Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 368
Aschaffenburg (Regierungsbezirk Unterfranken)

Muttergottespfarrkirche (Liebfrauenkirche)

Die Muttergottespfarrkirche, die älteste Pfarrkirche Aschaffenburgs, steht in Nord-Süd-Richtung zwischen Metzgergasse und Schloßgasse. Der Chor liegt im Süden, die wappengeschmückte Stirnseite nach Norden. Im Osten ist der Turm angebaut. Die Kirche war im Gegensatz zur Stiftskirche eine Bürgerkirche, aber sie konnte sich nie gegenüber ersterer emanzipieren. Die Muttergottespfarrkirche unterstand immer dem Stift St. Peter und Alexander, was durch ein von Papst Lucius III. gewährtes Privileg vom 21.12.1184 bestätigt wurde. Diese Kontrollfunktion übten erst der Prior des Stiftes und später das Stiftskapitel aus. Diese Abhängigkeit verhinderte, daß sich die Aschaffenburger Bürger einen eigenen Pfarrer nach ihrem Gusto für ihre Bürgerkirche wählen durften, eine fundamentale bürgerliche Freiheit, die in den meisten anderen Städten wahrgenommen werden konnte, hier jedoch nicht.

Der heute zu sehende Bau, ein Saalbau mit eingezogenem Chorraum, ist spätbarock, doch der Sakralbau hat eine wesentlich längere Geschichte. Von einem romanischen Vorgängerbau ist noch ein Tympanon mit einer Bauinschrift des Mainzer Erzbischofs Konrad von Wittelsbach aus dessen zweiter Regierungszeit zwischen 1183 und 1200 vorhanden, unterhalb des letzten Fensters auf der linken Seite zu sehen. Weiterhin existiert von der alten Kirche noch der 42 m hohe Turm mit seinem romanischen Unterbau und der gotischen Spitze. Langhaus und Chor jedoch wurden 1768-1775 unter dem Stiftskanonikus und Pfarrer Christian Stadelmann abgerissen und größer neugebaut. Weil man größer als bisher bauen wollte, wurde das neue, 46 m lange und 17 m breite Kirchenschiff um 90 Grad gedreht, weil es anders städtebaulich nicht gegangen wäre. Finanziert wurde der Neubau vom Pfarrer Christian Stadelmann und seiner Schwester Cornelia aus ihrem Privatvermögen. Die Kirche war Unserer Lieben Frau, dem hl. Joseph und dem hl. Johann Nepomuk geweiht. Der Baumeister war der aus Böhmen stammende Franz Boccorny (1719-1771), der auch mit seiner Frau in der Kirchengruft beigesetzt ist, genauso wie der Stifter Christian Stadelmann und seine beiden Schwestern Anna Maria und Maria Salome. Im Herbst 1944 erlitt die Kirche schwerste Schäden: Alle Dächer von Langhaus und Chor stürzten mitsamt den Gewölben ein, auch der Turm bekam Risse. Dadurch gingen alle barocken Deckengemälde restlos verloren; beim Wiederaufbau wurde eine völlig neue Bemalung gewählt.

Auf halber Höhe an der Fassade befindet sich das Wappen von Christian Stadelmann; es ist geviert, Feld 1 und 4: in Silber einwärts ein roter, golden bewehrter Greif, Feld 2 und 3: in Schwarz eine goldene Getreidegarbe (Korngarbe), auf dem Helm mit rechts schwarz-goldenen und links rot-silbernen Decken ein wachsender geharnischter (gerüsteter) Jüngling, in der Rechten ein goldenes, zweizipfliges Fähnchen haltend, der Helm mit drei silbernen Straußenfedern geschmückt, zwischen rechts silbern-rot und links schwarz-golden gestreiften Flug. Über allem schwebt ein Galero mit Knotenschnüren und auf jeder Seite zwei Fiocchi. Das Wappen wird bei Wolfert auf Tafel 50 Seite 82, 80, 116 beschrieben, dort jedoch ohne den Flug im Kleinod.

Die stark abgekürzte und in einem unübersichtlichen Wechsel aus Groß- und Kleinbuchstaben abgefaßte Inschrift unter dem Segmentbogengiebel über dem Nordportal bezieht sich auf die Stiftung durch Christian Stadelmann (17.2.1699-22.4.1782), zählt seine beruflichen Positionen auf und lautet: "Praesens aeDIFICIVM EPITAPHII LOCO AEre ProPrIO POSTerIS POSVIT CHRiSTiANuS STADELMAN Traject ad mosam inST C SIC V sacerD(OS) SS(anctissimae) T(heologiae) D(octor) PrOT(onotarius) APOST(olicus) Em(er)i(tus) Princ(ipis) ArchiEP(iscopi) ELeCT(oris) Mog(untinae) cons(ilius) eCCLeS(iae) ET COMM(issarius) in SPiriT(u) ASCHaff ATHenaei STuDiOrum DireCT insig ECCL(esiae) COLL(egiatae) SS(ancti) PeT(rus) & ALEX(ander) XXXX Annoru(m) CAPiTuLar(is) CAN(onicus) & PLeBanus HuIuS eCCLeSIAE B(EATAE) M(ARIAE) V(IRGINIS) OraTe PrO EO naTus 17. FeBr 1699 DenaTus 22 April 1782". Stadelmann war 52 Jahre lang Pfarrer, seit 1735 als solcher an der Muttergottespfarrkirche tätig, 40 Jahre lang Kapitularkanoniker der Stiftskirche St. Peter und Alexander, und er war Apostolischer Protonotar. Im Innern der Muttergottespfarrkirche ist im Chorbereich über dem Eingang zur Sakristei ein wappengeschmücktes Epitaph für den Stifter angebracht, dort hat der geistliche Hut je sechs Fiocchi auf jeder Seite. In der Krypta befindet sich noch eine Grabtafel für Stadelmann.

