Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 371
Aschaffenburg (Regierungsbezirk Unterfranken)

Stiftskirche St. Peter und Alexander: Melchior von Graenroth

Im Hauptschiff der Stiftskirche St. Peter und Alexander befindet sich auf der Nordseite des Hauptschiffs an der Südfläche des siebten Pfeilers das aus Bronze gegossene Epitaph von Melchior von Graenroth. Der Name der Familie wird sehr unterschiedlich geschrieben; am Epitaph wird die Schreibweise Graenroth in der Inschrift und Graenrod am Ahnenwappen gewählt; üblich sind auch Graenrodt, Grorod, Grünrod etc. Melchior von Graenroth war kurfürstlicher Rat und kurmainzischer Vizedom in Aschaffenburg und ist am 20.6.1578 verstorben. Er war mit Anna geb. von Gemmingen, verw. von Praunheim verheiratet, die 1577 verstarb, ein Jahr vor ihm selbst. Melchior verstarb ohne eigene Kinder. Der Stamm wurde von seinen Brüdern Philipp und Eberhard fortgesetzt; ersterer war Amtmann in Lahnstein und Vitztum (Vizedom) im Rheingau; letzterer war Oberamtmann zu Trarbach und Oppenheim.

 

Das Epitaph wird durch markante horizontale Profile in drei Zonen aufgeteilt. Der Aufsatz enthält das Wappen des Verstorbenen in einem Lorbeerkranz, von zwei Putten flankiert, ganz oben ist ein Pelikan in seinem Nest mit drei Jungvögeln. Die unterste Zone trägt die Inschrift. Die aufwendigste Zone ist die mittlere: Im Zentralfeld kniet der Vizedom barhäuptig, mit gefältelter Halskrause und in Prunkrüstung gekleidet, das Schwert an der Seite, mit zur Anbetung gefalteten Händen vor dem Gekreuzigten. Auf der anderen Seite sind zwei weitere Figuren dargestellt, Maria und Johannes, im Hintergrund die Stadtsilhouette von Jerusalem. Dieses rechteckige Zentralfeld wird von zwei hochrechteckigen Feldern flankiert, auf denen insgesamt vier Ahnenwappen mit separaten Beschriftungskartuschen angebracht sind.

Das Epitaph wurde 1584 gegossen und ist eine Arbeit des Rotgießers Hieronymus Hack. Dieses Epitaph gilt aufgrund der hohen kunsthandwerklichen Qualität als sein Meisterwerk. In den Staatlichen Museen in Berlin befindet sich ein Terrakottarelief des auf Golgatha knienden Melchior von Graenroth, welches dem Bildhauer Johan Gregor van der Schardt zugeschrieben wird und als Modell für diesen Teil des Bronzereliefs diente.

Die Inschrift in der untersten Zone des Epitaphs lautet: "IM IA(H)R NACH DER GEBVRT CHRISTI MDLXXVIII DEN XX IVNY IST IN GOTT VERSCHI(E)DEN DER GESTRENG EDEL VND ERNVEST MELCHIOR VON GRAENROTH MEINTZISCHER CHVRFVRSTLICHER RATH VND VIZDHOM ZV ASCHAFFENBVRG DESSEN SEEL(E) GOT(T) GENEDIG SEIN WOLLE AMEN".

Das Familienwappen Graenroth des Verstorbenen ist ganz oben innerhalb eines kreisrunden Lorbeerkranzes zu sehen, in Schwarz ein goldener Balken, begleitet von drei (2:1) goldenen Kugeln, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken ein wachsender, schwarz gekleideter Mann, eine silberne Hacke (Rodehacke, Rodehaue -> redendes Wappen) mit natürlichem Stiel schulternd. Das Wappen wird beschrieben bei Wolfert auf Tafel 2 und den Seiten 53 und 113, ferner bei Gruber (dort ein goldener Hammer). Im Siebmacher wird die Familie unter der Schreibweise Grörod, Grünrod geführt. Nachdem die Familie um 1650 erloschen war, wurde das Wappen von den Knebel von Katzenelnbogen übernommen und mit deren Stammwappen geviert, weil Anna Maria Sidonia von Graenroth Johann Philipp Knebel von Katzenelnbogen (-21.9.1697) geheiratet hatte, wie auch schon zuvor Anna Magdalena Graenroth Johann Erhard Knebel von Katzenelnbogen geehelicht hatte.

