tatsächlich einmal eine Grabenbefestigung der Domimmunität, und der Straßenname (supra fossatum = auf dem Graben) ist seit der Mitte des 12. Jh. urkundlich belegt. Die Grabenstraße ist die einzige Stelle, an der die ansonsten an den drei anderen Seiten völlig hinter den Stadthäusern eingebaute Kirche St. Gangolf hervortritt, nämlich mit ihrem geraden Chorabschluß gleich rechts neben der Hausnummer 20. Das genannte Anwesen steht mit der Gangolfskirche in engem Zusammenhang, denn hier befand sich ein spätmittelalterlicher Zugang zur dahinterliegenden Sakristei von St. Gangolf.

 

Über der modernen Haustür befindet sich eine Dreiergruppe aus einer in eine Nische gestellten Madonna mit Kind, wobei der bogenförmig vortretende Sockel eine Konsole mit einem geflügelten Engelskopf besitzt, und zwei seitlich angebrachten Wappenschilden, beide einwärts geneigt. Die beiden Wappenschilde kennzeichnen die beiden Trierer Fürstbischöfe, in denen wesentlich am heutigen Erscheinungsbild von St. Gangolf gearbeitet wurde. Die Pfarrei wurde im 10. Jh. gegründet. Ein gotischer Um- oder Neubau erfolgte kurz nach 1300. Der im Westen stehende Kirchturm, der ursprünglich freistand, wurde um 1344 ausgeführt und umfaßte damals die unteren vier Stockwerke. Diese beiden Baumaßnahmen fallen in die Regierungszeit von Fürstbischof Balduin von Luxemburg (1307-1354), und deshalb ist sein Wappen optisch rechts zu sehen. Der spätgotische heutige Langbau wurde rund hundert Jahre später begonnen und um 1460 vollendet. In dieser Zeit saßen Werner von Falkenstein (1388-1418), Otto von Ziegenhain (1418-1430), Raban von Helmstätt (1430-1439), Jakob I. von Sierck (1439-1456) und Johann II. von Baden (1456-1503) auf dem erzbischöflichen Stuhl. Der Westturm wurde als letzte spätgotische Baumaßnahme bis 1507 aufgestockt, was schon in die Regierungszeit von Jakob II. von Baden (1503 bis 1511) fällt. Das Wappen optisch links ist also das des Fürstbischofs, der bei Vollendung der spätgotischen Kirche bzw. ihres Kirchturmes in Kurtrier regierte.

 

Die beiden Trierer Fürstbischöfe Johann II. von Baden (1456-1503) und Jakob II. von Baden (1503 bis 1511) führen einen identischen Wappenschild; er ist geviert (Abb. oben links), Feld 1 und 4: in Silber ein durchgehendes rotes Kreuz, Fürsterzbistum Trier (Kurtrier), Feld 2 und 3: in Gold ein roter Schrägrechtsbalken, Stammwappen der Markgrafen von Baden. Unter ersterem wurde das Langhaus von St. Gangolf vollendet, unter letzterem der Westturm.

 

Fürstbischof Balduin von Luxemburg (1307-1354) führt einen gevierten Wappenschild, Feld 1 und 4: in Silber ein durchgehendes rotes Kreuz, Fürsterzbistum Trier (Kurtrier), Feld 2 und 3: in mehrfach (heute i. a. 9x, was hier nur in Feld 2 realisiert ist) silbern-blau geteiltem Feld ein einwärts gestellter roter Löwe, Stammwappen des Hauses Luxemburg. Unter diesem Fürstbischof wurde der untere Teil des Westturmes erbaut. Er hatte auch die beiden Osttürme des Domes in Auftrag gegeben. Die gegenwärtige Farbfassung des Wappenschildes (Abb. vorletzte Reihe rechts) ist falsch, weil das kurtrierische Kreuz auf goldenem Grund steht. Deshalb wird in der letzten Reihe oben rechts ein modifiziertes Photo gezeigt: So und nicht anders wäre der Anstrich des Wappenpaares korrekt!

Literatur, Links und Quellen:
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Band 17.1, Hrsg. im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung und Kultur vom Landesamt für Denkmalpflege: Stadt Trier, Altstadt, bearbeitet von Patrick Ostermann, Wernersche Verlagsgesellschaft Worms, 2001, ISBN 3-88462-171-8, S. 118-119.
Grabenstraße:
http://www.roscheiderhof.de/kulturdb/client/einObjekt.php?id=3907
Balduin von Luxemburg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Balduin_von_Luxemburg
Balduin von Luxemburg:
http://www.saarland-biografien.de/Luxemburg-Balduin-von
Balduin von Luxemburg:
http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/B/Seiten/BalduinvonLuxemburg.aspx
Jakob II. von Baden:
https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_II._von_Baden
Jakob II. von Baden:
http://www.saarland-biografien.de/Baden-Jakob-von
Bernhard Endrulat: Jakob II., Kurfürst von Trier, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 13, Duncker & Humblot, Leipzig 1881, S. 548 f.
https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Jakob_II.
Johann II. von Baden:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_II._von_Baden
Johann II. von Baden:
http://www.saarland-biografien.de/Baden-Johann-von
Bernhard Endrulat: Johann II., Erzbischof und Kurfürst von Trier, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 14, Duncker & Humblot, Leipzig 1881, S. 421-423,
https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Johann_II._(Erzbischof_und_Kurfürst_von_Trier)
Konrad Krimm: Johann II., Markgraf von Baden, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 539 f.,
https://www.deutsche-biographie.de/gnd119273187.html#ndbcontent - http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016327/images/index.html?seite=553
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Die Wappen der Fürstbischöfe und Bischöfe von Trier - Teil (1) - Teil (2)

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