Christian Stadelmann war der Sohn des Maastrichter Kaufmanns Johannes Wynand Stadelmann und dessen Ehefrau Barbara, geborene van der Smissen, und er hatte insgesamt 9 Geschwister. Christian Stadelmanns Erbin war seine Schwester Maria Cornelia Stadelmann (-13.9.1785). Sie wandelte den Rest des Vermögens, der immer noch stolze 19700 fl. betrug, zum Teil in eine Armenstiftung um. Den anderen Teil erhielt das Kollegiatstift St. Peter und Alexander.

Ganz oben im Giebel befindet sich das Wappen des zur Bauzeit amtierenden Mainzer Fürstbischofs, Reichsfreiherr Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim (12.11.1707-11.6.1774). Er hatte zwei Bistümer inne: 1763-1774 Mainz, und 1768-1774 Worms, also ist das Wappen in der vorliegenden Form nur 1768-1774 gültig. Der Hauptschild ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein silbernes, sechsspeichiges Rad, Erzstift Mainz, Feld 2 und 3: in Schwarz ein schräg aufwärts gerichteter silberner Schlüssel, begleitet von 4:4 goldenen Schindeln, Hochstift Worms, Herzschild: in Silber ein roter Drache, das Stammwappen der von Breidbach zu Bürresheim. Als Oberwappen findet man stets den Kurhut und das gestürzte Schwert sowie den Krummstab hinter dem Schild schräggekreuzt. Als Schildhalter flankieren zwei zweibeinige, geflügelte Drachen wie im Herzschild die reichverzierte Rokokokartusche. Emmanuel Joseph von Breidbach-Bürresheim war selbst zur Grundsteinlegung der neuen Kirche am 20.9.1768 dabei. Eingeweiht wurde die Kirche nach Fertigstellung jedoch am 8.9.1775 bereits unter seinem Amtsnachfolger Friedrich Carl Joseph von Erthal.

Literatur, Links und Quellen:
Liste der Baudenkmäler in Aschaffenburg: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmäler_in_Aschaffenburg
Siebmachers Wappenbücher, insbesondere Band Bistümer
Die Wappen der Hochstifte, Bistümer und Diözesanbischöfe im Heiligen Römischen Reich 1648-1803, hrsg. von Erwin Gatz, erstellt von Clemens Brodkorb, Reinhard Heydenreuter und Heribert Staufer, Schnell & Steiner Verlag 2007, ISBN 978-3-7954-1637-9
Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Veröffentlichung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., Aschaffenburg 1983, Tafel 50 Seite 80-82, 116
Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim:
https://de.wikipedia.org/wiki/Emmerich_Joseph_von_Breidbach_zu_Bürresheim
Emanuel Leser: Emmerich Joseph, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 6, Duncker & Humblot, Leipzig 1877, S. 83-86, online:
https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Emmerich_Joseph
Anton Ph. Brück: Emmerich Joseph Freiherr von Breidbach-Bürresheim., in: Neue Deutsche Biographie, Bd. d 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 482 f., online:
http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016320/images/index.html?seite=496 - http://www.deutsche-biographie.de/pnd100121381.html
Muttergottespfarrei:
http://www.muttergottespfarrei.de/index.html - http://www.muttergottespfarrei.de/geschichte
Muttergottespfarrkirche:
https://de.wikipedia.org/wiki/Unsere_Liebe_Frau_(Aschaffenburg)
Alois Grimm: Aschaffenburger Häuserbuch, Band II: Altstadt zwischen Dalbergstraße und Schloß, hrsg. vom Geschichts- und Kunstverein e.V., Aschaffenburg, 1991, ISBN 3-87965-053-5.
Artikel "Im Schatten des berühmten Bruders" im Main-Echo
http://www.main-echo.de/regional/stadt-kreis-aschaffenburg/art4011,1344067
Dr. Christian Stadelmann:
http://oberzell.de/bwo/dcms/res/pages/news_gallery.html?f_newsitem_id=14644&f_image_id=103681
Festschrift zur 200. Weihe der Muttergottespfarrkirche 1975

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