 

Das gleiche Wappen taucht noch einmal in der Ahnenprobe heraldisch oben rechts auf. Gegenüber, heraldisch oben links ist das Wappen der von Bellersheim zu sehen, in schwarzem, mit goldenen Schindeln bestreutem Feld ein silberner Gürtel (Schwertgürtel) mit goldenen Beschlägen, auf dem Helm mit silbern-schwarzen Decken ein wachsender, silberner Einhornrumpf. Das Wappen gab es auch je nach Familienzweig mit der Farbe Rot für Feld und Einhorn. Es wird beschrieben bei Wolfert auf Tafel 86 und den Seiten 53 (dort schwarze Variante angegeben) und 218. Melchior von Graenroth war der Sohn des nassauischen Amtmanns zu Wiesbaden, Philipp von Graenroth (-1531) und dessen Frau Anna von Bellersheim (-1540).

 

Heraldisch unten rechts ist das einwärts gewendete Stammwappen der Herren von Schönborn zu sehen, in Rot auf drei silbernen Spitzen ein schreitender goldener Löwe mit blauer Krone, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken der goldene Löwe mit blauer Krone sitzend zwischen zwei rot-silbern im Spitzenschnitt geteilten Büffelhörnern. Das Wappen wird beschrieben bei Wolfert, Tafel 43, Seite 53, 80, 85, 86, 100, 102, 113, 115. Melchiors Vater, Philipp von Graenroth (-1531), war der Sohn von Melchior von Graenroth und dessen Frau Lisa (Lysa) von Schönborn, der Tochter von Giselbrecht (Gilbrecht) von Schönborn und Anna von Scharffenstein.

Das noch ausstehende letzte Wappen der Ahnenprobe unten links ist das der von Seldeneck, dreimal silbern-blau geteilt, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken ein wachsender roter, goldengehörnter Bocksrumpf (Ziegenbocksrumpf) zwischen zwei auswärts geneigten, dreimal silbern-blau geteilten Fähnlein mit einem blauen, golden beschlagenen Reichsapfel, jeweils an goldenen Lanzen. Dieses Wappen wird beschrieben bei Wolfert Tafel 6 Seite 53, abweichend in Siebmachers Wappenwerk, Band: Bad Seite: 14 Tafel: 10, dort ohne die Fähnchen und mit umgekehrter Farbabfolge im Schild. Melchiors Mutter, Anna von Bellersheim (-1540), war die Tochter von Heinrich (Henn) von Bellersheim und Ottilia von Seldeneck.

 

Detailabbildungen, links Maria und Johannes, rechts Melchior von Graenroth in kostbarer Plattenrüstung. Dieser zentrale Reliefguß vereinigt zwei Szenen. Vordergründig gehört der Ritter zur Golgatha-Szene mit dem Gekreuzigten. Doch im flacher gearbeiteten Hintergrund ist direkt hinter dem Ritter eine Auferstehungsszene zu sehen: Ein Engel hält die Deckplatte des Graben hoch, ein römischer Soldat enteilt nach links, rechts döst ein anderer. Über der Engelsfigur und jenseits des Bogens fährt der Wiederauferstandene gen Himmel, mit der Rechten auf den Gekreuzigten weisend, mit der Linken an einem Kreuzstab ein Fähnchen haltend.

Literatur, Links und Quellen:
Liste der Baudenkmäler in Aschaffenburg: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_Aschaffenburg
Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983, Seite 53
Hanne Honnens de Lichtenberg: Johan Gregor van der Schardt, Kopenhagen 1991, ISBN 87-7289-132-7
https://books.google.de/books?id=ZhuwbP0gIxcC S. 209
Stiftskirche Aschaffenburg, Schnell-Kunstführer Nr. 230, 8. Auflage 2003, Verlag Schnell & Steiner Regensburg, ISBN 3-7954-4193-5
Veröffentlichung der Innenaufnahmen mit freundlicher Erlaubnis von der Kath. Kirchenstiftung St. Peter und Alexander, 23.1.2007
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der "landeskundlichen Vierteljahresblätter"
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Richard Streiter: Gedenkplatte des Melchior von Graenroth in der Stiftskirche von Aschaffenburg, in: Blätter für Architektur und Kunsthandwerk Bd. 2, 1889, S. 6, 25
Ahnentafeln zur Familie Graenroth von Humbracht
Stiftspfarrei St. Peter und Alexander:
http://www.stiftsbasilika.de/
Stiftsbasilika:
http://www.stiftsbasilika.de/basilika/ - http://www.stiftsbasilika.de/basilika/kirchenraum
Pfarreiengemeinschaft St. Martin:
http://www.st-martin-aschaffenburg.de/index.html

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